Nun sing, o Stadt Brigantium,
Zu deiner Göttin Preis und Ruhm:
Soweit ihr Blick das Land betreut,
Ist lauter Segen ausgestreut:
Heil und Sieg
Heil Göttin Epona.
Wie prangt der Wald, wie reift die Saat,
Wie jauchzt das Volk zur Zeit der Mahd:
Und fröhlich um die blaue Bucht
Hüpft rings der Fohlen stramme Zucht.
Heil und Sieg
Heil Göttin Epona.
Es lebt im ganzen röm’schen Reich
Kein Pferd, das unsern Pferden gleich:
So fein der Hals, so schlank der Bau,
Sein Schritt, sein Lauf, welch edle Schau.
Heil und Sieg
Heil Göttin Epona.
Und wärmt der Lenz des Ackers Flur,
Zieht es der Furchen tiefe Spur:
Und steht dem Landmann treu zur Seit
In steter frommer Dienstbarkeit.
Heil und Sieg
Heil Göttin Epona.
Und ziehn die Großen aus vom Herd,
Geschieht’s auf unserm schmucken Pferd.
Und allen bringt’s landein landaus
Die Frachten her für Hof und Haus.
Heil und Sieg
Heil Göttin Epona.
Bei Rennen, Kampf und Wagenspiel
Holt sich das Roß den Preis am Ziel:
Und kehrt mit grünem Ehrenstrauß
Mit seinem Sieger froh nach Haus.
Heil und Sieg
Heil Göttin Epona.
Doch ruft Gott Mars zum Schwertgericht
Erschrickt es vor dem Feinde nicht:
Kaum duldet es der Zügel Haft
Und jagt einher mit Windeskraft.
Heil und Sieg
Heil Göttin Epona.
Es fürchtet keiner Waffen Blitz,
Trägt stolz den Reiter hoch am Sitz
Und fliegt in wilder Siegeslust
Durch Nacht und Tod mit kühner Brust.
Heil und Sieg
Heil Göttin Epona.
So gibt’s im ganzen röm’schen Reich
Kein Pferd das unsern Pferden gleich:
Wir danken’s Göttin Epona
Und singen drum Viktoria.
Heil und Sieg
Heil Göttin Epona.
Heil und Sieg
Heil Göttin Epona.
“Mavalianus, ich bitte dich, laß mich in Frieden mit dieser, eurer keltischen, Epona, mit dem römischen Reich und Mars.”
“Verzeiht Herr, ich bin nun mal Kelte und bin im römischen Brigantium, im Hause Saros, aufgewachsen. Ich wollte nicht unbedingt zu den Alemannen gehen, aber ich bin Teil der Mitgift ihrer Frau Mutter. Ich habe sie, Hadamar und das Volk der Alemannen kennen und lieben gelernt. Aber meine Heimat ist hier und mein Herz gehört ihrem Großvater Saro und unserer Dea Dia, Epona. Heil und Sieg, Heil Göttin Epona!”
“Du wärst also auch gerne bei der Prozession dabei gewesen?”
“Es ist all mein Sehnen!” antwortete Mavalianus betrübt.
“Nun denn, geh. Ich bleibe hier bei den Tieren. Es kommt nun sicher keiner um Pferde zu kaufen. Klein und groß sind bei der Prozession. Nun geh schon.”
Dies ließ sich der Diener nicht noch ein drittes Mal sagen. Mit schnellen Schritten und den Kehrvers des Hymnus singend verließ er Hadamar, der jetzt alleine bei den Pferden zurückblieb. Ist die Prozession erst einmal vorüber beginnt hier, auf dem Markt, der Rummel und Handel. Chadeloch bot sich Evalia an mit ihr nach passender Kleidung und Schmuck Ausschau zu halten und auch die Prozession wollte er sich nicht entgehen lassen. Drusio war schon seit den frühen Morgenstunden nervös im Haus hin und her gelaufen, denn er war heute einer der Auserwählten, der den Wagen mit der Göttin während der Prozession ziehen durfte. Dabei mußte er einen Kranz aus Buchengrün auf dem Haupt tragen, was beide, Hadamar und Chadeloch, besonders belustigte.
