“Setzt euch hin und hört mir zu. Vor allem du, Hadamar, sollst dir merken, was dein Großvater zu dir spricht. Wie du vielleicht weißt, hatte ich öfters geschäftliches in Lutetia zu tun. Seit meinem letzten Aufenthalt in dieser großen Stadt, sind nun rund fünf Jahre verflossen. Es gelang mir damals die Geschäfte früher als gewöhnlich zu beenden. Ich empfand es als eine Fügung der Götter, denn durch die gewonnene Zeit war es möglich, mir selbst einen lange gehegten Wunsch zu erfüllen. Ich ritt also an einen abgelegenen Ort in den Carnutes, von dem mir gesagt wurde, daß sich dorthin die mächtigsten Druiden unseres Volkes zurückgezogen hatten. Viele Menschen suchten bei ihnen Rat, Hilfe, Heilung und Schiedsspruch. Der göttlichen Mutter und dem Gehörnten sei Dank, daß ich den heiligen Ort, in der Nähe des Flusses Liger, ohne große Umwege fand. Ich fragte mich bei den Menschen durch, wo ich den mächtigsten und weisesten der Druiden finden könne und sie wiesen mir den Weg zu ihm, welcher den Namen Guatwater trug. Ich mußte einige Stunden warten, so groß war der Andrang, doch als ich an die Reihe kam, trat ich vor einen, ich möchte sagen, göttergleichen Mann. Sein Blick war durchdringend, scharf, wissend. Ich hatte mein ganzes Leben, noch nie einen solch ehrfurchtgebietenden Menschen gesehen und es ist mir auch nie mehr solch einer begegnet. Ich fragte ihn um meine Zukunft, um die meiner Familie und die meines Stammes. Nun hört genau zu, was er mir prophezeite.”
Beide, Hadamar sowie Chadeloch folgten mit Spannung der Erzählung Saros.
“Er sagte:” fuhr Saro fort, “Ein Held wurde einer deiner Töchter geboren. Unerkannt und verachtet ist er noch zur Stunde. Doch er wird reich an Tugend und Schönheit aus der Verborgenheit hervortreten. Aber sein Auftreten wird das Herz von so manchem Menschen offenbaren. Er, dein Nachkomme, wird kämpfen mit der unteren und mit der oberen Welt und die mittlere Welt wird ihn als kühnen Krieger ehren. Ein Geschlecht wird seinen Namen tragen und bleiben bis zum Untergang der Welt.
Ein Ring mit einem mächtigen Stein wird ihn schützen und vor plötzlichen, mächtigen Gefahren warnen. Ein weißes Pferd wird ihn auf seinem Rücken tragen und mit dem mächtigen Schwert Hinageban wird er streiten und ein Freund wird ihn begleiten. Alles was ich dir über deinen Enkelsohn sage, wird in fünf Jahren eintreffen.”
Saro ließ eine kurze Stille um die Bedeutung dieser Worte zu unterstreichen und sprach erst weiter, als er sah, daß die beiden unruhig auf die Fortsetzung warteten.
“Ich versuchte also alles zu erwerben, was dieser - mein Enkelsohn - für seinen Auftrag benötigen würde. Ich wußte, daß alleine du der von den Göttern Erwählte sein konntest. Denn als Kind wurdest du dem Gott eurer Väter geblotet, als einziger meiner und deines Großvaters Lenzens Enkelsohn, denn du warst als einziger am Tag der Sonne geboren. Ein altes Zeichen für einen von den Göttern erwählten Menschen. Das einzige was ich nicht auszudenken vermochte war, wie du in den Besitz von Hinageban kommen würdest. Schießlich erwarb ich noch bei den Druiden in den Karnuten ein Pferd. Es war damals erst sechs Monate alt. Derselbe mächtige Druide sprach über das noch kleine Hengstchen die mächtigsten Segens- und Zauberformeln und er gebot, daß keiner, außer dem zukünftigen Helden, dieses Pferd reiten dürfe und, daß das Pferd seinen Herrn von selbst erkennen würde. Dann besorgte ich mir noch bei einem anderen Druiden einen mächtigen Ring, nämlich diesen hier.”
