Dienstag, 30. September 2008

ER - Der Bilderbuchdaddy

War es ein Fehler, ein Mißgeschick, daß ER Vater geworden ist? Er beantwortete diese Frage mit Nein. Natürlich hätte man dies verhindern können, hätte man verantwortlicher sein können, aber Unglück war es letztlich keines. Es waren schließlich seine Kinder, ihm ganz aus dem Gesicht geschnitten, - ein Geschenk an die Welt. Manche stoßen sich, daß jedes seiner Kinder eine andere Frau zur Mutter habe, aber was soll’s, ER gönnt ihnen die Freude.
Was die Erziehung angeht würden sich ohnehin seine ehemaligen Lebensabschnittspartnerinnen darum kümmern. Er hatte seinen Kindern von Anfang an beigebracht, daß er für sie nicht der „Papa“ ist, sondern höchsten der „Daddy“, am liebsten einfach ER. ER wollte seinen Kindern mehr als nur ein Alltags-Papa sein, er wollte ihr Freund, ihr großer Bruder sein, dem sie alles erzählen können, der mit ihnen Streiche ausheckt, der mit ihnen die Welt erkundet. Gibt es Probleme mit seinen Kindern so ist ER sicherlich nicht schuld daran. Heutzutage gibt es so viele verderbliche Einflüsse für die Kinder und die Lehrer sind zudem ziemlich schlecht ausgebildet.
Seine Kinder sind überdurchschnittlich intelligent und sportlich in Topform. ER fördert sie wo ER nur kann. ER geht mit ihnen auf die Fußballspiele, auf Tennistourniere und vor kurzem war er mit ihnen sogar auf dem Österreichring. ER kauft ihnen zudem die neuesten Hörbücher. ER hat auch nicht gespart als er jedem einen Computer mit Internetanschluß kaufte. Ein Kind kommt ohne diesen gar nicht mehr aus und da kann es sich die Hausaufgaben und Vorträge zur Gegenüberstellung herunterladen, kann es direkt auf das beste und aktuellste Material Zugriff haben und seine Hausübung, Vorträge etc. lernschwächeren Kindern zur Verfügung stellen.
Ein großes Anliegen ist ihm, daß seine Kinder nicht verklemmte und von ihren Kameraden ausgestoßene, unaufgeklärte Jungfern seien. Deshalb kaufte er ihnen bereits ab der zweiten Klasse Volksschule „Bravu“ und „Pupcurn“. Dort bekamen sie eine angemessene Aufklärung und waren zudem über die neuesten Trends und die bekanntesten Stars informiert. Auch auf Letzteres legte er großen Wert, denn er wußte was es in der Jugend bedeutet auf ein Vorbild aufblicken zu können.
Mit den Alimenten, dem Bausparvertrag für jedes Kind und dem Sparbuch auf welches er immer wieder das Taschengeld überwies kam er vollkommen und treu seinen Vaterpflichten nach. Es fehlte seinen Kindern an nichts, ja es ging ihnen mit ihm besser als so manchen anderen mit ihren biederen und treuen Papas. Wie stolz wäre ER gewesen, hätte ER einen so coolen, so freien, so aufgeklärten und so modernen Daddy gehabt, wie ER es für seine Kinder war. Gerne verzichtet er auf die überholten autoritären Erziehungsmethoden, wenn er dafür zum besten Freund seiner Kids werden kann.

Montag, 29. September 2008

ER und das Ministertreffen

ER hatte nun den Sprung nach oben geschafft. ER hat das große Sprungbrett erklommen um den Sprung in Glorie, Ruhm, Ansehen und Geld zu wagen. Es war nicht leicht dieser Weg. Er kostete ihm äußerst viel Selbstentsagung gerade im Bereich seines Charakters. Wer wie ER hoch hinaufkommen wollte, der musste sich ganz klein zu machen verstehen, der musste die Schuhe der Großen lecken und niemals darin aufhören.
Jetzt waren sie vermutlich doch auf seiner Schleimspur ausgerutscht, hatten ihn einberufen. ER durfte jetzt an einer ganz großen Sache mitarbeiten. ER durfte am Treffen der Worldleaders teilnehmen, an einem Ministertreffen. ER hat diesen Sprung, auf den ER sich so gründlich über Jahre hin vorbereitete gründlich verdient. Im Büro, im Sekretariat wo alle Informationen, alles Wissen der ganzen Elite zusammenkam hatte ER den ihm zugeteilten Platz gefunden. ER wurde zum Multiplikator der Gedanken der Großen. ER durfte die Kopiermaschine bedienen und die Dossiers vervielfältigen. Welche eine Chance!
ER erhielt sofort nach seiner Ankunft ein Zimmer im selben Hotel wie die von ihm so sehr hofierten Großen. ER bekam die Mitarbeiterkarte mit denselben Privilegien wie der VIP-Ausweis mit sich brachte. ER aß vom selben Frühstücksbuffet, ER genoss denselben Wein, aß auch dieselben Gerichte wie sie, die Hochverehrten. Man isst was man ist! Man isst Großes und wird zu einem Großen.
ER machte sich ausgezeichnet in diesem neuen Aufgabenbereich, ja ER blühte geradezu auf. Es war seine Welt, die Welt der Mächtigen, der Starken, der Großen. Sie sahen ihn, alle sahen sie ihn. Und wenn er aus dem Hotel herauskam, wo die buntesten Fahnen aller angereisten Nationen im Winde wehten, da glaubten doch sicherlich alle unter den gewöhnlichen Menschen, dass ER einer der Großen war. ER grüßte sie kurz und wohlwollend, denn frühzeitig sollte man lernen sich im Rampenlicht zu bewegen. Denn kann ja hin und wieder sehr schnell gehen, worauf ER felsenfest vertraute. Und war ER etwa kein Großer? Klebte an ihm auch nur das kleinste Stück Gewöhnlichkeit? Nein!
Bald würde man seine Talente entdecken, nach 7000 Kopien, 50 Papierstaus. Alles wurde exakt und präzise ausgeführt, die Kopien auch noch in der richtigen Reihenfolge in die Ordner einsortiert, das konnte doch gar nicht mehr verborgen bleiben. Nein, er würde bald seine Berufung in die höheren Etagen erhalten, er würde bald am Zenit der Öffentlichkeit stehen. Ohne seine Tätigkeit könnte das Ganze gar nicht abgehalten werden und ER ließ es die anderen im Sekretariat auch auf seine Weise diskret spüren, dass da gar nichts laufen würde, wenn er nicht den grünen Knopf immer wieder hinunterdrückte. Irgendwann wird sich dieser grüne Knopf in den berüchtigt roten Knopf wandeln, er hatte den Willen und die Fähigkeiten zur Macht. Und wenn ER erst einmal an der Spitze angelangt sein würde, dann müssten die anderen dasselbe Tun wie ER jetzt, nur noch viel mehr, nämlich Schleim produzieren ohne Ende.

Thiuhada-Sage: Buch I - Brigantium

Hada und Chadeloch hatten bald den kleinen Zug von Menschen und Tieren eingeholt an dessen Spitze Hadu ritt. Von fernem sah man bereits die Insel Tiberia und dann am Ende des Sees schimmerten schon die mit weißem Marmor bedeckten Gebäude von Brigantium. Die beiden Freunde ritten, sich von Hadu verabschiedend, im Galopp auf Brigantium zu. Sie beeilten sich einerseits um gute Marktplätze zu ergattern, andererseits um ungestört die Stadt zu durchstreifen.

Die Sonne hatte den Mittag erklommen als die beiden Freunde die Cluse, die Enge zwischen See und dem Pennodurum erreichten. Dort staute sich, wie gewohnt zu diesem Fest, der Verkehr von Händlern, Pilgern und Bauern. Von der Tiberia gleiteten Schiffe sanft durch das Gewässer des Sees und auch von Constantia und Felix Arbor kamen Schiffe mit Waren für den großen Eponamarkt. Auf den Wagen saßen johlend die Kinder, die sich auf den lauten Rummel freuten und Männer und Frauen hörte man den Hymnus der Göttin singen:

Nun sing, o Stadt Brigantium...
... Heil und Sieg, Heil Göttin Epona.


Hada und sein Freund versuchten, mit ihren Pferden so schnell als möglich sich an dieser Traube von Wagen und Vieh vorbeizudrängen. Was aber nicht von allen mit Wohlwollen registriert wurde.
“Seht diese erbärmlichen und räuberischen Alemannen!”, schrie einer der Marketänder. “Es hat kein Genügen, daß ihr unsere Höfe und Felder brandschatzt, nein, auch noch die Marktplätze werden uns weggeraubt! Kriegsgesindel, Räuberpack!”
“Laß ihn reden, laß ihn gewähren!” rief Hadamar Chadeloch zu, der bereits Anstalten zur Umkehr und zu Vergeltung machte.
“Aber dieser Schlangenzunge muß man das züngeln verbieten! Er weiß nicht zu wem er die Schmähung gesprochen hat, gegen wen er sein Gift gespuckt hat!”
“Und gerade deshalb, sollten wir Nachsicht üben und keinen unnötigen Streit und keine Auseinandersetzung vom Zaum brechen!” entgegnete Hadamar dem immer noch grimmigen Freund. Dieser hielt die Luft an und folgte Hadamar. So ritten sie auf der Römerstraße die von Campadunum herkam in Brigantium ein.

Brigantium war eine große Stadt. Obwohl sie durch die Verwüstungen von tausendundzwölf an Bedeutung verloren hatte, versuchte man doch in den fast hundert Friedensjahren der damals gänzlich verwüsteten Stadt ihr altes Gepräge wiederzugeben. Was zur alten Stadt an Neuem hinzugefügt wurde war die Fluchtburg, die Ummauerung des Hafenbereichs und des Hügels, der ehemals außerhalb der Stadt lag, die Errichtung eines Kastells für Legionäre, als auch die Errichtung des großen Wachturm, der Specula, auf der Drususeck, mittels welcher man den gesamten Raum des Brigantersees, als auch einen großen Teils des Rhenustals bis zum Berg Kamor, gut zu überblicken vermochte.
Brigantium war eine alte Siedlung der keltischen Briganter. Während die Kelten sich insgesamt als ‘die Erhabenen’ bezeichneten, die mutigen Belgier, als ‘die Stolzen’, pflegten sich die Briganter als ‘die Hohen’ unter den Erhabenen zu bezeichnen. In dieser Bezeichnung schwingt die keltische Freude an mehrdeutigen Aussagen mit. Die Briganter verstanden sich als die Hohen, weil Brigantium am Fuß der sich hochtürmenden Alpenberge lag. Dann waren sie von großem Körperwuchs, den Alemannen gleich, und zudem waren sie durch ihr Geschick in Handel und Redekunst den meisten ihrer Stammesgenossen ‘hoch’ überlegen. Schließlich zeigten sie im Schmuck und in der Freude an guten und modischen Kleidern, daß sie im Reichtum den Hohen Roms gleichzukommen verstanden.
Auch die Stadt selbst sollte etwas von dieser Hoheit der Briganter, die doch den Haupt- und Führungsteil der Stadt bildeten, wiederspiegeln. So waren sie bemüht nach den Verwüstungen des großen Alemannenkrieges die Stadt wieder aufzubauen. Die alten Göttertempel, das Forum, die Straßen, die Handwerks- und Wohnbezirke erstanden erneut aus ihren Trümmern und doch, Brigantium war kleiner geworden. Die Municipialverwaltung war nicht mehr in der Stadt am Lacus Venetus, ein anderer Name für den Brigantersee, und damit war sie nicht mehr die Metropole von Raetia prima.
Doch die Veteranen kehrten wieder zurück an den See, der sie an ihre italienischen Seen erinnerte und an dem sie, den ihnen geschenkten Boden, durch Sklaven und freies Gesinde bearbeiten ließen. Die Bevölkerung in Brigantium war dementsprechend gemischt. Neben den keltischen Brigantern wohnten vereinzelt Räter aus dem Süden des Landes hier, jedoch nur wenige, dann waren da Römer und dann die Soldaten aus sämtlichen Provinzen des großen römischen Imperiums.
Die Verschiedenheit der Völker brachte auch die Verschiedenheit der religiösen Kulte mit sich. Da war der Haupttempel, der dem römischen Jupiter geweiht war, daneben stand der Tempel der Teutates und Epona zugeeignet war, dann gab es ein kleines Pantheon in dem die Gottheiten der verschiedenen anderen großen Kulte zu finden waren. Ein wenig außerhalb der Stadt unter der Felsnase der Drususeck war auch eine kleine Versammlungsstätte der seit nun vierzig Jahren zugelassenen christlichen Religion, zu der sich auch einige der jüngeren Kaiser bekannten, die aber zuletzt unter Kaiser Diokletian noch einmal grausam, bis aufs Blut, verfolgt wurde.
Als Ganzes macht Brigantium einen wunderbaren Eindruck, der weiße italienische Marmor des Forums und des Tempels leuchtete strahlend weiß über den See hinweg und machte diese Gebäude schon von Weitem erkennbar und zu ihnen gesellten sich noch die großen Bürgerhäuser, die Villen der römischen Veteranen und Reichen, die zum See hin gelegen waren.
Das alljährliche Eponafest, das am achtzehnten Mai stattfand, bildete den Höhepunkt des städtischen Lebens, denn mit dem Fest, zu Ehren der keltischen Pferdegöttin, war immer der größte Markt der gesamten Region - der Eponamarkt - verbunden. Aus allen großen Städten der Umgebung kamen die Menschen zusammen um die neuesten Waren, die aus allen Ländern des Reiches hier eintrafen, zu sehen und um dieselben zu erwerben. Zudem war der Eponamarkt der größte Pferdemarkt der Provinz und dieser Teil des Marktes war jener an dem am meisten gefeilscht, geschrien und gezankt wurde, so daß manchmal allein durch das Eingreifen der Legionäre der Friede wieder hergestellt werden konnte.

