Mittwoch, 1. Oktober 2008

ER - Der Jetsetter

Gestresst schlägt ER sich durch das Menschengestrüpp an die Kofferausgabe. ER muss ihn als erster haben, versteht sich. ER ist wichtig. Jede Minute kostet Geld, jeder Kontakt mit Menschen ein enormer Verlust. Sein Handy, nein besser gesagt sein i-Phone ist ständig in Dauerbetrieb, es läuft wirklich heiß. Da! Sein Koffer kommt heraus, im Schneckentempo, diese lausige Fluggesellschaft, sie wird nocheinmal dafür büßen müssen. Doch ER hat schon ausgerecht, dass der Prozess und die dafür benötigte Zeit mehr Geld und mehr Zeit kosten würde und dieser Verlust wäre auf keinen Fall mehr gutzumachen. Also, ER bleibt Dulder, ER erträgt es stillschweigend, schluckt es einfach so hinunter. ER reißt das kleine Gepäckstück an sich und stürmt hinaus. Kurz vor dem Terminal-Ausgang, ER weiß ja was Eindruck auf die Trauben von wartenden Menschen macht, nimmt er das i-Phone zur Hand und rührt gestresst auf den Tasten herum. Es geht nicht um wirkliche Information, der Abruf des Wetter- oder Börsenberichtes genügt, aber die anderen werden staunen, ER ein i-Phone-Besitzer, ER im Manageranzug, ER mit der Kravatte, ER mit seiner Laptop-Tasche, ER mit seinem kleinen Managerköfferlein. Genau, beinahe hätte ER etwas Wichtiges vergessen, kurz den obersten Hemdknopf aufmachen, Kravatte ein wenig waggelig und locker positionieren, der eindeutige Ausdruck von Stress und Arbeitssucht.
ER tritt aus dem Zollbereich heraus, der Vorhang, die Schiebetüre geht auf und die ganze kleine, hier versammelte Welt bestaunt, bewundert und beneidet ihn. ER hat es halt zu etwas gebracht. Da ein Chaffeur steht schon mit dem Namen auf seinem Papierchen da. Eine absolute Frechheit, nur sein Name. Man hätte sich auch mehr Mühe geben können. Man hätte zum Beispiel schreiben können: ER-wartet! VIP! Besonders wichtig! Man hätte auch schreiben können: Manager und dann seinen Namen daruntersetzen. Aber einfach nur seinen Namen, doch was solls! Jetzt wissen diese heruntergekommenen Kreaturen zumindest wie dieser supermegagestresste Manager hieß, jetzt wussten sie es alle und sie werden sich an ihn erinnern. Der Chaffeur nimmt ihm seine Tasche ab und schon tippt ER sein erstes Mail nach der Ankunft in sein i-Phone, spielerisch aber kozentriert, mit Hofratsfalten zwischen seinen Augenbrauen. ER weiß worauf es ankommt! ER ist eben doch einfach mehr Sein als Schein. Lässig setzt er sich, den Laptop aus der Tasche holend, auf den Rücksitz des für ihn bereitgestellten Autos, die Türe wird zugeschlagen, der Motor heult auf und das Auto braust davon. ER ist Mister auf und davon.

1 Kommentar:

klythaimnestra hat gesagt…

Es muss wirklich anstrengend sein, soviel zu denken und zu reflektieren, wie Er es gewöhnt ist zu tun. Er denkt ja nicht nur den ganzen Tag an Sich, sondern er denkt auch noch den ganzen Tag an die anderen, insofern er sich ständig fragen muss, wie die anderen Ihn sehen, wie Er auf die anderen wirkt, .... puh
hat Er wohl schon mal über eine Therapie nachgedacht? Gerade doch auch jetzt, wenn er so viel Stress hat? ich hör schon den Burn-Out an die Tür klopfen- Er, pass auf! =) (wie wärs mit Er und der Psychiater?! Immerhin muss jeder, der was auf sich hält und der zu seiner "eigentlichkeit" finden will, mal einen Psychologen aufsuchen!)