Sonntag, 5. Oktober 2008
ER auf Anmache
ER saß in der Straßenbahn. Es war Abend und ER fuhr nach einem stressigen Arbeitspausentag nach Hause. ER fuhr mit der U-Bahn. ER nutzte immer die Öffis, denn damit konnte ER den CO2-Ausstoß verringern, die Umwelt schonen und, das war gerade für ihn so wichtig, soziale Kontakte knüpfen. Die U-Bahn blieb stehen und da stieg sie ein. ER sah sie. Sie kam vermutlich gerade von einer weiten Reise, denn sie trug einen schweren Koffer bei sich und hatte ihre Tasche umgehängt. Sie sah echt müde aus. ER spürte, dass sie schon Feuer gefangen hatte und ER ahnte, dass sie sich um jeden Preis ihm gegenüber hinsetzen wollte. ER wusste es und sie tat es. War das Suggestion, war sie überhaupt noch frei ihm gegenüber, war es weil da sonst gar kein anderer Platz mehr zur Verfügung stand. Nein -, da musste mehr in ihr vorgehen. Es war ja ER zu dem sie sich hinsetzte. Kaum war sie am Platz, strich sie sich ihr halblanges Haar zurück und wie hätte es anders sein können, sie schaute ihn an, müde und hoffnungsvoll. Nein, das war nicht das Suchen nach einem Kopfpolster, nach einem Bett für die Nacht, das war der Blick einer Frau, die nach einem echten Partner Ausschau hielt, die nach einem Mann suchte wie ER eben einer war. Sie gefiel ihm, aber ER wollte da jetzt auch nicht gleich der sein, der sich an die Erstbeste heranmacht. Mein Gott, wie schämte ER sich für die gesamte Männerwelt, die es nicht verstand den Frauen das zu geben wonach sie sich so sehr sehnten, nach einem echten, einem coolen, einem dominierenden, selbständigen Mann. ER war natürlich so einer, ganz bewusst und unüberboten.
ER schaute sie an und sie konnte einfach nicht anders als ihn auch anzuschauen. Immer wieder aber wichen ihre Blicke den seinen aus, sie war halt eben schüchtern, wusste nicht wie man solche Dinge richtig anging. Naja, es war Ehrensache, das der Mann das Gespräch eröffnet und so stellte ER sich ihr vor, fragte nach ihrem Namen, ihrer Herkunft, ihrer Mailadresse, ihrer Handynummer, er schätzte für dieses so gespielt, schüchtern zurückhaltende Girl ihre Körpermasse ab, da sie sie ihm nicht verraten wollte. Sie wollte sich damit vermutlich nur noch wertvoller vor ihm machen, Frauen sind da eben einfach anders. Sie stand auf und ging hinaus, schweigend, - sosehr hatte ER Herz berührt, doch bevor sie ganz aus der U-Bahn ausgestiegen war, drückte ER der Verwunderten und aus dem Staunen nicht mehr herauskommenden Braut noch seine Visitenkarte in die Hand, die hätte ER beinahe vergessen und versprach ihr, dass ER immer für sie da sei, wenn sie sich einsam fühle oder einfach einen ihr angemessenen Gesprächspartner suche. Dann ging die Tür zu und die U-Bahn fuhr, ohne Rücksicht auf die Liebe nehmend, davon. ER sah noch wie sie den Kopf schüttelte. Tja, sie bereute es, dass sie nicht zugegriffen hatte, dass sie ihm nicht gesagt hatte wie sehr sie einen Mann brauchte wie ER einer war. Wie sehr ER sich bereits in die tiefsten Tiefen ihres Herzens eingeprägt hatte. ER hat ihr Herz gebrochen und ER wartete auf ihren baldigen Anruf.
ER schaute sie an und sie konnte einfach nicht anders als ihn auch anzuschauen. Immer wieder aber wichen ihre Blicke den seinen aus, sie war halt eben schüchtern, wusste nicht wie man solche Dinge richtig anging. Naja, es war Ehrensache, das der Mann das Gespräch eröffnet und so stellte ER sich ihr vor, fragte nach ihrem Namen, ihrer Herkunft, ihrer Mailadresse, ihrer Handynummer, er schätzte für dieses so gespielt, schüchtern zurückhaltende Girl ihre Körpermasse ab, da sie sie ihm nicht verraten wollte. Sie wollte sich damit vermutlich nur noch wertvoller vor ihm machen, Frauen sind da eben einfach anders. Sie stand auf und ging hinaus, schweigend, - sosehr hatte ER Herz berührt, doch bevor sie ganz aus der U-Bahn ausgestiegen war, drückte ER der Verwunderten und aus dem Staunen nicht mehr herauskommenden Braut noch seine Visitenkarte in die Hand, die hätte ER beinahe vergessen und versprach ihr, dass ER immer für sie da sei, wenn sie sich einsam fühle oder einfach einen ihr angemessenen Gesprächspartner suche. Dann ging die Tür zu und die U-Bahn fuhr, ohne Rücksicht auf die Liebe nehmend, davon. ER sah noch wie sie den Kopf schüttelte. Tja, sie bereute es, dass sie nicht zugegriffen hatte, dass sie ihm nicht gesagt hatte wie sehr sie einen Mann brauchte wie ER einer war. Wie sehr ER sich bereits in die tiefsten Tiefen ihres Herzens eingeprägt hatte. ER hat ihr Herz gebrochen und ER wartete auf ihren baldigen Anruf.
ER und die lange Nacht der Museen
Normalerweise ging ER nicht in die Museen. Man sollte ihn natürlich nicht falsch verstehen. ER liebte die hohe Kultur. ER war offen für alles Schöne. ER war ein Förderer der Künste, ein wahrer Mäzen. Vor kurzem hatte ER sich im Kunstshop des Museums einige Kopien der wertvollsten Kunstwerke erstanden. Satte 60 Euro hatte er investiert, - nur für die Kunst. Und obwohl ER soviel für Kunst übrig hatte und sich mit Ästhetik die Bleibe ausschmückte, nahm er sich nicht die Zeit für die Museen und Galerien, obwohl es ihn so zu diesen hinzog. ER hatte ja immer so viel Arbeit, jagte durch die Tage, die Wochen, die Monate, die Jahre, durchs ganze Leben, denn jede Minute war kostbar unwiederbringlich verloren, würde er sie nicht einsetzen, sie nicht für die Menschheit nutzen.
Nun kam sie aber wieder, die lange Nacht der Museen. Sie war wieder da! Die Heilige Nacht der Kultur, die Heilige Nacht der Schönheit. Sollte ER dieses Jahr gehen? Sollte ER einen Abend einfach einmal verlieren? Sollte ER einen Abend lang sich einfach einmal Ruhe und Erholung gönnen und zwar auf eine darat abartig exklusive Weise? 13 Euros und eine halbe Nacht konnte man damit die größten Kulturgüter der Erde betrachten. Sollte ER wirklich gehen? ER wusste, dass ER nach dem Besuch dieser Ausstellungen keine innere Ruhe finden würde, dass das innere Gleichgewicht für mindestens eine Woche dahin sein werde. Denn immer wenn ER es mit den Künsten zu tun hatte wurde ER inspiriert, ER wurde motiviert und ER wurde gleichsam mit den schönsten Poesien, Melodien und Bildern überschüttet. ER war dann immer ganz arm und elend dran. Es gab keinen um ihn herum, der diesen Schmerz nachvollziehen und verstehen hätte können. Wie sollte ER der ja auch nur ein Mensch war, wenn eben auch ER, das alles niedersetzen, auf Papier bringen, wie sollte ER der Welt vermitteln, was ihm die höheren Geister eingaben. Es bedeutete für ihn Schmerz und Trauer, denn all dies ging ja für immer verloren. Inspiration hat nicht jeder, sondern es ist ein Göttergeschenk, - ER wusste das. Welche unglaubliche Last, welche Verantwortung, aber ER hatte doch sonst schon so viel zu tun. Sollte ER sich diese lange Nacht der Museen wirklich antun? Es wäre doch auch für die Welt wesentlich schlimmer, wenn sie von den hohen Ideen mit denen ER voll war wüsste und ER sie gerade ob der Fülle nicht vermitteln könnte. Es wäre für die Welt sicherlich besser wenn ER sich dem gar nicht aussetzen würde, denn dann wäre ja auch nicht so viel verloren, zumindest rein subjektiv verstanden versteht sich. Sie kämen damit gar nicht in das Wissen dessen, was in seiner Seele so vor sich ging und würde nicht mit ihm leiden, würden keine Traurigkeit verspüren, wenn sie die Ausführungen der Göttergedanken niemals zu Gesicht bekommen würden. Mit Tränen in den Augen saß ER vor dem Fernseher. Mit aller Gewalt und Überwindung überwand ER jegliche Versuchung. ER zwang seine Leidenschaften, seine Eigenschaften und Großartigkeiten nieder wie kein anderer, mochten sie ihn auch noch so bestürmen, ER wusste was wahre Selbstverleugnung wirklich bedeutete. Dieses Leiden wollte ER ganz alleine tragen, das Leiden des so vielseitigen Genius, des von den Göttern geliebten, der in einer Welt lebte, die ihm keinen Raum bot um zum Ausdruck zu bringen wovon sein Geist und seine Seele überquollen. ER nutzte also die Chance der langen Nacht der Museen nicht, er zelebrierte sie nicht die Heilige Nacht der Kultur. ER stierte wieder hinein in den Fernseher und schaute sich ein zweitklassiges Fussballmatch, in seinem zweitklassigen Fernsehstuhl, mit einem drittklassigen Fernsehgerät an, - ER der Mäzen, der Genius, der Verkannte, ER der einsam Leidende.
Nun kam sie aber wieder, die lange Nacht der Museen. Sie war wieder da! Die Heilige Nacht der Kultur, die Heilige Nacht der Schönheit. Sollte ER dieses Jahr gehen? Sollte ER einen Abend einfach einmal verlieren? Sollte ER einen Abend lang sich einfach einmal Ruhe und Erholung gönnen und zwar auf eine darat abartig exklusive Weise? 13 Euros und eine halbe Nacht konnte man damit die größten Kulturgüter der Erde betrachten. Sollte ER wirklich gehen? ER wusste, dass ER nach dem Besuch dieser Ausstellungen keine innere Ruhe finden würde, dass das innere Gleichgewicht für mindestens eine Woche dahin sein werde. Denn immer wenn ER es mit den Künsten zu tun hatte wurde ER inspiriert, ER wurde motiviert und ER wurde gleichsam mit den schönsten Poesien, Melodien und Bildern überschüttet. ER war dann immer ganz arm und elend dran. Es gab keinen um ihn herum, der diesen Schmerz nachvollziehen und verstehen hätte können. Wie sollte ER der ja auch nur ein Mensch war, wenn eben auch ER, das alles niedersetzen, auf Papier bringen, wie sollte ER der Welt vermitteln, was ihm die höheren Geister eingaben. Es bedeutete für ihn Schmerz und Trauer, denn all dies ging ja für immer verloren. Inspiration hat nicht jeder, sondern es ist ein Göttergeschenk, - ER wusste das. Welche unglaubliche Last, welche Verantwortung, aber ER hatte doch sonst schon so viel zu tun. Sollte ER sich diese lange Nacht der Museen wirklich antun? Es wäre doch auch für die Welt wesentlich schlimmer, wenn sie von den hohen Ideen mit denen ER voll war wüsste und ER sie gerade ob der Fülle nicht vermitteln könnte. Es wäre für die Welt sicherlich besser wenn ER sich dem gar nicht aussetzen würde, denn dann wäre ja auch nicht so viel verloren, zumindest rein subjektiv verstanden versteht sich. Sie kämen damit gar nicht in das Wissen dessen, was in seiner Seele so vor sich ging und würde nicht mit ihm leiden, würden keine Traurigkeit verspüren, wenn sie die Ausführungen der Göttergedanken niemals zu Gesicht bekommen würden. Mit Tränen in den Augen saß ER vor dem Fernseher. Mit aller Gewalt und Überwindung überwand ER jegliche Versuchung. ER zwang seine Leidenschaften, seine Eigenschaften und Großartigkeiten nieder wie kein anderer, mochten sie ihn auch noch so bestürmen, ER wusste was wahre Selbstverleugnung wirklich bedeutete. Dieses Leiden wollte ER ganz alleine tragen, das Leiden des so vielseitigen Genius, des von den Göttern geliebten, der in einer Welt lebte, die ihm keinen Raum bot um zum Ausdruck zu bringen wovon sein Geist und seine Seele überquollen. ER nutzte also die Chance der langen Nacht der Museen nicht, er zelebrierte sie nicht die Heilige Nacht der Kultur. ER stierte wieder hinein in den Fernseher und schaute sich ein zweitklassiges Fussballmatch, in seinem zweitklassigen Fernsehstuhl, mit einem drittklassigen Fernsehgerät an, - ER der Mäzen, der Genius, der Verkannte, ER der einsam Leidende.
Freitag, 3. Oktober 2008
ER wird eskortiert
Kleine Kreaturen! Halbe Menschen! Gnome! Sie alle stehen draußen auf der Straße und blicken ihm großäugig nach. Tja, ER sitzt tatsächlich in einem schicken Omnibus. Hinten versteht sich, also dort wo ER alles überblickt, alles unter Kontrolle hat, alles überwacht. ER schaut auch hie und da hinaus, aber den Menschen nicht in die Augen, denn Gewöhnlichkeit ist schließlich ansteckend. Wieder braust das Polizeimotorrad an ihm mit gewaltigem Gehäul vorbei. Niedlich wie sich diese Polizisten freuen, für ihn und die mit ihm fahrenden den Verkehr aufzuhalten, damit sie freie Fahrt durch die Hauptstadt hätten. Ja, ER wurde eskoriert und obwohl es das erste Mal war, hat ER sich bereits daran gewöhnt. Eigentlich sollte es immer so sein! ER war wichtig und deswegen auch alle die mit ihm in diesem Bus saßen. Zwei Polizeimotorräder, ein Polizeiauto vorne, ein weiteres dahinter, eine Limousine mit Blaulicht und dazwischen eben der Omnibus indem ER saß. Obwohl die Hauptstadt von Kulturreichtümer und Touristenattraktionen überquoll, aber heute, heute da ER in diesem Bus sitzt und von der Polizei eskortiert wird, da ist ER im Omnibus die Attraktion. Alle gaffen ihnen nach, alle kriegen ihr Unterkiefer kaum mehr hoch. Sie würden wohl annehmen, dass hier bessere, intelligentere, mächtigere und größere Menschen herumkutschiert werden, die sich eben von jeglicher Gewöhnlichkeit absetzten. Sie hatten recht! Ja, diesesmal hatte wirklich das gewöhnliche Volk auch mal recht, wenn es so dachte.
Mit einer rasenden Geschwindigkeit überschauten sie die Stadt, als elitärer Mensch, darf man sich nicht einmal zu lange mit den Schönheiten eines Landes abgeben. ER hatte eine Sendung zu erfüllen, da gab es kein banales, wenn vielleicht auch mal erholsames Innehalten. Sie schossen also hoch zum Präsidentenpalast. ER sollte vom Präsidenten empfangen werden, nicht vom Präsidenten des Gartenbauvereins, des Fußballclubs oder sonst irgendetwas, nein vom Staatspräsidenten. ER gehörte ja jetzt so zu sagen zu den World LeadERs. ER hatte eine enorme Verantwortung, eine gewaltige Bürde zu tragen. Ohne irgendwelche Kontrollen wurden sie in den Empfangsraum des Präsidenten geführt, sie standen wirklich einfach über allem und allen. Der Präsident wartete auf sie, er hielt seine Ansprache und er freute sich, wie er selbst sagte, einen jeden einzelnen im Anschluss zu begrüßen. ER wartete, als ER aber sah, dass der Präsident in seine Richtung kam zog ER sich zurück. Nein, irgendwie wollte ER ihn doch nicht grüßen. ER war nicht in der Stimmung ihm die Hand zu reichen, denn irgendwie war ER vom Präsidenten enttäuscht. ER hatte sich mehr von einem Leader erhofft, mehr erwartet. ER hätte es mit Sicherheit besser gekonnt. Nein, mit einem solchen Präsidenten hatte ER wirklich nichts gemein. ER verdankte die Stimme dem Volk, vielleicht noch einem geschmierten Parlament. ER war von Natur aus so. ER wurde so geboren. ER war ein Berufener. Irgendwann wird ER ein Großer sein. Nein, er wollte nicht, dass man die Knie vor ihm beugt, aber innerlich sollten alle vor ihm zerschmelzen, denn ER war eben ER, unvergleich und einzigartig! ER war LeadER!
Mit einer rasenden Geschwindigkeit überschauten sie die Stadt, als elitärer Mensch, darf man sich nicht einmal zu lange mit den Schönheiten eines Landes abgeben. ER hatte eine Sendung zu erfüllen, da gab es kein banales, wenn vielleicht auch mal erholsames Innehalten. Sie schossen also hoch zum Präsidentenpalast. ER sollte vom Präsidenten empfangen werden, nicht vom Präsidenten des Gartenbauvereins, des Fußballclubs oder sonst irgendetwas, nein vom Staatspräsidenten. ER gehörte ja jetzt so zu sagen zu den World LeadERs. ER hatte eine enorme Verantwortung, eine gewaltige Bürde zu tragen. Ohne irgendwelche Kontrollen wurden sie in den Empfangsraum des Präsidenten geführt, sie standen wirklich einfach über allem und allen. Der Präsident wartete auf sie, er hielt seine Ansprache und er freute sich, wie er selbst sagte, einen jeden einzelnen im Anschluss zu begrüßen. ER wartete, als ER aber sah, dass der Präsident in seine Richtung kam zog ER sich zurück. Nein, irgendwie wollte ER ihn doch nicht grüßen. ER war nicht in der Stimmung ihm die Hand zu reichen, denn irgendwie war ER vom Präsidenten enttäuscht. ER hatte sich mehr von einem Leader erhofft, mehr erwartet. ER hätte es mit Sicherheit besser gekonnt. Nein, mit einem solchen Präsidenten hatte ER wirklich nichts gemein. ER verdankte die Stimme dem Volk, vielleicht noch einem geschmierten Parlament. ER war von Natur aus so. ER wurde so geboren. ER war ein Berufener. Irgendwann wird ER ein Großer sein. Nein, er wollte nicht, dass man die Knie vor ihm beugt, aber innerlich sollten alle vor ihm zerschmelzen, denn ER war eben ER, unvergleich und einzigartig! ER war LeadER!
Donnerstag, 2. Oktober 2008
Thiuhada - Sage: Buch I - Nahtouga
Es war Nacht geworden. Hadamar und Chadeloch hatten sich nach dem eintägigen Ritt ein Nachtlager hergerichtet. Es war ein wunderschöner Reisetag gewesen. Der klare Himmel und die frühsommerliche Wärme, die hohen Alpengipfel beständig zur Rechten und dann die dichten Wälder, die durch die vielen Lichtungen an Schwere und Unbehaglichkeit verloren. Die Wege waren sehr gut in Stand gehalten, da sie den Römern als Heer- und Handelsstraßen dienten. Das hügelige Land war von besonderem Reiz und der Beginn der Reise war einer Urlaubsfahrt gleich. Beide Chadeloch und Hadamar sangen oder pfiffen ihre Lieder, machten des öfteren auch ein Päuschen, man sprach, man scherzte miteinander - kurz sie fühlten sich unglaublich wohl und frei.
Nun da der Tag beinahe vergangen war, ließen sie sich an einem, durch den Wald geschützten, kleinen See nieder. Sie legten ihre Matten aus, entfachten ein Feuer, aßen und tranken. Im Anschluß an das Mahl hielten sie noch die heißen Füße in das erfrischende Naß des Sees und legten sich darauf gut erholt zur Ruhe. Wache brauchte es keine, denn man fühlte sich rundum sicher und so schliefen auch beide rasch nacheinander ein.
Kurz nach Mitternacht schreckten beide aus dem Schlaf auf und beide blickten sich verstört an.
“Was ist denn mit dir los?” fragte Hadamar erregt seinen Freund.
“Was frägst du mich? Schau lieber dich selber an. Was ist denn mit dir los?”
“Oh, eigentlich nichts”, versuchte Hadamar erfolglos seinen Schrecken vor dem anderen zu verbergen.
“Na sag’s schon. Du hast einen schrecklichen Traum gehabt - nicht wahr?”
“Ja, in der Tat, das hatte ich?” antwortete Hadamar seinem Freund stockend.
“Na mach’ dir da mal nichts draus. Auch ich hatte etwas in die Richtung.” aber auch Chadeloch gelang es nicht seinen Schrecken wegzuspielen, denn seine Haare waren noch zerzaust, seine Augen waren vom Schrecken noch weit aufgerissen und blickten nervös um sich herum.
“Was sahst du denn in deinem Traum, Hadamar?”
“Von fernem”, begann dieser mit der Schilderung seines Traumes, “sah ich einen schwarz gekleideten Mann auf einem Rappen. Er war von etwa zehn Männern - ich hatte sie nicht gezählt - die allesamt schwer bewaffnet waren, begleitet. Beim Fenriswolf, ich könnte schwören, daß es Odwin gewesen war! Plötzlich hörte ich Lucias Stimme und die rief: ‘Hadamar flieht! Flieht, sie wollen euch wegen dem Schwert töten! Flieht solange als möglich den Bergen entlang nach Osten, dann erst zieht nach Norden!
Ich bin gewaltig erschrocken und dann wurde ich wach. Was aber hatte es dir geträumt Chadeloch?”
“Auch ich hatte einen Traum - was ich ja bereits angedeutet hatte. Ich sah einen Wald. Vögel flogen, eine Gefahr fliehend mit lautem Gekreische davon. Dann sah ich meinen Vater, der mit einem in schwarz gehüllten Mann sprach. Ich konnte leider das Gesicht des Letzteren nicht sehen, aber mein allzeit verständiges Herz sagte mir, daß dies Odwin der Zauberer sei. Dann sah ich eine Gruppe von schwer bewaffneten Männer hoch zu Roß. Sie trafen mit dem Mann in Schwarz zusammen und dieser war der Anführer der Gruppe. Dann hörte ich einen der Männer lachend sagen: ‘Die Hasenjagd hat begonnen, Freunde! Laßt uns die Karnickel töten und mit dem Schwert des einen zurückreiten. Das wird ein Kinderspiel, Kameraden!’”
Chadeloch beendete die Schilderung seines Traumes mit einem Seufzer. Nach einigen Augenblicken der Stille sagte Hadamar:
“Wir haben beide dasselbe geträumt, Chadeloch; ein und dasselbe.”
“Wenn du dasselbe glaubst wie ich, dann werden wir demnächst Gäste erwarten und unter ihnen einen alten Freund bei uns willkommen heißen dürfen. Wie lieb von ihm, daß er noch ein paar seiner Bekannten mitbringt, um sie uns vorzustellen. Der erste Höhepunkt der Reise wird nicht von uns aufgesucht, sondern er kommt von selbst zu uns. Odwin hat den einen großen Reisevorteil, daß er keinen zu fragen braucht wo wir sind, denn er weiß es von selbst. Wauw, wir sitzen ziemlich tief in der Klemme! Sag schon Hada, was hältst du von der ganzen Sache?”
“Ich bin vollkommen davon überzeugt, daß Odwin, unser aller Freund, der alle liebt - die seine Überzeugung teilen - uns auf den Fersen ist und uns auf unserer Reise, für kurze Zeit, Gesellschaft leisten möchte. Freundlichkeit das ist so seine ganz große Spezialität, das mußt du doch wissen. Auch wenn nur einer von uns das geträumt hätte, müßten wir der Traumbotschaft Glauben schenken. Wir träumten es beide, das heißt, daß es absolut sicher ist, daß wir von Odwin verfolgt werden und, daß er Hinageban zu deinem Vater zurückbringen soll.”
“Wann denkst du, haben diese Ratten die Verfolgung aufgenommen?”
“Ich bin mir ziemlich sicher, daß sie erst diese Nacht die Verfolgung aufgenommen haben. Denn erst heute Abend kehrten meine Eltern wieder von Brigantium heim und erst heute Abend konnten sie mit Sicherheit wissen, daß wir nicht zurückkommen. Das würde heißen, daß wir einen ganzen Tag Vorsprung haben, vielleicht sogar ein wenig mehr. Odwin kennt aber viele Schleichwege und Abkürzungen, was den Vorsprung auf einen Tag oder noch weniger schrumpfen läßt. Zudem kommt, daß er sehen kann wo wir sind und was wir tun. Wenn man das verhindern könnte, so hätten wir die Möglichkeit das Zusammentreffen zu verzögern, vielleicht sogar zu verhindern.”
“Odwin schaut die Zukunft, die Gegenwart und die Vergangenheit in Bächen und Flüssen.”
“Wir können die Quellen nicht einfach so abstellen, das wirst du wohl einsehen.”
“Nein, das können wir nicht, o erhabener Krieger, aber wir könnten jeweils zur Nacht reiten und uns am Tag an einem Ort aufhalten, der tausend anderen Orten ähnelt. Es würde ihm schwerfallen festzustellen wohin wir reiten, denn er könnte nur Schatten und Finsternis erkennen und wenn wir den Bergen entlang reiten, so hüllen uns diese in noch größeres Dunkel durch die Schatten die sie werfen.”
“Ich merke das in dir doch das zu finden ist, was ich so lange bei dir suchte.”
“Und könntest du mir gütiger Weise sagen was das ist?”
“Hirn.”
Chadeloch schlug Hadamar mit der Faust auf die Schulter und dieser begann trotz der düsteren Umstände herzhaft zu lachen und auch Chadeloch konnte sich das Lachen nicht verkneifen. Nachdem sie sich wieder gefangen hatten, sagte Hadamar:
“Gut, aber binnen spätestens zwei Tagen werden sie uns eingeholt haben. Denn die Nächte sind kürzer als die Tage und in der Nacht kann man nicht in gestrecktem Galopp reiten, schon gar nicht in den Bergen.”
“Dennoch, wir haben beide gute Pferde und wir sind auch keine Gruppe von über zehn Reitern. Hier können wir punkten.”
“Gut wir folgen deinem ausnahmsweise wirklich intelligenten Plan”, dafür bekam Hadamar neuerlich einen Rempler “und während der Tage können wir uns die weiteren Schritte überlegen.”
“Also, laß uns keine Zeit verlieren und aufbrechen.”
So sattelten sie die Pferde, packten alle Habe zusammen, löschten das Feuer, schwangen sich auf die Pferde und ritten so schnell als es Nacht und Straßen zuließen davon.
Zweimal flüchteten sie sich in das Dickicht des Waldes, denn sie vermeinten Stimmen und das Geklapper von Pferdehufen zu vernehmen, doch es waren weder Pferde noch Reiter zu sehen. Ihr erklärtes Ziel war es möglichst niemandem zu begegnen, damit Odwin keine ‘Boten’ entgegenreiten können. Als es zu dämmern begann erreichten sie ein kleines Dorf. Es lag Im Tal zwischen den hochragenden Alpenbergen im Süden und dem gegen Norden beginnenden Mittelgebirge. Es schmiegte sich an den Fuß eines hochragenden Alpenberges und bildete mit seinen kleinen Häuschen aus Holz, in deren Gärtchen überall die Blumen blühten, einen herrlichen Kontrast zum Felsengiganten hinter ihm. Am Dorfeingang befand sich ein großer Steinbruch an dem ein marmorartiger Stein abgebaut wurde. Obwohl das Dorf noch zu schlafen schien, kamen ihnen ein Zug von Sklaven und Einheimischen entgegen. Es waren Bergleute, die sich zum Steinbruch aufmachten. Hadamar und Chadeloch ritten auf die Gruppe zu. Ein etwas untersetzter Mann, mit einem vom Bier üppig geformten Bauch, führte den Trupp von Männern an. Als sie ihn erreicht hatten fragte Hadamar wo sie sich denn befänden. Der Mann antwortete:
“In Vlis.”