Hadamar und Chadeloch ritten in die Stadt hinein. Was ihnen beiden auffiel, war die geringe Anzahl an römischen Legionären. Nach dem Angriff ihres Stammes verlegte Rom eine Unzahl ihrer Soldaten zum Schutz hierher, doch in den letzten Jahrzehnten ist die Furcht vor einem weiteren Angriff von Seiten der Lenzer und ihrer Verbündeten immer kleiner und die Nöte an anderen Grenzen des Imperiums größer geworden, so daß man nur mehr eine kleine Anzahl von Soldaten in Brigantium zurückgelassen hatte. Die Freunde ritten den kurzen Anstieg hoch auf die Ebene der städtischen Siedlung. Ihr Weg führte sie an der Nekropole, dann am Epona- und Jupitertempel und schließlich am Forum vorbei, bis sie die Höhe des Pferdemarktes erreichten.
Hada kümmerte sich, beim zuständigen Beamten um einen guten Marktplatz für den Verkauf ihrer Pferde. Er war hier ein bekanntes Gesicht und die Pferde seines Vaters ein begehrtes Gut, da sie keinen Makel hatten und als ausgezeichnete Reittiere, die auch im Kampf nicht scheuten, galten. Bald war der Platz reserviert und die beiden Freunde ritten durch die Straßen und betrachteten dabei die Waren die hier feilgeboten wurden. Da die Marktplätze im Forum bereits vergeben waren, errichteten die Händler auf den Straßen ihre Stände und priesen dort mit heftigem Geschrei und Gebrüll ihre Waren an. Die Bauern verkauften die Erzeugnisse ihres Bodens, Butter, Käse und Wildpret. Besonders der Käse, von dem an manchem Stand bis zu zwanzig verschiedene Sorten angeboten wurden, fand bei den Römern und Händlern, die aus verschiedenen Provinzen zum Markt angereist waren, große Beliebtheit. Die Fischer boten die rund dreißig Arten von wundervollen Veneterseefischen an, die sie mit Netz und Angel fingen. Gegenüber den Fischern waren die Stände der Räter. Sie verkauften ihren Honig, Wachs, Pech und Kinholz, als auch das Lieblingsgetränk von Kaiser Augustus, nämlich den etwas herben rätischen Wein. Dann sah man die Holzhändler, die mit Händlern aus der italischen Halbinsel um die Preise handelten. Vor allem das Lärchenholz aus der Gegend war das begehrte Rohmaterial für den Schiffsbau. Neben den einheimischen Produkten verkauften auch italische Händler levantische Austern, die in gefrorenem Schnee über die Alpen transportiert wurden, aber auch südliche Weine, in Schläuchen und zerbrechlichen Amphoren. Sie brachten auch Öl, Südfrüchte, buntfarbige Stoffe, Waffen, Schmuck und Sklaven über die hohen Alpenpässe nach Brigantium. Die Briganter selbst verkauften ihre weithin bekannten Töpferwaren. Die wohlhabenden Kaufleute Brigantiums hatten in der Nähe des Forums ihren Sitz. In ihren Kaufhäusern lagerten die Waren aus den entlegensten Provinzen des Reiches, mit denen die Kaufmannschaft in lebhaften Handelsbeziehungen stand. Diese Waren wurden von ihnen auf dem Eponamarkt sowohl angepriesen als auch eingekauft.

Hadamar und Chadeloch betrachteten also das rege Treiben. Während Chadeloch sich vor allem auf die Produkte konzentrierte musterte Hadamar die fremdländischen Gesichter, die gierigen Blicke der Händler und die staunenden Augen der Käufer oder derjenigen denen es an Geld mangelte, um die begehrten Produkte erstehen zu können. Im Taumel der Eindrücke merkten die beiden Lenzer gar nicht, daß auch sie angeblickt wurden. Vor allem die junge Generation blickte zu ihnen empor. Der weibliche Teil mit Bewunderung, der männliche mit einem leichten Anflug von Eifersucht. Keiner der beiden bemerkte dies, denn sie waren und fühlten sich als die Jungen vom Land, als solche, die keine Ahnung von der Weite der Welt als auch vom Leben hatten.
Beim Haus seines Großvaters Saro, das ganz in der Nähe des Forums lag, ließ Hadamar sein Pferd anhalten.
“Deine Eltern, Geschwister und euer Gesinde sind noch nicht da.”
“Tja,” erwiderte Hadamar, “ich will aber nicht vor ihnen das Haus betreten. Wie wärs wenn wir uns das Treiben von oben, von der Drususeck aus, betrachten?”
“Einverstanden!”, entgegnete Chadeloch.
Die beiden machten also kehrt und ritten an den bereits gesehenen Ständen vorbei. Bei der Pferdetränke und Raststation schlugen sie den Weg Richtung Drususeck ein. Am Fuß derselben, dort wo der dichte Wald des Pennodurum seinen Anfang nahm, lag das Aureliaheiligtum, bei dem sie ihre Pferde stehen ließen. Der kleine Aureliatempel war der Versammlungsort der sogenannten Christen. Hadamar zeigte mit dem Finger zum Heiligtum:
“Dort beten die Christen ihren Gott an. Eine rätselhafte Religion die eine gekreuzigte Gottheit anbetet.”
“Es ist der Beweis, daß man Menschen für alles gewinnen kann. Vermutlich finden sich unter den Gläubigen” Chadeloch legte in dieses Wort seine ganze Abneigung und Geringschätzung hinein, “nur ein paar alte Weibsbilder und Narren.”
“Dem Singen nach sind sie gerade zum Gottesdienst versammelt. Immerhin, es klingt nicht übel.”
“Ein wenig zu sanft für meine Natur.”
“Auch für die meinige. Kennst du die Geschichte von dieser Aurelia, nach welcher dieses Tempelchen benannt ist?”
“Nein, erzähl sie, wenn du sie kennst.”
“Vor einigen Jahren als Diokletian die Christen verfolgen ließ wurde Aurelia von den Römern im Birkenfeld gefangen genommen und dann zum kleinen Kastell Hinterburcus gebracht, wo sie getötet werden sollte. In ihrer Bedrängnis rief sie die drei Götter der Christen an und rettete sich durch ein Wunder mit einem einzigen Schritt von Hinterburcus nach der Insel Tiberia. Das ist alles was ich von der Geschichte kenne.”
“Hadamar” sagte Chadeloch mit drängendem Ton “ich muß Christ werden.”
“Warum denn?”
“Falls ich einmal im Krieg von Feinden verfolgt werden sollte, muß ich nur die drei Götter der Christen anrufen und schwupp, mach ich einen Schritt und bin gerettet. Ist doch toll, nicht wahr?”
Hadamar klopfte lachend seinem Freund auf die Schultern und lachend machten sie sich zu Fuß auf den leicht ansteigenden Weg zur Specula. Zwei römische Soldaten begegneten ihnen. Die beiden Paare musterten sich gegenseitig, gingen aber ohne Bemerkung aneinander vorüber.
“Kleine Kerlchen diese Römer. Da versteht man erst, warum Männer wie dein Vater gleich den ruhmreichen Speculatores zugerechnet werden. Einer von uns gilt wie mindestens drei von ihnen. Missratene Kümmerlinge!”
“Immerhin mußt auch du ihnen zugestehen, daß sie die ganze Welt erobert haben. Sicherlich vielleicht weniger durch Mut, Kraft und Stärke, aber doch durch ihre Technik, ihre Disziplin und Organisation.”
“Hada, ich sage dir, der Mut und die Kraft des Mannes überwiegt jede Maschinerie, jede Technik. Brigantium selbst ist der Beweis. Die glänzende Stadt ist gefallen. Sie ist gefallen trotz all ihrer Technik, trotz all ihres Ruhmes. Sie hat sich wieder erhoben, die zertrümmerten Denkmäler sind wieder errichtet. Doch wie lange werden sie stehen? Fürchten muß und fürchten tut sich Brigantium vor dem Volk, dessen - in aller Bescheidenheit gesagt - edelsten Triebe wir sind.”
Hadamar konnte Chadeloch nichts entgegnen und so gingen sie schweigend die letzten Schritte hoch zur Drususeck. Furchterregend erhob sich das mächtige Mauerwerk der Specula. Weit über den Brigantersee konnte man das nächtliche Wachfeuer sehen und am Tag erblickte man die dunkle, säulenartige Erhebung von Weitem. Von hier aus kontrollierte das römische Heer Brigantium, das Rhenustal, Teile der helvetischen als auch der rätischen Alpen sowie den ganzen Brigantersee. Ein leichtes Frösteln empfanden die beiden jungen Männer, als sie von hier ihre Heimat erblickten. Sie lag nicht mehr auf römischem Gebiet und dennoch wurde dieses Zwerglein von Land von einem verängstigten Riesen kontrolliert. Hadamar dachte an die letzten Worte seines Freundes:
“Ja, der Riese fürchtet sich vor dem kleinen Zwerglein. Warum? Der kleine Zwerg ist erfüllt von unbändigem Leben, der Riese hingegen ist aufgrund seiner Größe und Stärke der Selbstsicherheit verfallen und glaubt ausruhen zu können. Eine womöglich tödliche Rast!”

“Weist du was mich immer wieder fasziniert, Hada, wenn ich den See so betrachte?”
“Was denn Chadeloch?”
“Nämlich das, daß der Brigantersee so grundlos tief ist, daß unter allen germanischen Ländern und dem suebischen Meer ein Wasserarm bis nach Schweden reicht hinein in einen kleinen, ebenso tiefen See. Wenn nun in den schwedischen See Fische gesetzt werden, die sonst in keinem der beiden Gewässer vorkamen, so waren sie im Brigantersee bald auch, und tat man in den Brigantersee eine neue Art, so waren sie durch den unterirdischen Wassergang gleich im schwedischen. Das fantastische ist das keiner der Versuche die man machte fehlgeschlagen ist. Ist das denn nicht großartig? Wenn man sich das nur vorstellt. Könnten wir so lange unter Wasser bleiben wie ein Fisch, man könnte von hier bis nach Schweden tauchen. Weist du, daß manche sagen, daß die Felchen so in den Brigantersee gekommen seien.”
“Chadeloch, das sind doch nur Geschichten.” versuchte Hadamar zu beschwichtigen.
“Ich aber glaube, daß es sich so verhält. Das Wissen darüber ist zu alt, zu erhaben, daß es nur eine Geschichte sein könnte. Nein, ich - Chadeloch - glaube, daß es sich genau so verhält, wie es die Väter uns lehrten.”
Da man nichts gegen eine solch feste Überzeugung auszurichten vermag und vielleicht ja doch etwas Wahres an dieser Erzählung sein mochte, verzichtete Hadamar auf eine Ergänzung. Die Sonne näherte sich immer mehr dem Horizont, so daß die beiden Lenzer sich aufmachten und den Felsvorsprung hinunterstiegen. Sie erreichten ihre geduldig wartenden Pferde, banden sie los und schickten sich an in die Sättel zu springen.

Im Sattel sitzend sahen Chadeloch und Hadamar wie sich das Portal des Aureliatempels öffnete und eine Schar von Menschen aus ihm herausströmte.
“Hada, laß uns noch warten. Wir wollen uns doch nicht den Anblick des Völkchens der Christen entgehen lassen. Ist bestimmt drollig.”
“Einverstanden!”, antwortete Hadamar und so blieben sie auf ihren Pferden sitzen und betrachteten was an ihnen vorüberging. Es waren Männer und Frauen, Burschen und Mädchen, aus allen Ständen waren sie bunt zusammengemischt Reiche und Arme, Hohe und Niedrige.
“Es ist doch ein wenig anders als ich es mir vorgestellt habe. Bei Mjölnir, schau mal was für schöne Mädchen! Hada schau, schau sie blicken uns an! Ich glaube wir gefallen ihnen.”
“Hast du jemals daran gezweifelt?” fragte Hadamar mit einem schrägen Blick.
“Ah..., natürlich nicht. Ich suchte nur noch Beweise für die Richtigkeit meiner festen Überzeugung.”
“Aber Chadeloch, es sind Christinnen die dich anblicken, - Narren- wie du selbst sie nanntest.”
Hadamar genoß es, seinen Freund in Verlegenheit zu bringen. Er genoß es, zuzusehen wie er sich jetzt wohl aus der Schlinge, die er sich selbst gelegt hatte, befreien werde. Chadeloch versuchte der Falle zu entkommen und sagte geschickt:
“Jeder Mensch hat ein natürliches Empfinden für Schönheit - auch Christinnen. Damit Schluß!”
Hadamar konnte sich das Schmunzeln nicht verkneifen. Gerade wollte er dem Pferd in die Seite treten um davonzureiten, als er noch zwei weitere Gestalten vom Heiligtum her kommen sah. Auch Chadeloch wurde auf die Beiden aufmerksam. Der Mann der mit einer jungen Frau an seiner Seite auf die beiden Neugierigen zuschritt schien einmal ein gewaltiger Krieger gewesen zu sein. Mächtig waren seine Schultern, seine Brust, seine Arme und Beine. Er trug ein römisches Schwert an seiner Seite. Neben ihm stand die zierliche junge Frau, die gerade dem Mädchenalter entwachsen zu sein schien. Sie mußte die Zierde aller römischen Frauen hier in Brigantium sein, denn weder Hadamar noch Chadeloch hatten jemals eine solche Schönheit gesehen. Chadeloch der mit seinem Pferd dicht neben Hadamar stand stupfte ihn leicht mit seinem Ellbogen und flüsterte ihm ins Ohr:
“Bei Thor, hast du jemals ein solch zierliches Geschöpf gesehen? Sie ist bestimmt eine Römerin und der neben ihr ist mit Sicherheit ein Veteran!”
Eine leichte Brise zog vom See her auf und spielte mit dem langen blonden Haar Hadamars, als die beiden Christen zu den beiden jungen Sueben aufschauten. Die Blicke beider überflogen Chadeloch blieben dann aber bei Hadamar stehen. Auch Hadamar beobachtete die beiden seinerseits. Als sich die Blicke der jungen Frau und seine eigenen trafen wich er gleich ihr errötend aus und blickte verlegen zur Seite. Der Mann, der so alt wie Hadamars Vater zu sein schien, betrachtete das Gesicht und die Augen Hadamars mit scharfem Blick und sprach:
“Bin ich richtig in der Annahme, daß vor mir zwei Alemannen aus dem Stamm der Lenzer stehen?”
Die beiden zu Pferde Sitzenden waren leicht verstört über die prompte und treffsichere Frage des mit einer tiefen, festen und zugleich warmen Stimme sprechenden Mannes.
“Warum fragen sie uns?” entgegnete Chadeloch.
“Ich frage, da ich einen Mann kannte, der diesem jungen Herrn bis auf das Haar ähnlich sah. Dieser Mann, den kennenzulernen ich geehrt wurde, war ein Lenzer-Alemanne, er war ein Held, einer der größten Helden, dem ich während meiner Militärlaufbahn begegnet bin.”
“Tja, sie haben absolut richtig gesehen, vor ihnen stehen zwei echte Lenzer. Und sie? Sind sie ein römischer Veteran?” fragte Chadeloch keck.
“Ja, das bin ich.”, war die knappe Antwort.
Dann nahm der Veteran die junge Frau an der Hand wendete sich von den beiden ab und ging schweigend davon. Chadeloch und Hadamar blickten ihnen nach. Da schaute die römische Schönheit noch einmal kurz zurück, drehte sich dann aber gleich wieder um.
“Was für eine Schönheit der Süden doch hervorzubringen vermag. Das einzige was für mich diese Schönheit trübt, den einzigen Makel den ich an ihr finden konnte war, daß sie ständig dich verstohlen angeblickt hat”, sagte Chadeloch.
Hadamar war dies ein wenig peinlich, er wollte sich männlich verhalten, doch alle Stärke schmolz bei dem lieblichen Anblick. Ein bis dahin nie dagewesenes Gefühl.
“Laß uns jetzt endlich zu meinem Großvater reiten!” Chadeloch überhörte die leichte Nervosität in Hadamars Stimme nicht und nutzte die Möglichkeit um Vergeltung, für die Schmach mit den Christinnen, zu üben. Er fragte mit gespielter Ruhe:
“Geh ich richtig in der Annahme, daß sie auch dir gefallen hat? Gefiel dir etwa ihr dunkles Haar, ihre schwarzen Augen, ihre roten Lippen?” Chadeloch blickte ihm forschend in die Augen.
“Chadeloch bitte! Laß das!” rief Hadamar, zeigte ihm die Faust und trieb sein Pferd zum Galopp.

