Sonntag, 29. März 2009

Die Gefahr eines offenen Sauerstofffensters

Er ist einfach, einfach im Sinne von zurückgezogen. Das heißt er ist alleine. Alleine ist er in seiner kleinen Stube, einer Studentenstube.

Zuerst aber ist er ausgezogen, ausgezogen aus der trauten, wärmenden und schützenden Heimat. Es war für ihn eine Art zweites Verlassen des Mutterschosses. Jeder Mensch muss zweimal geboren werden. Zuerst verlässt er die zu schmal gewordene Welt der ihn austragenden Frau. Sie trägt ihn aus, trägt ihn aber nicht, denn dafür ist andere bestimmt. Doch hievon später...
Doch die zweite Geburt ist härter, weil bewusster. Mutter Heimat verlassen bedeutet aus-, wegwandern. Bande lösen, - Lebens-, Freundschaftsbande. Man zieht aus der Heimat aus, wandert ab, entfremdet. Entfremdung durch Enthaltung, denn man ist haltlos. Die letzte Umarmung lange vergangen. Der letzte Kuss verblüht. Die guten Wünsche verklungen.

Fremdsein. Haltlosigkeit. Bindungslosigkeit. Freiheit?

Er ist einfach geworden, einfach im Sinne von zurückgezogen, im Sinne von einfach alleine. Das heißt er ist und fühlt sich wirklich alleine, alleine und damit einsam, einsamst. So ganz alleine in seiner kleinen Stube, einer Studentenstube.

Geist! Geist! Ein Leben mit den Großen vergangener Zeiten. Ja, er lebt mit ihnen, er liest von ihnen, er denkt mit ihnen, fühlt irgendwie mit ihnen. Denn was bedeutet fühlen im Geiste? Es bebt der Geist, doch das Herz... Nein, dieses Organ wird nicht mehr erschüttert! Errungenschaft des Geistes! Herz, - Organ oder Wesenszentrum? Herz lenkt ab, es überschattet den Geist. Nein, natürlich nicht im Sinne von Befruchtung des Geistes. Nein, Überschattung im Sinne von Vernebelung, von Ablenkung, von Zerteiltheit, mit der zerstörenden Konsequenz des Mißerfolges, des Rückschritts, der Entkonzentrierung. Herz oder Geist, Herz oder Intellekt, so lauten die Entscheidungsoptionen. Kein „sowohl als auch“, sondern nur „entweder oder“.

Erfolgreichsein.Intelligenz. Geistesmacht. Großsein?

Er ist einfach geworden, einfach im Sinne von zurückgezogen, im Sinne von einfach alleine, aber das sehr konzentriert. Das heißt er ist und fühlt sich wirklich alleine, alleine und damit einsam, einsamst im hohen Opfer für den reinen Geist. So ganz alleine in seiner kleinen Stube, einer Studentenstube, in der aber die ganze Geisteswelt zugegen ist.

„Wir beten für dich.“ Zeilen aus einem Brief seiner frommen Mutter. Ist er nicht der größte Beter? Gott ist Geist, Spiritus purus. War er nicht auf dem Weg ganz und gar Abbild dieses Gottes zu werden. Welche Frömmigkeit konnte, könnte größer sein? Geistesklar überdenkt er die sieben Schöpfungstage des Allgeistes. Naturgesetze, Evolution, Chaos des Urknalls wurde zum Kosmos, welchen er in seiner Studierstube nachempfindet, misst, berechnet. Ja, diese Studierstube, mit all den geliebten Büchern, mit dem Geisteskondensat der Jahrtausende, sie war ihm Heiligtum, sie war ihm Tempel, der Studiertisch der Opferaltar des Geistes. Er öffnete nur des Nachts das Fenster damit neuer Sauerstoff den Raum erfüllte, um noch besser, um noch ausdauernder und intensiver geistarbeiten zu können. Nur in der Nacht wurde geöffnet, denn am Tag herrschte des Leben vor seinem Fenster. Leben lenkt ab. Leben, es verwirrte ihn immer wieder aufs neue. Konnte man dieses unbewusste, unkontrollierte, ziellose Irgendetwas überhaupt Leben nennen, war das Leben? Nein, es war trunkener Rausch, unbewusst, unintelligent, nicht rational fassbar, nicht einzuordnen. Im Grunde genommen war es die wirkliche, die eigentlich wahre Unmenschlichkeit.

Er ist einfach geworden, einfach im Sinne von zurückgezogen, im Sinne von einfach alleine, aber das sehr konzentriert. Konzentriertes Menschsein lebte und erlebte er. Das heißt er ist und fühlt sich wirklich alleine, alleine Mensch und damit einsam, einsamst Mensch im hohen Opfer für den Geist des Menschen. So ganz alleine in seiner kleinen Stube, einer Studentenstube, in der aber die ganze Geisteswelt zugegen ist. Die Geisteswelt der Menschheit und damit des menschlichen Seins. Er war wahrhaft menschlich.

