Mittwoch, 1. Oktober 2008

Thiuhada-Sage: Buch I - Lucia

Hadu stand mit seinem Sohn vor einem mittelgroßen römischen Landhaus in der Nähe des Brigantersees. Es war um die elfte Stunde des Tages. Der Pferdemarkt hatte nach einem guten Geschäftstag um die neunte Stunde seine Tore geschlossen. Gleich nach Schluß gingen Vater und Sohn nach Hause, um sich frisch zu machen. Dann machten sie sich auf zum Haus an dessen Eingangstür sie nun standen. Hadu war voller Freude seinen lange gemißten Freund wiederzusehen und mit ihm Sprechen zu können. Hadamar hingegen war der, durch Chadeloch aufgebaute, Mut wieder beinahe vollständig vergangen und dennoch, er war voller Erwartung. Ein Sklave öffnete die Tür und führte die beiden in die Empfangshalle. Dann benachrichtigte er Maximus von der Ankunft der Gäste. Und gleich darauf hörten die beiden Lenzer feste aber dennoch elastische Schritte die sich der Empfangshalle näherten. Die Tür öffnete sich und Maximus trat, mit einer dunkelblauen Tunika bekleidet, ein.
“Es ehrt mich Hada, dich und deinen Sohn als meine Gäste empfangen zu dürfen. Kommt, wir wollen uns zuerst ein wenig erfrischen und dann werden wir die langen Jahre der Trennung im Gespräch nachzuholen versuchen.”
Hadamar ging hinter dem Gastgeber und seinem Vater her. Er betrachtete das Haus und dessen Schmuck. Alles war geschmackvoll, aber dennoch bescheiden gestaltet. Nichts war zuviel und dennoch konnte man auch nichts finden, an dem es mangelte. Was ihm aber wirklich zu Herzen ging war die Freundschaft der beiden Männer die vor ihm hergingen. Er hätte nie gedacht, daß sein Vater solch eine offene Herzlichkeit kannte und er fühlte, wie schwer es sein müsse, Heldenhaftigkeit mit wahrer Menschlichkeit in Einklang zu bringen.


Die drei Männer betraten einen kleinen vom Licht durchfluteten Innenhof. Der Duft den die zahlreichen Rosenstöcke verbreiteten erfüllte ihn und das Plätschern eines kleinen Springbrunnens schuf eine Atmosphäre von beschaulicher Lieblichkeit. Aber auch hier war alles von derselben bescheidenen Eleganz geprägt wie der Rest des Hauses. Im überdachten und von Säulen getragenen Wandelgang der den ganzen Innenhof umschloß beschäftigte sich Lucia, die Tochter von Maximus, mit den Sklaven, welche die Mahlzeit auftischten und gab ihnen noch die letzten Anweisungen.
“Lucia, so komm doch! Ich möchte dir jemanden vorstellen.” sprach Maximus freudig.
Sie wandte sich nun den Eintretenden zu und ging ihnen entgegen.
“Hadu, das ist das Licht, das mir meine Frau schenkte und zurückließ. Sie ist die Seele meines Hauses, dessen Schönheit und Zier. Sie ist die lebende Erinnerung an sie, die mir vor einem Jahr von den Göttern genommen wurde.”
Maximus hielt seine Tochter sanft am Arm, während er sie den Gästen vorstellte. Dann wendete er sich seiner Tochter zu:
“Lucia, das ist Hadu mein suebischer Freund, von dem ich dir schon erzählte. Den jungen Mann an seiner Seite wirst du von gestern noch kennen. Es ist der erstgeborene Sohn meines Freundes und sein Name ist Hadamar. Wenn du die beiden nebeneinander siehst, wirst du verstehen, warum ich sogleich an Hadu denken mußte, denn der Sohn ist seinem Vater beinahe wie aus dem Gesicht geschnitten.”