Saros Haus gehörte zu den reichsten und größten unter den Brigantern. Wohlstand und Reichtum prägten das Leben. Skalven und Gesinde besorgten den Haushalt, während dem Familienoberhaupt die Verwaltung des Ganzen oblag. Saro hatte nur einen Sohn, dafür aber noch eine Hand voll Töchter, von denen Gaela, Hadamars Mutter, eine war. Das Haus war nach römischem Baustil erbaut worden, doch der Geist der es erfüllte war bewußt keltisch.
Saro hatte Handelsbeziehungen mit der ganzen Welt und dieses weltmännische und politische spiegelte auch sein Charakter wieder. Hadamar liebte seinen Großvater Lenz, Saro hingegen bewunderte er ob seiner Schlauheit, seiner Geschäftigkeit, seiner Listen, mit denen er seine Handelspartner von seiner eigenen Idee zu überzeugen vermochte. Er bewunderte seine Freude an Festen und am Lärm des Marktes. Er bewunderte seine Eleganz, seine Bildung, seine Würde, die etwas Königliches an sich hatten. Kurz er bewunderte ihn wegen all der Eigenschaften die ihm selbst fremd zu sein schienen und durch deren scheinbaren Mangel er sich wohl nie in dieser Art von Gesellschaft zurechtfinden können würde. Was er aber sicherlich mit Saro, seinem Großvater teilte, war die Freude am Witz, an der Mehrdeutigkeit der Worte und die Liebe zu alten Geschichten und Legenden, als auch die große Wissbegierde und der Drang nach wahrem Wissen, das zur Weisheit führte.
Als Hadamar und Chadeloch das Haus Saros erreichten, setzte gerade die Dämmerung ein. Die ersten Öllämpchen wurden entzündet und erhellten bereits Teile des Hauses. Die beiden glitten gekonnt aus den Sätteln und übergaben die Pferde der Obhut eines phönizischen Sklaven. Dieser führte sie in den Stall und nahm sich der Reittiere an. Kaum war der eine Skalve im Stall verschwunden kam schon ein anderer Diener und brachte Wasser damit sich die Beiden die Hände waschen konnten.
“Was soll den das?” fragte Chadeloch.
“Mein Großvater hat diesen Brauch der südlichen Länder für sein Haus übernommen. Er empfindet es als seine Pflicht unter den Brigantern die Kultur, vor allem die der gehobenen römischen Kreise, zu fördern. Übrigens noch ein kleiner Hinweis für dich, mein Liebster: Wasser schadet nicht.”
“Ich danke dir für deine so überaus liebenswürdige Auskunft.” Der Diener stellte Krug, Schüssel und Handtuch nahe an der Eingangstüre an den dafür vorgesehenen Ort nieder. Darauf kam ein anderes Mitglied des Hausgesindes, begrüßte die beiden Gäste mit einer Verneigung und hieß sie ihm zu folgen.
“Bei Wotan, soviel Sklaven und Angestellte kann sich ja nicht einmal der Vater der Windesheere leisten. Schau dir mal dieses Haus an, Hada. Unsere Häuser wirken wie Erdlöcher im Gegensatz zu diesem. Was für ein prächtiger Mosaikboden. Alles, ja wirklich gar alles vom Feinsten. Uu,...” Chadeloch zeigte mit den Fingern auf die Wände, auf die Sockel auf denen schöne griechische und römische Statuen standen und auf die Truhen, deren Inhalt durch die Deckel mit kleinen Fensterchen sichtbar war: “...was für Statuen, wieviel Gold und dann erst die Felle. Schau dort die Waffen!”
“Chadeloch, die Finger! Laß die Finger davon, benimm dich doch nicht wie ein kleines Kind!”
“Verzeih mir meine Begeisterung, aber all das sind Dinge nach denen sich meine Phantasie sehnt, die mir aber in Wirklichkeit nie zuteil werden.”
“Ich sage dir mein Freund, sobald du die Nichten und Neffen meiner Mutter siehst, wirst du allen Göttern gemeinsam danken, für alles was du hast und für alles was du nicht hast. Denn, glaube mir, nur sehr sehr wenige behalten im Reichtum die Würde, den Sinn für Gerechtigkeit und den regen und ehrlich suchenden Geist wie mein Großvater. Es ist die Huld der Götter die ihm wiederfahren ist, denn die meisten verblöden an all ihren Dingen.”

Hadamars Mutter erschien an der Tür.
“Hadamar, wir warten schon lange auf euch. Wo wart ihr denn so lange? Nun rasch, komm dein Großvater wartet schon auf dich. Ich habe ihm schon alles erzählt. Glaube mir, er ist sehr stolz auf dich.”
Damit nahm sie ihn an der Hand und zog ihn, einer Jagdtrophäe gleich, vor Saro. Dieser stand von seinem Stuhl auf, ging mit würdigem Schritt auf ihn zu und schloß ihn in seine Arme. Hadamar konnte seine Mutter nicht sehen, doch er wußte, daß sie vor Glück den Tränen nahe sein würde. Saro erhob seine Stimme:
“Ich feiere nicht mit meiner Tochter - deiner Mutter - deine Kraft, Stärke und Schönheit. Denn diese Freude würde auf Kosten deines besten Freundes gehen. Ich feiere mit dir und bin stolz auf dich, daß Lenz, dein weiser suebischer Großvater, dich mit Hinageban auszeichnete. Das Äußere ist nur soviel wert, wie das Innere. Wird das Äußerliche nicht von innen her getragen und gehalten so hat es keinen Wert und keinen Bestand. Beides wurde dir geschenkt du bist sowohl von schönem und starken Wuchs und hast einen wachen, regen und reichen Geist, versuche beides zu halten, dann wirst du allezeit vom Glück erfüllt sein. Jetzt aber wollen wir nicht mehr länger von solchen ernsten Dingen sprechen. Komm Hadamar und auch du Chadeloch, laßt uns gemeinsam etwas Essen und Trinken, wir wollen die alten Weisen der Väter singen und feiern.”
Saro legte den beiden jungen Männer seine Arme auf die Schultern und führte sie durch den Säulengang des Innenhofs hinaus in den Garten, wo um ein Feuer herum Betten gerichtet waren, an denen legte man sich jetzt zu Tische, tauschte Geschichten aus und sprach über Politik und Handel.

Chadeloch amüsierte sich aufs Köstlichste. Hadamar hingegen war erschöpft. Er nahm Anteil am Geschehen um ihn herum und dennoch fühlte er sich außerhalb desselben. Er versuchte sich beinahe krampfhaft für seine Basen und den Sohn seines Onkels und deren Gespräche über Weine, Gewänder, Schmuck und die Affären in der Stadt und Provinz zu interessieren, doch sein Herz war weit von alledem entfernt. Die Gedanken seines Herzens versuchten die Geschichte Hinagebans zu erahnen, hingen seinem Auftrag und dessen zukünftiger Verwirklichung nach und nicht zuletzt dachte er an die schöne Römerin, die in ihm eine Seite berührt hatte, deren er sich bisher nicht so bewußt war. Dies war eine sehr zarte aber sein ganzes Wesen in Bann schlagende Seite. Sie machte schwach und zugleich war sie stärker als der Tod, denn würde die Welt auch untergehen und alles vernichtet werden, die Musik die diese Seite in ihm angestimmt hatte würde niemals verklingen.
Chadeloch blickte immer wieder zu Hadamar. Er sah, daß sein Freund in Gedanken versunken war. Er zerstrubelte ihm das Haar und flüsterte ihm ins Ohr:
“Sie hat dir den Kopf verdreht! Aber du ihr auch. Das weiß ich. Verlaß dich auf mich, denn in diesen Angelegenheiten bin ich ein Fachmann, ein wahrer Experte.”
“Laß diesen Blödsinn!” Hadamar versuchte das Haar wieder in Ordnung zu bringen und wollte Chadeloch mit Worten Parade bieten, dieser aber wendete sich lachend den Basen Hadamars zu indem er seinen großen Kennerblick an den Tag legte und zu Evalia, die ein wenig üppiger geformt war, sagte:
“Hm, nein, ägyptisch würde ich lieber nicht tragen. Ich denke griechisch, ja sicherlich, griechisch würde ihre Schönheit in vollem Glanze erstrahlen lassen. Wobei ich das Haar, hätte ich solch lichtes und langes Haar und die dazu passende Figur, nach der Art der Damen Roms tragen würde. Weder ich noch ein anderer Mann könnte solchem Liebreiz widerstehen. Sie sähen einer Göttin gleich!”
Unter so viel Charme errötete Evalia leicht, zog sich mit vielen Höflichkeiten zu ihren Schwestern zurück, um mit ihnen die Vorschläge, des so weltkundigen und sich durch hohen Geschmack auszeichnenden Alemannensohn, zu besprechen.
“Wie schmeckt dir der italische Wein, Chadeloch?” fragte der rothaarige Drusio, der erstgeborene Sohn von Hadamars Onkel, Evalias Bruder.
“Ooh, das nächste Opfer Chadelochs kommt von selbst. Ich kann es nicht fassen!” dachte Hadamar still bei sich.
Tatsächlich machte sich Chadeloch dran auf die Frage eine Antwort zu geben. Die Freude über das nächste Opfer stand ihm ins Gesicht geschrieben.
“Tja” er nahm einen kleinen Schluck, ließ seine Zunge, einem Kenner gleich, vom feuchten rot des Weines umspülen, schloß die Augen, ließ einen genau kalkulierten Augenblick Stille. Dann öffnete er die Augen und sprach: “Bekömmlich.”
“Also er schmeckt dir?” fragte Drusio mit freudiger Erregung.
“Na na, nur nicht so rasch, mein Freund. Ich sagte nur, daß er bekömmlich sei. Aber was an Geschmack haften bleibt ist italische, oder laß uns sagen, römische Steifheit. Dieser Wein schmeckt zu sehr nach Ordnung, nach Disziplin, ja er schmeckt nach Technik. Er ist zu herb und ich möchte sagen, es fehlt ihm an Leben. Ja, es ist zu wenig Leben in ihm. Der gallische Wein hingegen hat sich, trotz der Romanisierung, etwas vom süßen und sprudelnden des Lebens erhalten. Würde aber unser Volk Weinbau in großem Umfang betreiben, dieser Wein - glaube mir mein lieber Drusio - würde vor Leben überschäumen, genau so wie unser Bier. Koste also selbst noch einmal und du wirst, wenn du wirklich ein Kenner bist - woran ich keinen Augenblick zweifle - dich selbst überzeugen können, daß das was ich sagte wahr ist.”
Drusio kostete also nochmals und nochmals. Chadelochs Kennerblick war kritisch auf ihn gerichtet und Drusio stimmte ihm in allem zu. Chadeloch lobte Drusios Geschmack über alle Maße und riet ihm, von nun an nur mehr gallische Weine zu kaufen.
Hadamar glaubte seinen Augen und Ohren nicht zu trauen. Er nahm seinen Freund zur Seite:
“Du kennst doch weder Ägypten, noch Griechenland, weder den italischen noch den gallischen Wein.”
“Aber ich verstehe mich auszudrücken und darauf, Menschen eine Freude zu machen. Gerne erkläre ich mich bereit, dir darin Nachhilfe zu geben. Und übrigens frag deinen Vetter wie er den Wein empfindet, er selbst hat soeben gesagt, daß er nicht wirklich gut ist.” und Chadeloch lachte laut vor Freude auf.
“Pah” winkte Hadamar ab.
Das Feuer begann zu einem kleinen Gluthaufen zu werden, als die beiden Freunde sich anschickten sich zur Ruhe zu begeben.

ER - Der Don Juan

Mann und Frau sind füreinander geschaffen, das weiß bereits die mythenhafte Genesis zu berichten. Was Frauen anbelangt wußte ER alles, - denn ER hatte bereits viele. Schon seit seinen zarten Jugendjahren war er immer wieder auf Brautsuche. Immer wieder wurde er auch von einem neuen Frühling der Liebe übermannt. Ja, sein Leben war einem einzigen Frühling gleich und ER fühlte sich noch immer wie Zwanzig. Heute lächelt ER über seine längst überwundene Schüchternheit und Verklemmtheit, zumal überkommt ihn geradezu ein gewisses Reuegefühl darob. Seine Eltern waren zwar nicht vollkommen verschroben und doch waren sie noch von der alten Schule und erlaubten ihm erst mit Siebzehn, daß ER bei seiner Freundin schlafen durfte. ER wollte es mit seinen Kindern besser machen.
Frauen waren neben Autos, Motorräder und Freizeitgestaltung eines seiner Lieblingsthemen in den Unterhaltungen mit seinen Freunden. War einer gerade einmal solo, so machten sich die vier Musketiere gemeinsam auf den Weg, die richtige Frau für ihren Stammtischbruder zu finden. Wie viel Spaß hatten sie mit den Frauenwitzen. Wie gerne diskutierten sie Abende lang über die Stellung der Frau in der Gesellschaft, die Beziehung zwischen Mann und Frau und über die alttradierte 3K-Theorie.
ER konnte mit berechtigtem Stolz sagen, daß er für jeden seiner Lebensabschnitte die mehr oder weniger richtige Lebensabschnittspartnerin gefunden hatte. Wie ihm das gelang? Naturinstinkt, geschultes Auge und Lernen aus Fehlern, antwortete er mir. Etwas vom wichtigsten sei es für den Mann auf die Innerlichkeit der zukünfigten Partnerin zu achten. So müssen seine Frauen ihren eigenen Haushalt ordentlich schaukeln, ihren eigenen Mann im Beruf stellen, Kultur und Selbstdisziplin haben. Was ER unter Letzterem versteht, fragte ich ihn. ER verstand unter einer gesunden Selbstdisziplin, daß sie mindestens zwei- oder dreimal ins Fitneßstudio bzw. ins Wellnescenter ging, also regelmäßig etwas für ihr physisches und psychisches Wohlbefinden tat. Unter Kultur verstand ER, daß sie sich regelmäßig irgendwie weiterbildet, sei es durch das Lesen von hochstehenden Frauenzeitschriften, Büchern oder durch das Besuchen von Vorträgen und Seminaren. Wichtig war ihm auch das gesunde gesellschaftliche Leben seiner Partnerinnen.
ER fand aber auch die Äußerlichkeiten wie Figur, Schmuck, Make-up und Kleidung äußerst bedeutend. [Die ausführliche Schilderung des Aussehens und der Maße der für ihn in Frage kommenden Frauen wird hier übersprungen. Ich bitte den Leser um Verständnis. Einschlägigen „Fachzeitschriften“ ist in etwa derselbe Inhalt zu entnehmen.] Das Äußere ist ein Abglanz der Seele. Eine Frau die sich zu präsentieren verstand konnte auf keinen Fall niveaulos sein. Eine Frau die es verstand die richtige Kleidung zum gegebenen Anlaß zu tragen, konnte nur schwer falsch gehen, wenn es darum ging auch das passende Gesprächsthema zu finden.
ER ließ seinen Frauen immer die volle Freiheit, so wie ER dies auch für sich in Anspruch nahm. Eine fixe Bindung war ihm recht, solange sie nur nicht Anspruch auf Ewigkeit beinhaltete, - das wäre zu viel von ihm verlangt. Ehe empfand ER für eine überholte Institution in einer Zeit wo die Frauen gleichberechtigt sind, in einer Zeit, wo ihr Überleben nicht mehr von einem Wirtschaftsvertrag zwischen ihrem Mann und ihrem Vater abhängig ist. Einige Ultrakonservative schielten ihn bisweilen wie einen Verworfenen an, doch in ihrem Seelengrund waren sie nur eifersüchtig auf ihn, würden sie dasselbe tun, wenn nur mehr Herz in ihrer Brust schlagen würde.
Seine Großmutter – sie ruhe in Frieden – sagte ihm einmal, ER solle immer daran denken, ob die Frau, die er liebe, Mutter seiner Kinder sein könne. Das hat sie wohl noch im Religionsunterricht beim Pfarrer gehört. [ER lacht heftig.] Nein, ER dachte bei einer Frau nie an die Mutterschaft, genausowenig wie er bei sich an die Vaterschaft dachte; wichtig war, daß sie eine gute Partnerin für ihn, in seinem derzeitigen Zustand, mit seinen derzeitigen Hobbys und Plänen sein konnte. Versprach sie diesen Vorstellungen zu entsprechen war es eine gute Frau, wenn nicht konnte sie sich eine längere Beziehung mit Sicherheit abschminken.
Mit einem Großteil der Frauen, welche ER hatte, ist er noch immer befreundet. Sie sind ihm noch immer dankbar, daß ER einmal ihr Partner war, daß er so aufgeschlossen und großzügig mit ihnen gewesen ist.

