Es war zur Mittagszeit desselben Tages, an dem die beiden Freunde Brigantium verlassen hatten. Dort, wo sich der Wald bis zu den Häusern des Dorfes von Hadamar und Chadeloch herantastete, stand das Versammlungshaus. Hinter dem Versammlungshaus stand eine uralte Eiche und der Ort an dem sie stand wurde durch den Vé, einen Zaun der die gewöhnliche Welt vom heiligen Bezirk trennte, umschlossen und der so den heiligen Hain des Dorfes bildete. In diesem Hain, der teilweise schon in den Wald hineinreichte ging ein Mann rastlos hin und her. Es war Lenz, Chadelochs Vater, Hadamars Onkel, der jetztige König über die Lenzersueben.
Er war ganz in Gedanken versunken, so sehr, daß er nicht merkte wie eine dunkle Gestalt aus dem Wald hervortrat. Als Lenz kehrt machte, zuckte er erschrocken zusammen, denn erst zu diesem Augenblick bemerkte er den vor sich in einen schwarzen Umhang mit Kapuze gehüllten Mann. Er riß das Schwert aus der Scheide und schrie:
“Wer bist du Fremder? Gib dich zu erkennen!”
Der Fremde schwieg, wartete einige unheimliche Augenblicke lang und schob dann langsam die Kapuze, die ihm bis tief in das Gesicht hinein reichte, nach hinten. Erst jetzt kam sein langer schwarzer Bart und das ebenso lange schwarze Haar zum Vorschein und schwarze, kalt leuchtende Augen blickten durchdringend in die Augen von Lenz.
Lenz ließ sein Schwert fallen und lief mit ausgestreckten Armen dem anderen entgegen und umarmte ihn.
“Odwin, was für eine Freude, du bist hier. Odin sei Dank! Du glaubst nicht wie sehr ich mich freue. Seit Tagen rufe ich zu den Göttern, sie mögen dich - meinen Freund und Vertrauten - zu mir schicken.”
“Ich hörte deinen Ruf. Die Winde trugen ihn mir zu und sogleich machte ich mich auf den Weg hierher um dir zu Helfen. Da bin ich nun und stehe dir mit meinen Kräften zu Diensten.”
Lenz blickte besorgt um sich und sagte mit einer leicht nervösen Stimme:
“Keiner darf wissen, daß du hier bist. Du weißt was einige meiner Verwandten, besonders mein eigener Vater, über dich denken. Zudem will ich, daß alles was geschehen soll und geschehen muß, absolut geheim und vor den anderen verborgen bleibt. Ich bitte dich also diese Nacht in der Holzfällerhütte im Wald zu übernachten. Ich gehe kurz ins Dorf zurück, hole etwas zum Essen und zum Trinken und komme dann zurück, um mich mit dir zu Beraten. So denn, bis bald!”
Lenz eilte ins Dorf und ging in sein Haus. Er nahm einen ledernen Beutel, füllte ihn mit Eß- und Trinkbarem und eilte aus dem Haus in Richtung Wald. Am Dorfende begegnete ihm sein Vater, Hadamars Großvater Lenz. Dieser blickte seinem Sohn tief in die Augen. Lenz wich dem fragenden, in seine Seele schauenden Blick, aus.
“Hörst du dasselbe wie ich, mein Sohn?”
“Was meinst du, Vater?”, entgegnete Lenz.
“Ich meine das verängstigte Gekreische der Vögel des Waldes. Sie haben Angst, etwas Böses muß sich im Wald umhertreiben - Böses das dem Frieden ein Ende zu setzen versucht.”
“Ach Vater, du und deine Zeichen, das ist doch alter Aberglaube.”
Chadelochs Vater versuchte die Beobachtung des greisen Stammeskönigs als Wahn abzutun. Lenz hingegen sprach ruhig weiter:
“Lenz, mein Sohn, als die Vögel ängstlich zu kreischen begannen, kam ein Kuckuck aus dem Wald geflogen und setzte sich auf den Giebel deines Hauses.”
