Donnerstag, 2. Oktober 2008

Thiuhada - Sage: Buch I - Nahtouga

Es war Nacht geworden. Hadamar und Chadeloch hatten sich nach dem eintägigen Ritt ein Nachtlager hergerichtet. Es war ein wunderschöner Reisetag gewesen. Der klare Himmel und die frühsommerliche Wärme, die hohen Alpengipfel beständig zur Rechten und dann die dichten Wälder, die durch die vielen Lichtungen an Schwere und Unbehaglichkeit verloren. Die Wege waren sehr gut in Stand gehalten, da sie den Römern als Heer- und Handelsstraßen dienten. Das hügelige Land war von besonderem Reiz und der Beginn der Reise war einer Urlaubsfahrt gleich. Beide Chadeloch und Hadamar sangen oder pfiffen ihre Lieder, machten des öfteren auch ein Päuschen, man sprach, man scherzte miteinander - kurz sie fühlten sich unglaublich wohl und frei.
Nun da der Tag beinahe vergangen war, ließen sie sich an einem, durch den Wald geschützten, kleinen See nieder. Sie legten ihre Matten aus, entfachten ein Feuer, aßen und tranken. Im Anschluß an das Mahl hielten sie noch die heißen Füße in das erfrischende Naß des Sees und legten sich darauf gut erholt zur Ruhe. Wache brauchte es keine, denn man fühlte sich rundum sicher und so schliefen auch beide rasch nacheinander ein.

Kurz nach Mitternacht schreckten beide aus dem Schlaf auf und beide blickten sich verstört an.
“Was ist denn mit dir los?” fragte Hadamar erregt seinen Freund.
“Was frägst du mich? Schau lieber dich selber an. Was ist denn mit dir los?”
“Oh, eigentlich nichts”, versuchte Hadamar erfolglos seinen Schrecken vor dem anderen zu verbergen.
“Na sag’s schon. Du hast einen schrecklichen Traum gehabt - nicht wahr?”
“Ja, in der Tat, das hatte ich?” antwortete Hadamar seinem Freund stockend.
“Na mach’ dir da mal nichts draus. Auch ich hatte etwas in die Richtung.” aber auch Chadeloch gelang es nicht seinen Schrecken wegzuspielen, denn seine Haare waren noch zerzaust, seine Augen waren vom Schrecken noch weit aufgerissen und blickten nervös um sich herum.
“Was sahst du denn in deinem Traum, Hadamar?”
“Von fernem”, begann dieser mit der Schilderung seines Traumes, “sah ich einen schwarz gekleideten Mann auf einem Rappen. Er war von etwa zehn Männern - ich hatte sie nicht gezählt - die allesamt schwer bewaffnet waren, begleitet. Beim Fenriswolf, ich könnte schwören, daß es Odwin gewesen war! Plötzlich hörte ich Lucias Stimme und die rief: ‘Hadamar flieht! Flieht, sie wollen euch wegen dem Schwert töten! Flieht solange als möglich den Bergen entlang nach Osten, dann erst zieht nach Norden!
Ich bin gewaltig erschrocken und dann wurde ich wach. Was aber hatte es dir geträumt Chadeloch?”
“Auch ich hatte einen Traum - was ich ja bereits angedeutet hatte. Ich sah einen Wald. Vögel flogen, eine Gefahr fliehend mit lautem Gekreische davon. Dann sah ich meinen Vater, der mit einem in schwarz gehüllten Mann sprach. Ich konnte leider das Gesicht des Letzteren nicht sehen, aber mein allzeit verständiges Herz sagte mir, daß dies Odwin der Zauberer sei. Dann sah ich eine Gruppe von schwer bewaffneten Männer hoch zu Roß. Sie trafen mit dem Mann in Schwarz zusammen und dieser war der Anführer der Gruppe. Dann hörte ich einen der Männer lachend sagen: ‘Die Hasenjagd hat begonnen, Freunde! Laßt uns die Karnickel töten und mit dem Schwert des einen zurückreiten. Das wird ein Kinderspiel, Kameraden!’”