Sonntag, 28. September 2008

Thiuhada-Sage: Buch I - Der Erbe

Wir schreiben den sechzehnten Mai des Jahres tausendeinhundertsechs der Germanischen Zeitrechnung(d. i. 353 n. Chr.). Ein ehrwürdiger Greis, dessen Züge starker Wille und Mut mit Liebenswürdigkeit verbinden, saß auf dem Bänkchen vor seinem Haus und betrachtete mit Andacht das Verschwinden der Sonne am Horizont. Der helle Abendstern kündigte das Kommen des Reiches der Finsternis an.
Lenz, der ehrwürdige Greis, fühlte wie auch das Licht seines Lebens sich dem Untergang zuneigte. Er wußte mit innerer Gewißheit, daß der Abendstern seines Lebens, das Kommen der Nacht des Todes ankündigte. Sein Leben galt stets seiner Familie, seinem Volk, dem er als Stammeskönig über lange Jahre vorstand und den er vom Hochsitz aus regierte. Er liebte seinen Stamm über alles, mit seinen Tugenden schien er ihm allen anderen Völkerschaften überlegen, wenn es ihm nur gelingen würde seine Leidenschaft zu kanalisieren.

Lenz war der erstgeborene Sohn seines Vaters Lenz I. Dieser wiederum war der älteste Sohn von Haduwin, einem mächtigen Krieger aus dem Volk der Sueben. In einem Krieg gegen das römische Heer am Rhein rettete ihm ein Gallier das Leben. Dieser Gallier entstammte einer keltischen Familie, die sich vom Glanz des römischen Lebens verzaubern ließ und ihren Kindern keine keltischen, sondern römische Namen, verlieh. Einen ihrer Söhne nannten sie Laurentius und dieser war es, der Haduwin das Leben rettete. Die Not begründete eine wahre Freundschaft zwischen Haduwin und Laurentius, den man kurz Lenz nannte. Haduwin nahm seinen Freund in die Familie auf und benannte, gegen die Gewohnheit, seinen ersten Sohn nicht nach sich selbst oder nach dem Namen seines Vaters, sondern nach seinem Lebensretter und Freund. So hieß denn Haduwins Sohn, Laurentius kurz, Lenz.
Haduwin zog mit seiner Sippe, der er vorstand und die rund hundertsiebzig Köpfe zählte, dem Brigantersee zu. Unter seinem Sohn Lenz wuchs die Sippe zu einem mächtigen Stamm heran, welchen man dann auch nach ihm benannte, nämlich Lenzer. Unter der Führung von Lenz I. lernte Rätien das Fürchten und die Briganter denken mit Schmerz an die Verwüstung ihrer herrlichen Stadt im Jahr tausendundzwölf zurück. Nach Lenz I. übernahm er, Lenz II., den Hochsitz seines Vater und damit die Königsherrschaft über den Stamm. Beinahe die ganze Lebenszeit von Lenz war geprägt von einer Periode des Friedens und der Ruhe in der sein Volk an Zahl sich reichlich mehrte.
Lenz liebte seinen, von den Römern gefürchteten, kämpferischen Sippenverband, seine Leidenschaftlichkeit und Kühnheit, die innere Glut die allen Sueben gemeinsam ist und dennoch hier im Stamm der Lenzer ihren Höhepunkt zu feiern schien. Sein Stamm war nicht beweglich, er war viel mehr, er war von dieser Glut her bewegt. Keine Tücke war in ihnen, sondern gerade das Hinterhaltlose, das Entschiedene, das war es was sein Herz mit Stolz über sein Völkchen erfüllte.

Kräftige, sich ihm nähernde Schritte holten Lenz aus der Welt seiner Gedanken zurück in die abendliche Landschaft, die sich sanft von den Wellen des Brigantersees liebkosen ließ. Es waren keine brausenden und tosenden Wogen der Ozeane, die ihre Ufer mit ihren Wassern schlugen und peitschten, sondern eben das sanfte Streicheln eines Binnengewässers. Ein in der Vollkraft stehender junger Mann trat mit einer leichten Verneigung vor Lenz. Es war Hada, Lenzens Sohn Hadus Sohn, die Liebe von Lenzens Herzen. In den einsichtigen blauen Augen, in seiner durch körperliche Arbeit gehärteten Gestalt, in seinem blonden Haar und in seinem weichen und mitfühlenden Herzen sah Lenz die Verkörperung der Ideale seines Stammes. Hada war nicht wie die meisten der jungen Glieder des Stammes. Als Enkel des alten Stammeshauptes und Sohn des bedeutendsten Kriegers übte er sich nicht wie die Jungen für den Krieg, er trainiert seinen Körper nicht durch die Übungen römischer Gymnasien. Er erarchtete dieselben als sinnlose Zeitverschwendung. Kraft, Ausdauer, starker Wille und Abhärtung kommen durch die Arbeit - so glaubte es zumindest Hada - und Lenz, sein Großvater, gab ihm darin recht. Hada trug nicht wie die meisten Jungen eine römische Tunika um seine männliche Gestalt, vor allem den Frauen und Mädchen, zur Schau zu stellen, sondern er verbarg sie in der unattraktiven Tracht seines Volkes und in solcher stand er auch vor Lenz. Er trug ein Hemd, einen kittelartigen Leibrock zur Hose, die er an den Unterschenkeln mit eintönigen Bändern umwickelt hatte. Er trug den Schwertriemen, ohne Schwert, mit einer großen eisernen Schnalle um seine Hüften und Sandalen an seinen Füßen. Er war bescheiden nach Außen, innerlich aber voll des gesunden Stolzes und eines Feuers, das er noch nicht zu bändigen verstand. Immer wieder suchte er den Rat seines weisen Großvaters, wenn er selbst nicht mehr weiter wußte.
Heute schienen Hadas Augen verzweifelter denn je, seine Fäuste waren geballt, was seine übliche Geste war, wenn ihn jäher Zorn und Wut befielen.
“Hada, was treibt dich zu mir?” eröffnete der Alte das Gespräch.
“Ano ich bedarf deines Rates. Was soll ich nur tun?” Hada blickte verzweifelt auf die silbernfunkelnde Fläche des nahen Sees. Er wußte nicht wie er alles kurz erzählen sollte was ihn bewegte. Er zweifelte ob es gut und klug war seinen Ano mit seinen Schwierigkeiten zu belästigen. Er kam sich vor wie eine wehleidige Tratschbase und es überkam ihn die Scham darob. Nicht mehr wie ein Mann fühlte er sich. Kurz: Er war verwirrt und verzweifelt.
Lenz, der Hada kannte, erahnte was sich im Herzen seines Enkels abspielte und da ihm bereits so manches, was an diesem Tag vorfiel zu Ohren gekommen war, kam er dem Verzweifelten zu Hilfe und bat:
“Erzähl mir von deinem Vorfall mit Chadeloch. Nur Bruchstücke drangen vom Geschehen an mein Ohr. Ich will also nun vom zweiten beziehungsweise vom ersten Hauptbeteiligten hören was vorgefallen war.”
“Bei Thiu, es ist gut, daß du mich frägst, alleine hätte ich nicht gewußt, wo und wie ich anfangen sollte!”, erwiderte aufrichtig dankbar Hada. “Du weißt Ano, daß ich dieses Kriegspielen hasse. Du weißt, wie sehr mir die Schaukämpfe und das verdienstlose Brüsten mit scheinbarem Heldentum zuwider ist. Diese aufgeblasenen Stümper wissen weder was es heißt wirklich in einer Schlacht zu stehen, noch wissen sie was Arbeit bedeutet. Sie sind zu beidem schlichtweg unfähig. Für die Schlacht sind sie zu empfindlich und für die Arbeit sowohl zu ungeschickt als auch zu wenig ausdauernd. Warum können diese Nichtsnutze einem nicht einfach den Frieden gönnen? Ich lasse sie ja auch ihre Wege ziehen, warum können sie nicht einfach auch mich meine Wege beschreiten lassen?”
Hada stand nun von Zorn gerötet vor seinem Großvater, gerade wollte er neuerlich seine gestaute Wut ablassen, als er sich der Frage nach dem Tatvorgang von neuem entsinnt. “Verzeihe Ano, vor lauter Groll habe ich deiner Frage noch keine Antwort gegeben. Also, ich war heute gemeinsam mit unseren Knechten im Wald um Bäume zu fällen. Wir hatten allerhand bewältigt. Am Nachmittag mußten wir früher nach Hause, denn der Stall und die Rosse sollten versorgt werden. Wir machten uns gemeinsam auf den Rückweg und mussten auf demselben auch am Übungsplatz, wo sich meine männlichen Altersgenossen für den Krieg durch Schläge in die Luft üben, vorbei. Was heute außergewöhnlich war, war daß ein Großteil der jungen Frauen und Mädchen ebenfalls anwesend waren. Wie ich von Idun hörte, waren sie heute beim Kräutersuchen und kamen früher zurück, so daß sie ein wenig den jungen Herren bei ihren Übungen und bei ihrem Kräftemessen zusahen. Dies wiederum erfüllte die männliche Seite der Jugend mit einem derartigem Feuereifer, daß sie tatsächlich bessere Leistungen hervorbrachten als gewöhnlich. Die Knechte und ich versuchten dem ganzen Auflauf keine Beachtung zu schenken, uns an ihm vorbeizustehlen, denn es gab für uns noch einiges an Arbeit zu bewältigen. Wir hatten den Platz fast schon passiert, da stellte sich uns Chadeloch breitbeinig in den Weg. Er wollte die Triumphe dieses Tages noch mit mir krönen. So rief er höhnisch:
‘Ah, da schaut Knecht Hada mit seinen Unterknechten!’ Dann lachte er uns grimassenschneidend aus und die meisten, die um ihn standen, stimmten in das Gespött mit ein. Ich befahl den Knechten einfach weiterzugehen. Chadeloch ließ das Gesinde an sich vorbeiziehen doch vor mir versuchte sich dieser Zwerg wieder aufzubäumen, was ihm nicht gelang, da ich ja rund einen Kopf größer bin als er. Dann fing der Möchtegernhäuptling an, meine Anklage zu verkünden:
‘Du Schande unserer ganzen Sippe! Als Lenzes Enkel, als des großen Kriegers Hadus Sohn, gibst du dich mit Arbeit ab, die jeder wahre Mann unseres Stammes verachtet. Du dreckiger Knecht! Du denkst wir spielen hier wie kleine Jungen Krieg? Ja, das denkst du!’
Dabei blickte er mich provozierend und dennoch, so glaubte ich, ein wenig beleidigt an. Ich wußte nicht, was ich antworten sollte, brachte meinen Mund einfach nicht auf. Ich sagte nur, er möge mich nun ziehen lassen, so wie ich sie ja auch kämpfen ließe. Früher hoffte ich immer auf einen solchen Augenblick, da ich das ganze Rudel um mich haben würde um ihnen die Sinnlosigkeit ihres Tuns vor Augen zu führen. Ich erarbeitete mir im Geiste Ansprachen, wog die Worte, welche wohl besser wirken würden und so fort. Als ich aber nun tatsächlich in der Situation stand, war ich wie üblich gelähmt, unbeholfen und wußte nicht genau wie ich mich verhalten sollte. Hauptsache für mich war, daß diese dumme Situation bald vorübergehe.
Da ergriff Chadeloch wiederum das Wort und zwar so laut, daß ihn sicher jeder und jede in der Versammlung zu hören vermochte:
‘Also Hada, ich und wir alle werden dich deine Wege ziehen lassen! Doch erst, wenn du gegen mich im Speerschießen und im Schwertkampf angetreten bist. Hier nützen dir weder Hacke oder Sichel, noch Mistgabel etwas, auch dein schönes Gesicht kann dir hier nicht helfen, denn was du hier brauchst ist Manneskraft und Kampferfahrung. Du hast deinem Großvater Schande gebracht, du hast deinem Vater Schande gebracht, deine Mutter schämt sich ob deiner bäuerlichen Art und uns, deinen Blutsverwandten, bringst du, neben der Schande, nichts als Verachtung entgegen. Jetzt beweise dich als Mann und zeige zumindest, daß du den Kampf versuchst!’
Was sollte ich tun? Mit Widerwillen nahm ich die Herausforderung an. Bis dahin hatte ich nur mit dir und Vater und hin und wieder mit Ebirolf, dem Knecht, gekämpft. Zu den anderen fehlte mir jeglicher Vergleich.
Chadeloch ergriff seinen Speer ging zur Rekordmarke und schoß auf das Zielbrett. Der Speer flog mit Wucht dem Ziel entgegen und verfehlte nur um drei Ringe die Mitte. Alle applaudierten, pfiffen und schrien. Sie waren begeistert, denn es war der beste Schuß des Tages, von dieser Entfernung. Ich selbst stand noch zehn Schritte hinter der Linie. Dies war die größt mögliche Entfernung für mich bei der Jagd um das Wild sicher zu erlegen. Wigo reichte mir einen Speer. Ich aber nahm ihn nicht. Ich sagte, daß ich mit Chadelochs Speer zu schießen wünschte, damit gleiche Bedingungen seien, daß ich aber von dem Ort, an dem ich stand, schießen würde. Man reichte mir also Chadelochs Speer. Ich weihte den Speer Thiu und Wotan und bat die Wallküren, wie bei der Jagd, sie mögen den Speer sicher das Ziel erreichen lassen. Dann zielte ich und schleuderte den Speer. Gleich Chadeloch traf auch ich nicht ins Schwarze aber nichts desto trotz blieb er im zweiten Ring stecken. Es war totenstill um mich herum, keiner klatschte, keiner schrie und keiner jubelte. Chadeloch wußte nicht, was er auf den Schuß sagen sollte, denn er selbst hatte gefordert, daß jeder nur einen Schuß übrig haben würde. Also riß er nun das Schwert aus der Scheide und rief:
‘Nach diesem glücklichen Speerwurf, bei dem dir das Glück sichtlich zur Seite stand, gehen wir nun über zur wahren Prüfung der Männlichkeit! Wigo gib ihm dein Schwert!’
Wigo reichte mir das Schwert. Kaum hatte ich es ergriffen begann Chadeloch schon mit dem Kampf. Knapp vor mir pfiff das Schwert vorbei. Beim nächsten Schlag den Chadeloch versetzen wollte, hielt ich das Schwert quer und fing den Schlag ab, was nicht ganz leicht war, denn er legte nun wirklich seine ganze Kraft in den Kampf hinein. Immer wieder holte er mächtig aus und schlug zu. Immer wieder konnte ich die Schläge abfangen und parieren. Mit der Zeit wurde es jedoch langweilig und um ein möglichst baldiges Ende herbeizuführen überlegte ich - während ich die Schläge abwehrte – was ihr, Vater oder du, in diesem Augenblick getan hättet. Da fiel mir Vaters Kniff, den er mir einmal beibrachte, ein. Als Chadeloch erneut zu einem heftigen Schlag aushob und sein Schwert niederbrauste, hielt ich ihm mein Blatt zum Boden hingeneigt entgegen und tatsächlich ging die Wucht des Schlages dem Erdboden entgegen. Noch bevor das Schwert den Boden berührte faßte ich meines mit beiden Händen, holte aus und schlug das nun bereits in der Erde steckende Schwert mit einem einzigen Schlag aus meines Vetters Hand. Entwaffnet legte ich ihm die Spitze meines Schwertes auf das Brustbein, blickte ihm rasend vor Wut in die Augen und beschwor ihn, er möge mich von nun an in Ruhe lassen. Ich schleuderte ihm das Schwert vor die Füße, ließ ihn stehen und ging langsam dem Dorf entgegen. Die jungen Männer öffneten den Kreis und ließen mich hindurchschreiten. Da begann Adalpret gemeinsam mit Ebirolf in die Hände zu klatschen und riefen nicht:
‘Es lebe Hada!’, sondern: ‘Es lebe Hadamar!’
Ich wußte auch diesmal nicht was ich denken oder sagen sollte und kehrte bedrückt ins Dorf zurück. Die jungen Frauen und Mädchen beglückwünschten Idun, daß sie solch einen Bruder habe. Er mochte zwar ein wenig eigenartig in Art und Kleidung sein - so stellten sie fest -, aber keiner käme ihm gleich an Kraft und Schönheit. Idun nahm die Glückwünsche, wie alle Mädchen, gerne entgegen, lief mir eilends nach nach, fiel mir vor Freude um den Hals, küßte mich und erzählte mir von den Ängsten, die sie um mich durchzustehen hatte. Doch noch größere Freude als sie und die anderen Geschwister werde die Mutter haben, denn schon seit langer Zeit fühlte sie sich den anderen Frauen, die mit der Kraft ihrer Söhne prahlten, zurückgesetzt. Sie glaubte, daß ihr Sohn eben nur Knechtsarbeit zu leisten vermag, für den wahren Mannesberuf aber nicht taugte.