Dann erkundigten sich die beiden nach einer Herberge und der Bergarbeiter erklärte ihnen den Weg zu derselben. Man verabschiedete sich voneinander und die beiden Lenzer ritten in das Dorf hinein und fanden auf Anhieb die Herberge. Noch war alles ruhig. Sie stiegen von den Pferden und pochten mit dem schweren Eisenring, der in den Nüstern eines aus dem selben Material gefertigten Pferdekopfes war, an die Tür. Nach einer Weile hörte man Schritte, ein Mann schob das kleine Schiebetürchen des Guckfensters des Tores zurück und fragte mit noch verschlafener Stimme was die beiden in dieser Herrgottsfrühe denn von ihm wollten. Sie antworteten, daß sie die ganze Nacht geritten wären und dazu noch den ganzen gestrigen Tag und, daß sie sich und den Pferden Ruhe gönnen wollen. Da schloß der Mann hinter dem Tor wieder das kleine Guckfenster und schob dann den schweren Riegel des Tores zurück und öffnete es ihnen. Hadamar und Chadeloch führten die Tiere in die dafür vorgesehenen Pferche und nahmen alle Dinge, auch die Sättel mit in das Zimmer. Es schien ihnen besser übertrieben vorsichtig zu sein, als durch Unachtsamkeit etwas von ihren Gepäck zu verlieren. Bevor sie das Zimmer, das man ihnen zuwies bezogen, vergewisserten sie sich, ob es auch eines wie tausend anderer Zimmer sei. Als sie es aufmerksam gemustert hatten stand Zufriedenheit in ihren Zügen und sie bezogen es. Man brachte ihnen daraufhin ein Mahl - einfach aber nahrhaft - und die beiden griffen herzhaft zu. Nachdem sie das Essen beendet hatten fiel eine zufriedene Müdigkeit der Sättigung über sie und sie fielen in einen leichten Schlaf.
Es klopfte an der Tür oder besser gesagt es war ein hartes Pochen, daß die beiden Freunde aus dem Schlaf riß. Sie öffneten die Augen und die Sonne schien grell durch die Fenster. Beide rieben sich den Schlaf aus den Augen und Chadeloch fragte vom Bett aus, wer denn draußen vor der Tür stände.
“Öffnet die Tür!” erscholl es von draußen.
“Wer ist es?” schrie Chadeloch mit Wut über den draußen Stehenden, der ihn aus dem Schlaf riß und der keine Antwort auf seine Frage gab.
“Öffnet die Tür oder wir kommen so hinein!”
Beide spürten, daß die Situation ernst werden könnte. Sie sprangen aus den Federn. Hadamar griff nach Hinageban und zog das mächtige Schwert aus der Scheide, das gleiche tat auch Chadeloch mit Risobidwingar. Sie standen Seite an Seite blickten sich kurz an, als die Tür eingeschlagen wurde. Holzsplitter schossen durch die Luft und bedeckten den Zimmerboden und fünf mit Schwertern bewaffnete Männer stampften durch das, was einmal eine Tür gewesen ist.
“Wer seid ihr und was wollt ihr?” fragte Hadamar mit einer betonten Ruhe. “Seid ihr etwa Gefolgsleute Odwins des Hellsehers?”
“Nein!” antwortete der Anführer der siegessicheren Angreifer mit der Verachtung eines Siegers gegenüber seinem Opfer. Es war ein alter Kerl mit Narben im Gesicht, dazu kam die leicht schräg stehende Nase die wahrscheinlich bei einer Prügelei gebrochen sein mußte und die nicht mehr den geraden Weg fand als sie von neuem zusammenwuchs. Dazu kam die Geruchskulisse von Schweiß, der sich durch die nicht gerade reinlichen Kerle, im Zimmer auszubreiten begann.
“Was für Gesindel seid ihr denn!” schrie Chadeloch, der vor Wut über diese Männer kochte und mittels derselben die Portion Angst die in ihm aufstieg zu überwinden vermochte.
“Da es ohnehin das Letzte ist, was in eurem so bedauerlich kurzen Leben, an euer Ohr dringen wird - mit Ausnahme der Schmerzensschreie wenn wir euch zerstückeln - werde ich es euch sagen.” sprach der Anführer in erhabener Überlegenheit. “Wir sind Männer des Zauberers und Wahrsagers Nahtouga, der im Wald beim See seine Bleibe hat. Nahtouga ist ein treuer Freund Odwins, ja man könnte sogar sagen er sei mit seinen Kräften die andere Hälfte ein und derselben Macht, die auch in Odwin zugegen ist. Oder anders Odwin ergänzt mit seiner Hälfte die Macht Nahtougas und umgekehrt.”
Dann brach er abrupt ab, setzte die Maske des auskunftgebenden Mannes ab und legte die des erbitterten Kriegers von neuem an und donnerte:
“Genug geplaudert! Jetzt ran an die Arbeit, Männer!”
Mit dem Aufruf drangen die Angreifer auf die beiden Lenzer ein. Strategie gab es bei diesem Angriff keine, sondern man schlug einfach drauf los. Zwei von ihnen bearbeiteten mit ihren Schwertern Chadeloch und drei Hadamar. Bevor die drei Hadamar erreichten küßte er eilig den Ring Lucias und stürzte sich dann in den Kampf. Erst im Streit entwickelten die beiden Schwerter, als auch die die sie führten, ihre ganze Kraft. Funken sprühten, Metall schlug aufeinander und die Schläge waren in der ganzen Herberge zu vernehmen. Die Männer Nahtougas bildeten einen Kreis um die beiden Verteidiger und hieben auf diese ein. Doch da, ein Schrei, dann ein zweiter und zwei Männer fielen zu Boden. Der eine mit einem Schnitt durch den Hals, der andere mit einer klaffenden Wunde im Bauch. Als die anderen ihre gefallenen Gefährten sahen gerieten sie in eine wahre Kampfekstase schrieen und schlugen, stachen und fluchten. Sie wurden Männer die nurmehr handelten, aber nicht mehr verstanden ihren Kopf zu benutzen. Chadeloch und Hadamar standen Rücken an Rücken wehrten die Schläge und Stiche ab und warteten auf den günstigen Moment, an dem der Feind auf seine Deckung vergaß. Das Schwert eines Angreifers pfiff knapp an Chadelochs Brust vorbei. Der Mann konnte die Wucht seines Fehlschlages nicht sogleich abfangen und schon setzte Risobidwingar seinem Leben ein Ende. Die beiden die Hadamar angriffen sahen ihren Freund tot zu Boden sinken und schlugen auf Hadamar ein. Dieser sprang zur Seite, so daß beide Schwerter sich im Holzboden verfingen, doch bevor sie dort stecken blieben trennte Hinageban das Haupt des einen Mannes vom Leib und fügte dem letzten einen tödlichen Schnitt über Hals und Brust zu. Die beiden Männer fielen entseelt auf den Boden und es herrschte Totenstille im Zimmer. Beiden Lenzern rann der Schweiß über die Stirn und sie atmeten heftig, so wie nach einem gewaltigen Wettlauf.
“Wauw, Hada! Das war unser Jungfernkampf und er wurde zu einem vollen Sieg! Zwei gegen fünf, ein herrlicher Triumph! Man wird davon über Generationen hinweg am Lagerfeuer berichten und die Kinder werden staunen über die Helden die dies vollbracht hatten!”
“Chade bitte! Warte mit deinem Enthusiasmus bis wir wieder zu Hause sind, denn es sind noch einige andere Kämpfe durchzustehen.”
“Rühme was es zu rühmen gilt! Eine alte Weisheit! Vielleicht haben wir nie mehr Gelegenheit einen solchen Sieg zu erringen. Deshalb gilt es:
Chadeloch war sichtbar enttäuscht von der Nüchternheit seines Freundes, es schien ihm, als ob Hadamar gar nicht das Großartige des Augenblicks zu sehen vermag. Doch sein Grübeln wurde von Hadamar unterbrochen, der vorschlug:
“Ich denke wir machen uns sofort wieder auf den Weg, egal was Odwin auch mitbekommen mag. Wir dürfen hier keine Zeit mehr vergeuden und ich bin mir sicher, daß uns der Wirt, nach diesem Vorfall, forthaben möchte und zudem müssen wir uns jetzt auch noch vor römischen Ordnungsorganen in Acht nehmen. Doch bevor wir den Ort hier wirklich verlassen, denke ich, daß wir noch dem einen Besuch abstatten sollten, der für diese Willkommensfeier verantwortlich ist. Einverstanden?”
“Natürlich. Er hieß uns ja so herzlich willkommen, daß wir gar nicht anders können als hinzugehen und uns für alles aufrichtig zu bedanken. Zudem glaube ich, daß sein Name sein Wesen verrät. Denn wenn er tatsächlich ein Nachtauge ist, so müssen wir, um sicher weiterreisen zu können, ihn ausschalten.”
Die beiden packten so schnell wie möglich ihre Sachen zusammen, gingen in den Stall und beluden die Pferde, hinterlegten Geld für den Herbergsbesitzer und ritten so schnell als nur möglich davon.
Es dauerte nicht sehr lange, da erreichten sie auch schon den See, von dem der Anführer der Söldner gesprochen hatte. Nach einiger Zeit des Suchens fanden sie einen schmalen Weg der um den See herumzuführen schien. Sie ließen die Pferde zurück und gingen zu Fuß weiter.
“Was für eine Schande, den Göttern sei Dank, daß uns keiner Sehen kann. Ein Kämpfer der ein Pferd besitzt und zu Fuß geht! Wie tief müssen wir noch fallen, Hada!”
“Sei still und lauf weiter!”
Nach etwa dreihundert Fuß erblickten sie ein Haus und daneben einen, durch einen Vé begrenzten, Hain. Alles war still. Sie huschten Deckung suchend von Baum zu Baum und schlichen sich so an das Haus heran. Es war immer noch alles ganz still. Es schien niemand im Haus zu sein. Sie blickten durch die Fenster, doch sie sahen nichts, alles war finster. Chadeloch ging hinter das Haus und suchte dort nach Hinweisen über den Bewohner, fand aber nichts.
Hadamar hingegen ging zur Tür, die nur angelehnt war. Er zog sein Schwert und stieß die Türe mit seinem Fuß auf. Dann betrat er das Haus. Es war düster, nur matt und gebrochen drang das Licht durch die schmutzigen Fenster. Da ein Tisch, dort ein Stapel mit Rollen, vermutlich voll mit Zauberei, Geheimwissen und Beschwörungsformeln, vielleicht fand sich darunter auch etwas über Thiu. In der Ecke stand ein Herd aus einfachen Flusssteinen gebaut und direkt im Anschluß der Ofen, der dem Haus im Winter Wärme spendete. Daneben die Schalfstatt und auf einem Schemel daneben ein vergilbter Schädel. Hadamar fröstelte, es war ihm als wäre es hier eisige Winterszeit. Es lag ein böser Zauber über dem Ort und er spürte wie er mächtiger und mächtiger wurde und irgendwie Gewalt über ihn auszuüben begann. Dennoch er wollte diesen Ort nicht einfach so verlassen, vor allem nicht, wenn er hier finden könnte, nach was er zu suchen hatte. So schritt er zum Tisch, fand daneben einen Lederbeutel mit Kräutern und Wurzeln. Er schüttete alles aus und füllte dann denselben mit den Schriftrollen. Dann ging er zur Tür, schaute noch einmal zurück in den großen düsteren Raum und schritt rückwärts zur Tür hinaus.
Er wollte sie gerade hinter sich zuziehen, da zerspaltete ein Speer, mit einem lauten Krach, den Balken des Türstocks links von ihm. Hadamar schreckte zusammen und wußte noch nicht wie ihm geschah, als er einen Schrei hörte, der ihm durch Mark und Bein ging. Mit dem Schwert in der Hand drehte er sich schlagartig um. Da lag ein Mann von einem Speer durchbohrt einige Schritte hinter ihm am Boden. Es war der Speer Chadelochs, den er zur Sicherheit mitgenommen hatte.
Als Chadeloch von seinem Gang hinter das Haus zurückkam, sah er, wie der jetzt Tote einen Speer auf Hadamar abschoß. Der Speer hatte die Hand noch kaum verlassen, als seiner ihm treffsicher die Brust durchbohrte. Chadeloch war schon damit beschäftig seinen Speer wieder an sich zu nehmen, als Hadamar der Schleier des Schreckens verließ.
“Wer ist er?” fragte Hadamar.
“Er gibt keine Antwort mehr, aber von seiner hinterhältigen Methode aus zu schließen, könnte er zu den Angestellten unseres Freundes gehören.”
“Ich stehe in deiner Schuld.”
“Mach dir nichts draus, du bekommst sicher Gelegenheit dieselbe zu begleichen. Übirgens...“ Chadeloch warf seinen Blick auf den Beutel mit Schriftrollen, “was hast du da erbeutet?”
“Vielleicht finden wir Brauchbares darin, vielleicht etwas, das uns auf unserer Suche nach Thiu, weiterhelfen könnte. Im übrigen glaube ich, daß sie voll sind mit Zauberei, mit Magie und so weiter.”
“Nur wird dir keine Zeit bleiben, den richtigen Zauber zu finden, der sechs Männer abzuwehren vermag! Laß den Beutel es gibt jetzt wichtigeres zu tun!”
Sechs Männer traten aus dem Wald. Der Anführer war ein in einen schwarzen Kapuzenumhang gehüllter Mann, der seine Rechte auf den knorrigen Ast einer Eiche stützte. Die beiden Freunde mußten sogleich an Odwin denken, doch dieser Mann hatte schon graues Haar. An seiner Seite hing ein langes schmales Schwert. Es war Nahtouga. Mit einer Stimme, die Mark und Bein durchschauern ließ, drohte er ruhig, aber mächtig:
“Gib zurück, Verfluchter, was du gestohlen! Schwert und Rollen! Du hast noch Leben in dir, doch bald wird es erloschen sein. Der Tod grüßt dich, reich ihm die Hand und laß dich von ihm führen, an den Ort der für dich bestimmt. Männer, schickt ihn zur Hel und wenn nötig auch den andern!”
Hadamar wußte nun warum plötzlicher eisiger Schauer ihn im Haus überkommen hatte, denn der Zauberer hatte sich dem Haus genähert. Hätte er doch nur auf seine innere Stimme gehört. Nun mußte er seinen Ungehorsam ihr gegenüber wieder ausbaden indem er mit dem Schwert zu kämpfen hatte. Doch es blieb nicht viel Zeit zum ärgern und zum überlegen. Was jetzt zählte war nicht der Gedanke, allein die Tat konnte sie in diesem Augenblick am Leben erhalten.
Somit zerrte er den Speer, der ihn hätte treffen sollen, aus dem Türstock. Dann schleuderte er ihn dem Zauberer entgegen. Der Speer fand sein Ziel, noch bevor dieses überhaupt zu einer Reaktion fähig war, und bohrte sich durch den Bauch desselben. Auch Chadeloch schoß mit seinem Speer und traf gleichfalls sein Opfer. Dann schrie Hadamar:
“Furi Thiu!”
Chadeloch stimmte in den Schlachtruf ein und beide stürmten auf die Männer los. Hadamar schwang Hinageban und die Klinge desselben zerspaltete den Schild, der den Schlag abzuwehren versuchte. Hadamar holte nocheinmal aus und das Schwert spaltete den Helm und das Haupt des angreifenden Mannes. Der Freund des Toten rannte schreiend eine Axt schwingend auf Hadamar zu. Die Axt pfiff an seinem linken Arm vorbei und versetzte dem Oberarm einen Schnitt. Hadamar nahm Hinageban und zerschnitt den Stiel der Axt und bohrte seinem Gegner das Schwert in die Brust. Dieser fiel rücklings über den am Boden liegenden Leib des Zauberers und lag blutüberströmt am Boden. Hadamar blickte um sich und sah wie die beiden verbliebenen Männer Chadeloch in eine Ecke getrieben hatten und dieser sich nur mit Mühe noch verteidigen konnte. Hadamar nahm den Speer Chadelochs, der noch im Leib des von ihm durchbohrten Mannes steckte und schoß ihn in den Rücken von einem der Angreifer. Chadeloch nutzte den Moment des Schreckens und der Verwirrung des anderen und Risobidwingar teilte das Herz des Söldners, der zu Boden sank und starb. Es war gerade einen Moment still geworden, als der Zauberer mit dem Speer im Bauch, aufstand um mit seinem Schwert Hadamar zu durchbohren. Hadamar fuhr um sich, dem Geräusch der Bewegung entgegen und schleuderte Hinageban dem Zauberer entgegen. Das Schwert spaltete das Brustbein und beendete so dessen Leben. Bevor er starb gurgelte er noch den letzten Fluch hervor.
Nun war es wirklich still geworden. Die Gefährten blickten sich abgekämpft an.
“Wir sind quitt!” rief Hadamar Chadeloch zu.
“Stimmt!” entgegnete dieser.
“Du blutest Hada. Laß mich mal schauen.” sagte Chadeloch als er neben Hadamar stand. Er untersuchte die Wunde und stellte fest:
“Du hattest ein riesen Glück! Es ist nur ein kleiner und nicht sehr tiefer Schnitt.”
Chadeloch nahm ein Stück Tuch aus seiner Tasche und verband die Wunde seines Freundes.
“Chade, ist das nicht das Tuch einer Frau. Ein Seidentuch, uuh!” stellte Hadamar amüsiert fest.
“Ja,” antwortete Chadeloch die peinliche Beobachtung überspielen wollend, “du weißt, die Frauenwelt ist mir einfach zugetan und ergeben.”
“Warte, laß mich einmal raten von wem dieses Tuch kommen könnte.”
“Das errätst du nie, denn ich selbst habe es bereits vergessen, von welcher der vielen es stammte. Die Wunde wäre nun fertig verbunden. Ich glaube wir gehen gleich zu den Pferden.”
“Tja,” Hadamar kostete den Spaß und die Verlegenheit seines Freundes aus und fuhr fort: “das Muster ist griechisch. Hm, griechisch, das heißt nicht ägyptisch. Das könnte ein Hinweis sein, daß das Mädchen oder laß mich besser sagen die junge Frau...”
“Evalia sein könnte. Ja, Schlaumeier, es ist das Tuch Evalias.” sagte Chadeloch mißmutig und mit angekratztem Humor.
“Oh, Evalia, verzeih ich wußte nicht. Schau, schau, schau.”
Hadamar biß sich beinahe die Zunge ab um nicht laut loszulachen über die verlegenen und nach passenden Worten suchenden Züge Chadelochs.
“Da ist nichts zwischen uns.” Im Ton der gespielten Empörung hörte man, das er selbst seinen Worten keinen Glauben schenkte. “Sie hat mir dieses Tuch nur als Dank für die gute Beratung geschenkt, das ist alles. Damit Schluß mit diesem Thema.”
“Oh, bestimmt, bestimmt, ich hätte an nichts anderes gedacht. Ehrlich.”
Chadeloch war rot vor Zorn über Hadamars Spott und dieser konnte sich vor Lachen nicht mehr halten und es trieb ihm Tränen in seine Augen.
“Das werde ich dir noch einmal heimzahlen. Ich und Evalia, pah. Das wäre dasselbe wenn ein Araberhengst sich mit einer Haflingerstute anfreunden würde. Nein, niemals!”
“Ist schon gut, Chade.” Hadamar erfing sich wieder “Ist schon gut. Laß uns jetzt so schnell wie möglich von hier verschwinden.”
Hadamar holte sein Schwert und Chadeloch seine Lanze. Dann gingen sie zurück zu den Pferden, die geduldig warteten und ritten davon.
“Odwin weiß mit Sicherheit, daß wir hier sind. Es gibt nur eine Straße die uns hier weiterbringt und man braucht kein Hellseher zu sein, um zu wissen wohin wir reiten. Ich schlage vor, daß wir jetzt und die Nacht hindurch weiterreiten. Mit dem Licht des Mondes ist die Paßstraße eine nicht allzu große Gefahr. Bist du einverstanden?”
“Klar. Bisher war das im Sattel sitzen von größerer Ruhe begleitet als unser heruntersteigen. Morgen suchen wir uns ein nettes ruhiges Plätzchen und gönnen uns dann ein wenig Ruhe.”
“Einverstanden.”
Nun da der Tag beinahe vergangen war, ließen sie sich an einem, durch den Wald geschützten, kleinen See nieder. Sie legten ihre Matten aus, entfachten ein Feuer, aßen und tranken. Im Anschluß an das Mahl hielten sie noch die heißen Füße in das erfrischende Naß des Sees und legten sich darauf gut erholt zur Ruhe. Wache brauchte es keine, denn man fühlte sich rundum sicher und so schliefen auch beide rasch nacheinander ein.
Kurz nach Mitternacht schreckten beide aus dem Schlaf auf und beide blickten sich verstört an.
“Was ist denn mit dir los?” fragte Hadamar erregt seinen Freund.
“Was frägst du mich? Schau lieber dich selber an. Was ist denn mit dir los?”
“Oh, eigentlich nichts”, versuchte Hadamar erfolglos seinen Schrecken vor dem anderen zu verbergen.
“Na sag’s schon. Du hast einen schrecklichen Traum gehabt - nicht wahr?”
“Ja, in der Tat, das hatte ich?” antwortete Hadamar seinem Freund stockend.
“Na mach’ dir da mal nichts draus. Auch ich hatte etwas in die Richtung.” aber auch Chadeloch gelang es nicht seinen Schrecken wegzuspielen, denn seine Haare waren noch zerzaust, seine Augen waren vom Schrecken noch weit aufgerissen und blickten nervös um sich herum.
“Was sahst du denn in deinem Traum, Hadamar?”
“Von fernem”, begann dieser mit der Schilderung seines Traumes, “sah ich einen schwarz gekleideten Mann auf einem Rappen. Er war von etwa zehn Männern - ich hatte sie nicht gezählt - die allesamt schwer bewaffnet waren, begleitet. Beim Fenriswolf, ich könnte schwören, daß es Odwin gewesen war! Plötzlich hörte ich Lucias Stimme und die rief: ‘Hadamar flieht! Flieht, sie wollen euch wegen dem Schwert töten! Flieht solange als möglich den Bergen entlang nach Osten, dann erst zieht nach Norden!
Ich bin gewaltig erschrocken und dann wurde ich wach. Was aber hatte es dir geträumt Chadeloch?”
“Auch ich hatte einen Traum - was ich ja bereits angedeutet hatte. Ich sah einen Wald. Vögel flogen, eine Gefahr fliehend mit lautem Gekreische davon. Dann sah ich meinen Vater, der mit einem in schwarz gehüllten Mann sprach. Ich konnte leider das Gesicht des Letzteren nicht sehen, aber mein allzeit verständiges Herz sagte mir, daß dies Odwin der Zauberer sei. Dann sah ich eine Gruppe von schwer bewaffneten Männer hoch zu Roß. Sie trafen mit dem Mann in Schwarz zusammen und dieser war der Anführer der Gruppe. Dann hörte ich einen der Männer lachend sagen: ‘Die Hasenjagd hat begonnen, Freunde! Laßt uns die Karnickel töten und mit dem Schwert des einen zurückreiten. Das wird ein Kinderspiel, Kameraden!’”
Chadeloch beendete die Schilderung seines Traumes mit einem Seufzer. Nach einigen Augenblicken der Stille sagte Hadamar:
“Wir haben beide dasselbe geträumt, Chadeloch; ein und dasselbe.”
“Wenn du dasselbe glaubst wie ich, dann werden wir demnächst Gäste erwarten und unter ihnen einen alten Freund bei uns willkommen heißen dürfen. Wie lieb von ihm, daß er noch ein paar seiner Bekannten mitbringt, um sie uns vorzustellen. Der erste Höhepunkt der Reise wird nicht von uns aufgesucht, sondern er kommt von selbst zu uns. Odwin hat den einen großen Reisevorteil, daß er keinen zu fragen braucht wo wir sind, denn er weiß es von selbst. Wauw, wir sitzen ziemlich tief in der Klemme! Sag schon Hada, was hältst du von der ganzen Sache?”
“Ich bin vollkommen davon überzeugt, daß Odwin, unser aller Freund, der alle liebt - die seine Überzeugung teilen - uns auf den Fersen ist und uns auf unserer Reise, für kurze Zeit, Gesellschaft leisten möchte. Freundlichkeit das ist so seine ganz große Spezialität, das mußt du doch wissen. Auch wenn nur einer von uns das geträumt hätte, müßten wir der Traumbotschaft Glauben schenken. Wir träumten es beide, das heißt, daß es absolut sicher ist, daß wir von Odwin verfolgt werden und, daß er Hinageban zu deinem Vater zurückbringen soll.”
“Wann denkst du, haben diese Ratten die Verfolgung aufgenommen?”
“Ich bin mir ziemlich sicher, daß sie erst diese Nacht die Verfolgung aufgenommen haben. Denn erst heute Abend kehrten meine Eltern wieder von Brigantium heim und erst heute Abend konnten sie mit Sicherheit wissen, daß wir nicht zurückkommen. Das würde heißen, daß wir einen ganzen Tag Vorsprung haben, vielleicht sogar ein wenig mehr. Odwin kennt aber viele Schleichwege und Abkürzungen, was den Vorsprung auf einen Tag oder noch weniger schrumpfen läßt. Zudem kommt, daß er sehen kann wo wir sind und was wir tun. Wenn man das verhindern könnte, so hätten wir die Möglichkeit das Zusammentreffen zu verzögern, vielleicht sogar zu verhindern.”
“Odwin schaut die Zukunft, die Gegenwart und die Vergangenheit in Bächen und Flüssen.”
“Wir können die Quellen nicht einfach so abstellen, das wirst du wohl einsehen.”
“Nein, das können wir nicht, o erhabener Krieger, aber wir könnten jeweils zur Nacht reiten und uns am Tag an einem Ort aufhalten, der tausend anderen Orten ähnelt. Es würde ihm schwerfallen festzustellen wohin wir reiten, denn er könnte nur Schatten und Finsternis erkennen und wenn wir den Bergen entlang reiten, so hüllen uns diese in noch größeres Dunkel durch die Schatten die sie werfen.”
“Ich merke das in dir doch das zu finden ist, was ich so lange bei dir suchte.”
“Und könntest du mir gütiger Weise sagen was das ist?”
“Hirn.”
Chadeloch schlug Hadamar mit der Faust auf die Schulter und dieser begann trotz der düsteren Umstände herzhaft zu lachen und auch Chadeloch konnte sich das Lachen nicht verkneifen. Nachdem sie sich wieder gefangen hatten, sagte Hadamar:
“Gut, aber binnen spätestens zwei Tagen werden sie uns eingeholt haben. Denn die Nächte sind kürzer als die Tage und in der Nacht kann man nicht in gestrecktem Galopp reiten, schon gar nicht in den Bergen.”
“Dennoch, wir haben beide gute Pferde und wir sind auch keine Gruppe von über zehn Reitern. Hier können wir punkten.”
“Gut wir folgen deinem ausnahmsweise wirklich intelligenten Plan”, dafür bekam Hadamar neuerlich einen Rempler “und während der Tage können wir uns die weiteren Schritte überlegen.”
“Also, laß uns keine Zeit verlieren und aufbrechen.”
So sattelten sie die Pferde, packten alle Habe zusammen, löschten das Feuer, schwangen sich auf die Pferde und ritten so schnell als es Nacht und Straßen zuließen davon.
Zweimal flüchteten sie sich in das Dickicht des Waldes, denn sie vermeinten Stimmen und das Geklapper von Pferdehufen zu vernehmen, doch es waren weder Pferde noch Reiter zu sehen. Ihr erklärtes Ziel war es möglichst niemandem zu begegnen, damit Odwin keine ‘Boten’ entgegenreiten können. Als es zu dämmern begann erreichten sie ein kleines Dorf. Es lag Im Tal zwischen den hochragenden Alpenbergen im Süden und dem gegen Norden beginnenden Mittelgebirge. Es schmiegte sich an den Fuß eines hochragenden Alpenberges und bildete mit seinen kleinen Häuschen aus Holz, in deren Gärtchen überall die Blumen blühten, einen herrlichen Kontrast zum Felsengiganten hinter ihm. Am Dorfeingang befand sich ein großer Steinbruch an dem ein marmorartiger Stein abgebaut wurde. Obwohl das Dorf noch zu schlafen schien, kamen ihnen ein Zug von Sklaven und Einheimischen entgegen. Es waren Bergleute, die sich zum Steinbruch aufmachten. Hadamar und Chadeloch ritten auf die Gruppe zu. Ein etwas untersetzter Mann, mit einem vom Bier üppig geformten Bauch, führte den Trupp von Männern an. Als sie ihn erreicht hatten fragte Hadamar wo sie sich denn befänden. Der Mann antwortete:
“In Vlis.”