Saro holte aus der Tasche seines Gewandes ein Lederbeutelchen, dessen Innenseite mit Samt überzogen war, hervor, öffnete es und nahm den darin eingepackten Ring heraus. Es war ein wunderschöner goldener Armreif dessen Mitte ein gräulicher Stein, der in Gold gefaßt war, zierte.
“Das Mächtige an dem Armring ist eben der Stein. Dieser Steinsplitter ist ein Bruchstück vom Altar auf welchem einer der mächtigsten Druiden aller Zeiten, dem Stammgott der Menschheit, dem Dago devos, den ihr Thiu nennt, die reinen Opfergaben darbrachte. Der Name des Druiden war Chelmiseked der damals in der heutigen Provinz Syrien-Judaea lebte. Hier nimm diesen Ring, er ist dein.”
Damit überreichte Saro Hadamar den Armring. Dann wandte er sich an Chadeloch und sprach zu ihm:
“Auch für dich, Chadeloch, habe ich ein Geschenk gesucht, der du als Freund Hadamar zu Seite stehen wirst. Es ist ein mächtiges Schwert der Druiden der Karnuten und sein Name ist in Runen auf die Schneide geschrieben. Es heißt: RISOBIDWINGAR.”
Saro nahm das Schwert und überreichte es Chadeloch. Dieser konnte seinem Glück keinen Ausdruck sprachlicher Natur geben und so umarmte er Saro, der nicht wußte wie ihm geschah.
“Ist schon gut, ist schon gut Chadeloch.” Dann drückte er ihn von sich und sprach: “Wir wollen nun den Schimmel anschauen gehen und sehen, ob du, Hadamar, wirklich der erwählte Held bist.”
Sie gingen zum Pferdestall und traten ein. Im hintersten Teil stand ein stattlicher Schimmelhengst, es mußte, dem Aussehen nach zu schließen, ein kraftvolles und schnelles Tier sein. Als das Pferd Hadamar erblickte und dieser ihm den Kopf mit den klugen Augen streichelte wieherte es seinem Herrn freudig zu und legte dann das Haupt auf Hadamars Schultern und er umarmte es.
“Zwei füreinander bestimmte Freunde treffen sich“, sagte Saro entzückt.
“Willst du es denn nicht schon reiten?” fragte Chadeloch begierig.
“Nein, erst Morgen. Heute will ich ihn noch nicht reiten.” erwiderte Hadamar.
“Da, gibt es noch einen weiteren Teil der Weissagung, den mir der Druide offenbarte,” hob Saro noch einmal an. “Er sagte: ‘An jenem Tag, da der Sohn deiner Tochter von dir scheiden wird, sag zu ihm, daß er nicht in seines Vaters Haus zurückkehren darf, sondern er soll sogleich aufbrechen um seinen Auftrag zu erfüllen.’ Das ist alles was ich dir sagen wollte. Es liegt nun an dir der Götter Wille zu erfüllen. Fürchte dich vor Nichts egal was auch kommen mag, fürchte dich nie vor etwas, sondern freue dich über die Erwählung!”
Saro umarmte seinen Enkel und verließ die beiden Freunde.
Beide ließen sich, nachdem Saro den Stall verlassen hatte, auf das Stroh am Boden niederfallen. Hadamar fuhr sich durch sein langes Haar und stieß erschöpf seinen Atem aus. Es war ihm alles ein bißchen viel geworden. Auch Chadeloch erkannte die Bedeutung des Augenblicks und war, wie sein Freund, still. Nach einiger Zeit brach er aber die Stille mit der Frage:
“Was nun?”
“Wir brechen, also morgen auf. Ich werde dir am Abend erklären was wir tun und wohin wir gehen werden. Jetzt aber möchte ich dich um einen großen Gefallen bitten.“
Hadamar schaute fragend in Chadelochs Augen und dieser forderte ihn auf:
“Na, sag’s schon.”
“Ich möchte dich bitten, dieses Armband Lucia zu bringen. Sag ihr es wäre der Tausch für den Ring, sie soll mich nicht vergessen und immer an uns denken wenn sie ihn trägt. Du kannst, so du das Bedürfnis verspürst, ihr auch die Geschichte des Ringes erzählen.”
“Bist du verrückt! Du brauchst doch einen Ring mit einem Stein, denk an das Druidenwort!”