Diese Beobachtung war Beschreibung des Vorfalls und Frage in einem und der junge König wußte das. Er antwortete seinem Vater:
“Nichts ist und nichts wird geschehen, nur weil Vögel kreischen und ein Vogel auf den Giebel meines Hauses sitzt. Aber du traust mir sowieso nicht!” wurde Lenz plötzlich wütend. “Du liebst deinen Enkel, Hadus Sohn, dessen Namen ich nicht in den Mund nehmen werde, mehr als deinen leiblichen, ja deinen erstgeborenen und dir in deiner Würde als König nachfolgenden Sohn. Was bedeutet da überhaupt noch mein Wort?”
“Lenz,” sagte der Alte mit traurig sanfter Stimme, “das Herz der Vögel ist unschuldiger als die unseren, als deines, aber auch meines. Die Geschöpfe spüren wenn ihnen Gefahr droht, sie spüren Böses schneller als wir Menschen. Lenz, ich habe dieses Gekreische schon oft gehört, glaube mir.”
“Na, siehst du. Die Viecher tun das also, wie ich es schon sagte, öfters.”
“Ja, sie taten es sooft Gefahr drohte und sooft,” der Greis ließ bewußt einen Augenblick Stille und sprach dann weiter: “sooft dein Freund, dieser Zauberer und Wahrsager, Odwin sich in der Nähe befand.”
“Vater, ich denke du bist ein wenig übermüdet, die Sonne ist wieder ziemlich stark. Ich glaube, es wäre das Beste, wenn du dir ein wenig Ruhe gönnen würdest. Ruhe dich aus und du wirst die Welt wieder in helleren Farben sehen können. Leider habe ich noch einen dringenden Gang zu tätigen, so daß ich dich nicht selbst nach Hause geleiten kann. Ich bitte um dein Verständnis.”
Damit verneigte sich Lenz vor seinem Vater und ging raschen Schrittes weg. Der alte Lenz blickte seinem Sohn mit einem sorgenvollen Gesicht nach. Er litt sehr um ihn, denn er wußte, daß er im Herzen kein übler Mensch war und doch war er schwach und ließ sich betören vom Machthunger anderer. Er spürte noch immer nicht, daß er nur mißbraucht wurde und nur solange für den angeblichen Freund Odwin interessant sein würde, solange dieser sein Ziel noch nicht erreicht hat. Früher oder später wird ihn Odwin verraten und was blieb dann von ihm, vom Volk der Lenzer übrig. Doch er Lenz, nun ein Mann in seinen letzten Tagen, was konnte er noch bewirken, welchen Einfluß hätte er noch auf seinen von Odwin betörten Sohn nehmen können. Der Einzige der dem Volk noch irgendwie Rettung und Hoffnung bringen konnte war Hadamar, aber vielleicht kommt er zu spät. Das Herz des alten Königs war am Rande des Zerbrechens vor Schmerz. Er ging schweren Schrittes zurück ins Dorf und ging zu seiner Schwiegertochter Ilsa. Er erkundigte sich bei ihr, warum es sein Sohn denn so eilig gehabt habe. Sie antwortete ihm, daß sie es auch nicht wisse, denn er sei nur kurz hier gewesen habe reichlich Nahrung und Getränk eingesteckt und sei dann wieder weggeeilt. Damit wußte der alte Mann: Odwin war zurückgekehrt.
Lenz lief hastig durch den Wald. Vor lauter Eile wäre er einige Male beinahe gestürzt, doch schließlich erreichte er die Holzfällerhütte. Er klopfte an die Tür, rief den darin Hausenden mit Namen und der Riegel der Tür wurde zurückgeschoben. Lenz trat in den düsteren Raum ein, grüßte seinen Freund und stellte das mitgebrachte Essen auf den Tisch. Dann setzten sie sich, und bevor sie zu essen begannen segnete Odwin die Mahlzeit im Zeichen Thors, und beide begannen zu essen und zu sprechen.
“Also Lenz, was ist denn vorgefallen? Erzähl schon!”, forderte der Zauberer den Stammeskönig der Lenzer auf.