Chadeloch beendete die Schilderung seines Traumes mit einem Seufzer. Nach einigen Augenblicken der Stille sagte Hadamar:
“Wir haben beide dasselbe geträumt, Chadeloch; ein und dasselbe.”
“Wenn du dasselbe glaubst wie ich, dann werden wir demnächst Gäste erwarten und unter ihnen einen alten Freund bei uns willkommen heißen dürfen. Wie lieb von ihm, daß er noch ein paar seiner Bekannten mitbringt, um sie uns vorzustellen. Der erste Höhepunkt der Reise wird nicht von uns aufgesucht, sondern er kommt von selbst zu uns. Odwin hat den einen großen Reisevorteil, daß er keinen zu fragen braucht wo wir sind, denn er weiß es von selbst. Wauw, wir sitzen ziemlich tief in der Klemme! Sag schon Hada, was hältst du von der ganzen Sache?”
“Ich bin vollkommen davon überzeugt, daß Odwin, unser aller Freund, der alle liebt - die seine Überzeugung teilen - uns auf den Fersen ist und uns auf unserer Reise, für kurze Zeit, Gesellschaft leisten möchte. Freundlichkeit das ist so seine ganz große Spezialität, das mußt du doch wissen. Auch wenn nur einer von uns das geträumt hätte, müßten wir der Traumbotschaft Glauben schenken. Wir träumten es beide, das heißt, daß es absolut sicher ist, daß wir von Odwin verfolgt werden und, daß er Hinageban zu deinem Vater zurückbringen soll.”
“Wann denkst du, haben diese Ratten die Verfolgung aufgenommen?”
“Ich bin mir ziemlich sicher, daß sie erst diese Nacht die Verfolgung aufgenommen haben. Denn erst heute Abend kehrten meine Eltern wieder von Brigantium heim und erst heute Abend konnten sie mit Sicherheit wissen, daß wir nicht zurückkommen. Das würde heißen, daß wir einen ganzen Tag Vorsprung haben, vielleicht sogar ein wenig mehr. Odwin kennt aber viele Schleichwege und Abkürzungen, was den Vorsprung auf einen Tag oder noch weniger schrumpfen läßt. Zudem kommt, daß er sehen kann wo wir sind und was wir tun. Wenn man das verhindern könnte, so hätten wir die Möglichkeit das Zusammentreffen zu verzögern, vielleicht sogar zu verhindern.”
“Odwin schaut die Zukunft, die Gegenwart und die Vergangenheit in Bächen und Flüssen.”
“Wir können die Quellen nicht einfach so abstellen, das wirst du wohl einsehen.”
“Nein, das können wir nicht, o erhabener Krieger, aber wir könnten jeweils zur Nacht reiten und uns am Tag an einem Ort aufhalten, der tausend anderen Orten ähnelt. Es würde ihm schwerfallen festzustellen wohin wir reiten, denn er könnte nur Schatten und Finsternis erkennen und wenn wir den Bergen entlang reiten, so hüllen uns diese in noch größeres Dunkel durch die Schatten die sie werfen.”
“Ich merke das in dir doch das zu finden ist, was ich so lange bei dir suchte.”
“Und könntest du mir gütiger Weise sagen was das ist?”
“Hirn.”
Chadeloch schlug Hadamar mit der Faust auf die Schulter und dieser begann trotz der düsteren Umstände herzhaft zu lachen und auch Chadeloch konnte sich das Lachen nicht verkneifen. Nachdem sie sich wieder gefangen hatten, sagte Hadamar:
“Gut, aber binnen spätestens zwei Tagen werden sie uns eingeholt haben. Denn die Nächte sind kürzer als die Tage und in der Nacht kann man nicht in gestrecktem Galopp reiten, schon gar nicht in den Bergen.”