Dann erkundigten sich die beiden nach einer Herberge und der Bergarbeiter erklärte ihnen den Weg zu derselben. Man verabschiedete sich voneinander und die beiden Lenzer ritten in das Dorf hinein und fanden auf Anhieb die Herberge. Noch war alles ruhig. Sie stiegen von den Pferden und pochten mit dem schweren Eisenring, der in den Nüstern eines aus dem selben Material gefertigten Pferdekopfes war, an die Tür. Nach einer Weile hörte man Schritte, ein Mann schob das kleine Schiebetürchen des Guckfensters des Tores zurück und fragte mit noch verschlafener Stimme was die beiden in dieser Herrgottsfrühe denn von ihm wollten. Sie antworteten, daß sie die ganze Nacht geritten wären und dazu noch den ganzen gestrigen Tag und, daß sie sich und den Pferden Ruhe gönnen wollen. Da schloß der Mann hinter dem Tor wieder das kleine Guckfenster und schob dann den schweren Riegel des Tores zurück und öffnete es ihnen. Hadamar und Chadeloch führten die Tiere in die dafür vorgesehenen Pferche und nahmen alle Dinge, auch die Sättel mit in das Zimmer. Es schien ihnen besser übertrieben vorsichtig zu sein, als durch Unachtsamkeit etwas von ihren Gepäck zu verlieren. Bevor sie das Zimmer, das man ihnen zuwies bezogen, vergewisserten sie sich, ob es auch eines wie tausend anderer Zimmer sei. Als sie es aufmerksam gemustert hatten stand Zufriedenheit in ihren Zügen und sie bezogen es. Man brachte ihnen daraufhin ein Mahl - einfach aber nahrhaft - und die beiden griffen herzhaft zu. Nachdem sie das Essen beendet hatten fiel eine zufriedene Müdigkeit der Sättigung über sie und sie fielen in einen leichten Schlaf.
Es klopfte an der Tür oder besser gesagt es war ein hartes Pochen, daß die beiden Freunde aus dem Schlaf riß. Sie öffneten die Augen und die Sonne schien grell durch die Fenster. Beide rieben sich den Schlaf aus den Augen und Chadeloch fragte vom Bett aus, wer denn draußen vor der Tür stände.
“Öffnet die Tür!” erscholl es von draußen.
“Wer ist es?” schrie Chadeloch mit Wut über den draußen Stehenden, der ihn aus dem Schlaf riß und der keine Antwort auf seine Frage gab.
“Öffnet die Tür oder wir kommen so hinein!”
Beide spürten, daß die Situation ernst werden könnte. Sie sprangen aus den Federn. Hadamar griff nach Hinageban und zog das mächtige Schwert aus der Scheide, das gleiche tat auch Chadeloch mit Risobidwingar. Sie standen Seite an Seite blickten sich kurz an, als die Tür eingeschlagen wurde. Holzsplitter schossen durch die Luft und bedeckten den Zimmerboden und fünf mit Schwertern bewaffnete Männer stampften durch das, was einmal eine Tür gewesen ist.
“Wer seid ihr und was wollt ihr?” fragte Hadamar mit einer betonten Ruhe. “Seid ihr etwa Gefolgsleute Odwins des Hellsehers?”
“Nein!” antwortete der Anführer der siegessicheren Angreifer mit der Verachtung eines Siegers gegenüber seinem Opfer. Es war ein alter Kerl mit Narben im Gesicht, dazu kam die leicht schräg stehende Nase die wahrscheinlich bei einer Prügelei gebrochen sein mußte und die nicht mehr den geraden Weg fand als sie von neuem zusammenwuchs. Dazu kam die Geruchskulisse von Schweiß, der sich durch die nicht gerade reinlichen Kerle, im Zimmer auszubreiten begann.
“Was für Gesindel seid ihr denn!” schrie Chadeloch, der vor Wut über diese Männer kochte und mittels derselben die Portion Angst die in ihm aufstieg zu überwinden vermochte.
“Da es ohnehin das Letzte ist, was in eurem so bedauerlich kurzen Leben, an euer Ohr dringen wird - mit Ausnahme der Schmerzensschreie wenn wir euch zerstückeln - werde ich es euch sagen.” sprach der Anführer in erhabener Überlegenheit. “Wir sind Männer des Zauberers und Wahrsagers Nahtouga, der im Wald beim See seine Bleibe hat. Nahtouga ist ein treuer Freund Odwins, ja man könnte sogar sagen er sei mit seinen Kräften die andere Hälfte ein und derselben Macht, die auch in Odwin zugegen ist. Oder anders Odwin ergänzt mit seiner Hälfte die Macht Nahtougas und umgekehrt.”
Dann brach er abrupt ab, setzte die Maske des auskunftgebenden Mannes ab und legte die des erbitterten Kriegers von neuem an und donnerte:
“Genug geplaudert! Jetzt ran an die Arbeit, Männer!”
Mit dem Aufruf drangen die Angreifer auf die beiden Lenzer ein. Strategie gab es bei diesem Angriff keine, sondern man schlug einfach drauf los. Zwei von ihnen bearbeiteten mit ihren Schwertern Chadeloch und drei Hadamar. Bevor die drei Hadamar erreichten küßte er eilig den Ring Lucias und stürzte sich dann in den Kampf. Erst im Streit entwickelten die beiden Schwerter, als auch die die sie führten, ihre ganze Kraft. Funken sprühten, Metall schlug aufeinander und die Schläge waren in der ganzen Herberge zu vernehmen. Die Männer Nahtougas bildeten einen Kreis um die beiden Verteidiger und hieben auf diese ein. Doch da, ein Schrei, dann ein zweiter und zwei Männer fielen zu Boden. Der eine mit einem Schnitt durch den Hals, der andere mit einer klaffenden Wunde im Bauch. Als die anderen ihre gefallenen Gefährten sahen gerieten sie in eine wahre Kampfekstase schrieen und schlugen, stachen und fluchten. Sie wurden Männer die nurmehr handelten, aber nicht mehr verstanden ihren Kopf zu benutzen. Chadeloch und Hadamar standen Rücken an Rücken wehrten die Schläge und Stiche ab und warteten auf den günstigen Moment, an dem der Feind auf seine Deckung vergaß. Das Schwert eines Angreifers pfiff knapp an Chadelochs Brust vorbei. Der Mann konnte die Wucht seines Fehlschlages nicht sogleich abfangen und schon setzte Risobidwingar seinem Leben ein Ende. Die beiden die Hadamar angriffen sahen ihren Freund tot zu Boden sinken und schlugen auf Hadamar ein. Dieser sprang zur Seite, so daß beide Schwerter sich im Holzboden verfingen, doch bevor sie dort stecken blieben trennte Hinageban das Haupt des einen Mannes vom Leib und fügte dem letzten einen tödlichen Schnitt über Hals und Brust zu. Die beiden Männer fielen entseelt auf den Boden und es herrschte Totenstille im Zimmer. Beiden Lenzern rann der Schweiß über die Stirn und sie atmeten heftig, so wie nach einem gewaltigen Wettlauf.
“Wauw, Hada! Das war unser Jungfernkampf und er wurde zu einem vollen Sieg! Zwei gegen fünf, ein herrlicher Triumph! Man wird davon über Generationen hinweg am Lagerfeuer berichten und die Kinder werden staunen über die Helden die dies vollbracht hatten!”
“Chade bitte! Warte mit deinem Enthusiasmus bis wir wieder zu Hause sind, denn es sind noch einige andere Kämpfe durchzustehen.”
“Rühme was es zu rühmen gilt! Eine alte Weisheit! Vielleicht haben wir nie mehr Gelegenheit einen solchen Sieg zu erringen. Deshalb gilt es:
Koste das Jetzt aus,
denn das Morgen ist noch weit entfernt und
das Gestern schon lange vorbei.
Koste das Jetzt aus,
denn du weist nicht ob du
ein ‘Andermal’ erreichen wirst!”
“Ich denke wir machen uns sofort wieder auf den Weg, egal was Odwin auch mitbekommen mag. Wir dürfen hier keine Zeit mehr vergeuden und ich bin mir sicher, daß uns der Wirt, nach diesem Vorfall, forthaben möchte und zudem müssen wir uns jetzt auch noch vor römischen Ordnungsorganen in Acht nehmen. Doch bevor wir den Ort hier wirklich verlassen, denke ich, daß wir noch dem einen Besuch abstatten sollten, der für diese Willkommensfeier verantwortlich ist. Einverstanden?”
“Natürlich. Er hieß uns ja so herzlich willkommen, daß wir gar nicht anders können als hinzugehen und uns für alles aufrichtig zu bedanken. Zudem glaube ich, daß sein Name sein Wesen verrät. Denn wenn er tatsächlich ein Nachtauge ist, so müssen wir, um sicher weiterreisen zu können, ihn ausschalten.”
Die beiden packten so schnell wie möglich ihre Sachen zusammen, gingen in den Stall und beluden die Pferde, hinterlegten Geld für den Herbergsbesitzer und ritten so schnell als nur möglich davon.
Es dauerte nicht sehr lange, da erreichten sie auch schon den See, von dem der Anführer der Söldner gesprochen hatte. Nach einiger Zeit des Suchens fanden sie einen schmalen Weg der um den See herumzuführen schien. Sie ließen die Pferde zurück und gingen zu Fuß weiter.
“Was für eine Schande, den Göttern sei Dank, daß uns keiner Sehen kann. Ein Kämpfer der ein Pferd besitzt und zu Fuß geht! Wie tief müssen wir noch fallen, Hada!”
“Sei still und lauf weiter!”
Nach etwa dreihundert Fuß erblickten sie ein Haus und daneben einen, durch einen Vé begrenzten, Hain. Alles war still. Sie huschten Deckung suchend von Baum zu Baum und schlichen sich so an das Haus heran. Es war immer noch alles ganz still. Es schien niemand im Haus zu sein. Sie blickten durch die Fenster, doch sie sahen nichts, alles war finster. Chadeloch ging hinter das Haus und suchte dort nach Hinweisen über den Bewohner, fand aber nichts.
Hadamar hingegen ging zur Tür, die nur angelehnt war. Er zog sein Schwert und stieß die Türe mit seinem Fuß auf. Dann betrat er das Haus. Es war düster, nur matt und gebrochen drang das Licht durch die schmutzigen Fenster. Da ein Tisch, dort ein Stapel mit Rollen, vermutlich voll mit Zauberei, Geheimwissen und Beschwörungsformeln, vielleicht fand sich darunter auch etwas über Thiu. In der Ecke stand ein Herd aus einfachen Flusssteinen gebaut und direkt im Anschluß der Ofen, der dem Haus im Winter Wärme spendete. Daneben die Schalfstatt und auf einem Schemel daneben ein vergilbter Schädel. Hadamar fröstelte, es war ihm als wäre es hier eisige Winterszeit. Es lag ein böser Zauber über dem Ort und er spürte wie er mächtiger und mächtiger wurde und irgendwie Gewalt über ihn auszuüben begann. Dennoch er wollte diesen Ort nicht einfach so verlassen, vor allem nicht, wenn er hier finden könnte, nach was er zu suchen hatte. So schritt er zum Tisch, fand daneben einen Lederbeutel mit Kräutern und Wurzeln. Er schüttete alles aus und füllte dann denselben mit den Schriftrollen. Dann ging er zur Tür, schaute noch einmal zurück in den großen düsteren Raum und schritt rückwärts zur Tür hinaus.
Er wollte sie gerade hinter sich zuziehen, da zerspaltete ein Speer, mit einem lauten Krach, den Balken des Türstocks links von ihm. Hadamar schreckte zusammen und wußte noch nicht wie ihm geschah, als er einen Schrei hörte, der ihm durch Mark und Bein ging. Mit dem Schwert in der Hand drehte er sich schlagartig um. Da lag ein Mann von einem Speer durchbohrt einige Schritte hinter ihm am Boden. Es war der Speer Chadelochs, den er zur Sicherheit mitgenommen hatte.
Als Chadeloch von seinem Gang hinter das Haus zurückkam, sah er, wie der jetzt Tote einen Speer auf Hadamar abschoß. Der Speer hatte die Hand noch kaum verlassen, als seiner ihm treffsicher die Brust durchbohrte. Chadeloch war schon damit beschäftig seinen Speer wieder an sich zu nehmen, als Hadamar der Schleier des Schreckens verließ.
“Wer ist er?” fragte Hadamar.
“Er gibt keine Antwort mehr, aber von seiner hinterhältigen Methode aus zu schließen, könnte er zu den Angestellten unseres Freundes gehören.”
“Ich stehe in deiner Schuld.”
“Mach dir nichts draus, du bekommst sicher Gelegenheit dieselbe zu begleichen. Übirgens...“ Chadeloch warf seinen Blick auf den Beutel mit Schriftrollen, “was hast du da erbeutet?”
“Vielleicht finden wir Brauchbares darin, vielleicht etwas, das uns auf unserer Suche nach Thiu, weiterhelfen könnte. Im übrigen glaube ich, daß sie voll sind mit Zauberei, mit Magie und so weiter.”
“Nur wird dir keine Zeit bleiben, den richtigen Zauber zu finden, der sechs Männer abzuwehren vermag! Laß den Beutel es gibt jetzt wichtigeres zu tun!”
Sechs Männer traten aus dem Wald. Der Anführer war ein in einen schwarzen Kapuzenumhang gehüllter Mann, der seine Rechte auf den knorrigen Ast einer Eiche stützte. Die beiden Freunde mußten sogleich an Odwin denken, doch dieser Mann hatte schon graues Haar. An seiner Seite hing ein langes schmales Schwert. Es war Nahtouga. Mit einer Stimme, die Mark und Bein durchschauern ließ, drohte er ruhig, aber mächtig:
“Gib zurück, Verfluchter, was du gestohlen! Schwert und Rollen! Du hast noch Leben in dir, doch bald wird es erloschen sein. Der Tod grüßt dich, reich ihm die Hand und laß dich von ihm führen, an den Ort der für dich bestimmt. Männer, schickt ihn zur Hel und wenn nötig auch den andern!”
Hadamar wußte nun warum plötzlicher eisiger Schauer ihn im Haus überkommen hatte, denn der Zauberer hatte sich dem Haus genähert. Hätte er doch nur auf seine innere Stimme gehört. Nun mußte er seinen Ungehorsam ihr gegenüber wieder ausbaden indem er mit dem Schwert zu kämpfen hatte. Doch es blieb nicht viel Zeit zum ärgern und zum überlegen. Was jetzt zählte war nicht der Gedanke, allein die Tat konnte sie in diesem Augenblick am Leben erhalten.
Somit zerrte er den Speer, der ihn hätte treffen sollen, aus dem Türstock. Dann schleuderte er ihn dem Zauberer entgegen. Der Speer fand sein Ziel, noch bevor dieses überhaupt zu einer Reaktion fähig war, und bohrte sich durch den Bauch desselben. Auch Chadeloch schoß mit seinem Speer und traf gleichfalls sein Opfer. Dann schrie Hadamar:
“Furi Thiu!”
Chadeloch stimmte in den Schlachtruf ein und beide stürmten auf die Männer los. Hadamar schwang Hinageban und die Klinge desselben zerspaltete den Schild, der den Schlag abzuwehren versuchte. Hadamar holte nocheinmal aus und das Schwert spaltete den Helm und das Haupt des angreifenden Mannes. Der Freund des Toten rannte schreiend eine Axt schwingend auf Hadamar zu. Die Axt pfiff an seinem linken Arm vorbei und versetzte dem Oberarm einen Schnitt. Hadamar nahm Hinageban und zerschnitt den Stiel der Axt und bohrte seinem Gegner das Schwert in die Brust. Dieser fiel rücklings über den am Boden liegenden Leib des Zauberers und lag blutüberströmt am Boden. Hadamar blickte um sich und sah wie die beiden verbliebenen Männer Chadeloch in eine Ecke getrieben hatten und dieser sich nur mit Mühe noch verteidigen konnte. Hadamar nahm den Speer Chadelochs, der noch im Leib des von ihm durchbohrten Mannes steckte und schoß ihn in den Rücken von einem der Angreifer. Chadeloch nutzte den Moment des Schreckens und der Verwirrung des anderen und Risobidwingar teilte das Herz des Söldners, der zu Boden sank und starb. Es war gerade einen Moment still geworden, als der Zauberer mit dem Speer im Bauch, aufstand um mit seinem Schwert Hadamar zu durchbohren. Hadamar fuhr um sich, dem Geräusch der Bewegung entgegen und schleuderte Hinageban dem Zauberer entgegen. Das Schwert spaltete das Brustbein und beendete so dessen Leben. Bevor er starb gurgelte er noch den letzten Fluch hervor.
Nun war es wirklich still geworden. Die Gefährten blickten sich abgekämpft an.
“Wir sind quitt!” rief Hadamar Chadeloch zu.
“Stimmt!” entgegnete dieser.
“Du blutest Hada. Laß mich mal schauen.” sagte Chadeloch als er neben Hadamar stand. Er untersuchte die Wunde und stellte fest:
“Du hattest ein riesen Glück! Es ist nur ein kleiner und nicht sehr tiefer Schnitt.”
Chadeloch nahm ein Stück Tuch aus seiner Tasche und verband die Wunde seines Freundes.
“Chade, ist das nicht das Tuch einer Frau. Ein Seidentuch, uuh!” stellte Hadamar amüsiert fest.
“Ja,” antwortete Chadeloch die peinliche Beobachtung überspielen wollend, “du weißt, die Frauenwelt ist mir einfach zugetan und ergeben.”
“Warte, laß mich einmal raten von wem dieses Tuch kommen könnte.”
“Das errätst du nie, denn ich selbst habe es bereits vergessen, von welcher der vielen es stammte. Die Wunde wäre nun fertig verbunden. Ich glaube wir gehen gleich zu den Pferden.”
“Tja,” Hadamar kostete den Spaß und die Verlegenheit seines Freundes aus und fuhr fort: “das Muster ist griechisch. Hm, griechisch, das heißt nicht ägyptisch. Das könnte ein Hinweis sein, daß das Mädchen oder laß mich besser sagen die junge Frau...”
“Evalia sein könnte. Ja, Schlaumeier, es ist das Tuch Evalias.” sagte Chadeloch mißmutig und mit angekratztem Humor.
“Oh, Evalia, verzeih ich wußte nicht. Schau, schau, schau.”
Hadamar biß sich beinahe die Zunge ab um nicht laut loszulachen über die verlegenen und nach passenden Worten suchenden Züge Chadelochs.
“Da ist nichts zwischen uns.” Im Ton der gespielten Empörung hörte man, das er selbst seinen Worten keinen Glauben schenkte. “Sie hat mir dieses Tuch nur als Dank für die gute Beratung geschenkt, das ist alles. Damit Schluß mit diesem Thema.”
“Oh, bestimmt, bestimmt, ich hätte an nichts anderes gedacht. Ehrlich.”
Chadeloch war rot vor Zorn über Hadamars Spott und dieser konnte sich vor Lachen nicht mehr halten und es trieb ihm Tränen in seine Augen.
“Das werde ich dir noch einmal heimzahlen. Ich und Evalia, pah. Das wäre dasselbe wenn ein Araberhengst sich mit einer Haflingerstute anfreunden würde. Nein, niemals!”
“Ist schon gut, Chade.” Hadamar erfing sich wieder “Ist schon gut. Laß uns jetzt so schnell wie möglich von hier verschwinden.”
Hadamar holte sein Schwert und Chadeloch seine Lanze. Dann gingen sie zurück zu den Pferden, die geduldig warteten und ritten davon.
“Odwin weiß mit Sicherheit, daß wir hier sind. Es gibt nur eine Straße die uns hier weiterbringt und man braucht kein Hellseher zu sein, um zu wissen wohin wir reiten. Ich schlage vor, daß wir jetzt und die Nacht hindurch weiterreiten. Mit dem Licht des Mondes ist die Paßstraße eine nicht allzu große Gefahr. Bist du einverstanden?”
“Klar. Bisher war das im Sattel sitzen von größerer Ruhe begleitet als unser heruntersteigen. Morgen suchen wir uns ein nettes ruhiges Plätzchen und gönnen uns dann ein wenig Ruhe.”
“Einverstanden.”
Thiuhada - Sage: Buch I - Odwin und Lenz
Es war zur Mittagszeit desselben Tages, an dem die beiden Freunde Brigantium verlassen hatten. Dort, wo sich der Wald bis zu den Häusern des Dorfes von Hadamar und Chadeloch herantastete, stand das Versammlungshaus. Hinter dem Versammlungshaus stand eine uralte Eiche und der Ort an dem sie stand wurde durch den Vé, einen Zaun der die gewöhnliche Welt vom heiligen Bezirk trennte, umschlossen und der so den heiligen Hain des Dorfes bildete. In diesem Hain, der teilweise schon in den Wald hineinreichte ging ein Mann rastlos hin und her. Es war Lenz, Chadelochs Vater, Hadamars Onkel, der jetztige König über die Lenzersueben.
Er war ganz in Gedanken versunken, so sehr, daß er nicht merkte wie eine dunkle Gestalt aus dem Wald hervortrat. Als Lenz kehrt machte, zuckte er erschrocken zusammen, denn erst zu diesem Augenblick bemerkte er den vor sich in einen schwarzen Umhang mit Kapuze gehüllten Mann. Er riß das Schwert aus der Scheide und schrie:
“Wer bist du Fremder? Gib dich zu erkennen!”
Der Fremde schwieg, wartete einige unheimliche Augenblicke lang und schob dann langsam die Kapuze, die ihm bis tief in das Gesicht hinein reichte, nach hinten. Erst jetzt kam sein langer schwarzer Bart und das ebenso lange schwarze Haar zum Vorschein und schwarze, kalt leuchtende Augen blickten durchdringend in die Augen von Lenz.
Lenz ließ sein Schwert fallen und lief mit ausgestreckten Armen dem anderen entgegen und umarmte ihn.
“Odwin, was für eine Freude, du bist hier. Odin sei Dank! Du glaubst nicht wie sehr ich mich freue. Seit Tagen rufe ich zu den Göttern, sie mögen dich - meinen Freund und Vertrauten - zu mir schicken.”
“Ich hörte deinen Ruf. Die Winde trugen ihn mir zu und sogleich machte ich mich auf den Weg hierher um dir zu Helfen. Da bin ich nun und stehe dir mit meinen Kräften zu Diensten.”
Lenz blickte besorgt um sich und sagte mit einer leicht nervösen Stimme:
“Keiner darf wissen, daß du hier bist. Du weißt was einige meiner Verwandten, besonders mein eigener Vater, über dich denken. Zudem will ich, daß alles was geschehen soll und geschehen muß, absolut geheim und vor den anderen verborgen bleibt. Ich bitte dich also diese Nacht in der Holzfällerhütte im Wald zu übernachten. Ich gehe kurz ins Dorf zurück, hole etwas zum Essen und zum Trinken und komme dann zurück, um mich mit dir zu Beraten. So denn, bis bald!”
Lenz eilte ins Dorf und ging in sein Haus. Er nahm einen ledernen Beutel, füllte ihn mit Eß- und Trinkbarem und eilte aus dem Haus in Richtung Wald. Am Dorfende begegnete ihm sein Vater, Hadamars Großvater Lenz. Dieser blickte seinem Sohn tief in die Augen. Lenz wich dem fragenden, in seine Seele schauenden Blick, aus.
“Hörst du dasselbe wie ich, mein Sohn?”
“Was meinst du, Vater?”, entgegnete Lenz.
“Ich meine das verängstigte Gekreische der Vögel des Waldes. Sie haben Angst, etwas Böses muß sich im Wald umhertreiben - Böses das dem Frieden ein Ende zu setzen versucht.”
“Ach Vater, du und deine Zeichen, das ist doch alter Aberglaube.”
Chadelochs Vater versuchte die Beobachtung des greisen Stammeskönigs als Wahn abzutun. Lenz hingegen sprach ruhig weiter:
“Lenz, mein Sohn, als die Vögel ängstlich zu kreischen begannen, kam ein Kuckuck aus dem Wald geflogen und setzte sich auf den Giebel deines Hauses.”
Diese Beobachtung war Beschreibung des Vorfalls und Frage in einem und der junge König wußte das. Er antwortete seinem Vater:
“Nichts ist und nichts wird geschehen, nur weil Vögel kreischen und ein Vogel auf den Giebel meines Hauses sitzt. Aber du traust mir sowieso nicht!” wurde Lenz plötzlich wütend. “Du liebst deinen Enkel, Hadus Sohn, dessen Namen ich nicht in den Mund nehmen werde, mehr als deinen leiblichen, ja deinen erstgeborenen und dir in deiner Würde als König nachfolgenden Sohn. Was bedeutet da überhaupt noch mein Wort?”
“Lenz,” sagte der Alte mit traurig sanfter Stimme, “das Herz der Vögel ist unschuldiger als die unseren, als deines, aber auch meines. Die Geschöpfe spüren wenn ihnen Gefahr droht, sie spüren Böses schneller als wir Menschen. Lenz, ich habe dieses Gekreische schon oft gehört, glaube mir.”
“Na, siehst du. Die Viecher tun das also, wie ich es schon sagte, öfters.”
“Ja, sie taten es sooft Gefahr drohte und sooft,” der Greis ließ bewußt einen Augenblick Stille und sprach dann weiter: “sooft dein Freund, dieser Zauberer und Wahrsager, Odwin sich in der Nähe befand.”
“Vater, ich denke du bist ein wenig übermüdet, die Sonne ist wieder ziemlich stark. Ich glaube, es wäre das Beste, wenn du dir ein wenig Ruhe gönnen würdest. Ruhe dich aus und du wirst die Welt wieder in helleren Farben sehen können. Leider habe ich noch einen dringenden Gang zu tätigen, so daß ich dich nicht selbst nach Hause geleiten kann. Ich bitte um dein Verständnis.”
Damit verneigte sich Lenz vor seinem Vater und ging raschen Schrittes weg. Der alte Lenz blickte seinem Sohn mit einem sorgenvollen Gesicht nach. Er litt sehr um ihn, denn er wußte, daß er im Herzen kein übler Mensch war und doch war er schwach und ließ sich betören vom Machthunger anderer. Er spürte noch immer nicht, daß er nur mißbraucht wurde und nur solange für den angeblichen Freund Odwin interessant sein würde, solange dieser sein Ziel noch nicht erreicht hat. Früher oder später wird ihn Odwin verraten und was blieb dann von ihm, vom Volk der Lenzer übrig. Doch er Lenz, nun ein Mann in seinen letzten Tagen, was konnte er noch bewirken, welchen Einfluß hätte er noch auf seinen von Odwin betörten Sohn nehmen können. Der Einzige der dem Volk noch irgendwie Rettung und Hoffnung bringen konnte war Hadamar, aber vielleicht kommt er zu spät. Das Herz des alten Königs war am Rande des Zerbrechens vor Schmerz. Er ging schweren Schrittes zurück ins Dorf und ging zu seiner Schwiegertochter Ilsa. Er erkundigte sich bei ihr, warum es sein Sohn denn so eilig gehabt habe. Sie antwortete ihm, daß sie es auch nicht wisse, denn er sei nur kurz hier gewesen habe reichlich Nahrung und Getränk eingesteckt und sei dann wieder weggeeilt. Damit wußte der alte Mann: Odwin war zurückgekehrt.
Lenz lief hastig durch den Wald. Vor lauter Eile wäre er einige Male beinahe gestürzt, doch schließlich erreichte er die Holzfällerhütte. Er klopfte an die Tür, rief den darin Hausenden mit Namen und der Riegel der Tür wurde zurückgeschoben. Lenz trat in den düsteren Raum ein, grüßte seinen Freund und stellte das mitgebrachte Essen auf den Tisch. Dann setzten sie sich, und bevor sie zu essen begannen segnete Odwin die Mahlzeit im Zeichen Thors, und beide begannen zu essen und zu sprechen.
“Also Lenz, was ist denn vorgefallen? Erzähl schon!”, forderte der Zauberer den Stammeskönig der Lenzer auf.