Dieser spülte den Bissen Räucherspeck mit einem kräftigen Schluck Bier hinunter und begann mit der Erzählung:
“Einige Tage zurück, es war am frühen Vormittag des sechzehnten Mai, ging ich vom Versammlungshaus nach Hause. Dort angelangt traf ich auf Chadeloch, meinen Sohn, und Hada, die beide im Begriff standen davonzureiten. Beide hatten sich nach einem jahrelangen Streit und einem Kampf am Vortag aus unerklärlichen Gründen wieder versöhnt und verbrüdert. Chadeloch sagte mir, daß sie mit meinem Bruder Hadu nach Brigantium zu reiten beabsichtigten, um dort am Eponafest und am Markt zu Ehren der Göttin teilzunehmen. Dann verabschiedeten sich die beiden und ritten im gestreckten Galopp davon.
Als ich die beiden sah hatte ich schon ein komisches Gefühl, nicht allein wegen dieser aus dem Nichts kommenden Versöhnung, sondern vor allem beim Anblick Hadas. Zuerst erkannte ich ihn nämlich gar nicht, denn ein jeder kannte ihn nur in seiner gewöhnlichen lausigen Tracht. An dem besagten Tag aber trug er eine Tunika, die ihm wirklich ein ganz neues Aussehen verlieh. Sein Blick war Bedrohung und Unheil zugleich. Einem Stiere gleich strotzt er vor Kraft und Herrschsucht und hat dennoch den Blick eines unschuldigen Lammes. Er ist gefährlich - das habe ich gesehen - Odwin. Er ist seinem Namen Thiuhada wirklich treu. Gleich dem Gotte, dem er geblotet wurde und der sich wie du es von Thiu sagtest, rächen möchte, weil er vom Thron verstoßen ist - weil er nicht der Erste sein kann - da Odin, dem allein diese Ehre gebührt, den Platz für sich eingenommen hat. Aber es kommt noch besser, wie du gleich hören wirst. Thiuhada alleine wäre schon schlimm genug, doch als ich sie davonreiten sah, vielen meine Blicke auf das Schwert, das an seiner Seite hing. Du wirst erahnen können welches ich meine. Es war ...”
Lenz stockte vor Erregung der Atem, aber Odwin fiel schon in den Satz hinein und beendete ihn, indem er sagte:
“Hinageban.”
Lenz setzte fort, nachdem er wieder Herr seiner Gefühle war:
“Ja, bei Odin, es war Hinageban! Ich konnte die Beiden nicht mehr zurückrufen denn sie sprengten, wie bereits gesagt, im Galopp davon. Ich ging also eilends zu meinem Vater und sagte ihm, daß Hada ihm Hinageban gestohlen habe. Ich war in gewaltiger Erregung. Mein Vater hingegen blieb ganz ruhig und sagte, daß Hada das Schwert nicht gestohlen habe, sondern daß er es ihm übergeben habe, - übergeben für immer. Zudem, so sagte er weiters, niemand kann dieses Schwert einfach so an sich reißen, sondern nur der kann es nehmen, der es zu tragen bestimmt ist. Ich stand fassungslos vor ihm. Ich wollte schreien vor Zorn, vor Wut, vor Ohnmacht, doch ich konnte und wollte nicht, denn ein wahrer Mann darf sich nicht einfach so gehen lassen, schon gar nicht wenn er König ist. Ich verließ also meinen Vater - schweigend. Ich ging dann zum heiligen Hain, legte meine Hand auf den Altar und schnitt mir mit dem Opfermesser in die Hand. Ich preßte mein Blut heraus und schwor bei Odin, daß ich nicht ruhen werde bis Hinageban in meinen Besitz gekommen sei, egal was auch immer dies kosten mag und wäre es das Blut meines Sohnes, der mit Thiuhada ausgezogen ist. Daraufhin besprengte ich mit den wenigen Tropfen den Hörgr. Ich will und ich muß dieses Schwert haben! Ich brauche es, wenn ich gegen die Römer kämpfen möchte, denn es versichert mir den Sieg. Odwin, du mußt mir helfen das Schwert, bis zum von dir festgesetzten Beginn des Angriffs auf Raetien, zurückzugewinnen. Du weißt was für mich, oder laß mich besser sagen, was für uns - dich und mich - dieses Schwert bedeutet. Heute sollten Thiuhada und Chadeloch zurückkommen, du weißt also was zu tun ist.”
“Laß uns abwarten bis sie zurückkehren, was ohnehin nicht mehr lange dauern kann. Dann werden wir diesem Thiuhada das Schwert abnehmen. Verlaß dich darauf!”