“Schau hier trag ich einen Ring,” und Hadamar zeigte Chadeloch Lucias Ring den er am kleinen Finger trug.
“Und woher kommt der Stein?”
“Es ist ein Stein jenes Felsen auf dem der Gott Lucias gekreuzigt wurde. Das eine ist der Stein eines Druiden, so mächtig und groß dieser auch gewesen sein mag, er bleibt Mensch. Dieser Stein ist der Stein eines Gottes, welcher auch immer er sein mag, aber er ist der Gott, den Lucia verehrt. Wirst du für mich zu ihr gehen?”
“Mit Freude!”, entgegnete Chadeloch aufrichtig.
Damit verabschiedeten sich die beiden voneinander.
Chadeloch nahm sein Schwert und sein Pferd und ritt davon. Hadamar stand ebenfalls auf, streifte das Stroh von seiner Kleidung, nahm sein Pferd und ritt mit ihm in den Wald des Pennodurum. Als der Wald dichter wurde stieg er vom Pferd ab und führte es mit sich durch das dicht gewachsene Unterholz. Er kannte eine Stelle, an die er sich früher oft zurückgezogen hatte. Es war eine sehr große Felsnische, vor welcher sich das Wasser eines kleinen Wasserfalls wie Elfenstaub sanft zerstäubte. Dieser Ort wurde für ihn zu einem kleinen Heiligtum, einem Ort, wo er die Nähe der Götter besonders spürte. Er bahnte sich und dem Pferd, das er an den Zügeln mit sich führte, einen Weg durch das Dickicht. Das Pferd sträubte sich hie und da, doch es beugte sich immer wieder dem Willen seines Herrn. Mit einiger Mühe erreichten sie schließlich den besagten Ort. Vögel sangen und das Wasser prasselte von oben herab. Hadamar band das Pferd an einem Baum fest. Dann kniete er sich auf einen großen abgeflachten Stein, nach Art der Germanen, nieder, breitete seine Hände zum Gebet aus und verharrte still vor der erhabenen Anwesenheit der unsichtbaren Götter und betete besonders zu Thiu.
Er betete um ein gutes Gelingen seines Auftrags und bat um den göttlichen Schutz für sich und seinen Gefährten. Er erhob das Gebet zu den Wallküren und Fylgen, auf daß sie ihnen ständig Beistand leisten und sie sicher wieder zu Familie und Heimat zurückführen würden. Nach einer langen Zeit stand er auf und ging zu seinem Pferd. Er löste das Seil vom Baum und führte es nahe an das herunterprasselnde Wasser. Es war das Pferd, daß ihm seit seiner Jugend ein treuer Freund gewesen ist. Nichts desto trotz, er wollte es Thiu als Opfergabe weihen. So hielt er das Pferd mit der linken Hand am Zügel fest, zog mit der Rechten Hinageban aus der Scheide, holte aus und hieb mit einem einzigen Schlag seinem Pferd den Kopf ab. Das Blut schoß aus den Adern und vermengte sich mit dem Wasser und floß mit dem Wildbach hinab in den Brigantersee. Dann brachte er auf einem großen Stein, nachdem er auf ihm ein Feuer angezündet hatte das Herz des Pferdes als Brandopfer dar. Er betete:
Erhabener,
heiliger und lichter Vater,
Gott unserer Väter und unsterblicher Erbauer der Welten,
Thiu du Gott der Götter und Herr der Herren,
nimm dieses Opfer deines unwürdigen Knechtes an.
Hilf mir, dich zu finden und dir,
dich einmal gefunden,
mit ganzem Herzen und mit vollkommener Hingabe zu dienen.
Laß mich meine Sendung nach deinem Wohlgefallen erfüllen
und glücklich wieder die Heimat erreichen.
Hadamar wartete bis das Herz verbrannt war. Dann verließ er den Ort und kehrte zurück zum Haus seines Großvaters.