Dieser spülte den Bissen Räucherspeck mit einem kräftigen Schluck Bier hinunter und begann mit der Erzählung:
“Einige Tage zurück, es war am frühen Vormittag des sechzehnten Mai, ging ich vom Versammlungshaus nach Hause. Dort angelangt traf ich auf Chadeloch, meinen Sohn, und Hada, die beide im Begriff standen davonzureiten. Beide hatten sich nach einem jahrelangen Streit und einem Kampf am Vortag aus unerklärlichen Gründen wieder versöhnt und verbrüdert. Chadeloch sagte mir, daß sie mit meinem Bruder Hadu nach Brigantium zu reiten beabsichtigten, um dort am Eponafest und am Markt zu Ehren der Göttin teilzunehmen. Dann verabschiedeten sich die beiden und ritten im gestreckten Galopp davon.
Als ich die beiden sah hatte ich schon ein komisches Gefühl, nicht allein wegen dieser aus dem Nichts kommenden Versöhnung, sondern vor allem beim Anblick Hadas. Zuerst erkannte ich ihn nämlich gar nicht, denn ein jeder kannte ihn nur in seiner gewöhnlichen lausigen Tracht. An dem besagten Tag aber trug er eine Tunika, die ihm wirklich ein ganz neues Aussehen verlieh. Sein Blick war Bedrohung und Unheil zugleich. Einem Stiere gleich strotzt er vor Kraft und Herrschsucht und hat dennoch den Blick eines unschuldigen Lammes. Er ist gefährlich - das habe ich gesehen - Odwin. Er ist seinem Namen Thiuhada wirklich treu. Gleich dem Gotte, dem er geblotet wurde und der sich wie du es von Thiu sagtest, rächen möchte, weil er vom Thron verstoßen ist - weil er nicht der Erste sein kann - da Odin, dem allein diese Ehre gebührt, den Platz für sich eingenommen hat. Aber es kommt noch besser, wie du gleich hören wirst. Thiuhada alleine wäre schon schlimm genug, doch als ich sie davonreiten sah, vielen meine Blicke auf das Schwert, das an seiner Seite hing. Du wirst erahnen können welches ich meine. Es war ...”
Lenz stockte vor Erregung der Atem, aber Odwin fiel schon in den Satz hinein und beendete ihn, indem er sagte:
“Hinageban.”
Lenz setzte fort, nachdem er wieder Herr seiner Gefühle war:
“Ja, bei Odin, es war Hinageban! Ich konnte die Beiden nicht mehr zurückrufen denn sie sprengten, wie bereits gesagt, im Galopp davon. Ich ging also eilends zu meinem Vater und sagte ihm, daß Hada ihm Hinageban gestohlen habe. Ich war in gewaltiger Erregung. Mein Vater hingegen blieb ganz ruhig und sagte, daß Hada das Schwert nicht gestohlen habe, sondern daß er es ihm übergeben habe, - übergeben für immer. Zudem, so sagte er weiters, niemand kann dieses Schwert einfach so an sich reißen, sondern nur der kann es nehmen, der es zu tragen bestimmt ist. Ich stand fassungslos vor ihm. Ich wollte schreien vor Zorn, vor Wut, vor Ohnmacht, doch ich konnte und wollte nicht, denn ein wahrer Mann darf sich nicht einfach so gehen lassen, schon gar nicht wenn er König ist. Ich verließ also meinen Vater - schweigend. Ich ging dann zum heiligen Hain, legte meine Hand auf den Altar und schnitt mir mit dem Opfermesser in die Hand. Ich preßte mein Blut heraus und schwor bei Odin, daß ich nicht ruhen werde bis Hinageban in meinen Besitz gekommen sei, egal was auch immer dies kosten mag und wäre es das Blut meines Sohnes, der mit Thiuhada ausgezogen ist. Daraufhin besprengte ich mit den wenigen Tropfen den Hörgr. Ich will und ich muß dieses Schwert haben! Ich brauche es, wenn ich gegen die Römer kämpfen möchte, denn es versichert mir den Sieg. Odwin, du mußt mir helfen das Schwert, bis zum von dir festgesetzten Beginn des Angriffs auf Raetien, zurückzugewinnen. Du weißt was für mich, oder laß mich besser sagen, was für uns - dich und mich - dieses Schwert bedeutet. Heute sollten Thiuhada und Chadeloch zurückkommen, du weißt also was zu tun ist.”
“Laß uns abwarten bis sie zurückkehren, was ohnehin nicht mehr lange dauern kann. Dann werden wir diesem Thiuhada das Schwert abnehmen. Verlaß dich darauf!”
Odwin blickte Lenz kalt und zu allem entschlossen an und machte dann den folgenden Vorschlag:
“Ich schlage vor, daß wir jetzt gemeinsam zu dir nach Hause gehen - getrennt natürlich - so daß keiner weiß, daß auch ich bei dir bin.” Er setzte kurz ab, schloß seine Augen, hielt seinen Atem für einige Augenblicke an und fügte dann noch hinzu: “Irgend etwas sagt mir aber, daß es ganz anders kommen wird, als wir es uns jetzt ausdenken. Aber was soll’s!”
“Gut, einverstanden, also laß uns gleich aufbrechen. Denn sie können in jedem Augenblick zurückkehren.”
Damit packten sie die restlichen Speisen wieder ein und verließen die Hütte. Sie trennten sich noch im Wald. Lenz schlug den gewöhnlichen Weg ein, während Odwin, die Deckung der Bäume suchend sich von hinten zum Haus des Stammeskönigs schlich. Lenz setzte sich bei seinem Haus angekommen auf das Bänkchen und tat so als gönne er sich ein wenig Ruhe, während seine Blicke rastlos die Straße, auf der die Erwarteten kommen müssen, kontrollierten. Es dauerte gar nicht allzu lange, da kam auch schon Hadu angeritten, neben ihm sein Knecht - gleich dem Herrn hoch zu Roß - und dahinter der Wagen mit Frau und Kindern. Doch keine Spur von Hadamar und Chadeloch. Als Hadu seinen ältesten Bruder erblickte, gab er seinen Knechten den Auftrag gleich nach Hause zu reiten. Er selbst ritt aber zu Lenz. Grüßte ihn und stieg vom Pferd. Sie reichten sich die Hand und Lenz, der mit aller Kraft die Ruhe zu bewahren versuchte, fragte nach den beiden jungen Herren, wo sie denn geblieben seien. Hadu antwortete, er wisse nur, daß sie in einem Auftrag nach Norden geritten wären und, daß sie sich für einen längeren Ritt eingerichtet hätten. Beide Chadeloch, als auch Hadamar, ließen alle schön grüßen und sagten, daß sie erst wieder zurückkehren, wenn aus ihnen wahre Helden geworden wären aber auch, daß sie spätestens in einem Jahr wieder zurück sein wollten. Lenz war fassungslos vor Bestürzung, mit letzten Kräften heuchelte er:
“Wir dürfen stolz auf unsere Söhne sein, sie werden die mächtigsten Krieger unseres Stammes sein. In ihren Adern pulsiert das Blut der Vorfahren von denen jeder nicht ruhte bis er als Held gefeiert starb, um der Nachwelt einVorbild zu hinterlassen.”
Sie sprachen noch flüchtig über die Geschäfte beim Eponamarkt, doch dann sagte Lenz, er habe noch allerlei wichtige Dinge zu erledigen und zog sich darauf ins Haus zurück.
Er ging in den Stall, dort fand er Odwin. Als er diesen erblickte sprach er wütend:
“Bei der Hel, sie sind uns entwischt! Sie kommen nicht zurück. Sie reiten gegen Norden, um Heldentaten zu vollbringen! Sie nahmen das Schwert mit sich. Was, wenn es verloren geht oder geraubt wird?”
Er nahm vor Zorn sein Schwert und schlug auf die hölzerne Absperrung des Schweinpferchs, bis sie durchgehackt war.
“So hör doch auf mit diesem Unsinn. Laß uns an den Bach gehen, wir wollen sehen ob es auch tatsächlich stimmt, was dein Bruder erzählt hatte.”
Odwin ging hinaus und machte sich wieder Richtung Wald auf, um dann ungesehen an den Bach zu gelangen. Lenz schrie nach einem Knecht und befahl ihm, den Schweinestall zu reparieren. Dann machte er sich auf und traf sich kurz darauf mit Odwin. Dieser stand bereits mit kapuzenbedeckten Haupt am Bachrand und stierte ins Wasser. Es war rundum still. Es war unheimlich. Nach einiger Zeit erhob Odwin sein Haupt und schob die Kapuze zurück. Dann sprach er mit seiner tiefen und gefühlstoten Stimme:
“Ja, sie ziehen wirklich nach Norden. Ihre Rosse sind gut bepackt.”
“Was ist das Ziel? Wohin reiten sie?”, gierte Lenz nervös nach dem Verborgenen.
“Eben als ich danach fragte, verschwand ihr Bild. Ich konnte plötzlich nichts mehr erkennen.”
“Wie ist so etwas möglich?”, fragte der König erstaunt.
“Zauber kann allein durch noch mächtigeren Zauber überwältigt werden - merk dir das. Hada Hinageban wegzunehmen wird vermutlich nicht so leicht werden wie du dir das vorgestellt hast. Es begleitet ihn eine Macht, die ich nicht kenne.”
“Odwin, ich kann nicht von hier weg. Wir stehen in Kriegsvorbereitung. Viele Gespräche und Verhandlungen sind zu führen mit den Iuthungen, den Raetobaren aber auch mit den anderen suebischen Stämmen. Odwin, du mußt gehen. Zudem fehlt es mir auch an Zaubermacht, die es braucht um diesen fremden Zauber zu besiegen, du allein bist ihm gewachsen.”
“Gut ...” er setzte ab. Ein kaltes, tödliches Grinsen verzerrte sein Gesicht. “Gut, ich werde gehen, Lenz. Aber nicht allein. Ich brauche Krieger. Gib mir zwölf schwerbewaffnete und kampferfahrene Männer, versorg uns mit Proviant. Beeile dich, denn ich will heute Nacht bereits davonreiten, damit der Vorsprung noch einzuholen ist. Wir dürfen keine Zeit verlieren! Beeile dich! Ich werde mich wieder in die Holzfällerhütte zurückziehen, komm mit den Männer dorthin oder schicke sie einfach zu mir. Dann werden wir das Schwert holen und schauen, daß uns dieser Sohn der Hel keine weiteren Unannehmlichkeiten bereiten wird.”
Lenz verließ Odwin. Er ging zurück ins Dorf, um dort sein Pferd zu holen. Dann ritt er am Ufer des Sees entlang. Als das Dorf außer Blickweite war ritt er durch ein kleines Wäldchen, dort dem Lauf eines Baches entlang bis er zu einem alten und ungebrauchten Heuschuppen gelangte. Beim Schuppen befand sich ein Lagerplatz. Es lagerten dort an die zwanzig Männer während ihre Pferde auf der Lichtung grasten. Ein großes Feuer brannte in der Mitte des Lagers, während die einen Männer schliefen, schlugen andere sich mit Kartenspiel die Zeit tot. Neben den Matten auf denen sie schliefen lagen die Waffen, Schwerter, Speere, Bogen und Schleudern. Es waren Söldner, die Lenz bereits gesammelt hatte um mit ihnen Raetien auszukundschaften und mit ihnen den Feldzug vorzubereiten. Aus den Gesichtern der Männer konnte man Kampferfahrung lesen, das Laster und natürlich auch das Bier. Es waren Männer aus den verschiedensten Germanenstämmen, Kelten waren unter ihnen, als auch ein Raeter, der sich hervorragend in der Provinz auskannte.
Als Lenz im Lager erschien erhoben sich alle vor dem König und hielten sein Pferd, während Lenz von ihm herabstieg. Lenz blickte die Männer an, jeden einzelnen von ihnen musterte er schweigend. Nachdem er die Musterung beendet hatte erhob er die Stimme:
“Ich brauche zwölf von euch! Es gibt einen kleinen Auftrag für Zwischendurch.”
“Und was wäre dies für einer, mein König?” fragte ein das Gesicht mit Narben bedeckter Krieger stellvertretend für alle anderen. Lenz schwieg ein wenig um damit eine gewisse Spannung zu erzielen und antwortete:
“Ein Diebstahl muß gesühnt werden. Jemand hat mir das mächtige, wenn nicht das mächtigste Schwert überhaupt, entwendet. Der Mann und sein Komplize flüchten auf dem Weg nach Norden. Dort wollen sie ein Heer sammeln um mir und auch allen anderen Königen der Sueben den Hochsitz streitig zu machen und das Königtum an sich zu reißen. Es sind zwei.”
Die Männer begannen herzhaft zu lachen.
“Ihr lacht?” setzte Lenz fort: “Ihr werdet noch mehr lachen wenn ich euch sage, daß sie noch zehn Jahre jünger als die meisten von euch sind. Ihr fragt euch, warum ich zwölf von euch ihnen nachschicke, denn es würden doch auch einer oder zwei von Männern eures Formats genügen, - und ihr lacht. Ich sage euch; - ich sage euch, daß Odwin der mächtige Zauberer euch begleiten und anführen wird - und eure Bäuche sind vor Lachen dem Zerreißen nahe. Aber!”
Lenz setzte wieder kurz ab und wartete bis alle wieder Still waren und fuhr erst fort, als der letzte sich wieder gefangen hatte.
“Aber das Lachen, daß garantiere ich euch bei meiner königlichen Würde, das wird euch vergehen. Denn beide obwohl jung an Jahren sind sehr stark. Sie sind entschlossen. Sie haben mächtige Waffen bei sich - Waffen mit allen Zaubern besprochen. Sie selbst aber, vor allem der, der das gestohlene Schwert trägt, ist von dunklen Zaubermächten umgeben. Dieser eine ist der Gefährliche, er ist ein Blot, ein den Göttern geweihter und auch wenn er den mächtigsten der Götter, Odin - gepriesen sei sein Name - verachtet, so besitzt er nichts desto Trotz die Kraft, die von den Bewohnern Asgards stammt. Ihr werdet ihn sehen und ihr werdet glauben er kämpfe für die gerechte Sache, denn er sieht aus wie einer der großen Helden zur Zeit unserer Väter. Er sieht aus, und er wird dies auch behaupten, wie einer, der das Leben für das Wohl seines Volkes opfert. Ich sage euch: Traut ihm nicht! Denn alles was ihn bewegt und antreibt ist der Haß gegen alles Gute. Er versucht alles Heilige – ja, gar alles Heilige - zu vernichten. Er ist ein Sohn der Hel und nichts Gutes steckt in ihm.
Also ich schicke Zwölf von euch gegen die beiden los, nicht weil ich eure Kraft unterschätze, sondern weil ich die Kraft der beiden anderen kenne. Ich will das Schwert zurück haben und wenn möglich auch den Gefährten des Diebes, lebend als Gefangenen, zu mir gebracht sehen. Der andere, der mächtige Zauberer aus der Unterwelt, soll Wotan geweiht sein und sein Blut soll als eine wohlgefällige Opfergabe für unseren Sieg gegen die Römer dargebracht werden. Eine Welt ohne ihn ist eine bessere Welt!”
“Wann wird der Aufbruch stattfinden?” rief einer von ihnen.
“Noch heute Nacht werdet ihr aufbrechen. Bei der Holzerhütte im Wald werdet ihr Odwin antreffen. Er ist euer Anführer, ihm schuldet ihr den Gehorsam in allem. Drei von euch mögen mit mir reiten. Ich werde sie bei mir mit Proviant und noch nötigen Waffen ausstatten. Kein anderer darf etwas von diesem Auftrag erfahren. Aber eines sage ich euch, tretet mir nicht ohne das Schwert unter die Augen, denn glaubt mir, auch das Schwert das ich jetzt bei mir trage vermag einen Kopf vom Hals zu trennen.”
Sein Gesichtsausdruck war unheimlich und beängstigend, keiner wagte noch eine Frage zu stellen, geschweige noch zu lachen. Lenz ging durch die Reihen und zeigte mit dem Finger auf die Männer, die er in der Zwölfergruppe sehen wollte. Nachdem die Zwölf ausgesucht waren schwang er sich auf sein Pferd und ritt mit drei der Söldner zurück ins Dorf. Dort versorgte er sie mit allem für die Reise Nötigem. Die Soldaten ritten zurück zum Lagerplatz und dann mit den restlichen zum Holzfällerhäuschen im Wald, wo sie auf Odwin stießen. Es war schon tiefe Nacht über das Land gefallen als sich die Männer auf den Weg machten um nach dem Schwert, Hadamar und Chadeloch zu jagen.
Lenz begab sich selbstzufrieden zur Ruhe, denn er wußte, daß er alles gegenwärtig Mögliche getan hatte um wieder in den Besitz des Hinagebans zu kommen. Alles Restliche würden nun seine Söldner und Odwin erledigen.
Er war ganz in Gedanken versunken, so sehr, daß er nicht merkte wie eine dunkle Gestalt aus dem Wald hervortrat. Als Lenz kehrt machte, zuckte er erschrocken zusammen, denn erst zu diesem Augenblick bemerkte er den vor sich in einen schwarzen Umhang mit Kapuze gehüllten Mann. Er riß das Schwert aus der Scheide und schrie:
“Wer bist du Fremder? Gib dich zu erkennen!”
Der Fremde schwieg, wartete einige unheimliche Augenblicke lang und schob dann langsam die Kapuze, die ihm bis tief in das Gesicht hinein reichte, nach hinten. Erst jetzt kam sein langer schwarzer Bart und das ebenso lange schwarze Haar zum Vorschein und schwarze, kalt leuchtende Augen blickten durchdringend in die Augen von Lenz.
Lenz ließ sein Schwert fallen und lief mit ausgestreckten Armen dem anderen entgegen und umarmte ihn.
“Odwin, was für eine Freude, du bist hier. Odin sei Dank! Du glaubst nicht wie sehr ich mich freue. Seit Tagen rufe ich zu den Göttern, sie mögen dich - meinen Freund und Vertrauten - zu mir schicken.”
“Ich hörte deinen Ruf. Die Winde trugen ihn mir zu und sogleich machte ich mich auf den Weg hierher um dir zu Helfen. Da bin ich nun und stehe dir mit meinen Kräften zu Diensten.”
Lenz blickte besorgt um sich und sagte mit einer leicht nervösen Stimme:
“Keiner darf wissen, daß du hier bist. Du weißt was einige meiner Verwandten, besonders mein eigener Vater, über dich denken. Zudem will ich, daß alles was geschehen soll und geschehen muß, absolut geheim und vor den anderen verborgen bleibt. Ich bitte dich also diese Nacht in der Holzfällerhütte im Wald zu übernachten. Ich gehe kurz ins Dorf zurück, hole etwas zum Essen und zum Trinken und komme dann zurück, um mich mit dir zu Beraten. So denn, bis bald!”
Lenz eilte ins Dorf und ging in sein Haus. Er nahm einen ledernen Beutel, füllte ihn mit Eß- und Trinkbarem und eilte aus dem Haus in Richtung Wald. Am Dorfende begegnete ihm sein Vater, Hadamars Großvater Lenz. Dieser blickte seinem Sohn tief in die Augen. Lenz wich dem fragenden, in seine Seele schauenden Blick, aus.
“Hörst du dasselbe wie ich, mein Sohn?”
“Was meinst du, Vater?”, entgegnete Lenz.
“Ich meine das verängstigte Gekreische der Vögel des Waldes. Sie haben Angst, etwas Böses muß sich im Wald umhertreiben - Böses das dem Frieden ein Ende zu setzen versucht.”
“Ach Vater, du und deine Zeichen, das ist doch alter Aberglaube.”
Chadelochs Vater versuchte die Beobachtung des greisen Stammeskönigs als Wahn abzutun. Lenz hingegen sprach ruhig weiter:
“Lenz, mein Sohn, als die Vögel ängstlich zu kreischen begannen, kam ein Kuckuck aus dem Wald geflogen und setzte sich auf den Giebel deines Hauses.”
Diese Beobachtung war Beschreibung des Vorfalls und Frage in einem und der junge König wußte das. Er antwortete seinem Vater:
“Nichts ist und nichts wird geschehen, nur weil Vögel kreischen und ein Vogel auf den Giebel meines Hauses sitzt. Aber du traust mir sowieso nicht!” wurde Lenz plötzlich wütend. “Du liebst deinen Enkel, Hadus Sohn, dessen Namen ich nicht in den Mund nehmen werde, mehr als deinen leiblichen, ja deinen erstgeborenen und dir in deiner Würde als König nachfolgenden Sohn. Was bedeutet da überhaupt noch mein Wort?”
“Lenz,” sagte der Alte mit traurig sanfter Stimme, “das Herz der Vögel ist unschuldiger als die unseren, als deines, aber auch meines. Die Geschöpfe spüren wenn ihnen Gefahr droht, sie spüren Böses schneller als wir Menschen. Lenz, ich habe dieses Gekreische schon oft gehört, glaube mir.”
“Na, siehst du. Die Viecher tun das also, wie ich es schon sagte, öfters.”
“Ja, sie taten es sooft Gefahr drohte und sooft,” der Greis ließ bewußt einen Augenblick Stille und sprach dann weiter: “sooft dein Freund, dieser Zauberer und Wahrsager, Odwin sich in der Nähe befand.”
“Vater, ich denke du bist ein wenig übermüdet, die Sonne ist wieder ziemlich stark. Ich glaube, es wäre das Beste, wenn du dir ein wenig Ruhe gönnen würdest. Ruhe dich aus und du wirst die Welt wieder in helleren Farben sehen können. Leider habe ich noch einen dringenden Gang zu tätigen, so daß ich dich nicht selbst nach Hause geleiten kann. Ich bitte um dein Verständnis.”
Damit verneigte sich Lenz vor seinem Vater und ging raschen Schrittes weg. Der alte Lenz blickte seinem Sohn mit einem sorgenvollen Gesicht nach. Er litt sehr um ihn, denn er wußte, daß er im Herzen kein übler Mensch war und doch war er schwach und ließ sich betören vom Machthunger anderer. Er spürte noch immer nicht, daß er nur mißbraucht wurde und nur solange für den angeblichen Freund Odwin interessant sein würde, solange dieser sein Ziel noch nicht erreicht hat. Früher oder später wird ihn Odwin verraten und was blieb dann von ihm, vom Volk der Lenzer übrig. Doch er Lenz, nun ein Mann in seinen letzten Tagen, was konnte er noch bewirken, welchen Einfluß hätte er noch auf seinen von Odwin betörten Sohn nehmen können. Der Einzige der dem Volk noch irgendwie Rettung und Hoffnung bringen konnte war Hadamar, aber vielleicht kommt er zu spät. Das Herz des alten Königs war am Rande des Zerbrechens vor Schmerz. Er ging schweren Schrittes zurück ins Dorf und ging zu seiner Schwiegertochter Ilsa. Er erkundigte sich bei ihr, warum es sein Sohn denn so eilig gehabt habe. Sie antwortete ihm, daß sie es auch nicht wisse, denn er sei nur kurz hier gewesen habe reichlich Nahrung und Getränk eingesteckt und sei dann wieder weggeeilt. Damit wußte der alte Mann: Odwin war zurückgekehrt.
Lenz lief hastig durch den Wald. Vor lauter Eile wäre er einige Male beinahe gestürzt, doch schließlich erreichte er die Holzfällerhütte. Er klopfte an die Tür, rief den darin Hausenden mit Namen und der Riegel der Tür wurde zurückgeschoben. Lenz trat in den düsteren Raum ein, grüßte seinen Freund und stellte das mitgebrachte Essen auf den Tisch. Dann setzten sie sich, und bevor sie zu essen begannen segnete Odwin die Mahlzeit im Zeichen Thors, und beide begannen zu essen und zu sprechen.
“Also Lenz, was ist denn vorgefallen? Erzähl schon!”, forderte der Zauberer den Stammeskönig der Lenzer auf.
Dieser spülte den Bissen Räucherspeck mit einem kräftigen Schluck Bier hinunter und begann mit der Erzählung:
“Einige Tage zurück, es war am frühen Vormittag des sechzehnten Mai, ging ich vom Versammlungshaus nach Hause. Dort angelangt traf ich auf Chadeloch, meinen Sohn, und Hada, die beide im Begriff standen davonzureiten. Beide hatten sich nach einem jahrelangen Streit und einem Kampf am Vortag aus unerklärlichen Gründen wieder versöhnt und verbrüdert. Chadeloch sagte mir, daß sie mit meinem Bruder Hadu nach Brigantium zu reiten beabsichtigten, um dort am Eponafest und am Markt zu Ehren der Göttin teilzunehmen. Dann verabschiedeten sich die beiden und ritten im gestreckten Galopp davon.
Als ich die beiden sah hatte ich schon ein komisches Gefühl, nicht allein wegen dieser aus dem Nichts kommenden Versöhnung, sondern vor allem beim Anblick Hadas. Zuerst erkannte ich ihn nämlich gar nicht, denn ein jeder kannte ihn nur in seiner gewöhnlichen lausigen Tracht. An dem besagten Tag aber trug er eine Tunika, die ihm wirklich ein ganz neues Aussehen verlieh. Sein Blick war Bedrohung und Unheil zugleich. Einem Stiere gleich strotzt er vor Kraft und Herrschsucht und hat dennoch den Blick eines unschuldigen Lammes. Er ist gefährlich - das habe ich gesehen - Odwin. Er ist seinem Namen Thiuhada wirklich treu. Gleich dem Gotte, dem er geblotet wurde und der sich wie du es von Thiu sagtest, rächen möchte, weil er vom Thron verstoßen ist - weil er nicht der Erste sein kann - da Odin, dem allein diese Ehre gebührt, den Platz für sich eingenommen hat. Aber es kommt noch besser, wie du gleich hören wirst. Thiuhada alleine wäre schon schlimm genug, doch als ich sie davonreiten sah, vielen meine Blicke auf das Schwert, das an seiner Seite hing. Du wirst erahnen können welches ich meine. Es war ...”
Lenz stockte vor Erregung der Atem, aber Odwin fiel schon in den Satz hinein und beendete ihn, indem er sagte:
“Hinageban.”
Lenz setzte fort, nachdem er wieder Herr seiner Gefühle war:
“Ja, bei Odin, es war Hinageban! Ich konnte die Beiden nicht mehr zurückrufen denn sie sprengten, wie bereits gesagt, im Galopp davon. Ich ging also eilends zu meinem Vater und sagte ihm, daß Hada ihm Hinageban gestohlen habe. Ich war in gewaltiger Erregung. Mein Vater hingegen blieb ganz ruhig und sagte, daß Hada das Schwert nicht gestohlen habe, sondern daß er es ihm übergeben habe, - übergeben für immer. Zudem, so sagte er weiters, niemand kann dieses Schwert einfach so an sich reißen, sondern nur der kann es nehmen, der es zu tragen bestimmt ist. Ich stand fassungslos vor ihm. Ich wollte schreien vor Zorn, vor Wut, vor Ohnmacht, doch ich konnte und wollte nicht, denn ein wahrer Mann darf sich nicht einfach so gehen lassen, schon gar nicht wenn er König ist. Ich verließ also meinen Vater - schweigend. Ich ging dann zum heiligen Hain, legte meine Hand auf den Altar und schnitt mir mit dem Opfermesser in die Hand. Ich preßte mein Blut heraus und schwor bei Odin, daß ich nicht ruhen werde bis Hinageban in meinen Besitz gekommen sei, egal was auch immer dies kosten mag und wäre es das Blut meines Sohnes, der mit Thiuhada ausgezogen ist. Daraufhin besprengte ich mit den wenigen Tropfen den Hörgr. Ich will und ich muß dieses Schwert haben! Ich brauche es, wenn ich gegen die Römer kämpfen möchte, denn es versichert mir den Sieg. Odwin, du mußt mir helfen das Schwert, bis zum von dir festgesetzten Beginn des Angriffs auf Raetien, zurückzugewinnen. Du weißt was für mich, oder laß mich besser sagen, was für uns - dich und mich - dieses Schwert bedeutet. Heute sollten Thiuhada und Chadeloch zurückkommen, du weißt also was zu tun ist.”
“Laß uns abwarten bis sie zurückkehren, was ohnehin nicht mehr lange dauern kann. Dann werden wir diesem Thiuhada das Schwert abnehmen. Verlaß dich darauf!”