“Es ist uns eine große Freude sie bei uns willkommen heißen zu dürfen. Doch nun bitte ich sie, sich zum Essen zu begeben, denn sonst würden die warmen Gerichte kalt werden.”, sprach Lucia und geleitete die beiden Gäste zur Mahlzeit.
Während dem sie sich zum Mahl begaben beobachtete Hadamar jeden Schritt, jede Geste der jungen Gastgeberin. Welch einen Zauber übte diese Römerin auf ihn aus, er konnte es sich nicht vernünftig erklären. Ihre Gestalt, ihr anmutiges Sprechen, die leuchtenden dunklen Augen, ihr langes schwarzes Haar, ihre edlen und intelligenten Gesichtszüge, ihr ganzes Wesen übte eine geheimnisvolle Macht auf ihn aus. Aber vorsichtig wollte er sein, nichts davon wollte er sie spüren lassen, denn eine solches Fräulein, was könnte für sie an ihm schon interessant sein.
Während dem Essen war man fröhlich, tauschte Komplimente über die zubereiteten Speisen und Getränke aus. Maximus tat alles um seinem Freund auf die römische Art zu verwöhnen, nur das Beste sollte heute aufgetischt werden. Hadu sprach dem Essen kräftig zu, sein Sohn hingegen, wollte nicht gierig erscheinen und aß von allem nur sehr wenig. Man mahnte ihn tüchtig zuzugreifen. Er bedankte sich und gab zu verstehen, daß er bereits vollauf gesättigt wäre, während er eigentlich noch einen großen Hunger verspürte. Nach dem Mahle standen Maximus und Hadu auf und setzten sich unter die Weinlaube vor dem Haus. Von dort hatte man einen schönen Ausblick auf den See und sie begannen mit dem lange gemißten Gespräch.

Hadamar und Lucia blieben im Innenhof. Sie wandelten schweigend durch das kleine Rosengärtchen und setzten sich dann auf das Marmorbänkchen neben dem Springbrunnen. Beide saßen nebeneinander, wagten sich aber kaum anzuschauen. Lange Augenblicke verstrichen. Da wurde es Hadamar zu viel, er dachte an Chadeloch der ihn laut verspotten und auslachen würde, wäre er Augenzeuge dieser Szene. Er nahm trotz des Unbehagens seinen ganzen Willen zusammen und brach ihre gemeinsame Verlegenheit:
“Es ist sehr sehr schön hier, bei ihnen, Lucia. Alles weist hin auf einen guten Geschmack - elegant und dennoch nüchtern. Ich muß gestehen, daß mir diese Kombination ausgesprochen zusagt.”
“Ich danke ihnen für dieses Lob” antwortete sie und erhob schüchtern ihre Augen.
“Darf ich sie, Lucia, darum bitten einfach ‘du’ zu mir zu sagen, bei uns ist alles einfacher und man ist es nicht gewohnt, daß man einen mit ‘sie, Herr Hadamar’ anredet.”
“Gerne,” entgegnete sie, während ein Lächeln um ihren Mund spielte, “aber mit der einen Bedingung...”
“Und die wäre?”
“Die Bedingung wäre, daß auch du zu mir ‘du’ sagst.”
“Wenn sie - äh ich meine - du es gestattest, von Herzen gerne.” Hadamar räusperte sich ein wenig. Er glaubte nämlich es wäre zuviel Freude in seiner Stimme gelegen, zuviel Hoffnung hineingelegt gewesen. Nichts sollte Lucia von seinen Gefühlen zu spüren bekommen.
“Diese Blumen sind sehr schön und erst ihr Duft, er ist wirklich bezaubernd. Mein Großvater Saro, er hat auch welche von diesen, nur sind sie deutlich kleiner. Wie ist der Name dieser Blumen?”
“Diese Blume trägt den Namen Rose. Es ist eigentlich eine Pflanze, die ursprünglich in Ägypten heimisch war. Die Pharaonen liebten sie. Auch die Römer liebten sie. Zuerst ließen sie sich mit Schiffen Schnittrosen von Ägypten nach Rom bringen, bis sie dann später selbst ägyptische Rosenstöcke zu pflanzen begannen. Die Römer bezeichneten sie als die Königin der Blumen.”