“Dennoch, wir haben beide gute Pferde und wir sind auch keine Gruppe von über zehn Reitern. Hier können wir punkten.”
“Gut wir folgen deinem ausnahmsweise wirklich intelligenten Plan”, dafür bekam Hadamar neuerlich einen Rempler “und während der Tage können wir uns die weiteren Schritte überlegen.”
“Also, laß uns keine Zeit verlieren und aufbrechen.”
So sattelten sie die Pferde, packten alle Habe zusammen, löschten das Feuer, schwangen sich auf die Pferde und ritten so schnell als es Nacht und Straßen zuließen davon.

Zweimal flüchteten sie sich in das Dickicht des Waldes, denn sie vermeinten Stimmen und das Geklapper von Pferdehufen zu vernehmen, doch es waren weder Pferde noch Reiter zu sehen. Ihr erklärtes Ziel war es möglichst niemandem zu begegnen, damit Odwin keine ‘Boten’ entgegenreiten können. Als es zu dämmern begann erreichten sie ein kleines Dorf. Es lag Im Tal zwischen den hochragenden Alpenbergen im Süden und dem gegen Norden beginnenden Mittelgebirge. Es schmiegte sich an den Fuß eines hochragenden Alpenberges und bildete mit seinen kleinen Häuschen aus Holz, in deren Gärtchen überall die Blumen blühten, einen herrlichen Kontrast zum Felsengiganten hinter ihm. Am Dorfeingang befand sich ein großer Steinbruch an dem ein marmorartiger Stein abgebaut wurde. Obwohl das Dorf noch zu schlafen schien, kamen ihnen ein Zug von Sklaven und Einheimischen entgegen. Es waren Bergleute, die sich zum Steinbruch aufmachten. Hadamar und Chadeloch ritten auf die Gruppe zu. Ein etwas untersetzter Mann, mit einem vom Bier üppig geformten Bauch, führte den Trupp von Männern an. Als sie ihn erreicht hatten fragte Hadamar wo sie sich denn befänden. Der Mann antwortete:
“In Vlis.”
Dann erkundigten sich die beiden nach einer Herberge und der Bergarbeiter erklärte ihnen den Weg zu derselben. Man verabschiedete sich voneinander und die beiden Lenzer ritten in das Dorf hinein und fanden auf Anhieb die Herberge. Noch war alles ruhig. Sie stiegen von den Pferden und pochten mit dem schweren Eisenring, der in den Nüstern eines aus dem selben Material gefertigten Pferdekopfes war, an die Tür. Nach einer Weile hörte man Schritte, ein Mann schob das kleine Schiebetürchen des Guckfensters des Tores zurück und fragte mit noch verschlafener Stimme was die beiden in dieser Herrgottsfrühe denn von ihm wollten. Sie antworteten, daß sie die ganze Nacht geritten wären und dazu noch den ganzen gestrigen Tag und, daß sie sich und den Pferden Ruhe gönnen wollen. Da schloß der Mann hinter dem Tor wieder das kleine Guckfenster und schob dann den schweren Riegel des Tores zurück und öffnete es ihnen. Hadamar und Chadeloch führten die Tiere in die dafür vorgesehenen Pferche und nahmen alle Dinge, auch die Sättel mit in das Zimmer. Es schien ihnen besser übertrieben vorsichtig zu sein, als durch Unachtsamkeit etwas von ihren Gepäck zu verlieren. Bevor sie das Zimmer, das man ihnen zuwies bezogen, vergewisserten sie sich, ob es auch eines wie tausend anderer Zimmer sei. Als sie es aufmerksam gemustert hatten stand Zufriedenheit in ihren Zügen und sie bezogen es. Man brachte ihnen daraufhin ein Mahl - einfach aber nahrhaft - und die beiden griffen herzhaft zu. Nachdem sie das Essen beendet hatten fiel eine zufriedene Müdigkeit der Sättigung über sie und sie fielen in einen leichten Schlaf.