Odwin blickte Lenz kalt und zu allem entschlossen an und machte dann den folgenden Vorschlag:
“Ich schlage vor, daß wir jetzt gemeinsam zu dir nach Hause gehen - getrennt natürlich - so daß keiner weiß, daß auch ich bei dir bin.” Er setzte kurz ab, schloß seine Augen, hielt seinen Atem für einige Augenblicke an und fügte dann noch hinzu: “Irgend etwas sagt mir aber, daß es ganz anders kommen wird, als wir es uns jetzt ausdenken. Aber was soll’s!”
“Gut, einverstanden, also laß uns gleich aufbrechen. Denn sie können in jedem Augenblick zurückkehren.”
Damit packten sie die restlichen Speisen wieder ein und verließen die Hütte. Sie trennten sich noch im Wald. Lenz schlug den gewöhnlichen Weg ein, während Odwin, die Deckung der Bäume suchend sich von hinten zum Haus des Stammeskönigs schlich. Lenz setzte sich bei seinem Haus angekommen auf das Bänkchen und tat so als gönne er sich ein wenig Ruhe, während seine Blicke rastlos die Straße, auf der die Erwarteten kommen müssen, kontrollierten. Es dauerte gar nicht allzu lange, da kam auch schon Hadu angeritten, neben ihm sein Knecht - gleich dem Herrn hoch zu Roß - und dahinter der Wagen mit Frau und Kindern. Doch keine Spur von Hadamar und Chadeloch. Als Hadu seinen ältesten Bruder erblickte, gab er seinen Knechten den Auftrag gleich nach Hause zu reiten. Er selbst ritt aber zu Lenz. Grüßte ihn und stieg vom Pferd. Sie reichten sich die Hand und Lenz, der mit aller Kraft die Ruhe zu bewahren versuchte, fragte nach den beiden jungen Herren, wo sie denn geblieben seien. Hadu antwortete, er wisse nur, daß sie in einem Auftrag nach Norden geritten wären und, daß sie sich für einen längeren Ritt eingerichtet hätten. Beide Chadeloch, als auch Hadamar, ließen alle schön grüßen und sagten, daß sie erst wieder zurückkehren, wenn aus ihnen wahre Helden geworden wären aber auch, daß sie spätestens in einem Jahr wieder zurück sein wollten. Lenz war fassungslos vor Bestürzung, mit letzten Kräften heuchelte er:
“Wir dürfen stolz auf unsere Söhne sein, sie werden die mächtigsten Krieger unseres Stammes sein. In ihren Adern pulsiert das Blut der Vorfahren von denen jeder nicht ruhte bis er als Held gefeiert starb, um der Nachwelt einVorbild zu hinterlassen.”
Sie sprachen noch flüchtig über die Geschäfte beim Eponamarkt, doch dann sagte Lenz, er habe noch allerlei wichtige Dinge zu erledigen und zog sich darauf ins Haus zurück.
Er ging in den Stall, dort fand er Odwin. Als er diesen erblickte sprach er wütend:
“Bei der Hel, sie sind uns entwischt! Sie kommen nicht zurück. Sie reiten gegen Norden, um Heldentaten zu vollbringen! Sie nahmen das Schwert mit sich. Was, wenn es verloren geht oder geraubt wird?”
Er nahm vor Zorn sein Schwert und schlug auf die hölzerne Absperrung des Schweinpferchs, bis sie durchgehackt war.
“So hör doch auf mit diesem Unsinn. Laß uns an den Bach gehen, wir wollen sehen ob es auch tatsächlich stimmt, was dein Bruder erzählt hatte.”
Odwin ging hinaus und machte sich wieder Richtung Wald auf, um dann ungesehen an den Bach zu gelangen. Lenz schrie nach einem Knecht und befahl ihm, den Schweinestall zu reparieren. Dann machte er sich auf und traf sich kurz darauf mit Odwin. Dieser stand bereits mit kapuzenbedeckten Haupt am Bachrand und stierte ins Wasser. Es war rundum still. Es war unheimlich. Nach einiger Zeit erhob Odwin sein Haupt und schob die Kapuze zurück. Dann sprach er mit seiner tiefen und gefühlstoten Stimme:
“Ja, sie ziehen wirklich nach Norden. Ihre Rosse sind gut bepackt.”
“Was ist das Ziel? Wohin reiten sie?”, gierte Lenz nervös nach dem Verborgenen.
“Eben als ich danach fragte, verschwand ihr Bild. Ich konnte plötzlich nichts mehr erkennen.”
“Wie ist so etwas möglich?”, fragte der König erstaunt.
“Zauber kann allein durch noch mächtigeren Zauber überwältigt werden - merk dir das. Hada Hinageban wegzunehmen wird vermutlich nicht so leicht werden wie du dir das vorgestellt hast. Es begleitet ihn eine Macht, die ich nicht kenne.”
“Odwin, ich kann nicht von hier weg. Wir stehen in Kriegsvorbereitung. Viele Gespräche und Verhandlungen sind zu führen mit den Iuthungen, den Raetobaren aber auch mit den anderen suebischen Stämmen. Odwin, du mußt gehen. Zudem fehlt es mir auch an Zaubermacht, die es braucht um diesen fremden Zauber zu besiegen, du allein bist ihm gewachsen.”
“Gut ...” er setzte ab. Ein kaltes, tödliches Grinsen verzerrte sein Gesicht. “Gut, ich werde gehen, Lenz. Aber nicht allein. Ich brauche Krieger. Gib mir zwölf schwerbewaffnete und kampferfahrene Männer, versorg uns mit Proviant. Beeile dich, denn ich will heute Nacht bereits davonreiten, damit der Vorsprung noch einzuholen ist. Wir dürfen keine Zeit verlieren! Beeile dich! Ich werde mich wieder in die Holzfällerhütte zurückziehen, komm mit den Männer dorthin oder schicke sie einfach zu mir. Dann werden wir das Schwert holen und schauen, daß uns dieser Sohn der Hel keine weiteren Unannehmlichkeiten bereiten wird.”
Lenz verließ Odwin. Er ging zurück ins Dorf, um dort sein Pferd zu holen. Dann ritt er am Ufer des Sees entlang. Als das Dorf außer Blickweite war ritt er durch ein kleines Wäldchen, dort dem Lauf eines Baches entlang bis er zu einem alten und ungebrauchten Heuschuppen gelangte. Beim Schuppen befand sich ein Lagerplatz. Es lagerten dort an die zwanzig Männer während ihre Pferde auf der Lichtung grasten. Ein großes Feuer brannte in der Mitte des Lagers, während die einen Männer schliefen, schlugen andere sich mit Kartenspiel die Zeit tot. Neben den Matten auf denen sie schliefen lagen die Waffen, Schwerter, Speere, Bogen und Schleudern. Es waren Söldner, die Lenz bereits gesammelt hatte um mit ihnen Raetien auszukundschaften und mit ihnen den Feldzug vorzubereiten. Aus den Gesichtern der Männer konnte man Kampferfahrung lesen, das Laster und natürlich auch das Bier. Es waren Männer aus den verschiedensten Germanenstämmen, Kelten waren unter ihnen, als auch ein Raeter, der sich hervorragend in der Provinz auskannte.
Als Lenz im Lager erschien erhoben sich alle vor dem König und hielten sein Pferd, während Lenz von ihm herabstieg. Lenz blickte die Männer an, jeden einzelnen von ihnen musterte er schweigend. Nachdem er die Musterung beendet hatte erhob er die Stimme:
“Ich brauche zwölf von euch! Es gibt einen kleinen Auftrag für Zwischendurch.”
“Und was wäre dies für einer, mein König?” fragte ein das Gesicht mit Narben bedeckter Krieger stellvertretend für alle anderen. Lenz schwieg ein wenig um damit eine gewisse Spannung zu erzielen und antwortete:
“Ein Diebstahl muß gesühnt werden. Jemand hat mir das mächtige, wenn nicht das mächtigste Schwert überhaupt, entwendet. Der Mann und sein Komplize flüchten auf dem Weg nach Norden. Dort wollen sie ein Heer sammeln um mir und auch allen anderen Königen der Sueben den Hochsitz streitig zu machen und das Königtum an sich zu reißen. Es sind zwei.”
Die Männer begannen herzhaft zu lachen.
“Ihr lacht?” setzte Lenz fort: “Ihr werdet noch mehr lachen wenn ich euch sage, daß sie noch zehn Jahre jünger als die meisten von euch sind. Ihr fragt euch, warum ich zwölf von euch ihnen nachschicke, denn es würden doch auch einer oder zwei von Männern eures Formats genügen, - und ihr lacht. Ich sage euch; - ich sage euch, daß Odwin der mächtige Zauberer euch begleiten und anführen wird - und eure Bäuche sind vor Lachen dem Zerreißen nahe. Aber!”
Lenz setzte wieder kurz ab und wartete bis alle wieder Still waren und fuhr erst fort, als der letzte sich wieder gefangen hatte.
“Aber das Lachen, daß garantiere ich euch bei meiner königlichen Würde, das wird euch vergehen. Denn beide obwohl jung an Jahren sind sehr stark. Sie sind entschlossen. Sie haben mächtige Waffen bei sich - Waffen mit allen Zaubern besprochen. Sie selbst aber, vor allem der, der das gestohlene Schwert trägt, ist von dunklen Zaubermächten umgeben. Dieser eine ist der Gefährliche, er ist ein Blot, ein den Göttern geweihter und auch wenn er den mächtigsten der Götter, Odin - gepriesen sei sein Name - verachtet, so besitzt er nichts desto Trotz die Kraft, die von den Bewohnern Asgards stammt. Ihr werdet ihn sehen und ihr werdet glauben er kämpfe für die gerechte Sache, denn er sieht aus wie einer der großen Helden zur Zeit unserer Väter. Er sieht aus, und er wird dies auch behaupten, wie einer, der das Leben für das Wohl seines Volkes opfert. Ich sage euch: Traut ihm nicht! Denn alles was ihn bewegt und antreibt ist der Haß gegen alles Gute. Er versucht alles Heilige – ja, gar alles Heilige - zu vernichten. Er ist ein Sohn der Hel und nichts Gutes steckt in ihm.
Also ich schicke Zwölf von euch gegen die beiden los, nicht weil ich eure Kraft unterschätze, sondern weil ich die Kraft der beiden anderen kenne. Ich will das Schwert zurück haben und wenn möglich auch den Gefährten des Diebes, lebend als Gefangenen, zu mir gebracht sehen. Der andere, der mächtige Zauberer aus der Unterwelt, soll Wotan geweiht sein und sein Blut soll als eine wohlgefällige Opfergabe für unseren Sieg gegen die Römer dargebracht werden. Eine Welt ohne ihn ist eine bessere Welt!”
“Wann wird der Aufbruch stattfinden?” rief einer von ihnen.
“Noch heute Nacht werdet ihr aufbrechen. Bei der Holzerhütte im Wald werdet ihr Odwin antreffen. Er ist euer Anführer, ihm schuldet ihr den Gehorsam in allem. Drei von euch mögen mit mir reiten. Ich werde sie bei mir mit Proviant und noch nötigen Waffen ausstatten. Kein anderer darf etwas von diesem Auftrag erfahren. Aber eines sage ich euch, tretet mir nicht ohne das Schwert unter die Augen, denn glaubt mir, auch das Schwert das ich jetzt bei mir trage vermag einen Kopf vom Hals zu trennen.”
Sein Gesichtsausdruck war unheimlich und beängstigend, keiner wagte noch eine Frage zu stellen, geschweige noch zu lachen. Lenz ging durch die Reihen und zeigte mit dem Finger auf die Männer, die er in der Zwölfergruppe sehen wollte. Nachdem die Zwölf ausgesucht waren schwang er sich auf sein Pferd und ritt mit drei der Söldner zurück ins Dorf. Dort versorgte er sie mit allem für die Reise Nötigem. Die Soldaten ritten zurück zum Lagerplatz und dann mit den restlichen zum Holzfällerhäuschen im Wald, wo sie auf Odwin stießen. Es war schon tiefe Nacht über das Land gefallen als sich die Männer auf den Weg machten um nach dem Schwert, Hadamar und Chadeloch zu jagen.
Lenz begab sich selbstzufrieden zur Ruhe, denn er wußte, daß er alles gegenwärtig Mögliche getan hatte um wieder in den Besitz des Hinagebans zu kommen. Alles Restliche würden nun seine Söldner und Odwin erledigen.
Mittwoch, 1. Oktober 2008
Thiuhada-Sage: Buch I - Druidenweissagung
Die zwei weiteren Markttage vergingen schnell und das Geschäft lief gut, so daß alle zum Verkauf mitgebrachten Pferde einen neuen Besitzer gefunden hatten. Doch an keinem der beiden Tage kam es zu einem Wiedersehen mit der Tochter des Maximus. Am Nachmittag des letzten Tages in Brigantium rief Saro Hadamar und Chadeloch zu sich und ging mit ihnen hinaus in den kleinen, zu einem Park umgestalteten Garten und gebot einem Sklaven dafür zu sorgen, daß sie nicht gestört würden, egal wer auch immer kommen möge.
“Setzt euch hin und hört mir zu. Vor allem du, Hadamar, sollst dir merken, was dein Großvater zu dir spricht. Wie du vielleicht weißt, hatte ich öfters geschäftliches in Lutetia zu tun. Seit meinem letzten Aufenthalt in dieser großen Stadt, sind nun rund fünf Jahre verflossen. Es gelang mir damals die Geschäfte früher als gewöhnlich zu beenden. Ich empfand es als eine Fügung der Götter, denn durch die gewonnene Zeit war es möglich, mir selbst einen lange gehegten Wunsch zu erfüllen. Ich ritt also an einen abgelegenen Ort in den Carnutes, von dem mir gesagt wurde, daß sich dorthin die mächtigsten Druiden unseres Volkes zurückgezogen hatten. Viele Menschen suchten bei ihnen Rat, Hilfe, Heilung und Schiedsspruch. Der göttlichen Mutter und dem Gehörnten sei Dank, daß ich den heiligen Ort, in der Nähe des Flusses Liger, ohne große Umwege fand. Ich fragte mich bei den Menschen durch, wo ich den mächtigsten und weisesten der Druiden finden könne und sie wiesen mir den Weg zu ihm, welcher den Namen Guatwater trug. Ich mußte einige Stunden warten, so groß war der Andrang, doch als ich an die Reihe kam, trat ich vor einen, ich möchte sagen, göttergleichen Mann. Sein Blick war durchdringend, scharf, wissend. Ich hatte mein ganzes Leben, noch nie einen solch ehrfurchtgebietenden Menschen gesehen und es ist mir auch nie mehr solch einer begegnet. Ich fragte ihn um meine Zukunft, um die meiner Familie und die meines Stammes. Nun hört genau zu, was er mir prophezeite.”
Beide, Hadamar sowie Chadeloch folgten mit Spannung der Erzählung Saros.
“Er sagte:” fuhr Saro fort, “Ein Held wurde einer deiner Töchter geboren. Unerkannt und verachtet ist er noch zur Stunde. Doch er wird reich an Tugend und Schönheit aus der Verborgenheit hervortreten. Aber sein Auftreten wird das Herz von so manchem Menschen offenbaren. Er, dein Nachkomme, wird kämpfen mit der unteren und mit der oberen Welt und die mittlere Welt wird ihn als kühnen Krieger ehren. Ein Geschlecht wird seinen Namen tragen und bleiben bis zum Untergang der Welt.
Ein Ring mit einem mächtigen Stein wird ihn schützen und vor plötzlichen, mächtigen Gefahren warnen. Ein weißes Pferd wird ihn auf seinem Rücken tragen und mit dem mächtigen Schwert Hinageban wird er streiten und ein Freund wird ihn begleiten. Alles was ich dir über deinen Enkelsohn sage, wird in fünf Jahren eintreffen.”
Saro ließ eine kurze Stille um die Bedeutung dieser Worte zu unterstreichen und sprach erst weiter, als er sah, daß die beiden unruhig auf die Fortsetzung warteten.
“Ich versuchte also alles zu erwerben, was dieser - mein Enkelsohn - für seinen Auftrag benötigen würde. Ich wußte, daß alleine du der von den Göttern Erwählte sein konntest. Denn als Kind wurdest du dem Gott eurer Väter geblotet, als einziger meiner und deines Großvaters Lenzens Enkelsohn, denn du warst als einziger am Tag der Sonne geboren. Ein altes Zeichen für einen von den Göttern erwählten Menschen. Das einzige was ich nicht auszudenken vermochte war, wie du in den Besitz von Hinageban kommen würdest. Schießlich erwarb ich noch bei den Druiden in den Karnuten ein Pferd. Es war damals erst sechs Monate alt. Derselbe mächtige Druide sprach über das noch kleine Hengstchen die mächtigsten Segens- und Zauberformeln und er gebot, daß keiner, außer dem zukünftigen Helden, dieses Pferd reiten dürfe und, daß das Pferd seinen Herrn von selbst erkennen würde. Dann besorgte ich mir noch bei einem anderen Druiden einen mächtigen Ring, nämlich diesen hier.”
Saro holte aus der Tasche seines Gewandes ein Lederbeutelchen, dessen Innenseite mit Samt überzogen war, hervor, öffnete es und nahm den darin eingepackten Ring heraus. Es war ein wunderschöner goldener Armreif dessen Mitte ein gräulicher Stein, der in Gold gefaßt war, zierte.
“Das Mächtige an dem Armring ist eben der Stein. Dieser Steinsplitter ist ein Bruchstück vom Altar auf welchem einer der mächtigsten Druiden aller Zeiten, dem Stammgott der Menschheit, dem Dago devos, den ihr Thiu nennt, die reinen Opfergaben darbrachte. Der Name des Druiden war Chelmiseked der damals in der heutigen Provinz Syrien-Judaea lebte. Hier nimm diesen Ring, er ist dein.”
Damit überreichte Saro Hadamar den Armring. Dann wandte er sich an Chadeloch und sprach zu ihm:
“Auch für dich, Chadeloch, habe ich ein Geschenk gesucht, der du als Freund Hadamar zu Seite stehen wirst. Es ist ein mächtiges Schwert der Druiden der Karnuten und sein Name ist in Runen auf die Schneide geschrieben. Es heißt: RISOBIDWINGAR.”
Saro nahm das Schwert und überreichte es Chadeloch. Dieser konnte seinem Glück keinen Ausdruck sprachlicher Natur geben und so umarmte er Saro, der nicht wußte wie ihm geschah.
“Ist schon gut, ist schon gut Chadeloch.” Dann drückte er ihn von sich und sprach: “Wir wollen nun den Schimmel anschauen gehen und sehen, ob du, Hadamar, wirklich der erwählte Held bist.”
Sie gingen zum Pferdestall und traten ein. Im hintersten Teil stand ein stattlicher Schimmelhengst, es mußte, dem Aussehen nach zu schließen, ein kraftvolles und schnelles Tier sein. Als das Pferd Hadamar erblickte und dieser ihm den Kopf mit den klugen Augen streichelte wieherte es seinem Herrn freudig zu und legte dann das Haupt auf Hadamars Schultern und er umarmte es.
“Zwei füreinander bestimmte Freunde treffen sich“, sagte Saro entzückt.
“Willst du es denn nicht schon reiten?” fragte Chadeloch begierig.
“Nein, erst Morgen. Heute will ich ihn noch nicht reiten.” erwiderte Hadamar.
“Da, gibt es noch einen weiteren Teil der Weissagung, den mir der Druide offenbarte,” hob Saro noch einmal an. “Er sagte: ‘An jenem Tag, da der Sohn deiner Tochter von dir scheiden wird, sag zu ihm, daß er nicht in seines Vaters Haus zurückkehren darf, sondern er soll sogleich aufbrechen um seinen Auftrag zu erfüllen.’ Das ist alles was ich dir sagen wollte. Es liegt nun an dir der Götter Wille zu erfüllen. Fürchte dich vor Nichts egal was auch kommen mag, fürchte dich nie vor etwas, sondern freue dich über die Erwählung!”
Saro umarmte seinen Enkel und verließ die beiden Freunde.
Beide ließen sich, nachdem Saro den Stall verlassen hatte, auf das Stroh am Boden niederfallen. Hadamar fuhr sich durch sein langes Haar und stieß erschöpf seinen Atem aus. Es war ihm alles ein bißchen viel geworden. Auch Chadeloch erkannte die Bedeutung des Augenblicks und war, wie sein Freund, still. Nach einiger Zeit brach er aber die Stille mit der Frage:
“Was nun?”
“Wir brechen, also morgen auf. Ich werde dir am Abend erklären was wir tun und wohin wir gehen werden. Jetzt aber möchte ich dich um einen großen Gefallen bitten.“
Hadamar schaute fragend in Chadelochs Augen und dieser forderte ihn auf:
“Na, sag’s schon.”
“Ich möchte dich bitten, dieses Armband Lucia zu bringen. Sag ihr es wäre der Tausch für den Ring, sie soll mich nicht vergessen und immer an uns denken wenn sie ihn trägt. Du kannst, so du das Bedürfnis verspürst, ihr auch die Geschichte des Ringes erzählen.”
“Bist du verrückt! Du brauchst doch einen Ring mit einem Stein, denk an das Druidenwort!”
“Schau hier trag ich einen Ring,” und Hadamar zeigte Chadeloch Lucias Ring den er am kleinen Finger trug.
“Und woher kommt der Stein?”
“Es ist ein Stein jenes Felsen auf dem der Gott Lucias gekreuzigt wurde. Das eine ist der Stein eines Druiden, so mächtig und groß dieser auch gewesen sein mag, er bleibt Mensch. Dieser Stein ist der Stein eines Gottes, welcher auch immer er sein mag, aber er ist der Gott, den Lucia verehrt. Wirst du für mich zu ihr gehen?”
“Mit Freude!”, entgegnete Chadeloch aufrichtig.
Damit verabschiedeten sich die beiden voneinander.
Chadeloch nahm sein Schwert und sein Pferd und ritt davon. Hadamar stand ebenfalls auf, streifte das Stroh von seiner Kleidung, nahm sein Pferd und ritt mit ihm in den Wald des Pennodurum. Als der Wald dichter wurde stieg er vom Pferd ab und führte es mit sich durch das dicht gewachsene Unterholz. Er kannte eine Stelle, an die er sich früher oft zurückgezogen hatte. Es war eine sehr große Felsnische, vor welcher sich das Wasser eines kleinen Wasserfalls wie Elfenstaub sanft zerstäubte. Dieser Ort wurde für ihn zu einem kleinen Heiligtum, einem Ort, wo er die Nähe der Götter besonders spürte. Er bahnte sich und dem Pferd, das er an den Zügeln mit sich führte, einen Weg durch das Dickicht. Das Pferd sträubte sich hie und da, doch es beugte sich immer wieder dem Willen seines Herrn. Mit einiger Mühe erreichten sie schließlich den besagten Ort. Vögel sangen und das Wasser prasselte von oben herab. Hadamar band das Pferd an einem Baum fest. Dann kniete er sich auf einen großen abgeflachten Stein, nach Art der Germanen, nieder, breitete seine Hände zum Gebet aus und verharrte still vor der erhabenen Anwesenheit der unsichtbaren Götter und betete besonders zu Thiu.
Er betete um ein gutes Gelingen seines Auftrags und bat um den göttlichen Schutz für sich und seinen Gefährten. Er erhob das Gebet zu den Wallküren und Fylgen, auf daß sie ihnen ständig Beistand leisten und sie sicher wieder zu Familie und Heimat zurückführen würden. Nach einer langen Zeit stand er auf und ging zu seinem Pferd. Er löste das Seil vom Baum und führte es nahe an das herunterprasselnde Wasser. Es war das Pferd, daß ihm seit seiner Jugend ein treuer Freund gewesen ist. Nichts desto trotz, er wollte es Thiu als Opfergabe weihen. So hielt er das Pferd mit der linken Hand am Zügel fest, zog mit der Rechten Hinageban aus der Scheide, holte aus und hieb mit einem einzigen Schlag seinem Pferd den Kopf ab. Das Blut schoß aus den Adern und vermengte sich mit dem Wasser und floß mit dem Wildbach hinab in den Brigantersee. Dann brachte er auf einem großen Stein, nachdem er auf ihm ein Feuer angezündet hatte das Herz des Pferdes als Brandopfer dar. Er betete:
Hadamar wartete bis das Herz verbrannt war. Dann verließ er den Ort und kehrte zurück zum Haus seines Großvaters.
Während Hadamar sich den Weg zum Wasserfall durchkämpfte, um dort zu beten und sein Pferd Thiu zu opfern, überbrachte Chadeloch Lucia den Armreif. Er unterließ es nicht die ganze Geschichte - und noch etwas mehr - des Ringes zu erzählen. Dann erzählte er ihr, daß er und Hadamar morgen aufbrechen würden und, daß ein Druide Glorreiches über Hadamar vorhergesagt habe. Lucia verbarg ihre Wehmut über den Aufbruch zur Reise. Sie versprach beständig der beiden im Gebet zu gedenken und überreichte ihm ein kleines zugeschnürtes Lederbeutelchen für Hadamar. Mit dem Wunsch um den Beistand des allmächtigen Gottes verabschiedete sie sich von Chadeloch. Dieser verließ das Haus des Maximus und ritt an den nahe gelegenen See. Dort setzte er sich ans Ufer und betrachtete die Weite desselben.
Wie oft, so ging es ihm durch den Kopf, saß er seit seiner Kindheit an demselben Gewässer an dem er auch heute sitzt. Wie lange gab es schon diesen See? Wie alt war er Chadeloch, Lenzens Sohn? Er war blutjung im Gegensatz zu diesem uralten See, der durch einen tiefen Gang sogar mit den Gewässern Schwedens verbunden war. Wie lange wird es ihn noch geben, diesen See, und wie lange wird es ihn noch geben, Chadeloch Lenzens Sohn? Ein leichter Schauer überfiel den sonst so selbstbewußten und heiteren Sohn des Stammeskönigs. Er wurde sich bewußt, daß dies auch das letzte Mal sein könnte, das letzte Mal, daß er an diesem Gewässer säße. Er lockerte seine trüben Gedanken, indem er Steine ins klare Wasser des Sees warf. Er sah zu wie sie plumpsend im tiefen Naß versanken und im Wasser zahlreiche Kreise hinterließen. Es könnte sein, daß sich in diesem Abenteuer der Kreis seines Lebens schließe. Er holte tief Luft und sagte zu sich:
“Na und, was soll’s!”
Nach einer Weile erhob er sich, nahm sein Schwert von der Seite und hielt es behutsam wie ein kleines Kind in seinen beiden Händen.
“Mit dir mein kleiner Freund bin ich groß geworden. Kannst du dich noch erinnern, wie wir alle meine Freunde, außer dem einen, gemeinsam besiegt haben. Erinnerst du dich auch noch an die lustigen Momente, da wir den Mädchen gemeinsam Klapse auf ihren Allerwertesten versetzten. Ihre entrüsteten Blicke, ihr auffliegender Zorn, welcher sich bei so mancher bis zur Wut steigerte, oh - es war herrlich. Ja, wir können auf eine schöne gemeinsame Zeit zurückblicken. Nun denn, du wirst es nicht glauben, doch ich nehme jetzt Abschied von dir, - Abschied für immer. Von heute an gehörst du nicht mehr mir, sondern du gehörst den Asen und unter ihnen sollst du insbesondere Thiu geweiht sein. So denn, mein treuer Weggefährte, lebe wohl und wenn du von einer Götterhand geführt wirst gedenke allem was ich, Chadeloch, dir beigebracht habe. Mache mir keine Schande!”
Mit Tränen in den Augen warf Hadamars Freund sein Schwert, den Göttern zum Opfer, in den tiefen Brigantersee. Dies geschah zum selben Augenblick, an welchem Hinageban den Kopf des Pferdes von dessen Leib trennte. Chadeloch blickte dem im Wasser versinkenden Schwert nach und wartete bis die letzte Luftblase aufgestiegen und der letzte Ring im Wasser sich verlaufen hatte. Dann ging er zu seinem Pferd, nahm vom Sattel das Druidenschwert Risobidwingar und gürtete es sich um. Daraufhin sprang er in den Sattel und ritt gemächlich zurück zum Haus von Hadamars Großvater.