Idun rannte mit Feuereifer nach Hause. Ich rief sie zurück, doch sie hörte nicht auf mich und rannte geradewegs zur Mutter. Ich hoffte, ihr möglichst lange nicht begegnen zu müssen und ging zu den Knechten die die Pferde versorgten und half ihnen dabei. Doch kaum war ich bei ihnen rief mich der Vater. Er wollte, daß ich ins Haus käme. Als ich eintrat kam Mutter auf mich zu und umarmte mich mit Tränen in den Augen. Das war nun das drittemal an diesem Tag, daß ich nicht wußte, was ich sagen sollte. Ich blickte zu Vater, er klopfte mir auf die Schulter und sagte, daß ich der Familie Ehre gemacht habe. Er versicherte mir, daß er nie an mir und meinen Fähigkeiten gezweifelt habe. Ich glaubte ihm, denn Vater, war wie du Ano, immer mein größtes Vorbild, auch wenn ich ihn, bis zu seinem endgültigen Verlassen des römischen Heeres - sprich bis vor einem Jahr -, nur sehr selten sah.

Den Rest mache ich kurz. Mutter will nun, daß ich morgen mit nach Brigantium zum Eponafest gehe. Das alleine wäre noch keine Schwierigkeit, denn ich wäre sowieso mit Vater auf den Pferdemarkt gegangen, um dort unsere Pferde zum Verkauf anzubieten. Aber sie will nun ihren Geschwistern zeigen, daß ihr Sohn der stärkste und größte von allen Enkeln ihres Vaters ist. Sie verlangt, und Vater meinte ich soll ihr diese Freude doch einmal machen, daß ich mir endlich einmal ordentliche Kleider anziehen möge, so wie dies auch alle anderen tun würden. Wenn ich das tue, komme ich mir aber vor wie der Verräter meiner selbst. Was soll ich tun? Rate mir Ano!”

Lenz, der der Geschichte seines Enkels aufmerksam gefolgt war, hielt einen Moment Stille. Er blickte in das durch die Sterne aufgehellte Dunkel der Nacht und atmete tief die kühle nächtliche Luft ein. Er ließ die Erzählung ein wenig sinken. Tiefen väterlichen Stolz empfand er für Hada. Er wußte, daß für den jungen Mann ein neuer Lebensabschnitt begann, er wußte, daß er mit dem heutigen Tag seine Kindheit und Jugendzeit irgendwie beendet hatte. Er sah vor sich einen frühreifen Mann dem er, Lenz, nun eine letzte Orientierung geben durfte. Vielen Männern ist Lenz während seines langen Lebens begegnet, vielen, die Männer der Gestalt nach waren, aber doch Kinder geblieben sind. Hier, vor ihm, stand nun ein älteres Kind das zum Mann herangereift war.
“Hada, mein Sohn!” sprach Lenz in einem feierlichen und wichtigen Ton. “Bald wird der Tag kommen, da ich mit den Vätern in Wallhall zusammen sein werde. Der Tag ist nahe, da ich mit Wotans Heeren im Wind die Welt durcheile. In dir, Ähnlein, ist der Geist all unserer großen Ahnen gegenwärtig. ‚Nomen est omen’, sagen die Römer. Dein Name ist einem geheimen Orakelspruch gleich und kündet dir, worin das wahre Mannsein gründet. Mann sein bedeutet: kämpfen zu können. Doch dieser Kampf wird nicht so, wie die meisten glauben, nur mit Waffen und Worten gekämpft. Der Kampf des Mannes besteht darin, daß er immer um die Erkenntnis des im Jetzt, im konkreten Augenblick, Richtigen kämpft und das Erkannte in die Tat umzusetzen versucht. Mann ist, wer diesen Kampf kämpft, denn es ist ein Feldzug ohne Ende. Weise wird, wer nie diesen Kampf geflohen. Wenn er den Kampf aber einmal geflohen hat, so nimmt ihn der wahre Mann sogleich wieder auf.
Jemand der sich wirklich Mann nennen will, muß seine Väter und deren Erbe lieben, er muß seine Familie lieben. Er muß die Fähigkeit haben, das Erbe der Väter zu schützen, eine Familie aufzubauen und zu erhalten, er muß die Fähigkeit haben, sie durch Klugheit zu schützen, aber auch, wenn nicht anders möglich, mit dem Schwerte zu verteidigen. Wem es wirklich danach verlangt Mann zu sein, vermag sich nicht nur in Arbeit und Krieg selbst Gewalt anzutun und Schmerzen zu überwinden, sondern er vermag auch innerlich sich Gewalt anzutun, um dort, wo nur sein eigenes Ansehen auf dem Spiel steht, dieses, um der anderen Willen, hint an zu stellen.
Eines aber fehlt bei dem ganzen noch um dem Mannsein die Krone aufzusetzen, nämlich die Ehrfurcht vor den Göttern - vor Gott. Hada, die Götter wohnen nicht in Häusern so wie die Römer dies mit ihren Tempeln glauben. Auch die Bäume und Haine, die Schluchten und Quellen sind nicht die Gottheiten, wie dies wiederum viele andere glauben. Aber auch Wotan, Thor und Balder...”
Hier setzte Lenz vor Erregung kurz ab und holte tief Atem. Was er nun Hada mitteilen wollte war sein tiefstes Geheimnis, die größte Erkenntnis zu der er sich in seinem langen Leben durchgerungen hatte. Es war das größte Vermächtnis das er hinterlassen konnte und nur Hada schien ihm würdig, Erbe desselben zu sein. In tiefer Erschütterung und Erregung hob er von neuem an:
“Wotan, Thor und Balder sie sind Götter, ja, aber sie sind nicht Gott. Gott ist Thiu, ‘unser lichter Vater’. Thiu, der so groß, so erhaben, so heilig war, daß sich ihm unsere Väter selbst zum Opfer gaben, um ihre Schulden zu sühnen. Thiu ist der Schutzgott der Sueben. Wir haben den als Schutzgott, der wirklich Gott ist und nur er. Die Götter sind ihm untertan auch wenn er selbst scheinbar unbedeutend neben ihnen steht. Er handelt nicht, nein, er läßt vielmehr für sich handeln. Wir einfältigen Menschen glauben nur immer, daß die die handeln mächtiger sind, als der der ihnen den Auftrag dafür gibt.
Hada, suche Thiu! Was ich dir sagte ist die Erkenntnis kurz vor dem Untergang der Sonne meines Lebens. Dein Leben beginnt erst jetzt so richtig. Suche du weiter für mich. Siehe diese Suche als Erbe deines Ano an und suche für ihn die Wahrheit. Hast du sie, so ergreife sie für mich, für dich, für dein ganzes Volk, für deine Väter, die in den Winden umherziehen und dir immer zur Seite stehen.”

Dann griff Lenz nach Hinageban, dem ehrwürdigen Schwert an seiner Seite, löste es von seinen Hüften und reichte es Hada mit den Worten:
“Nimm Hinageban, das mächtige Schwert deiner Väter, an dich. Gegen den Brauch, es jeweils dem ältesten Sohn zu geben, gebe ich es dir. Mit ihm übernimmst du die Verantwortung für deinen Stamm und für das Erbe desselben, auch wenn du dein Volk nicht vom Hochsitz aus regieren wirst, da dies deines Vaters ältester Bruder und seine Söhne gemäß der alten Tradition zu erfüllen haben.
Nun geh Hada. Verachte deine Ehre und dein Ansehen, wenn du deiner Mutter, die dich unter Schmerzen zur Welt gebracht hat, eine Freude bereiten kannst. Geh, kämpfe den guten Kampf damit du nicht nur Kampf - Hada - heißest, sondern aus dir Hadamar, der Kampfberühmte, werde. Suche Thiu!”

Hada stand mit dem Schwert in den Händen da, er fühlte sich entrückt, seine Knie waren weich und sein Herz pochte heftig erregt in seiner Brust. Aber er wußte wieder nicht, was er in diesem Moment sagen sollte, er konnte sich nicht rühren und er schämte sich darüber. Sein Großvater wußte auch darum, erhob sich vom Bänkchen, ging in das Haus hinein und schob den Riegel der Türe zu. Hada ging langsam nach Hause. Alles war still, nur das Vieh im Stall gab noch hie und da ein Geräusch von sich. Im Haus waren alle am Schlafen, denn der Mond hatte schon einen guten Teil seines nächtlichen Weges zurückgelegt. Hada schlich sich in seine Kammer, wo eine Magd eine schöne Tunika mit einem großen wundervoll bestickten schwarzen Ledergürtel bereitgelegt hatte. Hada legte Hinageban zu diesen Kleidern und sich selbst ins Bett.
“Thiu, hilf mir, daß ich dich finde!” waren die letzten Worte bevor er in einen tiefen Schlaf fiel.

Der nächste Tag war ein herrlich strahlender Maientag. Die Morgensonne ließ den See gold-silbern erstrahlen. Vom See her wehte eine frische Brise, die mit dem hohen Gras der Wiesen ihr Spielchen trieb.
Hadu pochte mehrmals an die Kammertür Hadas, der erschöpft durch die Eindrücke des vergangenen Tages, nicht mit dem Hahnenschrei erwachte. Er mahnte ihn sich zu beeilen da alles schon bereit wäre um nach Brigantium zu ziehen und man nur noch auf ihn warten würde. Der noch vom Schlaf benommene Hada richtete sich langsam auf und setzte sich an den Rand seines Bettes. Er reckte und streckte sich, rieb sich den letzten Schlaf aus den Augen und blickte dann auf den Schemel neben seinem Bett. Dort lag Hinageban, darunter der neue, bestickte Schwertgurt und dann noch die Tunika.
Wenn er ehrlich sein wollte, so ging er mit sich zu Gericht, dann mußte er sich eingestehen, daß er sich doch freute heute zum ersten Mal als der ‘neue Hada’ zu erscheinen. Eigentlich hatte er, so erinnerte er sich, früher immer auf sein Aussehen, den Sitz der Kleidung, auf deren Farbe und sogar die Qualität des Stoffes geachtet. Die Jahre der Jugend bis auf den gestrigen Tag hatte er sich bewußt gegen seinen Willen anders gekleidet, aus Trotz, um den anderen seine Verachtung zu zeigen, indem er sich selbst zum Verachteten machte. Es war damals richtig aber von nun an durfte er sich nicht mehr wie ein unreifer Junge benehmen.
Zudem fühlte er sich insgeheim schuldig über die Bloßstellung Chadelochs der sich, nichts ahnend, selbst ins Unglück stürzte. Hada verabscheute ungelöste Konflikte über alles. Er entschloß sich also, Chadeloch die Hand der Versöhnung zu reichen und ihn einzuladen, mit ihm nach Brigantium zu reiten.
Er stand also von der Schlafstatt auf und kleidete sich sorgfältig, wie in alten Zeiten, er gürtete mit keinem geringen Stolz Hinageban an seine Hüfte. Es war ein mächtiges Schwert, das spürte er, aber keiner hatte ihm bisher seine Geschichte erzählt. Er zog es aus der Scheide. Es war groß und sah sehr schwer aus, doch in Hadas Händen war es federleicht. In Runen stand auf der Schneide der Name des Schwertes und am Griff war ein Tyr, als Segenszeichen, eingrafiert.
“Hada!” schallte von draußen Hadus Stimme. Hada steckte Hinageban zurück in die Scheide, zog die Sandalen an und ging ins Freie hinaus.

Idun erblickte ihn von allen zuerst und klatschte beim Anblick Hadas in die Hände. Dann berührte sie den Arm Gaelas, ihrer Mutter, die sich daraufhin ihr zuwendete, und deutete mit ihrem Zeigefinger auf ihren Bruder. Die Mutter war vor Freude mit Stummheit geschlagen. Da stand ihr Sohn vor ihr, er, der über Nacht sich vom erbärmlichen Knecht zum Helden gewandelt hatte. Der, der ihr bisher jede Hoffnung raubte ist über Nacht zu ihrem Glück geworden und zu einem - so glaubte sie es in ihrem Herzen - Hoffnungsträger seines Volkes. In ihrer Brust pochte der Stolz einer Mutter und zugleich überkam sie ein unheimliches Ahnen, daß ihr Sohn ihr von nun an entzogen sein werde. Ihr Mutterherz prophezeite, daß sie Großes von ihrem Sohn zu hören bekommen werde, daß es aber für sie mit dem Schmerz der Trennung verbunden sein wird.