Es war eines Abends, eines erquickenden Abends über seiner Geistesbücherwelt, denn anderes kam ihm ja nicht in die Stube. Das Fenster war um der Sauerstoffzufuhr willen geöffnet. Da erklang vom Hofe ein Ruf. Fremder!, rief eine Stimme. Fremder!, erklang sie noch einmal. Wem galt dieser Anruf?, fragte er sich. Wer war hier ein Fremder? Nein, er konnte nicht gemeint sein, denn fremd war die Welt, fremd die Menschen, fremd dieses Irgendwieleben da draussen vor seinem geöffneten Sauerstofffenster. Es war kein Lichtfenster, es war ein Sauerstofffenster. Licht schenkte ihm die Glühbirne, erleuchtet durch den vom Kraftwerk erzeugten, herrlichen Strom.
Wieder erklang der Ruf. Er verdross ihn sehr. Er stand auf, um das Sauerstofffenster zu schliessen.
Da stand er beim Sauerstofffenster und blickte hinunter in den Hof. Hallo, Fremder..., erklang erneut die Stimme. Das Licht war abendlich dämmernd. Angestrengt von der ungewohnten Weitsicht suchte er nach dem Störobjekt. Eine zarte, weibliche Gestalt hob sich vom geöffneten Hofraum, dieser ungewohnten Weltwirklichkeit ab. Sie lächelte ihn an. Meint ihr mich?, fragte er erstaunt hinunter. Sie bat um Verzeihung für ihr Unbenehmen, aber sie wollte nur wissen, wer ihr fleißiger Nachbar wäre, dessen Antlitz sie Tag und Nacht über den Studiertisch gebeugt sähe und den sie schon unzählige Male beobachtete. Heute hielt sie es nicht mehr aus, die Versuchung ward ihr zu groß, so dass sie eben diesem Sonderling einmal eine Ansprache gönnen wollte und damit natürlich auch sich selbst.
Versuchungen sollte man aus dem Wege gehen, ging es ihm durch den Kopf. Und weiters dachte er an die ungelesenen Seiten, an die nicht gedachten Gedanken, die ihm diese Unterredung kosteten. Es war ein Verlust, ein Verlust nicht nur für ihn, ein Verlust nicht nur für die Welt. Nein, sie, dieses Mädchen da unten war sich dessen nicht bewusst, es war auch ein Verlust für sie. Für sie.
Wollen sie nicht herunterkommen? Der Abend ist so schön, ein wahrer Frühlingsabend, geschaffen für einen Spaziergang..., rief sie ihm fragend und eine echte Antwort von ihm erwartend entgegen.
Aber... Das war doch unmöglich! Pflichtgefühl! Er war doch hier um zu studieren, er war hier um sich zu konzentrieren, um erfolgreich zu sein. Er war hier um der Menschheit zu dienen, etwas für dieselbe zu bewirken. Ein Spaziergang? Das ist doch ein Kinderstreich, eine echte Dummheit! Ich weiß nicht recht..., stotterte er hinunter. Kommen sie doch! Es tut ihnen gut und die Arbeit geht schließlich doch leichter von der Hand... Er wollte sie sich vom Hals schaffen, ein für allemal. Also gut!, einmal und dann nie wieder, dachte er sich...
Er kleidete sich in seinen Rock und ging hinunter, hinunter in den Hof. Dann stand er ihr gegenüber. Da schoss ihm das Blut in die Wangen, die seit langem wieder einmal Farbe erhielten. Sie war schön und ihre Augen strahlten licht, intelligent und geistvoll, - herzlich. Sie sagte ihm, mit einer nochmaligen Entschuldigung für ihre Dreistheit, ihren Namen, er nannte ihr den seinen. Sie sprachen miteinander, zuerst nur wenig, wie es seiner Geistnatur entsprach vom hohen Geist, von der Pficht. Dann sprachen sie mehr und es wurde ihm wärmer. Es regten sich in ihm alte Empfindungen, natürliche, berauschende, wahrhaft menschliche.

Heimat. Freundschaft. Zuneigung. Liebe. Halt. Herz!

Er ist einfach geworden, einfach im Sinne von schlicht, schlicht im Sinne von echt. Das heißt er ist und fühlt, hat Herz. Von Herz zu Herz sprechend, offen geworden sein für den Kosmos, für die Welt, für das All.

IHR Ruf in seine Fremdheit hinein, entfremdete IHN. Geist und Herz verbanden sich in Liebe und eine neue Welt, die wirkliche und wahre Welt, echtes Leben entsprang dieser zart, zärtlichen Verbindung. Geist und Herz küssten sich, wurden eins, - wurden MENSCH.

2 Kommentare:

klythaimnestra hat gesagt…

Großartiger, weiser Text! "Geist und Herz küssten sich, wurden eins, - wurden MENSCH." Fantastisch!
Das ist die Wahrheit.

wie hat sie gelechtzt, wie lange gewartet, wie lange sich gedulden müssen, Tage und Nächtelang, Wochen, Monate siechte Sie dürstend nach MEHR, nach DEM _Mehr dahin - dürstend nach neuen vorzüglichen verbalen Ergüssen Seinerseits...das ist die Wahrheit. Der Atlas sitz. Das ist die Wahrheit. Und die Welt kommt endlich ins Rollen und das immer schon köchelnde, brodelnde, Ihn durch und durch erfüllende Genielava bricht endgültig, unbremsbar hervor, alles verheerend, alles überschwemmend, vernichtend, verbrennend - letzlich einen Boden für neue, prächtig-herrliche Blüte schaffend...Das ist die Wahrheit.

Markwin von Risech hat gesagt…

Man ist gleichsam beschämt.
Versucht nur das Beste zu geben.
Spuckt heraus, wovon das Geistherz überquillt.
Nicht mehr.
Nicht weniger.
Schnell gelesen, aber man wird lange verdauen müssen.
Es lebe der Atlas!