Der Sonne Lauf war schon weit nach Westen fortgeschritten, als sich Hadamar und Chadeloch wieder in Saros Haus trafen. Sie setzten sich ins Zimmer, das sie gemeinsam teilten. Chadeloch überreichte Hadamar das Lederbeutelchen Lucias und überbrachte ihm ihre Grüße. Vorerst schob dieser das Geschenk von Maximussens Tochter zur Seite und eröffnete das Gespräch:
“Also, du bist bereit mich auf meiner Reise zu begleiten.”
“Klar, du weißt, daß ich nichts mehr als Abenteuer liebe. Zudem brauchst du jemand der ein wenig Acht auf die gibt, jemand der fähig ist dir deine Verklemmtheit und zu große Ehrlichkeit am falschen Ort abzuerziehen. Aber was müssen wir überhaupt genau tun. Was ist dieser so geheimnisvolle Auftrag, von dem ich nun dies und jenes gehört habe? Wohin, falls du das schon weist, werden wir zuerst reisen?”
“Also, eines nach dem andern. Da du mit mir gehen möchtest und das Schicksal uns in diesen Tagen enger als je zuvor zusammengebracht hat, will ich dir erzählen, was sich seit unserem Kampf zugetragen hat.” Hadamar erzählte ihm vom Gespräch mit Lenz und alles was er ihm gesagt und aufgetragen hatte. Er erzählte ihm die Geschichte mit Hinageban. Nachdem er seine Erzählung beendet hatte, antwortete, der ausnahmsweise nicht kommentierend zuhörende, Chadeloch:
„Ei ei ei, das ist nicht gut, das mit dem Schwert meine ich. Mein Vater wird das sicherlich nicht ruhig und gelassen hinnehmen. Er kannte keinen größeren Wunsch, kein leidenschaftlicheres Verlangen, als in den Besitz dieses Schwertes zu kommen. Wie oft - ich kann mich an so manches Mal selbst erinnern - hat er Großvater darum gebeten. Wie betrübt, gereizt und wütend kam er zurück, wenn dieser ihn um ein weiteres Mal um die Erfüllung des Wunsches scheinbar betrog. Er wird es sich einfach nehmen, er wird es an sich reißen, egal was auch immer es kosten mag. Denn was nützt es auf dem Hochsitz zu sitzen, das Königtum inne zu haben - ohne Hinageban. Nur mit dem Schwert besitzt er die volle Macht, ohne das Schwert was soll da das Innehaben des Hochsitzes groß bedeuten?”
“Kennst du etwa die Geschichte des Schwertes?”
“Nein. Vater sagte mir nur, daß es eines der ältesten und mächtigsten Schwerter sei, die es je gab und geben wird. Er sagte auch, daß der der es trägt keinen Kampf zu fürchten brauche, denn es trage in sich die Kraft der Götter. Das ist aber schon alles was ich über dieses Schwert weiß. Doch glaube mir das eine: Solange du im Besitz dieses Schwertes bist, wirst du vor meinem Vater keine Ruhe haben, er wird dein erbitterter Feind sein.”
“Chadeloch, es ist besser du kehrst zu deiner Familie zurück. Ich will auf keinen Fall eine Spaltung unter den deinen bewirken, egal was sie auch von mir halten!”
Hadamar war ziemlich erregt und es war ihm nicht nur ernst mit seiner Bitte, sondern es war auch sein Wunsch, denn auf keinen Fall wollte er das Leben seines Freundes in irgendeine Gefahr oder Unannehmlichkeit bringen. Chadeloch war aber fest entschlossen mit ihm zu gehen und sagte:
“Ich gehe mit dir, das ist so sicher wie ich jetzt hier sitze. Ich gehe nicht mit dir wegen dem Schwert, das zu tragen du gewürdigt bist, sondern ich gehe mit dir, weil Freunde zusammen gehören, weil du mein Freund bist. Ich will dir helfen, deinen Auftrag zu erfüllen und vielleicht bin ich tatsächlich der von den Göttern bestimmte Freund an deiner Seite. Wäre dies der Fall, so müßte ich dir auch wegen des Orakelspruches folgen.”
“Ich danke dir Chadeloch für deine Großherzigkeit und deinen edlen Mut. Als Männer gleichen Ranges und als Freunde wollen wir morgen in die Ferne reiten. Es soll keinen Unterschied zwischen uns geben und wir wollen für uns gegenseitig einstehen und auch gemeinsam die Siege erringen. Mögen die Götter mit uns sein!”
Hadamar und Chadeloch reichten sich die Hand und schworen füreinander einzustehen, egal was auch immer kommen mag.
“Wohin geht also unsere Reise, Hada?”
“Es geht nach Norden, dorthin, von wo unsere Väter einst kamen, dorthin, wo die ursprüngliche Heimat unseres Volkes war, von der sie durch die Slawen vertrieben wurde. In diesem Land gab es einst einen heiligen Hain, Alah mit Namen. Nach diesem Namen bezeichneten uns die fremden Völker und nannten uns: Alahmannen, das Volk vom Götterhain. Diesen Hain, an dem unsere Väter Thiu noch mit reinem Herzen die Opfer darbrachten, müssen wir finden. Von diesem Ort erhoffe ich mir die Lösung der mir gestellten Aufgabe. Wie es dann weitergeht werden wir sehen wenn wir dieses Ziel erst einmal erreicht haben.”
“Und wie weit ist der Alah von hier entfernt?”
“Man sagte mir, daß er von uns aus etwa soweit wie Rom entfernt läge. Nur mit dem einen Unterschied, daß es da keine schnellen römischen Verkehrswege gibt, sondern die Reise durch zum Teil unwegsames Gelände führt.”
“Großartig, gewaltig!”, rief Chadeloch in einem Anflug wahrer Abenteuerlust und rieb sich vor Freude die Hände. Hadamar der das ganze mehr als eine Last empfand sagte deshalb um die Begeisterung ein wenig zu brechen:
“Laß uns jetzt zur Ruhe gehen, denn vielleicht ist es die letzte Nacht in einem solch herrlichen Bett.”
Chadeloch hüpfte in sein Bett und schlief auch bald darauf ein. Hadamar schüttelte nur den Kopf. Hin und wieder kam ihm sein Freund wie ein noch großes Kind vor, doch er ahnte, daß Chadeloch damit nur das Unbehagen zu verdrängen versuchte. Hadamar fühlte sich schwer ums Herz, er fühlte sich fremd, er empfand die weite Kluft, die sich zwischen ihm und seiner vertrauten Umgebung noch mehr aufriß. War sie denn wirklich nicht schon groß genug gewesen? Gerade jetzt, wo alles wieder so nahe kam, wo ihm Ehre, Freundschaft, Liebe und Glück zugetragen wurden, gerade in diesem Augenblick wurde ihm auch schon wieder alles entrissen? Das einzige was er behalten konnte, von dem was ihm gegeben wurde, waren ein Auftrag, ein Schwert, ein Pferd, ein Freund und die Liebe.
Da entsann er sich wieder Lucias und ihres Geschenkes. Er nahm das Lederbeutelchen und öffnete es. Darin war etwas in einen feinen Stoff eingewickelt. Er wickelte das im Stoff Verborgene behutsam aus und eine Rosenblüte kam zum Vorschein. Es war eine jener Rosen, die er gestern bewunderte und deren Zartheit und Schönheit er mit jener Lucias vergleichen wollte. Er nahm die zarte Blüte behutsam in die Hände und ließ ihren lieblichen Duft tief auf sich einwirken. Dann wickelte er die Blüte wieder ein, gab sie in das Beutelchen und hängte sich dasselbe um den Hals. Er küßte den Ring, drückte ihn an sein Herz und schlief bald darauf ein.
Die krähenden Hähne verkündeten der noch im Schlafe liegenden Stadt Brigantium einen neuen Tag. Auch im Haus Saros war noch alles ruhig, mit Ausnahme eines Zimmers des Hauses, denn dort war einer mit seinen morgendlichen Übungen beschäftigt. Nachdem sein Körper aufgewärmt war ging er über zu den Übungen für den Schwertkampf. Er packte sein Schwert und dasselbe durchschnitt mit einem Pfeifen die Luft. Stich, Abwehr, Stich, Abwehr, Schwung holen und krachend fiel die Abgehackte Stuhllehne zu Boden
“Chadeloch!” rief Hadamar mit schläfriger Stimme.
“Ähäm, einen wunderschönen, herrlichen, guten Morgen, mein lieber Hada. Ich hoffe du hast angenehm geruht. Darf ich dir auch gleich schon die Sandalen bringen. Soll ich dir die Zähne putzen. Übrigens, das Schwert ist wirklich verdammt gut. Nur, daß es keinen Respekt vor unschuldigen Stühlen zeigt, ja, das trübt die Freude an ihm.”
Dann wandte sich Chadeloch dem Schwert zu und schimpfte:
„Du böses, böses Schwert. Ich sagte doch, weg von den Stühlen. Ich sagte wiederholt, du sollst das Mobilar schonen und was tust du? Na? Was tust du? Du zerstörst die nächst beste Stuhllehne. Den Göttern sei Dank, daß es nur ein gewöhnlicher Stuhl war. Tu mir das ja nie wieder. Hörst du?! Nie wieder! Puh, verzeih Hada, ich bin einfach ausgerastet über die Unverschämtheit des Schwertes. Es tat einfach was es wollte und du wirst meiner Meinung sein, daß man da nicht lange zuschauen darf, sondern gleich etwas sagen muß, denn wohin würde das führen?”
“Bitte Chadeloch, hör auf, bitte. Verschone mich mit diesem Gerede!”
Chadeloch grinste über beide Ohren in Hadamars Gesicht und dieser schmunzelte zurück.
“Übrigens, du kannst dein altes Schwert meinen Eltern mitgeben, sie können es dann bei dir zuhause abgeben.”
“Nicht nötig, ich habe es schon weggegeben.”
“Wohin denn?”
“Nur die Götter allein sollen dies wissen. Übrigens,” versuchte Chadeloch einer weiteren unangenehmen Frage auszuweichen, “glaubst du, daß Saro auch an den Proviant, den wir für die Reise benötigen werden, gedacht hat?”
“Natürlich. Er weiß was man auf einer langen Reise braucht. Im Übrigen glaube ich, daß es gut wäre noch einen Speer für die Jagd mitzunehmen. Denn von frischen Beeren und Kräutern alleine werde zumindest ich nicht besonders satt.”
“Eine ausgezeichnete Idee!”, erwiderte Chadeloch.
So kleideten sich denn beide an und gingen in den Pferdestall um die Pferde für die Reise zurechtzumachen.
“Was für einen Namen willst du deinem Schimmel überhaupt geben? Etwa Sleipnir?”
“Nein, aber ich muß bekennen, daß ich zuerst auch an diesen Namen gedacht habe. Doch ich habe mich dann für einen anderen Namen entschieden, nämlich für ‘Uerstrit’.”
Hadamars Freund schüttelte unter einem großen Seufzer sein Haupt und sprach mit gespielt verzweifeltem Ton:
“Es ist hoffnungslos mit dir. Alle vernünftigen Menschen geben ihren Pferden Namen von Sternen, Göttern, Helden und du, was tust du? Uerstrit. Hada, Hada du bist ein Philosoph.”
Kopfschüttelnd fuhr Chadeloch dann fort, sein Pferd zu bepacken. Doch fragte er plötzlich:
“Hada, wo ist übrigens dein altes Pferd, ich kann es nirgends erblicken.
“Nur die Götter allein sollen dies wissen, die Götter allein, mein lieber Chadeloch”, entgegnete ihm Hadamar mit einem Lächeln.
Saro stattete die beiden Helden mit allem Notwendigen aus. Dann nahmen Hadamar und Chadeloch Abschied. Die Trennung war schwer und besonders Idun und die anderen Geschwister fühlten einen tiefen Schmerz über den Fortgang ihres Bruders. Die beiden Enkel Lenzens sprangen in die Sättel, baten allen Verwandten liebe Grüße zu bestellen und ritten davon.
“Die Götter mögen euch beistehen!” riefen die Zurückgebliebenen im Chor und warteten bis die beiden nicht mehr zu sehen waren. Nachdem sie die Nekropole passiert hatten und dann ein kurzes Stück in Richtung Pennodurum ritten kam eine scharfe Kurve die dann hinunter zum Kastell führte. Ein wilder Bach durchzog dieses kleine Tal und als sie die wenigen Schritte an dem die römische Straße an dessen Ufer ihren Verlauf nahm sagte Chadeloch:
“Nun denn Hada, es beginnt die Zeit unserer Bewährung.
“Deshalb antworte ich dir:
So auf! Kein Zögern wollen wir kennen!”
“Setzt euch hin und hört mir zu. Vor allem du, Hadamar, sollst dir merken, was dein Großvater zu dir spricht. Wie du vielleicht weißt, hatte ich öfters geschäftliches in Lutetia zu tun. Seit meinem letzten Aufenthalt in dieser großen Stadt, sind nun rund fünf Jahre verflossen. Es gelang mir damals die Geschäfte früher als gewöhnlich zu beenden. Ich empfand es als eine Fügung der Götter, denn durch die gewonnene Zeit war es möglich, mir selbst einen lange gehegten Wunsch zu erfüllen. Ich ritt also an einen abgelegenen Ort in den Carnutes, von dem mir gesagt wurde, daß sich dorthin die mächtigsten Druiden unseres Volkes zurückgezogen hatten. Viele Menschen suchten bei ihnen Rat, Hilfe, Heilung und Schiedsspruch. Der göttlichen Mutter und dem Gehörnten sei Dank, daß ich den heiligen Ort, in der Nähe des Flusses Liger, ohne große Umwege fand. Ich fragte mich bei den Menschen durch, wo ich den mächtigsten und weisesten der Druiden finden könne und sie wiesen mir den Weg zu ihm, welcher den Namen Guatwater trug. Ich mußte einige Stunden warten, so groß war der Andrang, doch als ich an die Reihe kam, trat ich vor einen, ich möchte sagen, göttergleichen Mann. Sein Blick war durchdringend, scharf, wissend. Ich hatte mein ganzes Leben, noch nie einen solch ehrfurchtgebietenden Menschen gesehen und es ist mir auch nie mehr solch einer begegnet. Ich fragte ihn um meine Zukunft, um die meiner Familie und die meines Stammes. Nun hört genau zu, was er mir prophezeite.”
Beide, Hadamar sowie Chadeloch folgten mit Spannung der Erzählung Saros.
“Er sagte:” fuhr Saro fort, “Ein Held wurde einer deiner Töchter geboren. Unerkannt und verachtet ist er noch zur Stunde. Doch er wird reich an Tugend und Schönheit aus der Verborgenheit hervortreten. Aber sein Auftreten wird das Herz von so manchem Menschen offenbaren. Er, dein Nachkomme, wird kämpfen mit der unteren und mit der oberen Welt und die mittlere Welt wird ihn als kühnen Krieger ehren. Ein Geschlecht wird seinen Namen tragen und bleiben bis zum Untergang der Welt.
Ein Ring mit einem mächtigen Stein wird ihn schützen und vor plötzlichen, mächtigen Gefahren warnen. Ein weißes Pferd wird ihn auf seinem Rücken tragen und mit dem mächtigen Schwert Hinageban wird er streiten und ein Freund wird ihn begleiten. Alles was ich dir über deinen Enkelsohn sage, wird in fünf Jahren eintreffen.”
Saro ließ eine kurze Stille um die Bedeutung dieser Worte zu unterstreichen und sprach erst weiter, als er sah, daß die beiden unruhig auf die Fortsetzung warteten.
“Ich versuchte also alles zu erwerben, was dieser - mein Enkelsohn - für seinen Auftrag benötigen würde. Ich wußte, daß alleine du der von den Göttern Erwählte sein konntest. Denn als Kind wurdest du dem Gott eurer Väter geblotet, als einziger meiner und deines Großvaters Lenzens Enkelsohn, denn du warst als einziger am Tag der Sonne geboren. Ein altes Zeichen für einen von den Göttern erwählten Menschen. Das einzige was ich nicht auszudenken vermochte war, wie du in den Besitz von Hinageban kommen würdest. Schießlich erwarb ich noch bei den Druiden in den Karnuten ein Pferd. Es war damals erst sechs Monate alt. Derselbe mächtige Druide sprach über das noch kleine Hengstchen die mächtigsten Segens- und Zauberformeln und er gebot, daß keiner, außer dem zukünftigen Helden, dieses Pferd reiten dürfe und, daß das Pferd seinen Herrn von selbst erkennen würde. Dann besorgte ich mir noch bei einem anderen Druiden einen mächtigen Ring, nämlich diesen hier.”
Saro holte aus der Tasche seines Gewandes ein Lederbeutelchen, dessen Innenseite mit Samt überzogen war, hervor, öffnete es und nahm den darin eingepackten Ring heraus. Es war ein wunderschöner goldener Armreif dessen Mitte ein gräulicher Stein, der in Gold gefaßt war, zierte.
“Das Mächtige an dem Armring ist eben der Stein. Dieser Steinsplitter ist ein Bruchstück vom Altar auf welchem einer der mächtigsten Druiden aller Zeiten, dem Stammgott der Menschheit, dem Dago devos, den ihr Thiu nennt, die reinen Opfergaben darbrachte. Der Name des Druiden war Chelmiseked der damals in der heutigen Provinz Syrien-Judaea lebte. Hier nimm diesen Ring, er ist dein.”
Damit überreichte Saro Hadamar den Armring. Dann wandte er sich an Chadeloch und sprach zu ihm:
“Auch für dich, Chadeloch, habe ich ein Geschenk gesucht, der du als Freund Hadamar zu Seite stehen wirst. Es ist ein mächtiges Schwert der Druiden der Karnuten und sein Name ist in Runen auf die Schneide geschrieben. Es heißt: RISOBIDWINGAR.”
Saro nahm das Schwert und überreichte es Chadeloch. Dieser konnte seinem Glück keinen Ausdruck sprachlicher Natur geben und so umarmte er Saro, der nicht wußte wie ihm geschah.
“Ist schon gut, ist schon gut Chadeloch.” Dann drückte er ihn von sich und sprach: “Wir wollen nun den Schimmel anschauen gehen und sehen, ob du, Hadamar, wirklich der erwählte Held bist.”
Sie gingen zum Pferdestall und traten ein. Im hintersten Teil stand ein stattlicher Schimmelhengst, es mußte, dem Aussehen nach zu schließen, ein kraftvolles und schnelles Tier sein. Als das Pferd Hadamar erblickte und dieser ihm den Kopf mit den klugen Augen streichelte wieherte es seinem Herrn freudig zu und legte dann das Haupt auf Hadamars Schultern und er umarmte es.
“Zwei füreinander bestimmte Freunde treffen sich“, sagte Saro entzückt.
“Willst du es denn nicht schon reiten?” fragte Chadeloch begierig.
“Nein, erst Morgen. Heute will ich ihn noch nicht reiten.” erwiderte Hadamar.
“Da, gibt es noch einen weiteren Teil der Weissagung, den mir der Druide offenbarte,” hob Saro noch einmal an. “Er sagte: ‘An jenem Tag, da der Sohn deiner Tochter von dir scheiden wird, sag zu ihm, daß er nicht in seines Vaters Haus zurückkehren darf, sondern er soll sogleich aufbrechen um seinen Auftrag zu erfüllen.’ Das ist alles was ich dir sagen wollte. Es liegt nun an dir der Götter Wille zu erfüllen. Fürchte dich vor Nichts egal was auch kommen mag, fürchte dich nie vor etwas, sondern freue dich über die Erwählung!”
Saro umarmte seinen Enkel und verließ die beiden Freunde.
Beide ließen sich, nachdem Saro den Stall verlassen hatte, auf das Stroh am Boden niederfallen. Hadamar fuhr sich durch sein langes Haar und stieß erschöpf seinen Atem aus. Es war ihm alles ein bißchen viel geworden. Auch Chadeloch erkannte die Bedeutung des Augenblicks und war, wie sein Freund, still. Nach einiger Zeit brach er aber die Stille mit der Frage:
“Was nun?”
“Wir brechen, also morgen auf. Ich werde dir am Abend erklären was wir tun und wohin wir gehen werden. Jetzt aber möchte ich dich um einen großen Gefallen bitten.“
Hadamar schaute fragend in Chadelochs Augen und dieser forderte ihn auf:
“Na, sag’s schon.”
“Ich möchte dich bitten, dieses Armband Lucia zu bringen. Sag ihr es wäre der Tausch für den Ring, sie soll mich nicht vergessen und immer an uns denken wenn sie ihn trägt. Du kannst, so du das Bedürfnis verspürst, ihr auch die Geschichte des Ringes erzählen.”
“Bist du verrückt! Du brauchst doch einen Ring mit einem Stein, denk an das Druidenwort!”
“Schau hier trag ich einen Ring,” und Hadamar zeigte Chadeloch Lucias Ring den er am kleinen Finger trug.
“Und woher kommt der Stein?”
“Es ist ein Stein jenes Felsen auf dem der Gott Lucias gekreuzigt wurde. Das eine ist der Stein eines Druiden, so mächtig und groß dieser auch gewesen sein mag, er bleibt Mensch. Dieser Stein ist der Stein eines Gottes, welcher auch immer er sein mag, aber er ist der Gott, den Lucia verehrt. Wirst du für mich zu ihr gehen?”
“Mit Freude!”, entgegnete Chadeloch aufrichtig.
Damit verabschiedeten sich die beiden voneinander.
Chadeloch nahm sein Schwert und sein Pferd und ritt davon. Hadamar stand ebenfalls auf, streifte das Stroh von seiner Kleidung, nahm sein Pferd und ritt mit ihm in den Wald des Pennodurum. Als der Wald dichter wurde stieg er vom Pferd ab und führte es mit sich durch das dicht gewachsene Unterholz. Er kannte eine Stelle, an die er sich früher oft zurückgezogen hatte. Es war eine sehr große Felsnische, vor welcher sich das Wasser eines kleinen Wasserfalls wie Elfenstaub sanft zerstäubte. Dieser Ort wurde für ihn zu einem kleinen Heiligtum, einem Ort, wo er die Nähe der Götter besonders spürte. Er bahnte sich und dem Pferd, das er an den Zügeln mit sich führte, einen Weg durch das Dickicht. Das Pferd sträubte sich hie und da, doch es beugte sich immer wieder dem Willen seines Herrn. Mit einiger Mühe erreichten sie schließlich den besagten Ort. Vögel sangen und das Wasser prasselte von oben herab. Hadamar band das Pferd an einem Baum fest. Dann kniete er sich auf einen großen abgeflachten Stein, nach Art der Germanen, nieder, breitete seine Hände zum Gebet aus und verharrte still vor der erhabenen Anwesenheit der unsichtbaren Götter und betete besonders zu Thiu.
Er betete um ein gutes Gelingen seines Auftrags und bat um den göttlichen Schutz für sich und seinen Gefährten. Er erhob das Gebet zu den Wallküren und Fylgen, auf daß sie ihnen ständig Beistand leisten und sie sicher wieder zu Familie und Heimat zurückführen würden. Nach einer langen Zeit stand er auf und ging zu seinem Pferd. Er löste das Seil vom Baum und führte es nahe an das herunterprasselnde Wasser. Es war das Pferd, daß ihm seit seiner Jugend ein treuer Freund gewesen ist. Nichts desto trotz, er wollte es Thiu als Opfergabe weihen. So hielt er das Pferd mit der linken Hand am Zügel fest, zog mit der Rechten Hinageban aus der Scheide, holte aus und hieb mit einem einzigen Schlag seinem Pferd den Kopf ab. Das Blut schoß aus den Adern und vermengte sich mit dem Wasser und floß mit dem Wildbach hinab in den Brigantersee. Dann brachte er auf einem großen Stein, nachdem er auf ihm ein Feuer angezündet hatte das Herz des Pferdes als Brandopfer dar. Er betete:
Erhabener,
heiliger und lichter Vater,
Gott unserer Väter und unsterblicher Erbauer der Welten,
Thiu du Gott der Götter und Herr der Herren,
nimm dieses Opfer deines unwürdigen Knechtes an.
Hilf mir, dich zu finden und dir,
dich einmal gefunden,
mit ganzem Herzen und mit vollkommener Hingabe zu dienen.
Laß mich meine Sendung nach deinem Wohlgefallen erfüllen
und glücklich wieder die Heimat erreichen.
Hadamar wartete bis das Herz verbrannt war. Dann verließ er den Ort und kehrte zurück zum Haus seines Großvaters.
Während Hadamar sich den Weg zum Wasserfall durchkämpfte, um dort zu beten und sein Pferd Thiu zu opfern, überbrachte Chadeloch Lucia den Armreif. Er unterließ es nicht die ganze Geschichte - und noch etwas mehr - des Ringes zu erzählen. Dann erzählte er ihr, daß er und Hadamar morgen aufbrechen würden und, daß ein Druide Glorreiches über Hadamar vorhergesagt habe. Lucia verbarg ihre Wehmut über den Aufbruch zur Reise. Sie versprach beständig der beiden im Gebet zu gedenken und überreichte ihm ein kleines zugeschnürtes Lederbeutelchen für Hadamar. Mit dem Wunsch um den Beistand des allmächtigen Gottes verabschiedete sie sich von Chadeloch. Dieser verließ das Haus des Maximus und ritt an den nahe gelegenen See. Dort setzte er sich ans Ufer und betrachtete die Weite desselben.
Wie oft, so ging es ihm durch den Kopf, saß er seit seiner Kindheit an demselben Gewässer an dem er auch heute sitzt. Wie lange gab es schon diesen See? Wie alt war er Chadeloch, Lenzens Sohn? Er war blutjung im Gegensatz zu diesem uralten See, der durch einen tiefen Gang sogar mit den Gewässern Schwedens verbunden war. Wie lange wird es ihn noch geben, diesen See, und wie lange wird es ihn noch geben, Chadeloch Lenzens Sohn? Ein leichter Schauer überfiel den sonst so selbstbewußten und heiteren Sohn des Stammeskönigs. Er wurde sich bewußt, daß dies auch das letzte Mal sein könnte, das letzte Mal, daß er an diesem Gewässer säße. Er lockerte seine trüben Gedanken, indem er Steine ins klare Wasser des Sees warf. Er sah zu wie sie plumpsend im tiefen Naß versanken und im Wasser zahlreiche Kreise hinterließen. Es könnte sein, daß sich in diesem Abenteuer der Kreis seines Lebens schließe. Er holte tief Luft und sagte zu sich:
“Na und, was soll’s!”
Nach einer Weile erhob er sich, nahm sein Schwert von der Seite und hielt es behutsam wie ein kleines Kind in seinen beiden Händen.
“Mit dir mein kleiner Freund bin ich groß geworden. Kannst du dich noch erinnern, wie wir alle meine Freunde, außer dem einen, gemeinsam besiegt haben. Erinnerst du dich auch noch an die lustigen Momente, da wir den Mädchen gemeinsam Klapse auf ihren Allerwertesten versetzten. Ihre entrüsteten Blicke, ihr auffliegender Zorn, welcher sich bei so mancher bis zur Wut steigerte, oh - es war herrlich. Ja, wir können auf eine schöne gemeinsame Zeit zurückblicken. Nun denn, du wirst es nicht glauben, doch ich nehme jetzt Abschied von dir, - Abschied für immer. Von heute an gehörst du nicht mehr mir, sondern du gehörst den Asen und unter ihnen sollst du insbesondere Thiu geweiht sein. So denn, mein treuer Weggefährte, lebe wohl und wenn du von einer Götterhand geführt wirst gedenke allem was ich, Chadeloch, dir beigebracht habe. Mache mir keine Schande!”
Mit Tränen in den Augen warf Hadamars Freund sein Schwert, den Göttern zum Opfer, in den tiefen Brigantersee. Dies geschah zum selben Augenblick, an welchem Hinageban den Kopf des Pferdes von dessen Leib trennte. Chadeloch blickte dem im Wasser versinkenden Schwert nach und wartete bis die letzte Luftblase aufgestiegen und der letzte Ring im Wasser sich verlaufen hatte. Dann ging er zu seinem Pferd, nahm vom Sattel das Druidenschwert Risobidwingar und gürtete es sich um. Daraufhin sprang er in den Sattel und ritt gemächlich zurück zum Haus von Hadamars Großvater.