Odwin blickte Lenz kalt und zu allem entschlossen an und machte dann den folgenden Vorschlag:
“Ich schlage vor, daß wir jetzt gemeinsam zu dir nach Hause gehen - getrennt natürlich - so daß keiner weiß, daß auch ich bei dir bin.” Er setzte kurz ab, schloß seine Augen, hielt seinen Atem für einige Augenblicke an und fügte dann noch hinzu: “Irgend etwas sagt mir aber, daß es ganz anders kommen wird, als wir es uns jetzt ausdenken. Aber was soll’s!”
“Gut, einverstanden, also laß uns gleich aufbrechen. Denn sie können in jedem Augenblick zurückkehren.”
Damit packten sie die restlichen Speisen wieder ein und verließen die Hütte. Sie trennten sich noch im Wald. Lenz schlug den gewöhnlichen Weg ein, während Odwin, die Deckung der Bäume suchend sich von hinten zum Haus des Stammeskönigs schlich. Lenz setzte sich bei seinem Haus angekommen auf das Bänkchen und tat so als gönne er sich ein wenig Ruhe, während seine Blicke rastlos die Straße, auf der die Erwarteten kommen müssen, kontrollierten. Es dauerte gar nicht allzu lange, da kam auch schon Hadu angeritten, neben ihm sein Knecht - gleich dem Herrn hoch zu Roß - und dahinter der Wagen mit Frau und Kindern. Doch keine Spur von Hadamar und Chadeloch. Als Hadu seinen ältesten Bruder erblickte, gab er seinen Knechten den Auftrag gleich nach Hause zu reiten. Er selbst ritt aber zu Lenz. Grüßte ihn und stieg vom Pferd. Sie reichten sich die Hand und Lenz, der mit aller Kraft die Ruhe zu bewahren versuchte, fragte nach den beiden jungen Herren, wo sie denn geblieben seien. Hadu antwortete, er wisse nur, daß sie in einem Auftrag nach Norden geritten wären und, daß sie sich für einen längeren Ritt eingerichtet hätten. Beide Chadeloch, als auch Hadamar, ließen alle schön grüßen und sagten, daß sie erst wieder zurückkehren, wenn aus ihnen wahre Helden geworden wären aber auch, daß sie spätestens in einem Jahr wieder zurück sein wollten. Lenz war fassungslos vor Bestürzung, mit letzten Kräften heuchelte er:
“Wir dürfen stolz auf unsere Söhne sein, sie werden die mächtigsten Krieger unseres Stammes sein. In ihren Adern pulsiert das Blut der Vorfahren von denen jeder nicht ruhte bis er als Held gefeiert starb, um der Nachwelt einVorbild zu hinterlassen.”
Sie sprachen noch flüchtig über die Geschäfte beim Eponamarkt, doch dann sagte Lenz, er habe noch allerlei wichtige Dinge zu erledigen und zog sich darauf ins Haus zurück.
Er ging in den Stall, dort fand er Odwin. Als er diesen erblickte sprach er wütend:
“Bei der Hel, sie sind uns entwischt! Sie kommen nicht zurück. Sie reiten gegen Norden, um Heldentaten zu vollbringen! Sie nahmen das Schwert mit sich. Was, wenn es verloren geht oder geraubt wird?”
Er nahm vor Zorn sein Schwert und schlug auf die hölzerne Absperrung des Schweinpferchs, bis sie durchgehackt war.
“So hör doch auf mit diesem Unsinn. Laß uns an den Bach gehen, wir wollen sehen ob es auch tatsächlich stimmt, was dein Bruder erzählt hatte.”
Odwin ging hinaus und machte sich wieder Richtung Wald auf, um dann ungesehen an den Bach zu gelangen. Lenz schrie nach einem Knecht und befahl ihm, den Schweinestall zu reparieren. Dann machte er sich auf und traf sich kurz darauf mit Odwin. Dieser stand bereits mit kapuzenbedeckten Haupt am Bachrand und stierte ins Wasser. Es war rundum still. Es war unheimlich. Nach einiger Zeit erhob Odwin sein Haupt und schob die Kapuze zurück. Dann sprach er mit seiner tiefen und gefühlstoten Stimme:
“Ja, sie ziehen wirklich nach Norden. Ihre Rosse sind gut bepackt.”