Es klopfte an der Tür oder besser gesagt es war ein hartes Pochen, daß die beiden Freunde aus dem Schlaf riß. Sie öffneten die Augen und die Sonne schien grell durch die Fenster. Beide rieben sich den Schlaf aus den Augen und Chadeloch fragte vom Bett aus, wer denn draußen vor der Tür stände.
“Öffnet die Tür!” erscholl es von draußen.
“Wer ist es?” schrie Chadeloch mit Wut über den draußen Stehenden, der ihn aus dem Schlaf riß und der keine Antwort auf seine Frage gab.
“Öffnet die Tür oder wir kommen so hinein!”
Beide spürten, daß die Situation ernst werden könnte. Sie sprangen aus den Federn. Hadamar griff nach Hinageban und zog das mächtige Schwert aus der Scheide, das gleiche tat auch Chadeloch mit Risobidwingar. Sie standen Seite an Seite blickten sich kurz an, als die Tür eingeschlagen wurde. Holzsplitter schossen durch die Luft und bedeckten den Zimmerboden und fünf mit Schwertern bewaffnete Männer stampften durch das, was einmal eine Tür gewesen ist.
“Wer seid ihr und was wollt ihr?” fragte Hadamar mit einer betonten Ruhe. “Seid ihr etwa Gefolgsleute Odwins des Hellsehers?”
“Nein!” antwortete der Anführer der siegessicheren Angreifer mit der Verachtung eines Siegers gegenüber seinem Opfer. Es war ein alter Kerl mit Narben im Gesicht, dazu kam die leicht schräg stehende Nase die wahrscheinlich bei einer Prügelei gebrochen sein mußte und die nicht mehr den geraden Weg fand als sie von neuem zusammenwuchs. Dazu kam die Geruchskulisse von Schweiß, der sich durch die nicht gerade reinlichen Kerle, im Zimmer auszubreiten begann.
“Was für Gesindel seid ihr denn!” schrie Chadeloch, der vor Wut über diese Männer kochte und mittels derselben die Portion Angst die in ihm aufstieg zu überwinden vermochte.
“Da es ohnehin das Letzte ist, was in eurem so bedauerlich kurzen Leben, an euer Ohr dringen wird - mit Ausnahme der Schmerzensschreie wenn wir euch zerstückeln - werde ich es euch sagen.” sprach der Anführer in erhabener Überlegenheit. “Wir sind Männer des Zauberers und Wahrsagers Nahtouga, der im Wald beim See seine Bleibe hat. Nahtouga ist ein treuer Freund Odwins, ja man könnte sogar sagen er sei mit seinen Kräften die andere Hälfte ein und derselben Macht, die auch in Odwin zugegen ist. Oder anders Odwin ergänzt mit seiner Hälfte die Macht Nahtougas und umgekehrt.”
Dann brach er abrupt ab, setzte die Maske des auskunftgebenden Mannes ab und legte die des erbitterten Kriegers von neuem an und donnerte:
“Genug geplaudert! Jetzt ran an die Arbeit, Männer!”