Zur dritten Stunde des Tags schlug der Hammer über der Terrasse vom Pantheon auf die silberne Platte und das Volk versammelte sich. Man trug weiße Togen aus starker Wolle und Ganzschuhe, auch brachten die Leute Buchenzweige mit. Der Festzug sollte sich vom Eponatempel aus entfalten. Den Vortritt hatten Jünglinge mit Flöten, ihnen schlossen sich die Kinder an, dann folgte die Abteilung Krieger vom Kastell mit funkelnden Helmen und Schilden.
Vier Priester bliesen Trompeten. Sie trugen weiße enggeschlossene Röcke bis zu den Knöcheln mit breiten Schriftzeichen darauf und Phrygiermützen. Jetzt erschien der Wagen mit der Göttin hoch zu Pferd, alles aus weißem Marmor. In zwei Reihen zogen acht junge Bürgersöhne, unter ihnen Drusio, den Wagen. Neben dem Gefährt schritten je zwei Priester hintereinander in reichsten Inschriftgewändern. Der Göttin folgte eine Mädchengruppe, ganz in weißem Linnen, und aus ihrer Mitte scholl das Spiel von Harfen und Lauten.
Der Zug bewegte sich dem nächsten Punkte der Stadt zu, bog gleich in die Seilerstraße, um die Stadt von der Südseite zu umwandern, von Westen in die Panteonstraße einzumünden und beim Eponatempel seinen Abschluß zu nehmen. Was darauf folgte, war dieses: Nachdem die Göttin auf ihrem breiten Throngerüst Platz genommen hatte, mußten sie die Priester trompetenblasend umschreiten und alles Volk dabei den Festtanz tanzen. Dann sollte sich der Jünglingsaufmarsch um die Göttliche entfalten und die Huldigung der Töchter geschehen - sie waren alle weiß mit Buchengrün ums Haupt und hielten ebensolche Zweige in der Hand. Ihr Reigen geschah in zierlicher Bewegung - eine Leistung, die viel Übung erforderte. Daran schloß sich folgende Zeremonie: Weißgekleidete junge Männer mit Buchenkränzen ums Haupt führten die Pferde aller heidnischen Besitzer, diesmal vierundsechzig an der Zahl - darunter auch das beste Pferd Hadus und Saros -, alle mit Buchenzier um den Hals, im Kreis um die himmlische Helferin. Und schoß bisweilen auch ein Hengst empor, vollzog sich doch alles in Ordnung und die Bevölkerung sang dabei unter Bläserbegleitung das Eponalied.
Während alles Volk an der Prozession teilnahm und links und rechts die Straßen säumte, so gab es doch manchen der anderen Tätigkeiten nachging. Hadamar hütete eben die Pferde und Hadu besorgte sich bei den Wechslern das nötige Wechselgeld. Dann kehrte er zurück zu seinem Sohn, der sich’s auf einem Ballen Stroh bequem gemacht hatte. Als Hadamar seinen Vater erblickte erhob er sich.
“Hadamar, du wirst dich vor den Frauen hüten müssen!”
“Warum Vater?” entgegnete der, über die Aussage Hadus, erstaunte Sohn.
“Ich kam gerade zum Pferdemarkt herüber, da hörte ich einige Mädchen von dir sprechen. ‘Habt ihr den schönen Alemannen dort gesehen? Sein blondes Haar, seine blauen Augen, sein schönes Gesicht und dann erst dieser Körper eines Helden.’ Nimm dich in acht, - glaube deinem Vater -, denn die, die nur auf die Äußerlichkeiten achten, sind oft nicht viel wert. Eine Frau muß vom Geist, von der Seele des Mannes - den sie Vater ihrer Kinder nennen möchte - ergriffen sein, wenn das Äußere auch dazu paßt, so ist dies eine glückliche Zugabe, nicht aber das Entscheidende Kriterium.”
“Hadu!” unterbrach eine tiefe, feste, aber zugleich warme Stimme die Ausführungen Hadus über die richtige Brautwahl. Die Stimme kam von hinten, so daß Hadamar den Mann nicht erblicken konnte.
“Maximus!” antwortete Hadu mit freuderfüllter Stimme.