Der Sonne Lauf war schon weit nach Westen fortgeschritten, als sich Hadamar und Chadeloch wieder in Saros Haus trafen. Sie setzten sich ins Zimmer, das sie gemeinsam teilten. Chadeloch überreichte Hadamar das Lederbeutelchen Lucias und überbrachte ihm ihre Grüße. Vorerst schob dieser das Geschenk von Maximussens Tochter zur Seite und eröffnete das Gespräch:
“Also, du bist bereit mich auf meiner Reise zu begleiten.”
“Klar, du weißt, daß ich nichts mehr als Abenteuer liebe. Zudem brauchst du jemand der ein wenig Acht auf die gibt, jemand der fähig ist dir deine Verklemmtheit und zu große Ehrlichkeit am falschen Ort abzuerziehen. Aber was müssen wir überhaupt genau tun. Was ist dieser so geheimnisvolle Auftrag, von dem ich nun dies und jenes gehört habe? Wohin, falls du das schon weist, werden wir zuerst reisen?”
“Also, eines nach dem andern. Da du mit mir gehen möchtest und das Schicksal uns in diesen Tagen enger als je zuvor zusammengebracht hat, will ich dir erzählen, was sich seit unserem Kampf zugetragen hat.” Hadamar erzählte ihm vom Gespräch mit Lenz und alles was er ihm gesagt und aufgetragen hatte. Er erzählte ihm die Geschichte mit Hinageban. Nachdem er seine Erzählung beendet hatte, antwortete, der ausnahmsweise nicht kommentierend zuhörende, Chadeloch:
„Ei ei ei, das ist nicht gut, das mit dem Schwert meine ich. Mein Vater wird das sicherlich nicht ruhig und gelassen hinnehmen. Er kannte keinen größeren Wunsch, kein leidenschaftlicheres Verlangen, als in den Besitz dieses Schwertes zu kommen. Wie oft - ich kann mich an so manches Mal selbst erinnern - hat er Großvater darum gebeten. Wie betrübt, gereizt und wütend kam er zurück, wenn dieser ihn um ein weiteres Mal um die Erfüllung des Wunsches scheinbar betrog. Er wird es sich einfach nehmen, er wird es an sich reißen, egal was auch immer es kosten mag. Denn was nützt es auf dem Hochsitz zu sitzen, das Königtum inne zu haben - ohne Hinageban. Nur mit dem Schwert besitzt er die volle Macht, ohne das Schwert was soll da das Innehaben des Hochsitzes groß bedeuten?”
“Kennst du etwa die Geschichte des Schwertes?”
“Nein. Vater sagte mir nur, daß es eines der ältesten und mächtigsten Schwerter sei, die es je gab und geben wird. Er sagte auch, daß der der es trägt keinen Kampf zu fürchten brauche, denn es trage in sich die Kraft der Götter. Das ist aber schon alles was ich über dieses Schwert weiß. Doch glaube mir das eine: Solange du im Besitz dieses Schwertes bist, wirst du vor meinem Vater keine Ruhe haben, er wird dein erbitterter Feind sein.”
“Chadeloch, es ist besser du kehrst zu deiner Familie zurück. Ich will auf keinen Fall eine Spaltung unter den deinen bewirken, egal was sie auch von mir halten!”
Hadamar war ziemlich erregt und es war ihm nicht nur ernst mit seiner Bitte, sondern es war auch sein Wunsch, denn auf keinen Fall wollte er das Leben seines Freundes in irgendeine Gefahr oder Unannehmlichkeit bringen. Chadeloch war aber fest entschlossen mit ihm zu gehen und sagte:
“Ich gehe mit dir, das ist so sicher wie ich jetzt hier sitze. Ich gehe nicht mit dir wegen dem Schwert, das zu tragen du gewürdigt bist, sondern ich gehe mit dir, weil Freunde zusammen gehören, weil du mein Freund bist. Ich will dir helfen, deinen Auftrag zu erfüllen und vielleicht bin ich tatsächlich der von den Göttern bestimmte Freund an deiner Seite. Wäre dies der Fall, so müßte ich dir auch wegen des Orakelspruches folgen.”
“Ich danke dir Chadeloch für deine Großherzigkeit und deinen edlen Mut. Als Männer gleichen Ranges und als Freunde wollen wir morgen in die Ferne reiten. Es soll keinen Unterschied zwischen uns geben und wir wollen für uns gegenseitig einstehen und auch gemeinsam die Siege erringen. Mögen die Götter mit uns sein!”
Hadamar und Chadeloch reichten sich die Hand und schworen füreinander einzustehen, egal was auch immer kommen mag.
“Wohin geht also unsere Reise, Hada?”
“Es geht nach Norden, dorthin, von wo unsere Väter einst kamen, dorthin, wo die ursprüngliche Heimat unseres Volkes war, von der sie durch die Slawen vertrieben wurde. In diesem Land gab es einst einen heiligen Hain, Alah mit Namen. Nach diesem Namen bezeichneten uns die fremden Völker und nannten uns: Alahmannen, das Volk vom Götterhain. Diesen Hain, an dem unsere Väter Thiu noch mit reinem Herzen die Opfer darbrachten, müssen wir finden. Von diesem Ort erhoffe ich mir die Lösung der mir gestellten Aufgabe. Wie es dann weitergeht werden wir sehen wenn wir dieses Ziel erst einmal erreicht haben.”
“Und wie weit ist der Alah von hier entfernt?”
“Man sagte mir, daß er von uns aus etwa soweit wie Rom entfernt läge. Nur mit dem einen Unterschied, daß es da keine schnellen römischen Verkehrswege gibt, sondern die Reise durch zum Teil unwegsames Gelände führt.”
“Großartig, gewaltig!”, rief Chadeloch in einem Anflug wahrer Abenteuerlust und rieb sich vor Freude die Hände. Hadamar der das ganze mehr als eine Last empfand sagte deshalb um die Begeisterung ein wenig zu brechen:
“Laß uns jetzt zur Ruhe gehen, denn vielleicht ist es die letzte Nacht in einem solch herrlichen Bett.”
Chadeloch hüpfte in sein Bett und schlief auch bald darauf ein. Hadamar schüttelte nur den Kopf. Hin und wieder kam ihm sein Freund wie ein noch großes Kind vor, doch er ahnte, daß Chadeloch damit nur das Unbehagen zu verdrängen versuchte. Hadamar fühlte sich schwer ums Herz, er fühlte sich fremd, er empfand die weite Kluft, die sich zwischen ihm und seiner vertrauten Umgebung noch mehr aufriß. War sie denn wirklich nicht schon groß genug gewesen? Gerade jetzt, wo alles wieder so nahe kam, wo ihm Ehre, Freundschaft, Liebe und Glück zugetragen wurden, gerade in diesem Augenblick wurde ihm auch schon wieder alles entrissen? Das einzige was er behalten konnte, von dem was ihm gegeben wurde, waren ein Auftrag, ein Schwert, ein Pferd, ein Freund und die Liebe.
Da entsann er sich wieder Lucias und ihres Geschenkes. Er nahm das Lederbeutelchen und öffnete es. Darin war etwas in einen feinen Stoff eingewickelt. Er wickelte das im Stoff Verborgene behutsam aus und eine Rosenblüte kam zum Vorschein. Es war eine jener Rosen, die er gestern bewunderte und deren Zartheit und Schönheit er mit jener Lucias vergleichen wollte. Er nahm die zarte Blüte behutsam in die Hände und ließ ihren lieblichen Duft tief auf sich einwirken. Dann wickelte er die Blüte wieder ein, gab sie in das Beutelchen und hängte sich dasselbe um den Hals. Er küßte den Ring, drückte ihn an sein Herz und schlief bald darauf ein.
Die krähenden Hähne verkündeten der noch im Schlafe liegenden Stadt Brigantium einen neuen Tag. Auch im Haus Saros war noch alles ruhig, mit Ausnahme eines Zimmers des Hauses, denn dort war einer mit seinen morgendlichen Übungen beschäftigt. Nachdem sein Körper aufgewärmt war ging er über zu den Übungen für den Schwertkampf. Er packte sein Schwert und dasselbe durchschnitt mit einem Pfeifen die Luft. Stich, Abwehr, Stich, Abwehr, Schwung holen und krachend fiel die Abgehackte Stuhllehne zu Boden
“Chadeloch!” rief Hadamar mit schläfriger Stimme.
“Ähäm, einen wunderschönen, herrlichen, guten Morgen, mein lieber Hada. Ich hoffe du hast angenehm geruht. Darf ich dir auch gleich schon die Sandalen bringen. Soll ich dir die Zähne putzen. Übrigens, das Schwert ist wirklich verdammt gut. Nur, daß es keinen Respekt vor unschuldigen Stühlen zeigt, ja, das trübt die Freude an ihm.”
Dann wandte sich Chadeloch dem Schwert zu und schimpfte:
„Du böses, böses Schwert. Ich sagte doch, weg von den Stühlen. Ich sagte wiederholt, du sollst das Mobilar schonen und was tust du? Na? Was tust du? Du zerstörst die nächst beste Stuhllehne. Den Göttern sei Dank, daß es nur ein gewöhnlicher Stuhl war. Tu mir das ja nie wieder. Hörst du?! Nie wieder! Puh, verzeih Hada, ich bin einfach ausgerastet über die Unverschämtheit des Schwertes. Es tat einfach was es wollte und du wirst meiner Meinung sein, daß man da nicht lange zuschauen darf, sondern gleich etwas sagen muß, denn wohin würde das führen?”
“Bitte Chadeloch, hör auf, bitte. Verschone mich mit diesem Gerede!”
Chadeloch grinste über beide Ohren in Hadamars Gesicht und dieser schmunzelte zurück.
“Übrigens, du kannst dein altes Schwert meinen Eltern mitgeben, sie können es dann bei dir zuhause abgeben.”
“Nicht nötig, ich habe es schon weggegeben.”
“Wohin denn?”
“Nur die Götter allein sollen dies wissen. Übrigens,” versuchte Chadeloch einer weiteren unangenehmen Frage auszuweichen, “glaubst du, daß Saro auch an den Proviant, den wir für die Reise benötigen werden, gedacht hat?”
“Natürlich. Er weiß was man auf einer langen Reise braucht. Im Übrigen glaube ich, daß es gut wäre noch einen Speer für die Jagd mitzunehmen. Denn von frischen Beeren und Kräutern alleine werde zumindest ich nicht besonders satt.”
“Eine ausgezeichnete Idee!”, erwiderte Chadeloch.
So kleideten sich denn beide an und gingen in den Pferdestall um die Pferde für die Reise zurechtzumachen.
“Was für einen Namen willst du deinem Schimmel überhaupt geben? Etwa Sleipnir?”
“Nein, aber ich muß bekennen, daß ich zuerst auch an diesen Namen gedacht habe. Doch ich habe mich dann für einen anderen Namen entschieden, nämlich für ‘Uerstrit’.”
Hadamars Freund schüttelte unter einem großen Seufzer sein Haupt und sprach mit gespielt verzweifeltem Ton:
“Es ist hoffnungslos mit dir. Alle vernünftigen Menschen geben ihren Pferden Namen von Sternen, Göttern, Helden und du, was tust du? Uerstrit. Hada, Hada du bist ein Philosoph.”
Kopfschüttelnd fuhr Chadeloch dann fort, sein Pferd zu bepacken. Doch fragte er plötzlich:
“Hada, wo ist übrigens dein altes Pferd, ich kann es nirgends erblicken.
“Nur die Götter allein sollen dies wissen, die Götter allein, mein lieber Chadeloch”, entgegnete ihm Hadamar mit einem Lächeln.
Saro stattete die beiden Helden mit allem Notwendigen aus. Dann nahmen Hadamar und Chadeloch Abschied. Die Trennung war schwer und besonders Idun und die anderen Geschwister fühlten einen tiefen Schmerz über den Fortgang ihres Bruders. Die beiden Enkel Lenzens sprangen in die Sättel, baten allen Verwandten liebe Grüße zu bestellen und ritten davon.
“Die Götter mögen euch beistehen!” riefen die Zurückgebliebenen im Chor und warteten bis die beiden nicht mehr zu sehen waren. Nachdem sie die Nekropole passiert hatten und dann ein kurzes Stück in Richtung Pennodurum ritten kam eine scharfe Kurve die dann hinunter zum Kastell führte. Ein wilder Bach durchzog dieses kleine Tal und als sie die wenigen Schritte an dem die römische Straße an dessen Ufer ihren Verlauf nahm sagte Chadeloch:
“Nun denn Hada, es beginnt die Zeit unserer Bewährung.
Will nicht weichen, winkt mir auch der Tod
Nicht als Zager ward ich gezeugt.
Heldenruhm bleibt uns,
Wir sterben heut oder morgen:
Niemand sieht den Abend
Wenn die Norne sprach.”
“Deshalb antworte ich dir:
Das Ende des Lebens ist allein gewiß.
Drum leiste jeder, solange er kann,
Tapfere Tat, daß den toten Helden
Der nie verwelkende Nachruhm kröne.
So auf! Kein Zögern wollen wir kennen!”
Thiuhada-Sage: Buch I - Lucia
Hadu stand mit seinem Sohn vor einem mittelgroßen römischen Landhaus in der Nähe des Brigantersees. Es war um die elfte Stunde des Tages. Der Pferdemarkt hatte nach einem guten Geschäftstag um die neunte Stunde seine Tore geschlossen. Gleich nach Schluß gingen Vater und Sohn nach Hause, um sich frisch zu machen. Dann machten sie sich auf zum Haus an dessen Eingangstür sie nun standen. Hadu war voller Freude seinen lange gemißten Freund wiederzusehen und mit ihm Sprechen zu können. Hadamar hingegen war der, durch Chadeloch aufgebaute, Mut wieder beinahe vollständig vergangen und dennoch, er war voller Erwartung. Ein Sklave öffnete die Tür und führte die beiden in die Empfangshalle. Dann benachrichtigte er Maximus von der Ankunft der Gäste. Und gleich darauf hörten die beiden Lenzer feste aber dennoch elastische Schritte die sich der Empfangshalle näherten. Die Tür öffnete sich und Maximus trat, mit einer dunkelblauen Tunika bekleidet, ein.
“Es ehrt mich Hada, dich und deinen Sohn als meine Gäste empfangen zu dürfen. Kommt, wir wollen uns zuerst ein wenig erfrischen und dann werden wir die langen Jahre der Trennung im Gespräch nachzuholen versuchen.”
Hadamar ging hinter dem Gastgeber und seinem Vater her. Er betrachtete das Haus und dessen Schmuck. Alles war geschmackvoll, aber dennoch bescheiden gestaltet. Nichts war zuviel und dennoch konnte man auch nichts finden, an dem es mangelte. Was ihm aber wirklich zu Herzen ging war die Freundschaft der beiden Männer die vor ihm hergingen. Er hätte nie gedacht, daß sein Vater solch eine offene Herzlichkeit kannte und er fühlte, wie schwer es sein müsse, Heldenhaftigkeit mit wahrer Menschlichkeit in Einklang zu bringen.
Die drei Männer betraten einen kleinen vom Licht durchfluteten Innenhof. Der Duft den die zahlreichen Rosenstöcke verbreiteten erfüllte ihn und das Plätschern eines kleinen Springbrunnens schuf eine Atmosphäre von beschaulicher Lieblichkeit. Aber auch hier war alles von derselben bescheidenen Eleganz geprägt wie der Rest des Hauses. Im überdachten und von Säulen getragenen Wandelgang der den ganzen Innenhof umschloß beschäftigte sich Lucia, die Tochter von Maximus, mit den Sklaven, welche die Mahlzeit auftischten und gab ihnen noch die letzten Anweisungen.
“Lucia, so komm doch! Ich möchte dir jemanden vorstellen.” sprach Maximus freudig.
Sie wandte sich nun den Eintretenden zu und ging ihnen entgegen.
“Hadu, das ist das Licht, das mir meine Frau schenkte und zurückließ. Sie ist die Seele meines Hauses, dessen Schönheit und Zier. Sie ist die lebende Erinnerung an sie, die mir vor einem Jahr von den Göttern genommen wurde.”
Maximus hielt seine Tochter sanft am Arm, während er sie den Gästen vorstellte. Dann wendete er sich seiner Tochter zu:
“Lucia, das ist Hadu mein suebischer Freund, von dem ich dir schon erzählte. Den jungen Mann an seiner Seite wirst du von gestern noch kennen. Es ist der erstgeborene Sohn meines Freundes und sein Name ist Hadamar. Wenn du die beiden nebeneinander siehst, wirst du verstehen, warum ich sogleich an Hadu denken mußte, denn der Sohn ist seinem Vater beinahe wie aus dem Gesicht geschnitten.”
“Es ist uns eine große Freude sie bei uns willkommen heißen zu dürfen. Doch nun bitte ich sie, sich zum Essen zu begeben, denn sonst würden die warmen Gerichte kalt werden.”, sprach Lucia und geleitete die beiden Gäste zur Mahlzeit.
Während dem sie sich zum Mahl begaben beobachtete Hadamar jeden Schritt, jede Geste der jungen Gastgeberin. Welch einen Zauber übte diese Römerin auf ihn aus, er konnte es sich nicht vernünftig erklären. Ihre Gestalt, ihr anmutiges Sprechen, die leuchtenden dunklen Augen, ihr langes schwarzes Haar, ihre edlen und intelligenten Gesichtszüge, ihr ganzes Wesen übte eine geheimnisvolle Macht auf ihn aus. Aber vorsichtig wollte er sein, nichts davon wollte er sie spüren lassen, denn eine solches Fräulein, was könnte für sie an ihm schon interessant sein.
Während dem Essen war man fröhlich, tauschte Komplimente über die zubereiteten Speisen und Getränke aus. Maximus tat alles um seinem Freund auf die römische Art zu verwöhnen, nur das Beste sollte heute aufgetischt werden. Hadu sprach dem Essen kräftig zu, sein Sohn hingegen, wollte nicht gierig erscheinen und aß von allem nur sehr wenig. Man mahnte ihn tüchtig zuzugreifen. Er bedankte sich und gab zu verstehen, daß er bereits vollauf gesättigt wäre, während er eigentlich noch einen großen Hunger verspürte. Nach dem Mahle standen Maximus und Hadu auf und setzten sich unter die Weinlaube vor dem Haus. Von dort hatte man einen schönen Ausblick auf den See und sie begannen mit dem lange gemißten Gespräch.
Hadamar und Lucia blieben im Innenhof. Sie wandelten schweigend durch das kleine Rosengärtchen und setzten sich dann auf das Marmorbänkchen neben dem Springbrunnen. Beide saßen nebeneinander, wagten sich aber kaum anzuschauen. Lange Augenblicke verstrichen. Da wurde es Hadamar zu viel, er dachte an Chadeloch der ihn laut verspotten und auslachen würde, wäre er Augenzeuge dieser Szene. Er nahm trotz des Unbehagens seinen ganzen Willen zusammen und brach ihre gemeinsame Verlegenheit:
“Es ist sehr sehr schön hier, bei ihnen, Lucia. Alles weist hin auf einen guten Geschmack - elegant und dennoch nüchtern. Ich muß gestehen, daß mir diese Kombination ausgesprochen zusagt.”
“Ich danke ihnen für dieses Lob” antwortete sie und erhob schüchtern ihre Augen.
“Darf ich sie, Lucia, darum bitten einfach ‘du’ zu mir zu sagen, bei uns ist alles einfacher und man ist es nicht gewohnt, daß man einen mit ‘sie, Herr Hadamar’ anredet.”
“Gerne,” entgegnete sie, während ein Lächeln um ihren Mund spielte, “aber mit der einen Bedingung...”
“Und die wäre?”
“Die Bedingung wäre, daß auch du zu mir ‘du’ sagst.”
“Wenn sie - äh ich meine - du es gestattest, von Herzen gerne.” Hadamar räusperte sich ein wenig. Er glaubte nämlich es wäre zuviel Freude in seiner Stimme gelegen, zuviel Hoffnung hineingelegt gewesen. Nichts sollte Lucia von seinen Gefühlen zu spüren bekommen.
“Diese Blumen sind sehr schön und erst ihr Duft, er ist wirklich bezaubernd. Mein Großvater Saro, er hat auch welche von diesen, nur sind sie deutlich kleiner. Wie ist der Name dieser Blumen?”
“Diese Blume trägt den Namen Rose. Es ist eigentlich eine Pflanze, die ursprünglich in Ägypten heimisch war. Die Pharaonen liebten sie. Auch die Römer liebten sie. Zuerst ließen sie sich mit Schiffen Schnittrosen von Ägypten nach Rom bringen, bis sie dann später selbst ägyptische Rosenstöcke zu pflanzen begannen. Die Römer bezeichneten sie als die Königin der Blumen.”
Hadamar berührte eine Rose, nahm die samtige Blüte behutsam in seine Hand und fühlte deren Zartheit und ließ ihren sanften Duft auf sich wirken.
“Was für eine Zartheit der Blütenblätter. Sie sind so schön, so zart, so edel wie...”
Hadamar räusperte sich wieder, er spürte die Röte seines Gesichtes, denn beinahe wäre ihm ‘wie du, Lucia’ entwischt. Um ein Haar hätte er sich bloßgestellt, sich und seinen Vater blamiert. Er mußte von nun an noch besser auf sich Acht geben, seine Gefühle besser unter Kontrolle halten. Er war einfach ein Anfänger in all diesen Dingen.
“Rosenblüten sind so zart und schön wie was?” fragte die Römerin interessiert nach.
“Dumm, es ist ihr nicht entgangen.” dachte Hadamar still bei sich. “Mir ist der Vergleich leider entfallen, verzeihe. Es war einfach ein langer Tag, der viele Lärm, die vielen Eindrücke, die zahlreichen Geschäfte, da kann es schon einmal vorkommen, daß der Kopf am Abend nicht mehr so mitmacht.”
“Hadamar. Darf ich dich etwas sehr persönliches fragen?”
“Es kommt drauf an, wie persönlich die Frage ist.” antwortete Hadamar und versuchte sich ein bißchen Abstand zu verschaffen.
“Ich möchte dich nur fragen, was für eine Bedeutung dein Name hat.”
“Diese Frage kann ohne jegliche Schwierigkeit beantwortet werden. Hadamar bedeutet: der Kampfberühmte. Gewöhnlich nannte man mich aber Hada, doch mein eigentlicher Name ist Thiuhada.”
“Ganz schön kompliziert.”
“Im Grunde ist es sehr einfach. Als Kind wurde ich dem Gott Thiu geblotet. Dem Namen des gebloteten Kindes, in meinem Fall Hada, wird dann der Name des Gottes dem es geweiht ist vorne angefügt, also Thiuhada. Da aber die Menschen grundsätzlich redefaul sind, kürzt man den Namen auf den sich unterscheidenden Teil und das ist in meinem Fall eben Hada. Doch jetzt Schluß mit den Erzählungen über mich, was bedeutet dein Name?”
“Lucia bedeutet: die Lichte, die Leuchtende.”
“Wie wahr doch der römische Spruch, ‘nomen est omen’, ist. Mein Großvater lehrte mich ihn gerade erst vor zwei Tagen.” Beide waren leicht verlegen, sie, über das ausgesprochene Kompliment, er, als er bemerkte, daß er es ausgesprochen hatte.
“Hadamar bist du Christ?”
Der Angesprochene war leicht verwirrt über die so direkte Frage und er machte aus seiner Verwunderung darüber keinen Hehl, indem er zurückfragte:
“Wie kommst du auf einen solchen Gedanken?”
“Ich dachte, daß das an deinem schwarzen Lederhalsbändchen ein Kreuz sei,” antwortete Lucia verlegen, da sie zugeben mußte, ihn doch auch genauer beobachtet zu haben. Hadamar schmunzelte ein wenig, bei dem Gedanken Christ zu sein und winkte ab:
“Nein, nein, das was einem Kreuz ähnlich sehen könnte ist in Wirklichkeit ein Schwert.”
“Also ein Zeichen, daß du ein Krieger bist?”
“Nein, das Schwert ist das Zeichen, das Symbol, des Gottes der Sueben, die ihr Alemannen nennt.”
“Wotan?”
Hadamar schüttelte energisch den Kopf: “Keinesfalls. Nein, Thiu oder auch Ziu. Das Zeichen des Gottes Thiu ist das Schwert. Er ist aber nicht nur der Gott des Krieges, als welchen ihn auch die anderen germanischen Völker verehren. Nein, er ist und war vor Wotan, Donar, Frigg und Freya. Während die anderen Völkerschaften dem erhabenen Thiu untreu wurden, hielten unsere Väter, unser suebisches Volk, alleine an ihm fest und ehrten und ehren ihn weiterhin als unseren Gott, dem die anderen Götter untergeordnet sind.”
“Hadamar, weißt du auch was der Name des Gottes Thiu bedeutet?” fragte Lucia ehrlich interessiert.
“Mein Großvater Lenz, der mich auch den Spruch ‘nomen est omen’ gelehrt hat, sagte mir er bedeute: lichter Vater. Da du ‘die Lichte’ heißt müßtest du seine Tochter sein, - des lichten Vaters, lichte Tochter.”, und Hadamar freute sich am gelungenen Wortspiel.
“Ich kenne zwar eure Religion überhaupt nicht, aber auch wir Christen verehren Gott als das Licht der Welt, das Licht, das in die Welt kam. Wir verehren ihn als das Licht, das von der Finsternis nicht angenommen wurde und letztlich doch die Finsternis besiegt hat und am letzten Tag, ihr nennt ihn die Götterdämmerung - wir, das jüngste Gericht -, vollständig vertreiben wird. Ich bitte dich, erzähle mir noch mehr von der Religion deiner Väter.”
Leicht beschämt erwiderte Hadamar: “Leider muß ich dir und mir selbst eingestehen, noch sehr wenig von ihr zu kennen. Die meisten von uns versuchen noch gemäß altüberlieferter Bräuche zu leben, aber sie sind schon sehr vermischt mit den Kulten anderer germanischer Stämme, aber auch mit römischen, griechischen und keltischen Gebräuchen. Mein Großvater übergab mir die ehrenvolle Aufgabe nach Thiu zu suchen, den einzigen und eigentlichen Gott wiederzufinden. Er will, daß ich es für ihn und meine Väter, die im Heer Wotans die Erde umkreisen, tue.”
“Hast du schon damit begonnen?” fragte die junge Frau neugierig.
“Nein, denn der Auftrag ist gerade erst vor zwei Tagen an mich ergangen,” entgegnete ihr Hadamar wahrheitsgetreu.
“Wo wirst du nach Thiu suchen? Denn ich glaube nicht, daß eure Väter große Bibliotheken, wie etwa die Ägypter, angelegt haben.”
“Das haben sie wirklich nicht. Die meisten müssen froh sein, wenn sie ihren Namen schreiben können. Die Frage ist interessant. Ich habe noch nicht wirklich darüber nachgedacht. Wo würdest du suchen?”
“Hm, wenn ich dich wäre und ich nicht mehr wüßte was der Glaube meiner Väter war, so würde ich jenen Ort ausfindig zu machen suchen, an welchem sie noch in Treue ihren Gott verehrten und liebten.”
Hadamar freute sich und sagte: “Es ist ungeheuerlich, aber du sprichst denselben Gedanken aus, der mir durch den Kopf gegangen ist. Dies ist der lichte Rat der lichten Tochter des lichten Vaters. Ich werde deinem Rat folgen, Lucia.”
“Weist du, wohin du zu gehen hast?”
“Ja, das weiß ich.”
“Ist es ein weiter Weg?”
“Ja, nicht nur ein weiter, sondern sehr weiter und auch nicht ganz ungefährlicher Weg.”
“Dann bleibe!” rief Lucia erschrocken und sogleich errötete sie. Hadamar war verwirrt. War sie etwa wirklich besorgt um ihn? Er versuchte in ihren Augen zu lesen, doch hatte sie ihr Gesicht leicht abgewendet und blickte in das Becken, in welches sich die kleine Fontäne des Springbrunnens ergoss. Es blieb für einige Momente still. Es war so still, das man den Atem des anderen vernehmen konnte und natürlich auch die Insekten die durch das Dunkel der Nacht surrten.