Mit dem Aufruf drangen die Angreifer auf die beiden Lenzer ein. Strategie gab es bei diesem Angriff keine, sondern man schlug einfach drauf los. Zwei von ihnen bearbeiteten mit ihren Schwertern Chadeloch und drei Hadamar. Bevor die drei Hadamar erreichten küßte er eilig den Ring Lucias und stürzte sich dann in den Kampf. Erst im Streit entwickelten die beiden Schwerter, als auch die die sie führten, ihre ganze Kraft. Funken sprühten, Metall schlug aufeinander und die Schläge waren in der ganzen Herberge zu vernehmen. Die Männer Nahtougas bildeten einen Kreis um die beiden Verteidiger und hieben auf diese ein. Doch da, ein Schrei, dann ein zweiter und zwei Männer fielen zu Boden. Der eine mit einem Schnitt durch den Hals, der andere mit einer klaffenden Wunde im Bauch. Als die anderen ihre gefallenen Gefährten sahen gerieten sie in eine wahre Kampfekstase schrieen und schlugen, stachen und fluchten. Sie wurden Männer die nurmehr handelten, aber nicht mehr verstanden ihren Kopf zu benutzen. Chadeloch und Hadamar standen Rücken an Rücken wehrten die Schläge und Stiche ab und warteten auf den günstigen Moment, an dem der Feind auf seine Deckung vergaß. Das Schwert eines Angreifers pfiff knapp an Chadelochs Brust vorbei. Der Mann konnte die Wucht seines Fehlschlages nicht sogleich abfangen und schon setzte Risobidwingar seinem Leben ein Ende. Die beiden die Hadamar angriffen sahen ihren Freund tot zu Boden sinken und schlugen auf Hadamar ein. Dieser sprang zur Seite, so daß beide Schwerter sich im Holzboden verfingen, doch bevor sie dort stecken blieben trennte Hinageban das Haupt des einen Mannes vom Leib und fügte dem letzten einen tödlichen Schnitt über Hals und Brust zu. Die beiden Männer fielen entseelt auf den Boden und es herrschte Totenstille im Zimmer. Beiden Lenzern rann der Schweiß über die Stirn und sie atmeten heftig, so wie nach einem gewaltigen Wettlauf.
“Wauw, Hada! Das war unser Jungfernkampf und er wurde zu einem vollen Sieg! Zwei gegen fünf, ein herrlicher Triumph! Man wird davon über Generationen hinweg am Lagerfeuer berichten und die Kinder werden staunen über die Helden die dies vollbracht hatten!”
“Chade bitte! Warte mit deinem Enthusiasmus bis wir wieder zu Hause sind, denn es sind noch einige andere Kämpfe durchzustehen.”
“Rühme was es zu rühmen gilt! Eine alte Weisheit! Vielleicht haben wir nie mehr Gelegenheit einen solchen Sieg zu erringen. Deshalb gilt es:

Koste das Jetzt aus,
denn das Morgen ist noch weit entfernt und
das Gestern schon lange vorbei.
Koste das Jetzt aus,
denn du weist nicht ob du
ein ‘Andermal’ erreichen wirst!”

Chadeloch war sichtbar enttäuscht von der Nüchternheit seines Freundes, es schien ihm, als ob Hadamar gar nicht das Großartige des Augenblicks zu sehen vermag. Doch sein Grübeln wurde von Hadamar unterbrochen, der vorschlug:
“Ich denke wir machen uns sofort wieder auf den Weg, egal was Odwin auch mitbekommen mag. Wir dürfen hier keine Zeit mehr vergeuden und ich bin mir sicher, daß uns der Wirt, nach diesem Vorfall, forthaben möchte und zudem müssen wir uns jetzt auch noch vor römischen Ordnungsorganen in Acht nehmen. Doch bevor wir den Ort hier wirklich verlassen, denke ich, daß wir noch dem einen Besuch abstatten sollten, der für diese Willkommensfeier verantwortlich ist. Einverstanden?”
“Natürlich. Er hieß uns ja so herzlich willkommen, daß wir gar nicht anders können als hinzugehen und uns für alles aufrichtig zu bedanken. Zudem glaube ich, daß sein Name sein Wesen verrät. Denn wenn er tatsächlich ein Nachtauge ist, so müssen wir, um sicher weiterreisen zu können, ihn ausschalten.”
Die beiden packten so schnell wie möglich ihre Sachen zusammen, gingen in den Stall und beluden die Pferde, hinterlegten Geld für den Herbergsbesitzer und ritten so schnell als nur möglich davon.