Hadu kam aus den Pferdekoppeln. Er betrachtete seinen verwandelten Sohn und sah, daß Hinageban an dessen Seite hing, und fragte:
“Von wem erhieltest du dieses Schwert, Hada!”
“Ano überreichte es mir gestern. Er sagte, er übergebe es mir und mit ihm die damit verbundene Verantwortung.” antwortete Hada.
Hadu wußte um die Zuneigung seines Vaters zu Hada, aber daß er solche Hoffnung auf seinen Sohn setzte, hätte er sich nie zu träumen gewagt. Er kannte die Bedeutung der Geste seines Vaters und er kannte auch teilweise die Geschichte des Schwertes, daß er sich als Kind immer zu tragen wünschte. Nun ist dieser Wunsch nicht an ihm selbst, sondern an seinem Erstgeborenen in Erfüllung gegangen. Sein Vater hatte also Lenz, Hadus ältestem Bruder, zwar die Macht der Leitung des Volkes übergeben, denn er hatte den Hochsitz inne, aber die Geistesmacht und Gewalt der Tugend, das Erbe der Väter und den Schutz desselben übergab er der Obhut Hadas. Hadu ahnte bereits die düsteren Wolken der Zweitracht und Feindschaft die zwischen seinem Bruder und seinem Sohn aufziehen würden. Er kannte die Macht- und Herrschsucht seines Bruders und sein krankhaftes Verlangen nach Hinageban. Dann blickte er in die Augen seines Sohnes und sprach feierlich:
“Hada, von nun an nenne ich dich nicht mehr nach deinem Kindesnamen und kein anderer meiner Familie soll dich von nun an mehr danach benennen. Von heute an ist dein Name entweder Thiuhada oder Hadamar, denn du trägst Hinageban an deiner Seite und jeder der dieses Schwert trug, war ein berühmter Held. Auch du wirst berühmt, aber nicht in Ruhe wie dein Großvater, sondern - das glaube mir - im Kampf. Du wirst mit allen deinen Kräften kämpfen müssen mit Göttern und Menschen. So sage ich dich denn los von deinen Kindespflichten und vom Gehorsam des Kindes gegenüber mir und deiner Mutter, denn deine Aufgaben werden die unseren übersteigen und übertreffen. Doch Klugheit und Ehrfurcht werden den Rat von Eltern nicht verschmähen und werden Eltern nicht im Alter verachten!”
Hadu ging auf Hadamar zu und umarmte ihn mit Tränen in den Augen. Hadamar wußte nicht wie ihm geschah, aber er wollte bei günstiger und etwas ruhigerer Gelegenheit seinen Vater um eine Erklärung bitten. Sein Vater konnte weinen, das traf ihn mitten ins Herz. Hadamar bat die anderen, sie mögen doch ohne ihn schon aufbrechen denn er würde ein wenig später nachkommen. Er wollte nämlich noch Chadeloch besuchen und ihn einladen mitzukommen. Hadu wollte abwehren, aber Hadamar machte sich schon auf den Weg zu Chadeloch.

Chadeloch war der zweite Sohn von Hadus Bruder und war gleich alt wie Hadamar. Beide waren miteinander groß geworden und sind in ihrer Kindheit die besten Freunde gewesen. In der Jugendzeit hatten sie sich auseinandergelebt da jeder seinen eigenen Weg zum selben Ziel, nämlich dem Heldentum, einschlug. Beide begegneten sich zwar als ehemalige Freunde, doch immer mit einem tiefen Unverständnis über den derzeitigen Weg. Dies dauerte solange bis sie am Vortag eben aneinander gerieten.
Hadamar klopfte an der Tür des Hauses seines Onkels. Ilsa, seine Tante - eine Chattin - öffnete die Tür. Sie brauchte einige Augenblicke um in dem vor ihr Stehenden Hadamar zu erkennen.
“Ilsa, sag Chadeloch, daß ich mit ihm sprechen will und er sich nicht weigern soll zu kommen.”
Chadelochs Mutter war so überrascht über Hadamar, über sein Aussehen, über sein Kommen, daß sie, die sich in ihrem Sohn selbst gedemütigt fühlte, sogleich nach Chadeloch rief, ohne dabei zu erwähnen, wer mit ihm zu sprechen wünsche. Chadeloch kam unverzüglich, denn er dachte es wäre Wigo. Auch er erkannte Hadamar nicht sogleich und als er ihn erkannte stand er bereits vor ihm, so daß er sich nicht, ohne Schande auf sich zu laden, zurückziehen konnte. Hadamar streckte Chadeloch die Hand entgegen, mit den Worten
“Ich bin gekommen, um dich um Verzeihung für das gestern Geschehene zu bitten. Es war meine Schuld, daß du vor den anderen eine Niederlage einzustecken hattest. Du konntest, genauso wenig wie ich selbst, meine Kräfte einschätzen. Ich reiche dir also die Hand und hoffe, daß zwischen uns keine Feindschaft entsteht, sondern alte Freundschaft zu neuem Leben erwachen möge. Beide haben wir die Kinderziele erreicht, nämlich alle anderen an Kraft und Geschick zu übertreffen. Wir wollen uns also als Männer begegnen und ich hoffe auf deine Freundschaft.”
Chadeloch war wirklich getroffen von den Worten und dem männlichen Handeln Hadamars. Er selbst hatte eigentlich die Hauptschuld für den gestrigen Vorfall. Er hatte Hada immer gern gehabt, ja, er hatte ihn eigentlich mehr geliebt als seine leiblichen Brüder. Seit sich aber ihre Wege trennten glaubte er, daß Hada durch sein Tun ihre Freundschaft, ihre Versprechen und Gelöbnisse sowie sein ganzes Volk verrate. Doch nun mußte er sich eingestehen, daß er sich getäuscht hatte und, daß Hada nur einen anderen Weg zum selben Ziel eingeschlagen hatte. Er sah, daß sein Freund und Verwandter ihm in vielem wahrscheinlich überlegen war - so wie damals - doch nie hat sein Herz, genauso wie Hadamars, die Freundschaft aufgegeben. So ergriff Chadeloch die ihm entgegengestreckte Hand und sprach:
“Freundschaft! Auch ich bitte dich um Verzeihung!”
Beide umarmten sich und wußten um die Lauterkeit der Absicht des Anderen.
“Chadeloch, Vater und Mutter sind mit den Geschwistern und dem Gesinde bereits auf dem Weg nach Brigantium, zum Eponafest. So wie als Kind verabscheue ich noch immer den Lärm und das Gedränge während dieser Tage, genauso wie ich auch diese Göttin mit dem Pferd nicht besonders hoch schätze. Zudem ist das Gespräch mit den Verwandten mütterlicherseits von keinem großen Reiz. Ausnahme ist Saro, mein Großvater, er ist ein interessanter Mann, du kennst in ja. Ich wollte dich also bitten, mich zu begleiten. Willst du? Du weißt, da sind auch immer viele junge Keltinnen und Römerinnen zugegen, die nur warten, einen solchen Helden wie dich zu sehen!”
Die letzten Worte sagte er mit einem besonderen Pathos und einem ebensolchen Grinsen.
“Dein nagender Spott zeigt, daß keltisches Blut in deinen Adern fließt, Hada. Du bist halt doch nicht ein voller Suebe!” antwortete Chadeloch mit einem gespielten Ernst. “Aber gerne gehe ich mit nach Brigantium. Da ist wenigstens etwas los. Na und vielleicht, vielleicht, na du weißt ja...”
Natürlich wußte Hadamar was Chadeloch meinte und klopfte diesem laut lachend auf die Schulter.
“Wann soll die Fahrt losgehen?” fragte Chadeloch.
“Auf der Stelle. Wenn’s recht ist!” Chadeloch stürmte in seine Kammer, zog sich das beste Gewand an das er finden konnte. Dann legte er sein Schwert an, holte sein Pferd und sagte zu seiner Mutter, daß er mit Hada nach Brigantium reiten werde. Sie brauche keine Sorgen zu haben, denn er würde ihr etwas von dort mitbringen. Beide saßen bereits hoch in den Sätteln, als noch Lenz, Chadelochs Vater, ihnen, vom Versammlungshaus kommend, begegnete. Chadeloch teilte ihm mit wohin die Reise ging und, daß er und Hada wieder Freunde und Brüder geworden wären wie einst. Lenz blickte zu Hada und er erblickte in ihm nicht den Hada wie er ihn kannte, sondern eine Gestalt, wie er sich als Kind immer die Helden vorzustellen pflegte. Hada hatte etwas Ehrfurchtgebietendes an sich, etwas war in seinen Augen, was wie eine Anklage auf Lenz wirkte, obwohl Hada sich nichts dergleichen dachte.
“So reitet denn los, damit ihr Hadu und die Schwägerin noch erreicht!” rief er ihnen zu und die beiden stießen den Pferden in die Weiche und galoppierten davon. Da fiel Lenzens Blick auf Hinageban, das Schwert seiner Väter, das Hadamar an seiner Seite trug.

Was er ihr noch sagen wollte

Er war nun an seinem Ziel, an seiner momentanen Bestimmung angekommen. Alles passte, die Menschen waren gut zu ihm, interessierten sich für ihn und er musste zugeben, dass er auch offener und bereiter war ihnen zuzuhören. Was die Liebe doch aus einem Menschen zu machen versteht. Sie macht ihn, wenn sie wirklich echt ist, nicht nur offener für die geliebte Person, sondern die Liebe zersprengt die Fesseln eines in sich erkaltenden Herzens und öffnet dieses für die anderen. Das hat sich tatsächlich an ihm vollzogen, er fühlte sich jetzt einfach offenener als je zuvor, damit verletzlicher aber eben gerade durch die Liebe auch tausendmal stärker als je zuvor.
Doch sie fehlte ihm wirklich, echt. Sie fehlte ihm obwohl sie so nahe war in seinem Herzen, dass er ihre Nähe spürte und fühlte. Er wünschte sich niemals einen Mutterersatz zur Frau, niemals das willige Mädchen oder die eitle Schönheit, er wollte eine echte Partnerin, eine durchunddurch-Frau, die ihn dort ergänzen konnte wo er von niemand anderem ergänzt werden konnte und die er ergänzen konnte, was auch immer das bei ihm zu bedeuten hatte, wie kein anderer es könnte. Nun hatte er sie gefunden, er hatte sie umfasst gehalten, aber er ließ sie in Freiheit ziehen, so wie sie ihn ziehen ließ. Ferne war sie nun. Ferne waren die rettenden Lippen die das rettende und seelenheilende Wort sprachen, ferne war das Herz das mit dem seinen schlug, ferne der zarte Leib der ihm solche Stärke verlieh, ferne die Augen die in den seinen lasen und in denen er selbst so vieles lesen konnte.
Er wollte ihr schreiben, er wollte ihr sagen, wie sehr er sie liebte, wie sehr er ihr, wie sehr sie ihm nahe ist. In all seinem Tun sah er sie nun vor sich und er wünschte sich, dass dies für alle Ewigkeiten so bleiben würde, denn dann hatte alles einen tieferen Sinn und alles würde durch die Liebe zu ihr veredelt werden. Ihr Bild hatte sich auf dem Banner seines Herzens eingebrannt und jeden Kampf den er kämpfte, jeden Sieg den er errang würde ihr gewidmet sein, das wollte er ihr sagen, ihr schreiben.
Er war ein Krieger, vielleicht eine Art Kriegerkönig, geschaffen für den Kampf, indem er Zeit seines Lebens stand, - immer zwischen den Fronten. Wie konnte sie ihn überhaupt lieben, sie die so ein zartfühlendes und liebendes Herz hatte. Alles was er hatte, was er war, war von den Göttern zum Kriegsdienst gemacht, er war gefährlich, was er eigentlich gar nicht sein wollte, - sicherlich nicht für sie. Er würde ein miserabler Friedensfürst sein, eine Katastrophe, denn er würde sein Volk mit seinen Ideen, mit seinen Ansprüchen, mit seiner Weltverbesserung jagen, dass es selbst im Frieden keinen Frieden fände. „Dein Kampf wird kommen!“, das flüsterte sie ihm ins Ohr. Sie würde in der Schlacht ihm zur Seite stehen, das fühlte er, sie würde ihm den Rücken decken, nicht mit dem Schwert, sondern mit ihren Gebeten, mit ihren Gedanken, vielleicht auch mit ihren Tränen, aber vor allem mit ihrer Liebe.
Die Schlacht seines Lebens, die mit dem Ziel und Ende seiner Bestimmung verbunden sein wird – das ahnte sein Herz – sie musste schrecklich werden. Niemand den er kannte, von dem er hörte, wurde jemals so hart auf seine Zukunft vorbereitet, niemand so hart trainiert, mit soviel Entbehrung. Alles war Prüfung, alles Probe, alles Untersuchung ob er wohl den äußersten Entbehrungen standhalten würde. Es war eine Suche nach dem auserwählten Streiter und ja, dieser wollte er sein, so fühlte er sich von Kindesbeinen an. Aber er wusste nicht ob er durchhalten würde, sicherlich nicht aus eigener Kraft. Es schien als ob die Götter sich selbst prüfen würden, ob sie da einen Menschensohn gezeugt hätten, der alles erträgt, was sie ihm aufbürdeten und das noch gegen seinen eigentlichen Willen. Er wusste nur, dass dieser Gehorsam gegenüber der Götterbestimmung das Richtige war, dass der Ungehorsam ihn erst recht ins eigentliche Unglück stürtzen würde, nicht nur ihn sondern all die Menschen die zu ihm aufblickten, die in ihm einen Anführer, einen Kriegsherrn sahen, einen der das Horn der Hoffnung blies, wo er selbst am Rande des Abgrunds und des Verzagens stand.
Aber wenn schon ihm diese Auserwählung schwer viel, sollte es ihr dann anders gehen, sie, die aus dem gleichen Holze geschnitzt wurde, die vom selben Lehm scheinbar geformt wurde? Nein, sie wird von den Göttern im selben Feuer gebrannt wie er, sie musste dasselbe erdulden, dasselbe ertragen und erleiden wie er, nur eben anders, so wie es einer Frau zukommt. Es war das Ganze was sie einte, eben nicht nur ein Teil, Herkunft und Bestimmung, Auserwählung und Prüfung. Es war aber auch alles was auf dem Spiel stand dasselbe, Sieg oder Fall, die höchsten Throne in den ewigen Hallen oder die finstersten Abgründe im Reich der Unterwelt. Sie hatten also gemeinsam die Wahl Ja zu sagen zu ihrer Bestimmung, sie hatten aber keine Wahl diese Bestimmung zu haben. Sie wollten beide dasselbe und so mussten sie beide dasselbe erdulden, jeder auf die ihm eigene Art.
Mancheiner würde ihm nun sagen, dass all das nur ein wunderbarer Traum, eine schöne Sage wäre, eine Mähr aus alten Zeiten die man erzählt um die Jungen zu tüchtigen Kriegern, die Frauen zu guten Müttern zu machen. Aber nein, sie war Wirklichkeit diese Geschichte, sie war Wirklichkeit in ihm - in ihr - die sie auf diese Vater- und Mutterschaft für die eigenen verzichteten, denn es war ja Krieg, und gerade trotzdem so lehrten sie was dies wirklich bedeutete. Sie war Wirklichkeit diese Geschichte und von ferne hörte er bereits die Trommeln der nahenden Schlacht, auf die er und sie sich vorzubereiten hatten und in der sie beide eine hervorragende Rolle spielen würden. Gemeinsam würden sie am Siege mitwirken in je unterschiedlicher Weise und für die anderen, die sie jetzt noch beneiden und nicht verstehen, Orientierung, Halt, Quelle der Kraft und der Hoffnung sein.
Er wollte ihr das alles persönlich sagen, ihr zart in die Ohren flüstern. Aber dazu blieb keine Zeit, da er sich vor allem im Nachhinein all dieser Dinge mehr und mehr bewusst wurde. Sie arbeitete eben in ihm, gleich wie die Götter an ihm. Nun war sie fern und was blieb war die Hoffnung auf ein Wiedersehen, was blieb war ihre Herzensgegenwart und sie war mehr, als sich die Menschen seiner Tage bewusst waren.