“Ich kann das Versprechen, das ich meinen Großvater gegeben habe, nicht einfach so lösen,” unterbrach Hadamar die Stille. “Zudem,“ fuhr er fort, “ist mein Name Verheißung, noch nicht Erfüllung, - wie bei dir Lucia. Mein Name ist Kampf. Man wird nur in der Bewährung berühmt, nur wenn man den Kampf annimmt. Auch mit der Konsequenz, daß es kein Zurück mehr geben könnte. Kannst du das verstehen, Lucia?”
Wortlos erhob sie ihre Augen und blickte in die seinen. Hadamar bemerkte sich bildende Tränen in ihren Augen. Etwas schüchtern und zögernd nahm Hadamar ihre zarten Hände in die seinen und hielt sie fest. Ohne den Blick von ihren Augen zu wenden fragte er sie, einfühlsam aber auch mit ungläubiger Verwunderung:
“Bist du etwa um mich besorgt?”
Sie antwortete nicht und wich seinem fragenden Blick verlegen aus. Es herrschte wieder ein beklommenes Schweigen, doch Hadamar hielt noch immer ihre Hände.
“Lucia,” Hadamar setzte ab, sein Herz pochte heftig und er wußte nicht ob es klug und angebracht sei, was er sagen wollte, er spürte nur, daß es jetzt das Richtige wäre, wenn er ihr offen gestehen würde, was seines Herzens heimliche Gedanken waren. “Lucia, gestern hatte ich dich zum ersten Mal gesehen. Dein Anblick hat mich, meine Welt, meine Gedanken, meine Gefühle verändert. Ich kannte nie zuvor solche Gefühle, auch wenn ich oft von ihnen sprechen hörte. Im kurzen Augenblick, als sich gestern unsere Blicke begegneten hatte sich dein Bild in meine Seele eingeprägt. Du bist irgendwie zu einem unauslöschlichen Teil meiner Selbst geworden. Das letzte Stück Ich in meine Herzen ist dem Zauber deiner Person verfallen - ist dir hingegeben. Seit gestern lebe ich nur mehr meiner Familie, meinem Volk, meinem Gott und dir. Ich wollte dir dies nicht sagen, da ich glaubte du wirst mich verlachen, mich abweisen und um diese Niederlage zu überstehen bin ich zu schwach. Deine Tränen, dein Schrecken gaben mir Hoffnung, nur deswegen spreche ich so offenherzig. So frage ich dich denn, was wirst du mit meinem, Hadamars, letzten Stück Ich tun? Was wirst du damit anfangen?”
“Es ist seit gestern auch ein Teil meines Lebens und meines Ichs geworden, so wie mein Herz, wie du sagtest, zu deinem geworden ist, ist dein Herz zu meinem geworden.”
Sie umarmten sich. Jeder spürte den Pulsschlag des anderen, die Sorge des anderen, die Tränen.
“Lucia, du bist die schönste aller Rosen des Erdenreichs, keine kommt dir an Schönheit, Feinheit und Zartheit gleich.” Hadamar flüsterte ihr diese Worte ins Ohr, dann küßte er sie sanft auf die Stirn und gelobte ihr: “Ich komme zurück, aber ich habe mich zuerst noch im Kampf zu bewähren, bevor ich um die Hand der Schönsten unter Thius Töchtern anhalte.”
“Thiuhada.” begann Lucia. Sie löste sich aus der Umarmung, nahm einen goldenen Ring von ihren Fingern, ergriff die linke Hand Hadamars und streifte ihn über seinen kleinen Finger, dem einzigen, dem er wie angemessen paßte. “Nimm diesen Ring als Erinnerung an mich und als Schutz vor den Nachstellungen des Bösen. Der eingearbeitete Stein kommt von jenem Ort, an welchem Jesus Christus sein Leben, dem Vater aller Menschen, hingab.” Erneut glitten einige Tränen über die edlen Züge ihres Antlitzes und mit den Worten: “Möge Gott dich schützen. Ich liebe dich!”, stand sie plötzlich auf, entfernte sich und zog sich ins Haus zurück.
Hadamar saß nun alleine da. Er konnte seinen Gefühlen keinen passenden Ausdruck verleihen, doch er fühlte eine große Wärme in sich und doch auch eine gewisse Trauer, vielleicht war sogar ein wenig Angst vor dem Kommenden dabei. Schweigend blickte er auf zu den Sternen und betrachtete wie manche von ihnen schnell ihre Bahnen zogen. Sie erinnerten ihn wieder, daß er Lucia erst dann wiedersehen würde, wenn auch er seinen Weg beschritten, den Auftrag erfüllt und die Bewährung bestanden habe.
Er saß noch eine längere Zeit am kleinen Springbrunnen. Die Nacht war bereits weit vorgerückt, als auch Hadu und Maximus ihr Gespräch für diesen Tag beendet hatten. Hadamar verabschiedete sich vom Gastgeber und verließ mit seinem Vater das Haus.
Draußen sah er nun das weite Sternenzelt und es überkam ihn das Gefühl von gewaltiger Stärke, so wie noch nie zuvor. Noch nie hatte sein Herz so mächtig geschlagen wie heute, da er so tief wie noch nie in die Seele eines anderen Menschen geschaut hatte, wie in die Lucias. Sie erreichten Saros Haus. Er ging auf leisen Sohlen in seine Kammer und legte sich still auf sein Bett. Neben ihm schnarchte Chadeloch in vollen Zügen. Heute störte es ihn keinen Augenblick, den sein Geist war voll mit den Erlebnissen des zurückliegenden Abends. Er blickte auf den Ring an seinem kleinen Finger und sang still ein Lied, daß aus seinem tiefsten Seelengrund entsprang:
Lucia, lichter Strahl der drang in mein Leben
Lucia, dir allein mein Herz will ich geben.
Schwarz deine Augen, schwarz auch dein Haar,
Dir hingegeben bin ich Hadamar.
Hadamar schmunzelte, denn der abschließende Reim klang ziemlich banal, geradezu kindisch. Doch es hielt ihn nicht ab weiterzusingen:
Zügle, oh Herz, den Sturm und die Glut
Heute erwarb’st dir das höchste Gut.
Mag kommen die Nacht, mag kommen der Tag
Durch die Lieb’ im Herzen, ich alles ertrag.
Kein Held kann mich bezwingen,
Aller Gefahr ich kann entrinnen,
Jeden Zauber kann ich bannen
Solang von Lieb mein Herz bleibt umfangen.
Oh lichter Strahl, du drangst in mein Leben
Dir allein bin ich ganz hingegeben
Für dich will ich leben, für dich auch sterben
Wenn ich nur kann deine Lieb’ erwerben.
Dein Name für mich ist gleich süßem Wein
Ihm mein ganzes Leben geweiht soll sein.
Dein Name ist Stern mir in finstrer Nacht
Im Herzen allzeit nur dein Bild ich betracht.
Jetzt wart’ meine Schöne bald kehr’ ich zurück
Dann gemeinsam wir teilen der Liebe Glück.
Lucia, dir ist gelungen mein Herz zu betören
Dir allein will für immer ich Treue schwören.
Er küßte den Ring und drückte ihn seufzend an sein Herz und schlief bald darauf ein.
“Es ehrt mich Hada, dich und deinen Sohn als meine Gäste empfangen zu dürfen. Kommt, wir wollen uns zuerst ein wenig erfrischen und dann werden wir die langen Jahre der Trennung im Gespräch nachzuholen versuchen.”
Hadamar ging hinter dem Gastgeber und seinem Vater her. Er betrachtete das Haus und dessen Schmuck. Alles war geschmackvoll, aber dennoch bescheiden gestaltet. Nichts war zuviel und dennoch konnte man auch nichts finden, an dem es mangelte. Was ihm aber wirklich zu Herzen ging war die Freundschaft der beiden Männer die vor ihm hergingen. Er hätte nie gedacht, daß sein Vater solch eine offene Herzlichkeit kannte und er fühlte, wie schwer es sein müsse, Heldenhaftigkeit mit wahrer Menschlichkeit in Einklang zu bringen.
Die drei Männer betraten einen kleinen vom Licht durchfluteten Innenhof. Der Duft den die zahlreichen Rosenstöcke verbreiteten erfüllte ihn und das Plätschern eines kleinen Springbrunnens schuf eine Atmosphäre von beschaulicher Lieblichkeit. Aber auch hier war alles von derselben bescheidenen Eleganz geprägt wie der Rest des Hauses. Im überdachten und von Säulen getragenen Wandelgang der den ganzen Innenhof umschloß beschäftigte sich Lucia, die Tochter von Maximus, mit den Sklaven, welche die Mahlzeit auftischten und gab ihnen noch die letzten Anweisungen.
“Lucia, so komm doch! Ich möchte dir jemanden vorstellen.” sprach Maximus freudig.
Sie wandte sich nun den Eintretenden zu und ging ihnen entgegen.
“Hadu, das ist das Licht, das mir meine Frau schenkte und zurückließ. Sie ist die Seele meines Hauses, dessen Schönheit und Zier. Sie ist die lebende Erinnerung an sie, die mir vor einem Jahr von den Göttern genommen wurde.”
Maximus hielt seine Tochter sanft am Arm, während er sie den Gästen vorstellte. Dann wendete er sich seiner Tochter zu:
“Lucia, das ist Hadu mein suebischer Freund, von dem ich dir schon erzählte. Den jungen Mann an seiner Seite wirst du von gestern noch kennen. Es ist der erstgeborene Sohn meines Freundes und sein Name ist Hadamar. Wenn du die beiden nebeneinander siehst, wirst du verstehen, warum ich sogleich an Hadu denken mußte, denn der Sohn ist seinem Vater beinahe wie aus dem Gesicht geschnitten.”
“Es ist uns eine große Freude sie bei uns willkommen heißen zu dürfen. Doch nun bitte ich sie, sich zum Essen zu begeben, denn sonst würden die warmen Gerichte kalt werden.”, sprach Lucia und geleitete die beiden Gäste zur Mahlzeit.
Während dem sie sich zum Mahl begaben beobachtete Hadamar jeden Schritt, jede Geste der jungen Gastgeberin. Welch einen Zauber übte diese Römerin auf ihn aus, er konnte es sich nicht vernünftig erklären. Ihre Gestalt, ihr anmutiges Sprechen, die leuchtenden dunklen Augen, ihr langes schwarzes Haar, ihre edlen und intelligenten Gesichtszüge, ihr ganzes Wesen übte eine geheimnisvolle Macht auf ihn aus. Aber vorsichtig wollte er sein, nichts davon wollte er sie spüren lassen, denn eine solches Fräulein, was könnte für sie an ihm schon interessant sein.
Während dem Essen war man fröhlich, tauschte Komplimente über die zubereiteten Speisen und Getränke aus. Maximus tat alles um seinem Freund auf die römische Art zu verwöhnen, nur das Beste sollte heute aufgetischt werden. Hadu sprach dem Essen kräftig zu, sein Sohn hingegen, wollte nicht gierig erscheinen und aß von allem nur sehr wenig. Man mahnte ihn tüchtig zuzugreifen. Er bedankte sich und gab zu verstehen, daß er bereits vollauf gesättigt wäre, während er eigentlich noch einen großen Hunger verspürte. Nach dem Mahle standen Maximus und Hadu auf und setzten sich unter die Weinlaube vor dem Haus. Von dort hatte man einen schönen Ausblick auf den See und sie begannen mit dem lange gemißten Gespräch.
Hadamar und Lucia blieben im Innenhof. Sie wandelten schweigend durch das kleine Rosengärtchen und setzten sich dann auf das Marmorbänkchen neben dem Springbrunnen. Beide saßen nebeneinander, wagten sich aber kaum anzuschauen. Lange Augenblicke verstrichen. Da wurde es Hadamar zu viel, er dachte an Chadeloch der ihn laut verspotten und auslachen würde, wäre er Augenzeuge dieser Szene. Er nahm trotz des Unbehagens seinen ganzen Willen zusammen und brach ihre gemeinsame Verlegenheit:
“Es ist sehr sehr schön hier, bei ihnen, Lucia. Alles weist hin auf einen guten Geschmack - elegant und dennoch nüchtern. Ich muß gestehen, daß mir diese Kombination ausgesprochen zusagt.”
“Ich danke ihnen für dieses Lob” antwortete sie und erhob schüchtern ihre Augen.
“Darf ich sie, Lucia, darum bitten einfach ‘du’ zu mir zu sagen, bei uns ist alles einfacher und man ist es nicht gewohnt, daß man einen mit ‘sie, Herr Hadamar’ anredet.”
“Gerne,” entgegnete sie, während ein Lächeln um ihren Mund spielte, “aber mit der einen Bedingung...”
“Und die wäre?”
“Die Bedingung wäre, daß auch du zu mir ‘du’ sagst.”
“Wenn sie - äh ich meine - du es gestattest, von Herzen gerne.” Hadamar räusperte sich ein wenig. Er glaubte nämlich es wäre zuviel Freude in seiner Stimme gelegen, zuviel Hoffnung hineingelegt gewesen. Nichts sollte Lucia von seinen Gefühlen zu spüren bekommen.
“Diese Blumen sind sehr schön und erst ihr Duft, er ist wirklich bezaubernd. Mein Großvater Saro, er hat auch welche von diesen, nur sind sie deutlich kleiner. Wie ist der Name dieser Blumen?”
“Diese Blume trägt den Namen Rose. Es ist eigentlich eine Pflanze, die ursprünglich in Ägypten heimisch war. Die Pharaonen liebten sie. Auch die Römer liebten sie. Zuerst ließen sie sich mit Schiffen Schnittrosen von Ägypten nach Rom bringen, bis sie dann später selbst ägyptische Rosenstöcke zu pflanzen begannen. Die Römer bezeichneten sie als die Königin der Blumen.”
Hadamar berührte eine Rose, nahm die samtige Blüte behutsam in seine Hand und fühlte deren Zartheit und ließ ihren sanften Duft auf sich wirken.
“Was für eine Zartheit der Blütenblätter. Sie sind so schön, so zart, so edel wie...”
Hadamar räusperte sich wieder, er spürte die Röte seines Gesichtes, denn beinahe wäre ihm ‘wie du, Lucia’ entwischt. Um ein Haar hätte er sich bloßgestellt, sich und seinen Vater blamiert. Er mußte von nun an noch besser auf sich Acht geben, seine Gefühle besser unter Kontrolle halten. Er war einfach ein Anfänger in all diesen Dingen.
“Rosenblüten sind so zart und schön wie was?” fragte die Römerin interessiert nach.
“Dumm, es ist ihr nicht entgangen.” dachte Hadamar still bei sich. “Mir ist der Vergleich leider entfallen, verzeihe. Es war einfach ein langer Tag, der viele Lärm, die vielen Eindrücke, die zahlreichen Geschäfte, da kann es schon einmal vorkommen, daß der Kopf am Abend nicht mehr so mitmacht.”
“Hadamar. Darf ich dich etwas sehr persönliches fragen?”
“Es kommt drauf an, wie persönlich die Frage ist.” antwortete Hadamar und versuchte sich ein bißchen Abstand zu verschaffen.
“Ich möchte dich nur fragen, was für eine Bedeutung dein Name hat.”
“Diese Frage kann ohne jegliche Schwierigkeit beantwortet werden. Hadamar bedeutet: der Kampfberühmte. Gewöhnlich nannte man mich aber Hada, doch mein eigentlicher Name ist Thiuhada.”
“Ganz schön kompliziert.”
“Im Grunde ist es sehr einfach. Als Kind wurde ich dem Gott Thiu geblotet. Dem Namen des gebloteten Kindes, in meinem Fall Hada, wird dann der Name des Gottes dem es geweiht ist vorne angefügt, also Thiuhada. Da aber die Menschen grundsätzlich redefaul sind, kürzt man den Namen auf den sich unterscheidenden Teil und das ist in meinem Fall eben Hada. Doch jetzt Schluß mit den Erzählungen über mich, was bedeutet dein Name?”
“Lucia bedeutet: die Lichte, die Leuchtende.”
“Wie wahr doch der römische Spruch, ‘nomen est omen’, ist. Mein Großvater lehrte mich ihn gerade erst vor zwei Tagen.” Beide waren leicht verlegen, sie, über das ausgesprochene Kompliment, er, als er bemerkte, daß er es ausgesprochen hatte.
“Hadamar bist du Christ?”
Der Angesprochene war leicht verwirrt über die so direkte Frage und er machte aus seiner Verwunderung darüber keinen Hehl, indem er zurückfragte:
“Wie kommst du auf einen solchen Gedanken?”
“Ich dachte, daß das an deinem schwarzen Lederhalsbändchen ein Kreuz sei,” antwortete Lucia verlegen, da sie zugeben mußte, ihn doch auch genauer beobachtet zu haben. Hadamar schmunzelte ein wenig, bei dem Gedanken Christ zu sein und winkte ab:
“Nein, nein, das was einem Kreuz ähnlich sehen könnte ist in Wirklichkeit ein Schwert.”
“Also ein Zeichen, daß du ein Krieger bist?”
“Nein, das Schwert ist das Zeichen, das Symbol, des Gottes der Sueben, die ihr Alemannen nennt.”
“Wotan?”
Hadamar schüttelte energisch den Kopf: “Keinesfalls. Nein, Thiu oder auch Ziu. Das Zeichen des Gottes Thiu ist das Schwert. Er ist aber nicht nur der Gott des Krieges, als welchen ihn auch die anderen germanischen Völker verehren. Nein, er ist und war vor Wotan, Donar, Frigg und Freya. Während die anderen Völkerschaften dem erhabenen Thiu untreu wurden, hielten unsere Väter, unser suebisches Volk, alleine an ihm fest und ehrten und ehren ihn weiterhin als unseren Gott, dem die anderen Götter untergeordnet sind.”
“Hadamar, weißt du auch was der Name des Gottes Thiu bedeutet?” fragte Lucia ehrlich interessiert.
“Mein Großvater Lenz, der mich auch den Spruch ‘nomen est omen’ gelehrt hat, sagte mir er bedeute: lichter Vater. Da du ‘die Lichte’ heißt müßtest du seine Tochter sein, - des lichten Vaters, lichte Tochter.”, und Hadamar freute sich am gelungenen Wortspiel.
“Ich kenne zwar eure Religion überhaupt nicht, aber auch wir Christen verehren Gott als das Licht der Welt, das Licht, das in die Welt kam. Wir verehren ihn als das Licht, das von der Finsternis nicht angenommen wurde und letztlich doch die Finsternis besiegt hat und am letzten Tag, ihr nennt ihn die Götterdämmerung - wir, das jüngste Gericht -, vollständig vertreiben wird. Ich bitte dich, erzähle mir noch mehr von der Religion deiner Väter.”
Leicht beschämt erwiderte Hadamar: “Leider muß ich dir und mir selbst eingestehen, noch sehr wenig von ihr zu kennen. Die meisten von uns versuchen noch gemäß altüberlieferter Bräuche zu leben, aber sie sind schon sehr vermischt mit den Kulten anderer germanischer Stämme, aber auch mit römischen, griechischen und keltischen Gebräuchen. Mein Großvater übergab mir die ehrenvolle Aufgabe nach Thiu zu suchen, den einzigen und eigentlichen Gott wiederzufinden. Er will, daß ich es für ihn und meine Väter, die im Heer Wotans die Erde umkreisen, tue.”
“Hast du schon damit begonnen?” fragte die junge Frau neugierig.
“Nein, denn der Auftrag ist gerade erst vor zwei Tagen an mich ergangen,” entgegnete ihr Hadamar wahrheitsgetreu.
“Wo wirst du nach Thiu suchen? Denn ich glaube nicht, daß eure Väter große Bibliotheken, wie etwa die Ägypter, angelegt haben.”
“Das haben sie wirklich nicht. Die meisten müssen froh sein, wenn sie ihren Namen schreiben können. Die Frage ist interessant. Ich habe noch nicht wirklich darüber nachgedacht. Wo würdest du suchen?”
“Hm, wenn ich dich wäre und ich nicht mehr wüßte was der Glaube meiner Väter war, so würde ich jenen Ort ausfindig zu machen suchen, an welchem sie noch in Treue ihren Gott verehrten und liebten.”
Hadamar freute sich und sagte: “Es ist ungeheuerlich, aber du sprichst denselben Gedanken aus, der mir durch den Kopf gegangen ist. Dies ist der lichte Rat der lichten Tochter des lichten Vaters. Ich werde deinem Rat folgen, Lucia.”
“Weist du, wohin du zu gehen hast?”
“Ja, das weiß ich.”
“Ist es ein weiter Weg?”
“Ja, nicht nur ein weiter, sondern sehr weiter und auch nicht ganz ungefährlicher Weg.”
“Dann bleibe!” rief Lucia erschrocken und sogleich errötete sie. Hadamar war verwirrt. War sie etwa wirklich besorgt um ihn? Er versuchte in ihren Augen zu lesen, doch hatte sie ihr Gesicht leicht abgewendet und blickte in das Becken, in welches sich die kleine Fontäne des Springbrunnens ergoss. Es blieb für einige Momente still. Es war so still, das man den Atem des anderen vernehmen konnte und natürlich auch die Insekten die durch das Dunkel der Nacht surrten.
“Ich kann das Versprechen, das ich meinen Großvater gegeben habe, nicht einfach so lösen,” unterbrach Hadamar die Stille. “Zudem,“ fuhr er fort, “ist mein Name Verheißung, noch nicht Erfüllung, - wie bei dir Lucia. Mein Name ist Kampf. Man wird nur in der Bewährung berühmt, nur wenn man den Kampf annimmt. Auch mit der Konsequenz, daß es kein Zurück mehr geben könnte. Kannst du das verstehen, Lucia?”
Wortlos erhob sie ihre Augen und blickte in die seinen. Hadamar bemerkte sich bildende Tränen in ihren Augen. Etwas schüchtern und zögernd nahm Hadamar ihre zarten Hände in die seinen und hielt sie fest. Ohne den Blick von ihren Augen zu wenden fragte er sie, einfühlsam aber auch mit ungläubiger Verwunderung:
“Bist du etwa um mich besorgt?”
Sie antwortete nicht und wich seinem fragenden Blick verlegen aus. Es herrschte wieder ein beklommenes Schweigen, doch Hadamar hielt noch immer ihre Hände.
“Lucia,” Hadamar setzte ab, sein Herz pochte heftig und er wußte nicht ob es klug und angebracht sei, was er sagen wollte, er spürte nur, daß es jetzt das Richtige wäre, wenn er ihr offen gestehen würde, was seines Herzens heimliche Gedanken waren. “Lucia, gestern hatte ich dich zum ersten Mal gesehen. Dein Anblick hat mich, meine Welt, meine Gedanken, meine Gefühle verändert. Ich kannte nie zuvor solche Gefühle, auch wenn ich oft von ihnen sprechen hörte. Im kurzen Augenblick, als sich gestern unsere Blicke begegneten hatte sich dein Bild in meine Seele eingeprägt. Du bist irgendwie zu einem unauslöschlichen Teil meiner Selbst geworden. Das letzte Stück Ich in meine Herzen ist dem Zauber deiner Person verfallen - ist dir hingegeben. Seit gestern lebe ich nur mehr meiner Familie, meinem Volk, meinem Gott und dir. Ich wollte dir dies nicht sagen, da ich glaubte du wirst mich verlachen, mich abweisen und um diese Niederlage zu überstehen bin ich zu schwach. Deine Tränen, dein Schrecken gaben mir Hoffnung, nur deswegen spreche ich so offenherzig. So frage ich dich denn, was wirst du mit meinem, Hadamars, letzten Stück Ich tun? Was wirst du damit anfangen?”
“Es ist seit gestern auch ein Teil meines Lebens und meines Ichs geworden, so wie mein Herz, wie du sagtest, zu deinem geworden ist, ist dein Herz zu meinem geworden.”
Sie umarmten sich. Jeder spürte den Pulsschlag des anderen, die Sorge des anderen, die Tränen.
“Lucia, du bist die schönste aller Rosen des Erdenreichs, keine kommt dir an Schönheit, Feinheit und Zartheit gleich.” Hadamar flüsterte ihr diese Worte ins Ohr, dann küßte er sie sanft auf die Stirn und gelobte ihr: “Ich komme zurück, aber ich habe mich zuerst noch im Kampf zu bewähren, bevor ich um die Hand der Schönsten unter Thius Töchtern anhalte.”
“Thiuhada.” begann Lucia. Sie löste sich aus der Umarmung, nahm einen goldenen Ring von ihren Fingern, ergriff die linke Hand Hadamars und streifte ihn über seinen kleinen Finger, dem einzigen, dem er wie angemessen paßte. “Nimm diesen Ring als Erinnerung an mich und als Schutz vor den Nachstellungen des Bösen. Der eingearbeitete Stein kommt von jenem Ort, an welchem Jesus Christus sein Leben, dem Vater aller Menschen, hingab.” Erneut glitten einige Tränen über die edlen Züge ihres Antlitzes und mit den Worten: “Möge Gott dich schützen. Ich liebe dich!”, stand sie plötzlich auf, entfernte sich und zog sich ins Haus zurück.
Hadamar saß nun alleine da. Er konnte seinen Gefühlen keinen passenden Ausdruck verleihen, doch er fühlte eine große Wärme in sich und doch auch eine gewisse Trauer, vielleicht war sogar ein wenig Angst vor dem Kommenden dabei. Schweigend blickte er auf zu den Sternen und betrachtete wie manche von ihnen schnell ihre Bahnen zogen. Sie erinnerten ihn wieder, daß er Lucia erst dann wiedersehen würde, wenn auch er seinen Weg beschritten, den Auftrag erfüllt und die Bewährung bestanden habe.
Er saß noch eine längere Zeit am kleinen Springbrunnen. Die Nacht war bereits weit vorgerückt, als auch Hadu und Maximus ihr Gespräch für diesen Tag beendet hatten. Hadamar verabschiedete sich vom Gastgeber und verließ mit seinem Vater das Haus.
Draußen sah er nun das weite Sternenzelt und es überkam ihn das Gefühl von gewaltiger Stärke, so wie noch nie zuvor. Noch nie hatte sein Herz so mächtig geschlagen wie heute, da er so tief wie noch nie in die Seele eines anderen Menschen geschaut hatte, wie in die Lucias. Sie erreichten Saros Haus. Er ging auf leisen Sohlen in seine Kammer und legte sich still auf sein Bett. Neben ihm schnarchte Chadeloch in vollen Zügen. Heute störte es ihn keinen Augenblick, den sein Geist war voll mit den Erlebnissen des zurückliegenden Abends. Er blickte auf den Ring an seinem kleinen Finger und sang still ein Lied, daß aus seinem tiefsten Seelengrund entsprang:
Lucia, lichter Strahl der drang in mein Leben
Lucia, dir allein mein Herz will ich geben.
Schwarz deine Augen, schwarz auch dein Haar,
Dir hingegeben bin ich Hadamar.
Hadamar schmunzelte, denn der abschließende Reim klang ziemlich banal, geradezu kindisch. Doch es hielt ihn nicht ab weiterzusingen:
Zügle, oh Herz, den Sturm und die Glut
Heute erwarb’st dir das höchste Gut.
Mag kommen die Nacht, mag kommen der Tag
Durch die Lieb’ im Herzen, ich alles ertrag.
Kein Held kann mich bezwingen,
Aller Gefahr ich kann entrinnen,
Jeden Zauber kann ich bannen
Solang von Lieb mein Herz bleibt umfangen.
Oh lichter Strahl, du drangst in mein Leben
Dir allein bin ich ganz hingegeben
Für dich will ich leben, für dich auch sterben
Wenn ich nur kann deine Lieb’ erwerben.
Dein Name für mich ist gleich süßem Wein
Ihm mein ganzes Leben geweiht soll sein.
Dein Name ist Stern mir in finstrer Nacht
Im Herzen allzeit nur dein Bild ich betracht.
Jetzt wart’ meine Schöne bald kehr’ ich zurück
Dann gemeinsam wir teilen der Liebe Glück.
Lucia, dir ist gelungen mein Herz zu betören
Dir allein will für immer ich Treue schwören.
Er küßte den Ring und drückte ihn seufzend an sein Herz und schlief bald darauf ein.
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