Es dauerte nicht sehr lange, da erreichten sie auch schon den See, von dem der Anführer der Söldner gesprochen hatte. Nach einiger Zeit des Suchens fanden sie einen schmalen Weg der um den See herumzuführen schien. Sie ließen die Pferde zurück und gingen zu Fuß weiter.
“Was für eine Schande, den Göttern sei Dank, daß uns keiner Sehen kann. Ein Kämpfer der ein Pferd besitzt und zu Fuß geht! Wie tief müssen wir noch fallen, Hada!”
“Sei still und lauf weiter!”
Nach etwa dreihundert Fuß erblickten sie ein Haus und daneben einen, durch einen Vé begrenzten, Hain. Alles war still. Sie huschten Deckung suchend von Baum zu Baum und schlichen sich so an das Haus heran. Es war immer noch alles ganz still. Es schien niemand im Haus zu sein. Sie blickten durch die Fenster, doch sie sahen nichts, alles war finster. Chadeloch ging hinter das Haus und suchte dort nach Hinweisen über den Bewohner, fand aber nichts.
Hadamar hingegen ging zur Tür, die nur angelehnt war. Er zog sein Schwert und stieß die Türe mit seinem Fuß auf. Dann betrat er das Haus. Es war düster, nur matt und gebrochen drang das Licht durch die schmutzigen Fenster. Da ein Tisch, dort ein Stapel mit Rollen, vermutlich voll mit Zauberei, Geheimwissen und Beschwörungsformeln, vielleicht fand sich darunter auch etwas über Thiu. In der Ecke stand ein Herd aus einfachen Flusssteinen gebaut und direkt im Anschluß der Ofen, der dem Haus im Winter Wärme spendete. Daneben die Schalfstatt und auf einem Schemel daneben ein vergilbter Schädel. Hadamar fröstelte, es war ihm als wäre es hier eisige Winterszeit. Es lag ein böser Zauber über dem Ort und er spürte wie er mächtiger und mächtiger wurde und irgendwie Gewalt über ihn auszuüben begann. Dennoch er wollte diesen Ort nicht einfach so verlassen, vor allem nicht, wenn er hier finden könnte, nach was er zu suchen hatte. So schritt er zum Tisch, fand daneben einen Lederbeutel mit Kräutern und Wurzeln. Er schüttete alles aus und füllte dann denselben mit den Schriftrollen. Dann ging er zur Tür, schaute noch einmal zurück in den großen düsteren Raum und schritt rückwärts zur Tür hinaus.
Er wollte sie gerade hinter sich zuziehen, da zerspaltete ein Speer, mit einem lauten Krach, den Balken des Türstocks links von ihm. Hadamar schreckte zusammen und wußte noch nicht wie ihm geschah, als er einen Schrei hörte, der ihm durch Mark und Bein ging. Mit dem Schwert in der Hand drehte er sich schlagartig um. Da lag ein Mann von einem Speer durchbohrt einige Schritte hinter ihm am Boden. Es war der Speer Chadelochs, den er zur Sicherheit mitgenommen hatte.

Als Chadeloch von seinem Gang hinter das Haus zurückkam, sah er, wie der jetzt Tote einen Speer auf Hadamar abschoß. Der Speer hatte die Hand noch kaum verlassen, als seiner ihm treffsicher die Brust durchbohrte. Chadeloch war schon damit beschäftig seinen Speer wieder an sich zu nehmen, als Hadamar der Schleier des Schreckens verließ.
“Wer ist er?” fragte Hadamar.
“Er gibt keine Antwort mehr, aber von seiner hinterhältigen Methode aus zu schließen, könnte er zu den Angestellten unseres Freundes gehören.”
“Ich stehe in deiner Schuld.”
“Mach dir nichts draus, du bekommst sicher Gelegenheit dieselbe zu begleichen. Übirgens...“ Chadeloch warf seinen Blick auf den Beutel mit Schriftrollen, “was hast du da erbeutet?”
“Vielleicht finden wir Brauchbares darin, vielleicht etwas, das uns auf unserer Suche nach Thiu, weiterhelfen könnte. Im übrigen glaube ich, daß sie voll sind mit Zauberei, mit Magie und so weiter.”
“Nur wird dir keine Zeit bleiben, den richtigen Zauber zu finden, der sechs Männer abzuwehren vermag! Laß den Beutel es gibt jetzt wichtigeres zu tun!”
Sechs Männer traten aus dem Wald. Der Anführer war ein in einen schwarzen Kapuzenumhang gehüllter Mann, der seine Rechte auf den knorrigen Ast einer Eiche stützte. Die beiden Freunde mußten sogleich an Odwin denken, doch dieser Mann hatte schon graues Haar. An seiner Seite hing ein langes schmales Schwert. Es war Nahtouga. Mit einer Stimme, die Mark und Bein durchschauern ließ, drohte er ruhig, aber mächtig:
“Gib zurück, Verfluchter, was du gestohlen! Schwert und Rollen! Du hast noch Leben in dir, doch bald wird es erloschen sein. Der Tod grüßt dich, reich ihm die Hand und laß dich von ihm führen, an den Ort der für dich bestimmt. Männer, schickt ihn zur Hel und wenn nötig auch den andern!”
Hadamar wußte nun warum plötzlicher eisiger Schauer ihn im Haus überkommen hatte, denn der Zauberer hatte sich dem Haus genähert. Hätte er doch nur auf seine innere Stimme gehört. Nun mußte er seinen Ungehorsam ihr gegenüber wieder ausbaden indem er mit dem Schwert zu kämpfen hatte. Doch es blieb nicht viel Zeit zum ärgern und zum überlegen. Was jetzt zählte war nicht der Gedanke, allein die Tat konnte sie in diesem Augenblick am Leben erhalten.
Somit zerrte er den Speer, der ihn hätte treffen sollen, aus dem Türstock. Dann schleuderte er ihn dem Zauberer entgegen. Der Speer fand sein Ziel, noch bevor dieses überhaupt zu einer Reaktion fähig war, und bohrte sich durch den Bauch desselben. Auch Chadeloch schoß mit seinem Speer und traf gleichfalls sein Opfer. Dann schrie Hadamar:
“Furi Thiu!”
Chadeloch stimmte in den Schlachtruf ein und beide stürmten auf die Männer los. Hadamar schwang Hinageban und die Klinge desselben zerspaltete den Schild, der den Schlag abzuwehren versuchte. Hadamar holte nocheinmal aus und das Schwert spaltete den Helm und das Haupt des angreifenden Mannes. Der Freund des Toten rannte schreiend eine Axt schwingend auf Hadamar zu. Die Axt pfiff an seinem linken Arm vorbei und versetzte dem Oberarm einen Schnitt. Hadamar nahm Hinageban und zerschnitt den Stiel der Axt und bohrte seinem Gegner das Schwert in die Brust. Dieser fiel rücklings über den am Boden liegenden Leib des Zauberers und lag blutüberströmt am Boden. Hadamar blickte um sich und sah wie die beiden verbliebenen Männer Chadeloch in eine Ecke getrieben hatten und dieser sich nur mit Mühe noch verteidigen konnte. Hadamar nahm den Speer Chadelochs, der noch im Leib des von ihm durchbohrten Mannes steckte und schoß ihn in den Rücken von einem der Angreifer. Chadeloch nutzte den Moment des Schreckens und der Verwirrung des anderen und Risobidwingar teilte das Herz des Söldners, der zu Boden sank und starb. Es war gerade einen Moment still geworden, als der Zauberer mit dem Speer im Bauch, aufstand um mit seinem Schwert Hadamar zu durchbohren. Hadamar fuhr um sich, dem Geräusch der Bewegung entgegen und schleuderte Hinageban dem Zauberer entgegen. Das Schwert spaltete das Brustbein und beendete so dessen Leben. Bevor er starb gurgelte er noch den letzten Fluch hervor.
Nun war es wirklich still geworden. Die Gefährten blickten sich abgekämpft an.
“Wir sind quitt!” rief Hadamar Chadeloch zu.
“Stimmt!” entgegnete dieser.
“Du blutest Hada. Laß mich mal schauen.” sagte Chadeloch als er neben Hadamar stand. Er untersuchte die Wunde und stellte fest:
“Du hattest ein riesen Glück! Es ist nur ein kleiner und nicht sehr tiefer Schnitt.”
Chadeloch nahm ein Stück Tuch aus seiner Tasche und verband die Wunde seines Freundes.
“Chade, ist das nicht das Tuch einer Frau. Ein Seidentuch, uuh!” stellte Hadamar amüsiert fest.
“Ja,” antwortete Chadeloch die peinliche Beobachtung überspielen wollend, “du weißt, die Frauenwelt ist mir einfach zugetan und ergeben.”
“Warte, laß mich einmal raten von wem dieses Tuch kommen könnte.”
“Das errätst du nie, denn ich selbst habe es bereits vergessen, von welcher der vielen es stammte. Die Wunde wäre nun fertig verbunden. Ich glaube wir gehen gleich zu den Pferden.”
“Tja,” Hadamar kostete den Spaß und die Verlegenheit seines Freundes aus und fuhr fort: “das Muster ist griechisch. Hm, griechisch, das heißt nicht ägyptisch. Das könnte ein Hinweis sein, daß das Mädchen oder laß mich besser sagen die junge Frau...”
“Evalia sein könnte. Ja, Schlaumeier, es ist das Tuch Evalias.” sagte Chadeloch mißmutig und mit angekratztem Humor.
“Oh, Evalia, verzeih ich wußte nicht. Schau, schau, schau.”
Hadamar biß sich beinahe die Zunge ab um nicht laut loszulachen über die verlegenen und nach passenden Worten suchenden Züge Chadelochs.
“Da ist nichts zwischen uns.” Im Ton der gespielten Empörung hörte man, das er selbst seinen Worten keinen Glauben schenkte. “Sie hat mir dieses Tuch nur als Dank für die gute Beratung geschenkt, das ist alles. Damit Schluß mit diesem Thema.”
“Oh, bestimmt, bestimmt, ich hätte an nichts anderes gedacht. Ehrlich.”
Chadeloch war rot vor Zorn über Hadamars Spott und dieser konnte sich vor Lachen nicht mehr halten und es trieb ihm Tränen in seine Augen.
“Das werde ich dir noch einmal heimzahlen. Ich und Evalia, pah. Das wäre dasselbe wenn ein Araberhengst sich mit einer Haflingerstute anfreunden würde. Nein, niemals!”
“Ist schon gut, Chade.” Hadamar erfing sich wieder “Ist schon gut. Laß uns jetzt so schnell wie möglich von hier verschwinden.”
Hadamar holte sein Schwert und Chadeloch seine Lanze. Dann gingen sie zurück zu den Pferden, die geduldig warteten und ritten davon.
“Odwin weiß mit Sicherheit, daß wir hier sind. Es gibt nur eine Straße die uns hier weiterbringt und man braucht kein Hellseher zu sein, um zu wissen wohin wir reiten. Ich schlage vor, daß wir jetzt und die Nacht hindurch weiterreiten. Mit dem Licht des Mondes ist die Paßstraße eine nicht allzu große Gefahr. Bist du einverstanden?”
“Klar. Bisher war das im Sattel sitzen von größerer Ruhe begleitet als unser heruntersteigen. Morgen suchen wir uns ein nettes ruhiges Plätzchen und gönnen uns dann ein wenig Ruhe.”
“Einverstanden.”

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