Erinnerungen im Zug

Er saß im Zug und die Landschaft zog an ihm eintönig vorüber. Viele Menschen sagen, Zugfahren erholt, Zugfahren beruhigt, Zugfahren gegen Hektik und für die Umwelt. Die Bäume schossen an ihm vorbei, die Ortschaften, die Menschen die ihren Alltagsbeschäftigungen und ihren Arbeiten nachgingen. Genauso flüchtig wie die Landschaftsfetzen vor seinem Fenster, genauso flüchtig war die Zeit, das Leben, überhaupt alles was ihm da begegnete. Es war die eine große Enttäuschung.
Und im übrigen, das Zugfahren war alles andere als erholsam, es war für ihn purer Stress. Einen Tag lang durfte er sich wieder auf Hochtouren langweilen, einen lieben langen Tag. Das machte ihn fertig, und zwar nicht nur ein bisschen. Zugfahren erholsam, es war wie Spott in seinen Ohren. Zugfahren war nicht bequem, nicht nur weil man einen ganzen Tag wieder an einen Sitz gefesselt war, anderen Menschen bei ihren öden Beschäftigungen zuschauen musste, sondern weil man vor allem mit sich selbst beschäftigt war.
Er fühlte die Müdigkeit der vergangenen Wochen, Monate, Jahre. Er musste es jetzt einen Tag lang er-fahren. Selbst-erfahrung hatte er eigentlich genug und es lag ihm mehr daran sich selbst zu entkommen. Und jetzt sitzt er eben im Zug.


Er hatte sich verabschiedet von der Frau die er wirklich liebte, schon lange irgendwie im Herzen, aber sichtbar, deutlich, wirklich, real , wach und wahr seit kurzem, seit gestern. Sie verabschiedeten sich voneinander durch eine lange innige Umarmung und keiner konnte es erahnen wie notwendig er dieser bedurfte. Es musste wohl etwa 32 Jahre her sein, dass ihn jemand derart in den Händen gehalten hatte. Das musste also zu der Zeit gewesen sein, da ihn seine Mutter und sein Vater zum ersten Mal nach der Entbindung als den ihren in die Hände schlossen, umarmten und dieses kleine Wunder der Natur, an dem sie direkt mitwirken durften, liebkosten. Dann kam es jedoch anders. Den ursprünglich liebenden Händen bald entrissen, wurde er von anderen liebkost. Die ursprünglichen Hände eroberten das Ihre nicht zurück, obwohl sie ihm im Herzen zugetan blieben. Aber was sind die Herzen, ja sicherlich das fundamentalste, aber der Mensch braucht auch die Hände, er braucht einen Körper, dessen Wärme, dessen Herzschlag und die frohe Erschütterung desselben den er spüren konnte. Was nützte das Herz ohne den Rest und man verachtet mit der Zeit dasselbe, weil der Rest abhanden gekommen zu sein schien und damit war alles nur lau und schal.
So lebte er also dahin, nein besser er vegetierte dahin. Natürlich fand er Hände die sich ihm entgegenstreckten, aber dort waren keine Herzen, er fand Hände mit Herz, aber diese hatten oft keinen Geist, kein Charisma. Sie waren eben nur lieb und brav, wie Schoßhündchen, die vor ihrem Herrchen hecheln und wedeln, die sich vor seine Füße hinkuschen und die Schuhe lecken. Hie und da wollen sie dann, dass das Herrchen mit ihnen spiele, dass es sich mit ihnen beschäftige, aber dann genügt es schon wieder, dann sind sie erschöpft und brauchen wieder ihre langen, ewig dauernden Regenerationsphasen.
Mein Gott! Wie lange lechzte er nach diesen Händen, nach diesem Herzen, nach diesem Geist und in Wirklichkeit hatte er alle Suche bereits aufgegeben. Er ergab sich seinem Schicksal und bemühte sich auch nicht mehr diesem wirklich zu entkommen. Es war einfach zu mühsam sich selbst immer an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. Dieser Sumpf der ihn immer wieder umschloss, zu sich hinabzog in die Tiefe, ihn aber ganz und gar umarmte und in der Umarmung hineinholen würde in ein ewiges Etwas, von dem keiner eine Ahnung hat, weil noch keiner zurückkam um von dort zu erzählen. Die Hauptbeschäftigung der vergangenen Jahre lag nun eben in der Flucht vor diesen unerträglichen Gedanken die ihn bestürmten, vor den Gedanken, die ihn immer wieder schmerzlich ins Herz trafen und ihn zu vernichten drohten. Er versuchte sich in die Arbeit hineinzutreiben, in den Abgrund der Überanstrengung, des energetischen Verblutens. Er versuchte die Betäubung bis zum geht nicht mehr, in dem er sich allabendlich einen Film nach dem anderen sinnlos hineinzog um damit den Gedanken, die sein Gehirn wie Bleigewichte beschwerten, zu entkommen. Es half aber alles nichts. Er war ein schlechter sich-selbst-Anlüger. Er war sich selbst zu sehr bewusst und genau das war seine Schwierigkeit, auch bei den Frauen. Sie liebten ihn, zumindest manche, aber sie liebten in ihm einen Schatten, sie liebten etwas an ihn, aber sie waren niemals imstande, das Ganze zu erfassen, es zu verstehen. Wie sollten sie auch?
Wollten sie ihn verstehen und das wäre ja eigentlich das wertvollste und das erstrebenswerteste was man sich so vorstellen kann, würden sie ihn also verstehen, dann wären sie ja gleich wie er. Wären sie gleich wie er, wie sollten sie ihm helfen können, es sei denn, dass sie durch irgend einer Gottheit Hand bewahrt wurden vor dem Missbrauch ihrer Fähigkeiten und gerade dadurch das in Reinheit verkörperten, worüber er nur mehr nebelnde Gedanken hatte. Denn er hatte die Dinge missbraucht. Nicht so, dass er abgrundtief Schlechtes getan hätte, nein, sicherlich nicht. Aber er war bereit alle Mittel zur Erreichung eines ihm erstrebenswerten Zieles einzusetzen. In solchen Situationen war er unglaublich schnell und präzise. Die Hiebe saßen mit dem ersten Schlag, die Schüsse die er dann abfeuerte waren die eines Scharfschützen. Ehe die anderen überhaupt begriffen was vor sich ging, hatte er das was er wollte bereits für sich eingenommen. Um zu überleben in einer Welt, die sicherlich nicht die seine war, versuchte er im allgemeinen Wandel unterzutauchen. Aber es gelang ihm dann doch nicht. Je mehr er sich anstrengte zu sein wie die anderen, je mehr er sich anstrengte, das zu tun was alle anderen tun, desto mehr wurde er wieder zum Außenseiter oder schlimmer zum Anführer einer Rotte die irgendwie eines Führer bedurfte, der Herz und Hirn hatte.
Im ewigen Dazwischen, im ewigen nicht-umschlungen-Sein erkaltet, war ihm dies eigentlich nicht nur gleichgültig, es war ihm hie und da auch recht, weil er dadurch irgendwie seinen Frust abbauen konnte. Und wenn er so über diese Zeit nachdachte, dann glaubte er wieder die Gesichter all jener vor sich zu sehen, die seines Einflusses oder seiner Langweile Opfer wurden. Was war wohl aus ihnen geworden, konnten sie ihren eigenen Weg finden, konnten sie sich vor dem erretten, was er zum Teil in ihnen geweckt und angezündet hatte. Er wusste, dass alles nur lächerlich war, er wusste, dass es für ihn selbst nur ein Spiel der Möglichkeiten war, aber eben doch nur ein Spiel. Die anderen identifizierten sich mit diesen Dingen, sie glaubten, es wäre die erstrebenswerte wirkliche Wirklichkeit. Und er, er ließ sie einfach ziehen. Er verlor nie ein Wort vom Spiel, von der Illusion, denn dann hätte er ja beendet, was ja vielleicht in Zukunft noch in einem gesteigerten Maße der persönlichen Ergötzung dienen konnte. Natürlich wollt er die anderen nicht in einem Abgrund sehen, sie dort nicht hineinstoßen, aber er brauchte doch zumindest irgendeine Beschäftigung in der Löwengrube in der er saß und sich selbst, sein einziger Spielgefährte und seine einzige Beute war.

Zugfahren ist anstrengend dachte er sich. Als er von seinem Mac Book Pro aufblickte und den Schaffner sah, der sein beseligendes Tagwerk erledigte: Karten abknipsen. Tja, er liebt es einfach ein wenig stylisch, nicht so wie die Menschen rund um ihn die sich in abgetragenen Stangenklamotten und e-Bay Computern wohlfühlten. Er war extravagant und alles in seinem kleinen Königreich, in seiner Löwengrube, sollte diese seine Persönlichkeit zum Ausdruck bringen. Da gerade flog eine Recycling-Anlage an ihm vorüber, eine herrliche Aussicht! Wirklich aufbauend und eben wie alles am Zugfahren, einfach durch und durch schön und wunderherrlich. Die Frau ihm gegenüber gestikulierte gerade wild mit ihrer Karte dem Schaffner zu, und zum Glück hatte sie ihre Pranken, gerade vorher noch geschnitten, also mitten vor meiner Augen Blicke, aber sie tat es nachdem sie ein dickes Brot hinunterschlang, das ein Spiegelbild ihrer Körperästhetik war. Innerlich bat er diese Dame um Verzeihung, aber er war nun eben einmal ein Indianer, ein Krieger, ein Beobachter, ein Herrscher, der seine Untertanen alle auf Nützlichkeit und Gebrauch zu untersuchen pflegte.

Auf jeden Fall kam dann plötzlich Sie in sein Leben, Sie. Er hat sie nicht auf dem Catwalk kennengelernt, wie ihm dies die meisten Menschen seiner Umgebung wünschten. Er hat sie einfach so kennengelernt, einfach so und doch so einfach nicht. Es war gerade kurz vor seiner endgültigen Abfahrt zu neuen Zielen, genau so wie bei ihr. Es war alles schon geregelt, fixiert, die Tickets in der Hand, alles abgegeben und verkauft. Sie kannten sich eigentlich schon längere Zeit, hatten öfters schon miteinander gesprochen und sich wirklich gut verstanden. Sie ließ ihn eine Art Abschiedsbrief lesen. Indem er ihn las erkannte er in ihren Zeilen sich selbst wieder, nur eben anders. Es waren seine eigenen Gedankengänge, seine eigenen Gefühle, seine eigenen Formulierungen, tja manchmal stimmte sogar die Wortwahl bis ins feinste mit der seinen überein. Er konnte dies gar nicht begreifen wie ihm plötzlich geschah. Er hatte jemanden vor sich, der er selbst war, nur eben anders, eben Frau und damit wirklich auch anders. Sie kamen ins Gespräch, wirklich ins Gespräch, also keine oberflächliche Komödie, kein Kabarett, keine Romanze, aber wirklich von Herz zu Herz, Mensch zu Mensch, Mann zu Frau. Sie erkannten, dass sie die zerbrochenen Hälften des einen Spiegels seien, den sie gemeinsam bilden würden. Sie waren sich so ähnlich in ihrem Wesen, in ihrer Art, dass es geradezu unheimlich war. Der eine würde den anderen verstehen, es würde kaum eine Tücke geben mit der man den anderen einfach so hinters Licht führen könnte, denn beide war sich sogar in diesen Dingen gleich. Aber es war doch eben mehr da als Bruder und Schwester, als Freund und Freundin, sie waren eben Mann und Frau.
Beide hatten aber, wie bereits erwähnt, ihre Pferde gesattelt und der morgige Tag würde die pure Öde einer Zugfahrt mit sich bringen, die kein Ende nehmen wollte, 12 ganze, 12 volle Stunden. Beide wussten, dass man in solchen Situationen, die man nicht suchen hätte können, die man nicht heraufbeschwören hätte können, nicht den Kopf vollkommen verlieren durfte, sie waren sich eben gleich. Sie wussten auch, dass sie beide noch Zeit brauchen würden, Zeit um zu reifen, Zeit um das zu werden was sie sein sollten, wofür sie bestimmt waren, Zeit um Mann oder Frau genug zu sein um dem anderen wirklich gerecht zu werden und ihm helfen zu können.
Es kam dann der Abschied und ungeschickt wie er nur sein konnte, drückte er sie an sich, die dummen Brillen waren im Weg und so weiter und so weiter. Es, also er, war ehrlich aber ungeschickt. Sie lösten sich voneinander und dann zeigte sie ihm wie das in Wirklichkeit geht, einander zu umarmen ohne einander zu bedrängen. Ganz umschlungen zu sein ohne dem anderen die Freiheit zu nehmen. Sie zeigte ihm wie stark sie war und bewies ihm dadurch, dass auch in ihm etwas von dieser inneren Stärke vorhanden war. Die Umarmung war lange, wirklich sehr lange für die normale Begrifflichkeit, aber in dieser Zeit wurden 32 Jahre nachgeholt, zumindest für ihn und er hoffte auch für sie, und der Verlust eingeholt, der nur dort wettgemacht werden kann, wo sich zwei nicht aus eigenem Willen, sondern durch den Willen von irgendeiner Gottheit gefunden haben. Er fühlte ihren schöngestalteten Körper dicht an den seinen angeschmiegt, er roch ihren süßen Geruch der ihn hypnotisierte. Er fühlte auch ihr feines Haar und vor allem ihre so zarte Haut, die unendlich viel wahrnehmen musste, die von der Feinheit ihres Geistes, von der Sensibilität ihres Herzens Zeugnis gaben. Er roch ihren Atem. Er spürte ihre Lippen. Er saugte ihre zarten Worte, ihre Fragen auf wie ein trockener Schwamm das ihm gereichte Nass. Er fühlte sich seinen Lebtag noch nie so bewusst angenommen und verstanden, aber wie nun Männer einmal sind, sie können es doch nie wirklich in Worte fassen. Nicht dass dem Mann die Gefühle, das Herz etc. fern wären, nein sicherlich nicht, aber es so zum Ausdruck zu bringen wie man es sich in diesen Augenblicken wünschen würde, dafür werden sie einfach nicht erzogen, vielleicht sind sie dafür auch nicht wirklich auserkoren. Er wusste, und dieser Gedanke gerade in diesem Augenblick kommend war ihm unangenehm und angenehm zugleich, dass er noch nie in seinem Leben so keusch, so rein, so ehrlich war wie während dieser langen und doch ewig zu kurzen Zeit der Umarmung. Er war zwar kein großer Dichter und Literat aber einmal hatte er von einem Dichter gelesen: „Die wahre Liebe erhebt über die Kleinlichkeiten des Lebens. Sie überwindet die Selbstsucht und alle anderen Süchte.“ Genau das erfüllte sich in dieser Umarmung.
Sie lösten sich langsam aus der Umarmung und er wollte er hätte sie für immer so festhalten können. Doch dieselben Gottheiten die sie zusammenführten hatten noch anderes vorgesehen. Sie schieden voneinander, aber reich und mutig, rein wie nie zuvor. Sie schieden voneinander, nicht für ewig, sondern für eine Zeit und noch eine Zeit und vielleicht auch noch eine halbe Zeit.

Er saß im Zug und irgendwie versöhnte er sich doch mit diesem stählernen Ungetüm, der langweiligen Landschaft, den gelangweilten Menschen, dem schlafenden Mädchen neben ihm, denn er hatte Zeit an sie zu denken und die Umarmung die ihn für immer verwandelte noch einmal zu durchleben und zu verkosten. Er hatte die Arznei für seine Lebenskrankheit gefunden, eine lebendige Person, eine Frau von den Gottheiten gesandt.

Freitag, 26. September 2008

Eine Art Schöpfungsgeschichte - Tag2

Eilig pfeift, schwirrt, schwebt, fliegt
Kleines Insekt in Heeren
Über dem deuchten, modernden Laub.

Die Opfer des Herbst,
Lagen über Winter im Eis.

Damals pufften blaue Pilze
Ihre Sporen in den Äther
Ihrer kleinen Welt.

Erst der Frühling
Brachte des Todes Kunde.

Jetzt, neues Leben zwitschert im Geäst,
Pfeift und singt aus voller Brust.
Alles pfeift, schwirrt, schwebt und fliegt
Wirr, irr, ziellos durch die Welt.

Jedoch das ungestüme Viele,
Ist da, west für jetzt gelichtet vor dem Auge und
Quirlt im staunenden Blick
In wortloser, dynamischer Ordnung.

Ein Schatten blitzt im Lebensreigen auf,
Ein matter Dunst vom Ursprung der Äonen,
Der nicht verrauscht, nur immer glimmt und
Hie und da ein Zünglein bringt.

ER - Der wahre Freund

Freunde mit denen man Pferde stehlen kann sind rar geworden. ER hatte solche Freunde, ER war selbst ein solcher. Mit dreien seiner Kollegen war er nicht einfach nur richtig Freund, sie waren mehr als bloße Kumpanen, sie waren Brüder, - Stammtischbrüder. Gemeinsam waren sie die vier unbesiegbaren Musketiere. Zusammen eroberten sie seit ihrer Jugend die verschiedenen Gasthäuser, Kneipen, Bars und Diskotheken. Helden wie ihnen flogen die Girls automatisch in die Arme und so manche Party konnten sie durch ihre versagte Anwesenheit zum Scheitern bringen. Sie waren beliebt, geschätzt und begehrt, sie waren echte Trendsetter.
Gemeinsam halfen sie sich durch Dick und Dünn. Sie halfen sich bei den Arbeiten, bei Prügeleien, wenn das Kleingeld knapp wurde, bei der Brautschau. Sie hielten sich gegenseitig hoch, wenn einer abzurutschen drohte. Als wahre Freunde durften sie es nicht zulassen, daß einer der erwählten Runde abfalle. Das ewig Stabile waren die Freunde. Frauen waren Partnerinnen für eine bestimmte Zeit, einmal länger oder kürzer, – also Lebensabschnittspartnerinnen. Frauen fand ER immer, echte Freunde hingegen waren seltene Glückstreffer.
Als Freunde hatten sie alles miteinander: die Hobbys, den Geschmack bei Kleidern und Autos. Sie liebten dieselben Fußballmannschaften, lasen dieselben Zeitschriften und waren Fans derselben Musikgruppen. ER und noch einer hatten sich vor kurzem eine Harley gekauft. Die anderen beiden mußten noch sparen, denn die Alimente waren bei ihnen etwas höher.
Mit den Freunden war ER ein Glückspilz, keiner hatte so gute und treue wie ER. ER wünschte sich, daß man den Wert der Freundschaft neu entdecke: denn der wahre Freund übertraf, wie auch hier schon der alte Aristotel richtig sagte, Frau und Kinder.

Donnerstag, 25. September 2008

ER - Warten vor Zimmer G 024

ER sitzt da vor der Amtsräumlichkeit und wartet. ER muss warten. ER-warten. Das beschämendste war, dass ER mit Menschen aus aller Herren Länder wartet. Hier gilt ER scheinbar für nichts. Wissen denn diese einfältigen Kreaturen nicht wer ER ist. ER! Man lässt ihn einfach eiskalt sitzen. Warten!
Es ist zum schreien, zum mäusemelken, aber da gehen doch die Angestellten einfach an ihm vorbei. ER wird ignoriert, ist einfach die Nummer 50. ER eine Nummer und von dieser Nummer hängt die Dauer seines Aufenthalts vor dem Raum G 024 ab. ER wartet. Nein, ER steht eigentlich über dem Warten. Ja, so ist es in Wirklichkeit! Nicht ER wartet auf den Einlass, sondern sie müssen sich vorbereiten, damit ER würdig empfangen werden kann.
Diese Beamten sind ja ohnehin strohblöde, wirklich richtig dumm. Die sitzen den ganzen Tag nur faul herum, verteilen mühsam die Nummern an die Ankommenden und kommen sich dabei vor als ob sie die Herren der Nation seien. Nein, Würmer sind sie, Gewürm das vor den unerreichbar Hohen kriecht, sich vor deren Füßen windet, schleimt und nur auf eine Beförderung wartet. Sie warten auf die Beförderung nicht wegen ihrer herausragenden Leistungen, sondern wegen der Dauer ihrer Anwesenheit in der speziellen Amtsaufgabe.
ER verachtete sie, die da jetzt zitterten vor seinem Kommen. Wenn sie erst einmal wüssten mit wem sie es zu tun haben, dann würde sich schon alles fügen, alles entschuldigen, alles nach seinem Tone blasen. ER wartete und wartete.
Da! der öffentliche Betrug, die Rücksichtslosigkeit, die Amtsbestechung. Einer, also einfach so ein irgendjemand wird ihm vorgezogen, vor ihm eingelassen. Nur weil dieser ein wenig bleich war. Es war diesem nicht wohl und so konnte er sich öffentlich vordrängen. Ungerechtigkeit! Schrei nach Vergeltung! Nur weil er ein bisschen weiß wurde in seinem Rollstuhl, sollte ER Mitleid mit ihm haben. Diese Ämter, sie lebten doch nur weil ER, EhRlich wie ER war die Steuern zahlte und übrigens nicht nur diese Aktenschieber sondern auch dieser Rollstuhlsitzer verdankt ihm sein doch angenehmes Leben, den ganzen Tag einfach da rumsitzen und sich rumschieben lassen.
ER wartet.
Jetzt geht die Türe auf. Licht! Licht am Ende des Tunnels! Leben! Auf-ER-stehung! „Nummer 50!“ wird gerufen. ER steht wie ein Sieger auf, wie ein Lottogewinner strahlt ER über das Gesicht und tritt wie Hoheit von und zu ER ein in sein Amtsgemach. Dann setzt ER sich auf den ihm zugewiesenen Stuhl, wie in einen Thron, gibt schweigend die von ihm verlangten Papiere ab und betet zu den Göttern der Behörden, dass seine Dokumente stimmten und verborgen bliebe, was die öffentliche Hand an seinem Image auszusetzen haben würde. ER war eben doch der redlichste und beste BürgER. Und wER ist schon ein VollkommenER unter den Menschen.

Eva

Es war wie ein Erwachen für ihn. Er war immer der fröhliche, immer der beschwingte, immer der aktive, immer der Welteroberertyp. Unglaubliche Selbsticherheit, das war seine Aura, wie sie die anderen wahrnahmen. Ein Führercharisma, ein kaum mit anderen zu vergleichendes. Und doch, er war innerlich leer- und ausgepufft. Er zappelte innerlich. Nein, es war mehr als zappeln, er war im freien Fall. Haltlosigkeit und Ziellosigkeit, die letztlich die Sinnlosigkeit mit sich im Gespann führten.
Was für seine Umgebung als groß, als erstrebenswert erschien, das war für ihn nichts anderes als Sandkastengeplärr, der Streit um den Knochen. Die großen Gespräche kamen ihn vor wie das Röhren heiserer Hirsche, die keinen mehr aus dem Unterholz lockten. Die Taten, also die Heldentaten von denen man die feuchten Lieder sang oder von denen man mit Bewunderung sprach, waren Mutproben von Kindern, die zum ersten Mal sich gegenseitig ihre Kraft und ihren Mut zu beweisen suchten. Es war ein lächerlicher, fürchterlicher, erschreckender und ekelerregender Kindergarten, den man ihm als die erstrebenswerteste aller Welten darzustellen versuchte.
Irgendwo hatte er einmal die Geschichte von Adam und Eva aufgeschnappt, naja ein Mythos – vielleicht – aber überall ist ja eine Wahrheit im Kern zu entdecken. Und er fühlte sich in dieser Welt wie dieser erste Mensch, der sich seiner selbst bewußt geworden ist; dem das Spielen mit den Affen nicht mehr befriedigen konnte, dem das Gegacker der Hühner keine Befriedigung bedeutete, der einfach inmitten dieses großen Welttheaters einsam und verlassen vorkam, obwohl ihm alle Schafe Bewunderung zublöckten.
Was nun, wenn es diesen Gott da oben geben würde? Würde dieser ihm die Eva der Geschichte zuführen? Er stellte sich diese Frage nicht spöttisch, keineswegs, warum sollte er den großen Unbekannten auch beleidigen. Was wäre nun wenn der-da-Oben ihm tatsächlich eine Frau aus seinen Rippen formte? Wie würde er nun mit dieser Frau umgehen? Einer Frau, also keinem Huhn, keiner Gans, keiner Kuh und welche vortrefflichen Tiere aller Art auch als Bilder dienen mögen, wie sollte er plötzlich mit einer echten Frau umgehen? Eine Frage, für die es keine wirkliche Antwort gab, da beinahe jegliche Erfahrung diesbezüglich abhanden gekommen zu sein schien, zumindest für die Männer. Er wußte, dass die Frauen dasselbe über die Männer sagen würden, und gerade deswegen versuchte er ehrlich mit sich und der Welt zu sein.
Natürlich würde er sie lieben. Aber was soll man unter Liebe auch verstehen. One night stand auf den ersten Blick. Die hey-Baby-du-bist-scharf-Tour würde da auch nichts zum besseren Verständnis beitragen. Und natürlich war er auch keiner der leib- und liebeverachtenden Schwarzröcke, die ihre kranke mönchische Selbstgeißlung am liebsten der ganzen Welt aufdrücken wollten. Der Gedanke an die Liebe war einfach zu allgemein. Er konzentrierte sich also wieder auf die Geliebte? Wie würde sie sein, wenn dieser Gott also seine bessere Hälfte fabrizieren würde?
Sie müsste stark sein, innerlich, mehr vom Herzen als vom Kopf, denn dieser funktionierte bei ihm verwegen gut, obwohl er auch da eine Ergänzung sehr gut brauchen könnte. Sie müsste die Gedanken seines Herzens verstehen, die er nicht zum Ausdruck bringen konnte, weil das um ihn gescharte Rudel, das sich durch ihn stark fühlte, obwohl es irgendwie doch immer eifersüchtig und kritisch distanziert blieb, dieselben niemals verstehen würde. Wenn sie ähnliche Vorlieben hätten, Interessen, die der Durchschnitt nicht hat oder durchschnittliche Interessen, die er überdurchschnittlich betrieb, das wäre schön, aber dann doch nicht wirklich zentral. Aber was sie sicherlich sein müsste, sie müsste Partnerin sein, also nicht das liebe Mädchen von Nebenan, nicht das in der Pubertät steckengebliebene Girl von nebenan, nicht seine Mama, nicht die Madrona oder das Mannsweib, sondern einfach nur durch und durch Frau und gerade dadurch alles was er irgendwie benötigte, weil es ihm fehlte. Wenn sie dann noch hübsch ware, wirklich schön und nicht nur eine aufpolierte Fassade, dann wäre dies wirklich die Erfüllung all dessen, wonach er sich – so glaubte er – im Herzen sehnte.
Und als er so Steinchen um Steinchen zusammenfügte, da schoß ihm wie aus dem Nichts das Bild jener Frau vor Augen die er kannte und die er meinte. Fügung und Schicksal zugleich! Er kannte sie nicht wirklich und doch, ja bei ihr spürte er dieses Etwas, das zustande kommt, wenn sich die Seelen treffen, die zusammengehören und nicht nur die Körper. Sie war all das, was er sich gerade vor Augen geführt hatte. Sie war schön, wirklich schön. Außen und innen, vor allem innen, also im Herzen. Sie hatte diesen Blick, der etwas von der Tiefe desselben frei gab, von der Wärme, nach der er sich sehnte. Er hat sie nur selten näher zu Gesicht bekommen, aber in diesen wenigen Momenten hat er ihren lieblichen Geruch wahrgenommen, ihren Gang, ihre Art Dinge anzufassen, er sah ihre feinen Hände, ihren zarten Hals, ihre weiche Haut, er sah alles an ihr und jetzt, jetzt erinnerte er sich wieder an alles. Er folgte ihren Händen als sie auf dem Piano spielte und er sah sich hinter ihr stehen. Er wollte zur Melodie singen, hätte er es gekonnt. Er hätte sich am liebsten an sie angeschmiegt um den Rhythmus der Melodie durch ihre Körperbewegung beim Klavierspiel nachzuvollziehen und ganz in sich einzuverleiben. Ja, sie war es. Aber sie war gebunden, sie war gebunden wie er selbst.
Ein einziges mal hatte er mit ihr ein Gespräch und es ließ keine Oberflächlichkeiten zu. Man verstand sich von innen her, wie dies sonst nie zustande kommt, außer vielleicht bei Müttern, die aber zum Überreagieren neigen. Gebunden, beide, bis der Tod ... Man müsste sich trennen um zusammensein zu können. Aber sollte er dem gegebenen Versprechen untreu werden um dann Treu zu sein. Sollte er es ihr, die er zu sich gehörend fühlte, antun, dass sie für ihn untreu werde um der Treue willen.
Er war zu ehrlich aufgewachsen. Nein, so etwas wollte er weder ihr noch sich antun. Aber es war doch auch wieder Blödsinn, andere würden sagen Feigheit. Nein, er fühlte es wirklich ganz anders. Es war richtig wie es war, nicht weil das andere vielleicht erstrebenswert gewesen wäre, nein. Aber er wusste, dass es so richtig war. Er wusste jetzt wer für ihn bestimmt war und für wen er bestimmt ist. Er wusste, dass er diese Frau nie verletzen und nie verlassen würde, dann sie war nicht in seiner Nähe, obwohl sie in seinem Herzen war. Er glaubte, dass sie ähnlich fühlte, war sich aber nicht sicher, denn direktes herumfragen, das gehört sich bei solch edlen Menschen, wie sie einer war nicht. All das hatte aber nichts mit einer platonischen Liebe gemein. Denn beim Gedanken an Sie war das keine bloße Poesie, kein bloß lieblicher Gedanke. Alles kam in Schwingung Geist, Leib und Seele. Er gehörte ihr, obwohl er an eine andere gebunden war. Er gehörte ihr vollständig und er schämte sich nicht, vor keinem. Denn keiner konnte wissen, wieviel Kraft, wieviel Energie sie ihm gab, sie der er gehörte ohne dass sie bei ihm war, der er gehörte ohne bei ihr sein zu können. Er war bereit für die Liebe zu opfern, da er selbst der Liebe Opfer wurde.