“Was ist das Ziel? Wohin reiten sie?”, gierte Lenz nervös nach dem Verborgenen.
“Eben als ich danach fragte, verschwand ihr Bild. Ich konnte plötzlich nichts mehr erkennen.”
“Wie ist so etwas möglich?”, fragte der König erstaunt.
“Zauber kann allein durch noch mächtigeren Zauber überwältigt werden - merk dir das. Hada Hinageban wegzunehmen wird vermutlich nicht so leicht werden wie du dir das vorgestellt hast. Es begleitet ihn eine Macht, die ich nicht kenne.”
“Odwin, ich kann nicht von hier weg. Wir stehen in Kriegsvorbereitung. Viele Gespräche und Verhandlungen sind zu führen mit den Iuthungen, den Raetobaren aber auch mit den anderen suebischen Stämmen. Odwin, du mußt gehen. Zudem fehlt es mir auch an Zaubermacht, die es braucht um diesen fremden Zauber zu besiegen, du allein bist ihm gewachsen.”
“Gut ...” er setzte ab. Ein kaltes, tödliches Grinsen verzerrte sein Gesicht. “Gut, ich werde gehen, Lenz. Aber nicht allein. Ich brauche Krieger. Gib mir zwölf schwerbewaffnete und kampferfahrene Männer, versorg uns mit Proviant. Beeile dich, denn ich will heute Nacht bereits davonreiten, damit der Vorsprung noch einzuholen ist. Wir dürfen keine Zeit verlieren! Beeile dich! Ich werde mich wieder in die Holzfällerhütte zurückziehen, komm mit den Männer dorthin oder schicke sie einfach zu mir. Dann werden wir das Schwert holen und schauen, daß uns dieser Sohn der Hel keine weiteren Unannehmlichkeiten bereiten wird.”
Lenz verließ Odwin. Er ging zurück ins Dorf, um dort sein Pferd zu holen. Dann ritt er am Ufer des Sees entlang. Als das Dorf außer Blickweite war ritt er durch ein kleines Wäldchen, dort dem Lauf eines Baches entlang bis er zu einem alten und ungebrauchten Heuschuppen gelangte. Beim Schuppen befand sich ein Lagerplatz. Es lagerten dort an die zwanzig Männer während ihre Pferde auf der Lichtung grasten. Ein großes Feuer brannte in der Mitte des Lagers, während die einen Männer schliefen, schlugen andere sich mit Kartenspiel die Zeit tot. Neben den Matten auf denen sie schliefen lagen die Waffen, Schwerter, Speere, Bogen und Schleudern. Es waren Söldner, die Lenz bereits gesammelt hatte um mit ihnen Raetien auszukundschaften und mit ihnen den Feldzug vorzubereiten. Aus den Gesichtern der Männer konnte man Kampferfahrung lesen, das Laster und natürlich auch das Bier. Es waren Männer aus den verschiedensten Germanenstämmen, Kelten waren unter ihnen, als auch ein Raeter, der sich hervorragend in der Provinz auskannte.
Als Lenz im Lager erschien erhoben sich alle vor dem König und hielten sein Pferd, während Lenz von ihm herabstieg. Lenz blickte die Männer an, jeden einzelnen von ihnen musterte er schweigend. Nachdem er die Musterung beendet hatte erhob er die Stimme:
“Ich brauche zwölf von euch! Es gibt einen kleinen Auftrag für Zwischendurch.”
“Und was wäre dies für einer, mein König?” fragte ein das Gesicht mit Narben bedeckter Krieger stellvertretend für alle anderen. Lenz schwieg ein wenig um damit eine gewisse Spannung zu erzielen und antwortete:
“Ein Diebstahl muß gesühnt werden. Jemand hat mir das mächtige, wenn nicht das mächtigste Schwert überhaupt, entwendet. Der Mann und sein Komplize flüchten auf dem Weg nach Norden. Dort wollen sie ein Heer sammeln um mir und auch allen anderen Königen der Sueben den Hochsitz streitig zu machen und das Königtum an sich zu reißen. Es sind zwei.”
Die Männer begannen herzhaft zu lachen.