Während Hadamar sich den Weg zum Wasserfall durchkämpfte, um dort zu beten und sein Pferd Thiu zu opfern, überbrachte Chadeloch Lucia den Armreif. Er unterließ es nicht die ganze Geschichte - und noch etwas mehr - des Ringes zu erzählen. Dann erzählte er ihr, daß er und Hadamar morgen aufbrechen würden und, daß ein Druide Glorreiches über Hadamar vorhergesagt habe. Lucia verbarg ihre Wehmut über den Aufbruch zur Reise. Sie versprach beständig der beiden im Gebet zu gedenken und überreichte ihm ein kleines zugeschnürtes Lederbeutelchen für Hadamar. Mit dem Wunsch um den Beistand des allmächtigen Gottes verabschiedete sie sich von Chadeloch. Dieser verließ das Haus des Maximus und ritt an den nahe gelegenen See. Dort setzte er sich ans Ufer und betrachtete die Weite desselben.
Wie oft, so ging es ihm durch den Kopf, saß er seit seiner Kindheit an demselben Gewässer an dem er auch heute sitzt. Wie lange gab es schon diesen See? Wie alt war er Chadeloch, Lenzens Sohn? Er war blutjung im Gegensatz zu diesem uralten See, der durch einen tiefen Gang sogar mit den Gewässern Schwedens verbunden war. Wie lange wird es ihn noch geben, diesen See, und wie lange wird es ihn noch geben, Chadeloch Lenzens Sohn? Ein leichter Schauer überfiel den sonst so selbstbewußten und heiteren Sohn des Stammeskönigs. Er wurde sich bewußt, daß dies auch das letzte Mal sein könnte, das letzte Mal, daß er an diesem Gewässer säße. Er lockerte seine trüben Gedanken, indem er Steine ins klare Wasser des Sees warf. Er sah zu wie sie plumpsend im tiefen Naß versanken und im Wasser zahlreiche Kreise hinterließen. Es könnte sein, daß sich in diesem Abenteuer der Kreis seines Lebens schließe. Er holte tief Luft und sagte zu sich:
“Na und, was soll’s!”
Nach einer Weile erhob er sich, nahm sein Schwert von der Seite und hielt es behutsam wie ein kleines Kind in seinen beiden Händen.
“Mit dir mein kleiner Freund bin ich groß geworden. Kannst du dich noch erinnern, wie wir alle meine Freunde, außer dem einen, gemeinsam besiegt haben. Erinnerst du dich auch noch an die lustigen Momente, da wir den Mädchen gemeinsam Klapse auf ihren Allerwertesten versetzten. Ihre entrüsteten Blicke, ihr auffliegender Zorn, welcher sich bei so mancher bis zur Wut steigerte, oh - es war herrlich. Ja, wir können auf eine schöne gemeinsame Zeit zurückblicken. Nun denn, du wirst es nicht glauben, doch ich nehme jetzt Abschied von dir, - Abschied für immer. Von heute an gehörst du nicht mehr mir, sondern du gehörst den Asen und unter ihnen sollst du insbesondere Thiu geweiht sein. So denn, mein treuer Weggefährte, lebe wohl und wenn du von einer Götterhand geführt wirst gedenke allem was ich, Chadeloch, dir beigebracht habe. Mache mir keine Schande!”
Mit Tränen in den Augen warf Hadamars Freund sein Schwert, den Göttern zum Opfer, in den tiefen Brigantersee. Dies geschah zum selben Augenblick, an welchem Hinageban den Kopf des Pferdes von dessen Leib trennte. Chadeloch blickte dem im Wasser versinkenden Schwert nach und wartete bis die letzte Luftblase aufgestiegen und der letzte Ring im Wasser sich verlaufen hatte. Dann ging er zu seinem Pferd, nahm vom Sattel das Druidenschwert Risobidwingar und gürtete es sich um. Daraufhin sprang er in den Sattel und ritt gemächlich zurück zum Haus von Hadamars Großvater.
Der Sonne Lauf war schon weit nach Westen fortgeschritten, als sich Hadamar und Chadeloch wieder in Saros Haus trafen. Sie setzten sich ins Zimmer, das sie gemeinsam teilten. Chadeloch überreichte Hadamar das Lederbeutelchen Lucias und überbrachte ihm ihre Grüße. Vorerst schob dieser das Geschenk von Maximussens Tochter zur Seite und eröffnete das Gespräch:
“Also, du bist bereit mich auf meiner Reise zu begleiten.”
“Klar, du weißt, daß ich nichts mehr als Abenteuer liebe. Zudem brauchst du jemand der ein wenig Acht auf die gibt, jemand der fähig ist dir deine Verklemmtheit und zu große Ehrlichkeit am falschen Ort abzuerziehen. Aber was müssen wir überhaupt genau tun. Was ist dieser so geheimnisvolle Auftrag, von dem ich nun dies und jenes gehört habe? Wohin, falls du das schon weist, werden wir zuerst reisen?”
“Also, eines nach dem andern. Da du mit mir gehen möchtest und das Schicksal uns in diesen Tagen enger als je zuvor zusammengebracht hat, will ich dir erzählen, was sich seit unserem Kampf zugetragen hat.” Hadamar erzählte ihm vom Gespräch mit Lenz und alles was er ihm gesagt und aufgetragen hatte. Er erzählte ihm die Geschichte mit Hinageban. Nachdem er seine Erzählung beendet hatte, antwortete, der ausnahmsweise nicht kommentierend zuhörende, Chadeloch:
„Ei ei ei, das ist nicht gut, das mit dem Schwert meine ich. Mein Vater wird das sicherlich nicht ruhig und gelassen hinnehmen. Er kannte keinen größeren Wunsch, kein leidenschaftlicheres Verlangen, als in den Besitz dieses Schwertes zu kommen. Wie oft - ich kann mich an so manches Mal selbst erinnern - hat er Großvater darum gebeten. Wie betrübt, gereizt und wütend kam er zurück, wenn dieser ihn um ein weiteres Mal um die Erfüllung des Wunsches scheinbar betrog. Er wird es sich einfach nehmen, er wird es an sich reißen, egal was auch immer es kosten mag. Denn was nützt es auf dem Hochsitz zu sitzen, das Königtum inne zu haben - ohne Hinageban. Nur mit dem Schwert besitzt er die volle Macht, ohne das Schwert was soll da das Innehaben des Hochsitzes groß bedeuten?”
“Kennst du etwa die Geschichte des Schwertes?”
“Nein. Vater sagte mir nur, daß es eines der ältesten und mächtigsten Schwerter sei, die es je gab und geben wird. Er sagte auch, daß der der es trägt keinen Kampf zu fürchten brauche, denn es trage in sich die Kraft der Götter. Das ist aber schon alles was ich über dieses Schwert weiß. Doch glaube mir das eine: Solange du im Besitz dieses Schwertes bist, wirst du vor meinem Vater keine Ruhe haben, er wird dein erbitterter Feind sein.”
“Chadeloch, es ist besser du kehrst zu deiner Familie zurück. Ich will auf keinen Fall eine Spaltung unter den deinen bewirken, egal was sie auch von mir halten!”
Hadamar war ziemlich erregt und es war ihm nicht nur ernst mit seiner Bitte, sondern es war auch sein Wunsch, denn auf keinen Fall wollte er das Leben seines Freundes in irgendeine Gefahr oder Unannehmlichkeit bringen. Chadeloch war aber fest entschlossen mit ihm zu gehen und sagte:
“Ich gehe mit dir, das ist so sicher wie ich jetzt hier sitze. Ich gehe nicht mit dir wegen dem Schwert, das zu tragen du gewürdigt bist, sondern ich gehe mit dir, weil Freunde zusammen gehören, weil du mein Freund bist. Ich will dir helfen, deinen Auftrag zu erfüllen und vielleicht bin ich tatsächlich der von den Göttern bestimmte Freund an deiner Seite. Wäre dies der Fall, so müßte ich dir auch wegen des Orakelspruches folgen.”
“Ich danke dir Chadeloch für deine Großherzigkeit und deinen edlen Mut. Als Männer gleichen Ranges und als Freunde wollen wir morgen in die Ferne reiten. Es soll keinen Unterschied zwischen uns geben und wir wollen für uns gegenseitig einstehen und auch gemeinsam die Siege erringen. Mögen die Götter mit uns sein!”
Hadamar und Chadeloch reichten sich die Hand und schworen füreinander einzustehen, egal was auch immer kommen mag.
“Wohin geht also unsere Reise, Hada?”
“Es geht nach Norden, dorthin, von wo unsere Väter einst kamen, dorthin, wo die ursprüngliche Heimat unseres Volkes war, von der sie durch die Slawen vertrieben wurde. In diesem Land gab es einst einen heiligen Hain, Alah mit Namen. Nach diesem Namen bezeichneten uns die fremden Völker und nannten uns: Alahmannen, das Volk vom Götterhain. Diesen Hain, an dem unsere Väter Thiu noch mit reinem Herzen die Opfer darbrachten, müssen wir finden. Von diesem Ort erhoffe ich mir die Lösung der mir gestellten Aufgabe. Wie es dann weitergeht werden wir sehen wenn wir dieses Ziel erst einmal erreicht haben.”
“Und wie weit ist der Alah von hier entfernt?”
“Man sagte mir, daß er von uns aus etwa soweit wie Rom entfernt läge. Nur mit dem einen Unterschied, daß es da keine schnellen römischen Verkehrswege gibt, sondern die Reise durch zum Teil unwegsames Gelände führt.”
“Großartig, gewaltig!”, rief Chadeloch in einem Anflug wahrer Abenteuerlust und rieb sich vor Freude die Hände. Hadamar der das ganze mehr als eine Last empfand sagte deshalb um die Begeisterung ein wenig zu brechen:
“Laß uns jetzt zur Ruhe gehen, denn vielleicht ist es die letzte Nacht in einem solch herrlichen Bett.”
Chadeloch hüpfte in sein Bett und schlief auch bald darauf ein. Hadamar schüttelte nur den Kopf. Hin und wieder kam ihm sein Freund wie ein noch großes Kind vor, doch er ahnte, daß Chadeloch damit nur das Unbehagen zu verdrängen versuchte. Hadamar fühlte sich schwer ums Herz, er fühlte sich fremd, er empfand die weite Kluft, die sich zwischen ihm und seiner vertrauten Umgebung noch mehr aufriß. War sie denn wirklich nicht schon groß genug gewesen? Gerade jetzt, wo alles wieder so nahe kam, wo ihm Ehre, Freundschaft, Liebe und Glück zugetragen wurden, gerade in diesem Augenblick wurde ihm auch schon wieder alles entrissen? Das einzige was er behalten konnte, von dem was ihm gegeben wurde, waren ein Auftrag, ein Schwert, ein Pferd, ein Freund und die Liebe.
Da entsann er sich wieder Lucias und ihres Geschenkes. Er nahm das Lederbeutelchen und öffnete es. Darin war etwas in einen feinen Stoff eingewickelt. Er wickelte das im Stoff Verborgene behutsam aus und eine Rosenblüte kam zum Vorschein. Es war eine jener Rosen, die er gestern bewunderte und deren Zartheit und Schönheit er mit jener Lucias vergleichen wollte. Er nahm die zarte Blüte behutsam in die Hände und ließ ihren lieblichen Duft tief auf sich einwirken. Dann wickelte er die Blüte wieder ein, gab sie in das Beutelchen und hängte sich dasselbe um den Hals. Er küßte den Ring, drückte ihn an sein Herz und schlief bald darauf ein.
Die krähenden Hähne verkündeten der noch im Schlafe liegenden Stadt Brigantium einen neuen Tag. Auch im Haus Saros war noch alles ruhig, mit Ausnahme eines Zimmers des Hauses, denn dort war einer mit seinen morgendlichen Übungen beschäftigt. Nachdem sein Körper aufgewärmt war ging er über zu den Übungen für den Schwertkampf. Er packte sein Schwert und dasselbe durchschnitt mit einem Pfeifen die Luft. Stich, Abwehr, Stich, Abwehr, Schwung holen und krachend fiel die Abgehackte Stuhllehne zu Boden
“Chadeloch!” rief Hadamar mit schläfriger Stimme.
“Ähäm, einen wunderschönen, herrlichen, guten Morgen, mein lieber Hada. Ich hoffe du hast angenehm geruht. Darf ich dir auch gleich schon die Sandalen bringen. Soll ich dir die Zähne putzen. Übrigens, das Schwert ist wirklich verdammt gut. Nur, daß es keinen Respekt vor unschuldigen Stühlen zeigt, ja, das trübt die Freude an ihm.”
Dann wandte sich Chadeloch dem Schwert zu und schimpfte:
„Du böses, böses Schwert. Ich sagte doch, weg von den Stühlen. Ich sagte wiederholt, du sollst das Mobilar schonen und was tust du? Na? Was tust du? Du zerstörst die nächst beste Stuhllehne. Den Göttern sei Dank, daß es nur ein gewöhnlicher Stuhl war. Tu mir das ja nie wieder. Hörst du?! Nie wieder! Puh, verzeih Hada, ich bin einfach ausgerastet über die Unverschämtheit des Schwertes. Es tat einfach was es wollte und du wirst meiner Meinung sein, daß man da nicht lange zuschauen darf, sondern gleich etwas sagen muß, denn wohin würde das führen?”
“Bitte Chadeloch, hör auf, bitte. Verschone mich mit diesem Gerede!”
Chadeloch grinste über beide Ohren in Hadamars Gesicht und dieser schmunzelte zurück.
“Übrigens, du kannst dein altes Schwert meinen Eltern mitgeben, sie können es dann bei dir zuhause abgeben.”
“Nicht nötig, ich habe es schon weggegeben.”
“Wohin denn?”
“Nur die Götter allein sollen dies wissen. Übrigens,” versuchte Chadeloch einer weiteren unangenehmen Frage auszuweichen, “glaubst du, daß Saro auch an den Proviant, den wir für die Reise benötigen werden, gedacht hat?”
“Natürlich. Er weiß was man auf einer langen Reise braucht. Im Übrigen glaube ich, daß es gut wäre noch einen Speer für die Jagd mitzunehmen. Denn von frischen Beeren und Kräutern alleine werde zumindest ich nicht besonders satt.”
“Eine ausgezeichnete Idee!”, erwiderte Chadeloch.
So kleideten sich denn beide an und gingen in den Pferdestall um die Pferde für die Reise zurechtzumachen.
“Was für einen Namen willst du deinem Schimmel überhaupt geben? Etwa Sleipnir?”
“Nein, aber ich muß bekennen, daß ich zuerst auch an diesen Namen gedacht habe. Doch ich habe mich dann für einen anderen Namen entschieden, nämlich für ‘Uerstrit’.”
Hadamars Freund schüttelte unter einem großen Seufzer sein Haupt und sprach mit gespielt verzweifeltem Ton:
“Es ist hoffnungslos mit dir. Alle vernünftigen Menschen geben ihren Pferden Namen von Sternen, Göttern, Helden und du, was tust du? Uerstrit. Hada, Hada du bist ein Philosoph.”
Kopfschüttelnd fuhr Chadeloch dann fort, sein Pferd zu bepacken. Doch fragte er plötzlich:
“Hada, wo ist übrigens dein altes Pferd, ich kann es nirgends erblicken.
“Nur die Götter allein sollen dies wissen, die Götter allein, mein lieber Chadeloch”, entgegnete ihm Hadamar mit einem Lächeln.
Saro stattete die beiden Helden mit allem Notwendigen aus. Dann nahmen Hadamar und Chadeloch Abschied. Die Trennung war schwer und besonders Idun und die anderen Geschwister fühlten einen tiefen Schmerz über den Fortgang ihres Bruders. Die beiden Enkel Lenzens sprangen in die Sättel, baten allen Verwandten liebe Grüße zu bestellen und ritten davon.
“Die Götter mögen euch beistehen!” riefen die Zurückgebliebenen im Chor und warteten bis die beiden nicht mehr zu sehen waren. Nachdem sie die Nekropole passiert hatten und dann ein kurzes Stück in Richtung Pennodurum ritten kam eine scharfe Kurve die dann hinunter zum Kastell führte. Ein wilder Bach durchzog dieses kleine Tal und als sie die wenigen Schritte an dem die römische Straße an dessen Ufer ihren Verlauf nahm sagte Chadeloch:
“Nun denn Hada, es beginnt die Zeit unserer Bewährung.
Will nicht weichen, winkt mir auch der Tod
Nicht als Zager ward ich gezeugt.
Heldenruhm bleibt uns,
Wir sterben heut oder morgen:
Niemand sieht den Abend
Wenn die Norne sprach.”
“Deshalb antworte ich dir:
Das Ende des Lebens ist allein gewiß.
Drum leiste jeder, solange er kann,
Tapfere Tat, daß den toten Helden
Der nie verwelkende Nachruhm kröne.
So auf! Kein Zögern wollen wir kennen!”
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