Sein Gesicht leuchtete vor Freude auf, wie es Hadamar noch nie gesehen hatte. Sein Vater drückte ihm den Sack mit Wechselgeld in die Hand und ging an ihm vorüber. Hadamar drehte sich verdutzt um und sah, wie sein Vater den anderen Mann in die Arme schloß. Es vergingen einige Augenblicke. Als die Begrüßung vorüber war standen sich die beiden Männer zunächst sprachlos vor Glück gegenüber. Jetzt erst erkannte Hadamar in Maximus den Veteranen vom Aureliatempel.
“Hadamar! Schau wer gekommen ist! Komm schnell!”
Hadamar stand auf und bewegte sich zu den beiden Männern. Hadu stellte seinem Freund seinen Sohn vor und umgekehrt. Maximus sagte:
“Wir kennen uns bereits von gestern. Hadu, als ich deinen Sohn bei der Aureliakirche sah, glaubte ich dich zu sehen. Nur etwas unterschied dich von ihm, nämlich daß seine Zeit beginnt, während unsere den Zenit bereits überschritten hat. Kommt doch am Abend zu mir - ihr beide. Wir wollen miteinander Essen, Austausch halten über all die verflossenen Jahre, in denen wir uns nicht mehr gesehen haben. Dein Sohn und meine Tochter werden sicher auch etwas finden, womit sie sich unterhalten können. Lucia freut sich bestimmt, wenn sie mit einem Gleichaltrigen Austausch halten kann.”
“Mit großer Freude nehmen wir diese Einladung an, Maximus. Nicht wahr Hadamar, du kommst auch gerne mit?”
“Natürlich.” gab Hadamar seinem Vater und Maximus zur Antwort.
Die drei Männer verabschiedeten sich mit einem Händedruck und Maximus verließ den Pferdemarkt.
“Vater, wer ist dieser Maximus genau?” fragte Hadamar neugierig.
“Du kannst dich erinnern, daß ich dir immer wieder einmal von einem Helden erzählte mit dem ich - den Göttern sei Dank - befreundet sein durfte. Ich erzählte dir auch, daß wir uns gegenseitig öfter das Leben gerettet hatten. Wir waren im Kampf wie ein einziger unbezwingbarer Mann. Wir kämpften beide zum Ruhme unserer Völker und um der Welt den Beweis zu liefern, daß es noch immer wahren Mannesmut und echte Manneskraft gäbe. Dieser mein Freund, war Maximus der Römer, den du kennen lernen durftest. Ihm sollst du dieselbe Ehrfurcht entgegenbringen wie mir, denn er ist deines Vaters einziger und bester Freund. Auch er ist nun Veteran, genau so wie ich, und zog, nach dem Tod seiner Frau, mit seiner Tochter von Rom hierher. Es ist sein Wunsch hier seinen Lebensabend zu verbringen. Fühle dich also geehrt, wenn du heute zu Gast in seinem Hause sein darfst.”
Die letzten Worte seines Vaters drohten im nun immer mehr ansteigenden Lärm unterzugehen, denn die Prozession der Göttin Epona war beendet. Immer wieder begegnete man Leuten, die den Hymnus der Göttin vor sich her summten. Doch jetzt begann auf dem Markt der Handel. Gerissen feilschten Käufer und Händler miteinander und manchem Streit konnte, wie in jedem Jahr, nur durch den Eingriff der Legionäre Einhalt geboten werden. Hadamar hatte nichts anderes im Kopf als die Einladung im Hause des Römers Maximus. Er suchte nach Dingen über die er mit dessen Tochter sprechen könnte. Doch er spürte, im Gegensatz zu Chadeloch, seine Unfähigkeit so gewieft und überzeugt von Dingen zu sprechen von denen er keine Ahnung hatte und die ihn auch keinen Augenblick interessierten. Was würde eine junge Frau und zudem noch eine Römerin am Leben eines Bauern und Kriegers interessieren. Er kannte sich weder in der Kunst noch im gesellschaftlichen Leben so gut aus, daß er sich wagen würde ein solches Thema anzusprechen. Seine Freude mischte sich von Mal zu Mal mit Ohnmacht und die Ohnmacht steigerte sich zu einer leisen Furcht vor dem Zusammentreffen. Die Gedanken darüber bestürmten ihn so sehr, daß er alle Kraft aufbringen mußte beim Handeln aufmerksam zu bleiben.
Im Laufe des Tages ließ sich auch Chadeloch mit Drusio, Evalia und deren Freundinnen blicken. Evalia trug griechischen Schmuck und eine römische Frisur, während Drusio vom großartigen Handel mit einem gallischen Weinhändler erzählte. Hadamar warf seinem Freund einen schrägen Blick zu und dieser grinste ihm über sein ganzes Gesicht dreist zurück. Evalias Freundinnen drängten sich darum Hadamar vorgestellt zu werden. Dieser bemerkte den Eifer der jungen Damen keinen Augenblick und gab jeder in aller Höflichkeit die Hand und versuchte für jede ein freundliches Wort zu finden. Dann ließ er alle stehen und nahm Chadeloch zur Seite. Dieser sagte zu ihm:
“Du hattest recht mit dem was du über den Reichtum und einige deiner Verwandten sagtest. Aber bei Loki, es macht wirklich Spaß ihre Eitelkeit zu lenken und zu orientieren.”
“Tu nur was du nicht lassen kannst, aber treibe es nicht zu weit” sagte Hadamar, der sich doch insgeheim darüber mitfreute. “Du, heute Abend bin ich mit Vater, bei dem Veteranen, den wir gestern samt seiner Tochter kennengelernt haben, eingeladen. Sein Name ist Maximus und er ist der beste Freund meines Vaters. Gemeinsam waren sie bei den Speculatores und retteten sich gegenseitig das Leben. Den Namen seiner Tochter habe ich auch in Erfahrung gebracht. Sie heißt: Lucia.”
“Oh, du Lieblingskind Freyas und aller anderen Asen.” rief Chadeloch voller Euphorie.
“Chadeloch, ich weiß überhaupt nicht wie ich mich heute Abend verhalten soll und zweitens ich hab keine Ahnung was ich mit ihr sprechen soll!”
Chadeloch schüttelte besorgt den Kopf, blickte dann in Hadamars Augen und sprach: “Tststs, Hada, Hada, du bist zu schüchtern für diese Welt und zu ehrlich noch dazu!”
“Bitte erspare mir eine lange Belehrung, sondern sag mir lieber was ich tun soll.”
“Sprich mit ihr über die Mode.”
“Hab keine Ahnung davon.”
“Dann sprich mit ihr halt über Philosophie, na du weist schon Marc Aurel, Epikur, Seneca.”
“Ich kenne genau so wie du allein deren Namen.”
“Sprich mit ihr über Krieg und Waffen.”
“Tja, das wird wohl das richtige Thema für ein solch zartes und intelligentes Geschöpf sein.”
“Gut dann spricht mit ihr halt einfach über dein Volk und deine Religion. Nur vor einem warne ich dich. Paß auf, daß sie dir das Leben nicht schwer macht mit ihrer Religion. Denn ich bin schon einmal Christen begegnet und ich sage dir, sie waren respektlos gegenüber unserem und unserer Väter Glauben und sagten, daß wir alle zur Hel kämen, wenn wir nicht so würden wie sie. Ich sage dir, ihre Selbstgerechtigkeit war abstoßend. Doch das Mädchen sah mir zu intelligent aus, daß ich von ihr solch eine Szene erwarten würde. Aber ich möchte dich nur vor einer solchen Erfahrung, wie ich sie hatte, bewahren.”
“Danke dir von Herzen. Noch eins, was soll ich denn anziehen?”
“Geh so wie du bist. Du siehst umwerfend aus.” Bei diesen Worten griff sich Chadeloch an die Stirn und sank gekonnt zu Boden. Am Boden liegend flüsterte er Hadamar in weiblichem Tonfall zu: “Ist er nicht schön, ist er nicht wahrlich wundervoll dieser Lenzer.”
Hadamar gab ihm einen freundschaftlichen Tritt mit seinen Füßen, reichte ihm dann die Hand und zog ihn hoch. Beide lachten und die Sorge um das Gelingen des abendlichen Besuches wich von Hadamars Herzen.
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