“Ihr lacht?” setzte Lenz fort: “Ihr werdet noch mehr lachen wenn ich euch sage, daß sie noch zehn Jahre jünger als die meisten von euch sind. Ihr fragt euch, warum ich zwölf von euch ihnen nachschicke, denn es würden doch auch einer oder zwei von Männern eures Formats genügen, - und ihr lacht. Ich sage euch; - ich sage euch, daß Odwin der mächtige Zauberer euch begleiten und anführen wird - und eure Bäuche sind vor Lachen dem Zerreißen nahe. Aber!”
Lenz setzte wieder kurz ab und wartete bis alle wieder Still waren und fuhr erst fort, als der letzte sich wieder gefangen hatte.
“Aber das Lachen, daß garantiere ich euch bei meiner königlichen Würde, das wird euch vergehen. Denn beide obwohl jung an Jahren sind sehr stark. Sie sind entschlossen. Sie haben mächtige Waffen bei sich - Waffen mit allen Zaubern besprochen. Sie selbst aber, vor allem der, der das gestohlene Schwert trägt, ist von dunklen Zaubermächten umgeben. Dieser eine ist der Gefährliche, er ist ein Blot, ein den Göttern geweihter und auch wenn er den mächtigsten der Götter, Odin - gepriesen sei sein Name - verachtet, so besitzt er nichts desto Trotz die Kraft, die von den Bewohnern Asgards stammt. Ihr werdet ihn sehen und ihr werdet glauben er kämpfe für die gerechte Sache, denn er sieht aus wie einer der großen Helden zur Zeit unserer Väter. Er sieht aus, und er wird dies auch behaupten, wie einer, der das Leben für das Wohl seines Volkes opfert. Ich sage euch: Traut ihm nicht! Denn alles was ihn bewegt und antreibt ist der Haß gegen alles Gute. Er versucht alles Heilige – ja, gar alles Heilige - zu vernichten. Er ist ein Sohn der Hel und nichts Gutes steckt in ihm.
Also ich schicke Zwölf von euch gegen die beiden los, nicht weil ich eure Kraft unterschätze, sondern weil ich die Kraft der beiden anderen kenne. Ich will das Schwert zurück haben und wenn möglich auch den Gefährten des Diebes, lebend als Gefangenen, zu mir gebracht sehen. Der andere, der mächtige Zauberer aus der Unterwelt, soll Wotan geweiht sein und sein Blut soll als eine wohlgefällige Opfergabe für unseren Sieg gegen die Römer dargebracht werden. Eine Welt ohne ihn ist eine bessere Welt!”
“Wann wird der Aufbruch stattfinden?” rief einer von ihnen.
“Noch heute Nacht werdet ihr aufbrechen. Bei der Holzerhütte im Wald werdet ihr Odwin antreffen. Er ist euer Anführer, ihm schuldet ihr den Gehorsam in allem. Drei von euch mögen mit mir reiten. Ich werde sie bei mir mit Proviant und noch nötigen Waffen ausstatten. Kein anderer darf etwas von diesem Auftrag erfahren. Aber eines sage ich euch, tretet mir nicht ohne das Schwert unter die Augen, denn glaubt mir, auch das Schwert das ich jetzt bei mir trage vermag einen Kopf vom Hals zu trennen.”
Sein Gesichtsausdruck war unheimlich und beängstigend, keiner wagte noch eine Frage zu stellen, geschweige noch zu lachen. Lenz ging durch die Reihen und zeigte mit dem Finger auf die Männer, die er in der Zwölfergruppe sehen wollte. Nachdem die Zwölf ausgesucht waren schwang er sich auf sein Pferd und ritt mit drei der Söldner zurück ins Dorf. Dort versorgte er sie mit allem für die Reise Nötigem. Die Soldaten ritten zurück zum Lagerplatz und dann mit den restlichen zum Holzfällerhäuschen im Wald, wo sie auf Odwin stießen. Es war schon tiefe Nacht über das Land gefallen als sich die Männer auf den Weg machten um nach dem Schwert, Hadamar und Chadeloch zu jagen.
Lenz begab sich selbstzufrieden zur Ruhe, denn er wußte, daß er alles gegenwärtig Mögliche getan hatte um wieder in den Besitz des Hinagebans zu kommen. Alles Restliche würden nun seine Söldner und Odwin erledigen.
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen