Normalerweise ging ER nicht in die Museen. Man sollte ihn natürlich nicht falsch verstehen. ER liebte die hohe Kultur. ER war offen für alles Schöne. ER war ein Förderer der Künste, ein wahrer Mäzen. Vor kurzem hatte ER sich im Kunstshop des Museums einige Kopien der wertvollsten Kunstwerke erstanden. Satte 60 Euro hatte er investiert, - nur für die Kunst. Und obwohl ER soviel für Kunst übrig hatte und sich mit Ästhetik die Bleibe ausschmückte, nahm er sich nicht die Zeit für die Museen und Galerien, obwohl es ihn so zu diesen hinzog. ER hatte ja immer so viel Arbeit, jagte durch die Tage, die Wochen, die Monate, die Jahre, durchs ganze Leben, denn jede Minute war kostbar unwiederbringlich verloren, würde er sie nicht einsetzen, sie nicht für die Menschheit nutzen.
Nun kam sie aber wieder, die lange Nacht der Museen. Sie war wieder da! Die Heilige Nacht der Kultur, die Heilige Nacht der Schönheit. Sollte ER dieses Jahr gehen? Sollte ER einen Abend einfach einmal verlieren? Sollte ER einen Abend lang sich einfach einmal Ruhe und Erholung gönnen und zwar auf eine darat abartig exklusive Weise? 13 Euros und eine halbe Nacht konnte man damit die größten Kulturgüter der Erde betrachten. Sollte ER wirklich gehen? ER wusste, dass ER nach dem Besuch dieser Ausstellungen keine innere Ruhe finden würde, dass das innere Gleichgewicht für mindestens eine Woche dahin sein werde. Denn immer wenn ER es mit den Künsten zu tun hatte wurde ER inspiriert, ER wurde motiviert und ER wurde gleichsam mit den schönsten Poesien, Melodien und Bildern überschüttet. ER war dann immer ganz arm und elend dran. Es gab keinen um ihn herum, der diesen Schmerz nachvollziehen und verstehen hätte können. Wie sollte ER der ja auch nur ein Mensch war, wenn eben auch ER, das alles niedersetzen, auf Papier bringen, wie sollte ER der Welt vermitteln, was ihm die höheren Geister eingaben. Es bedeutete für ihn Schmerz und Trauer, denn all dies ging ja für immer verloren. Inspiration hat nicht jeder, sondern es ist ein Göttergeschenk, - ER wusste das. Welche unglaubliche Last, welche Verantwortung, aber ER hatte doch sonst schon so viel zu tun. Sollte ER sich diese lange Nacht der Museen wirklich antun? Es wäre doch auch für die Welt wesentlich schlimmer, wenn sie von den hohen Ideen mit denen ER voll war wüsste und ER sie gerade ob der Fülle nicht vermitteln könnte. Es wäre für die Welt sicherlich besser wenn ER sich dem gar nicht aussetzen würde, denn dann wäre ja auch nicht so viel verloren, zumindest rein subjektiv verstanden versteht sich. Sie kämen damit gar nicht in das Wissen dessen, was in seiner Seele so vor sich ging und würde nicht mit ihm leiden, würden keine Traurigkeit verspüren, wenn sie die Ausführungen der Göttergedanken niemals zu Gesicht bekommen würden. Mit Tränen in den Augen saß ER vor dem Fernseher. Mit aller Gewalt und Überwindung überwand ER jegliche Versuchung. ER zwang seine Leidenschaften, seine Eigenschaften und Großartigkeiten nieder wie kein anderer, mochten sie ihn auch noch so bestürmen, ER wusste was wahre Selbstverleugnung wirklich bedeutete. Dieses Leiden wollte ER ganz alleine tragen, das Leiden des so vielseitigen Genius, des von den Göttern geliebten, der in einer Welt lebte, die ihm keinen Raum bot um zum Ausdruck zu bringen wovon sein Geist und seine Seele überquollen. ER nutzte also die Chance der langen Nacht der Museen nicht, er zelebrierte sie nicht die Heilige Nacht der Kultur. ER stierte wieder hinein in den Fernseher und schaute sich ein zweitklassiges Fussballmatch, in seinem zweitklassigen Fernsehstuhl, mit einem drittklassigen Fernsehgerät an, - ER der Mäzen, der Genius, der Verkannte, ER der einsam Leidende.
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
1 Kommentar:
Nein, ER ist nicht der einsame Leidende - SIE versteht ihn von A-Z....sehr sehr gut... Das mit der Inspiration und den tausenden und abertausenden Ideen, der Motiviation, die keine Erfüllung findet, weil so viel anderes zu tun ist, wenn man in der Weltverbesserung tätig ist und weil man nicht weiß, wo und wie - in welchem Medium anfangen mit dem Verbreiten der eigenen geistigen Höhenflüge und den überwältigenden Phantasien - es ist ein elender Jammer und direkt zum verzweifeln...es ist besser, ER schaut nur Fernsehen...es ist besser!
Kommentar veröffentlichen