Hadamar berührte eine Rose, nahm die samtige Blüte behutsam in seine Hand und fühlte deren Zartheit und ließ ihren sanften Duft auf sich wirken.
“Was für eine Zartheit der Blütenblätter. Sie sind so schön, so zart, so edel wie...”
Hadamar räusperte sich wieder, er spürte die Röte seines Gesichtes, denn beinahe wäre ihm ‘wie du, Lucia’ entwischt. Um ein Haar hätte er sich bloßgestellt, sich und seinen Vater blamiert. Er mußte von nun an noch besser auf sich Acht geben, seine Gefühle besser unter Kontrolle halten. Er war einfach ein Anfänger in all diesen Dingen.
“Rosenblüten sind so zart und schön wie was?” fragte die Römerin interessiert nach.
“Dumm, es ist ihr nicht entgangen.” dachte Hadamar still bei sich. “Mir ist der Vergleich leider entfallen, verzeihe. Es war einfach ein langer Tag, der viele Lärm, die vielen Eindrücke, die zahlreichen Geschäfte, da kann es schon einmal vorkommen, daß der Kopf am Abend nicht mehr so mitmacht.”
“Hadamar. Darf ich dich etwas sehr persönliches fragen?”
“Es kommt drauf an, wie persönlich die Frage ist.” antwortete Hadamar und versuchte sich ein bißchen Abstand zu verschaffen.
“Ich möchte dich nur fragen, was für eine Bedeutung dein Name hat.”
“Diese Frage kann ohne jegliche Schwierigkeit beantwortet werden. Hadamar bedeutet: der Kampfberühmte. Gewöhnlich nannte man mich aber Hada, doch mein eigentlicher Name ist Thiuhada.”
“Ganz schön kompliziert.”
“Im Grunde ist es sehr einfach. Als Kind wurde ich dem Gott Thiu geblotet. Dem Namen des gebloteten Kindes, in meinem Fall Hada, wird dann der Name des Gottes dem es geweiht ist vorne angefügt, also Thiuhada. Da aber die Menschen grundsätzlich redefaul sind, kürzt man den Namen auf den sich unterscheidenden Teil und das ist in meinem Fall eben Hada. Doch jetzt Schluß mit den Erzählungen über mich, was bedeutet dein Name?”
“Lucia bedeutet: die Lichte, die Leuchtende.”
“Wie wahr doch der römische Spruch, ‘nomen est omen’, ist. Mein Großvater lehrte mich ihn gerade erst vor zwei Tagen.” Beide waren leicht verlegen, sie, über das ausgesprochene Kompliment, er, als er bemerkte, daß er es ausgesprochen hatte.
“Hadamar bist du Christ?”
Der Angesprochene war leicht verwirrt über die so direkte Frage und er machte aus seiner Verwunderung darüber keinen Hehl, indem er zurückfragte:
“Wie kommst du auf einen solchen Gedanken?”
“Ich dachte, daß das an deinem schwarzen Lederhalsbändchen ein Kreuz sei,” antwortete Lucia verlegen, da sie zugeben mußte, ihn doch auch genauer beobachtet zu haben. Hadamar schmunzelte ein wenig, bei dem Gedanken Christ zu sein und winkte ab:
“Nein, nein, das was einem Kreuz ähnlich sehen könnte ist in Wirklichkeit ein Schwert.”
“Also ein Zeichen, daß du ein Krieger bist?”
“Nein, das Schwert ist das Zeichen, das Symbol, des Gottes der Sueben, die ihr Alemannen nennt.”
“Wotan?”
Hadamar schüttelte energisch den Kopf: “Keinesfalls. Nein, Thiu oder auch Ziu. Das Zeichen des Gottes Thiu ist das Schwert. Er ist aber nicht nur der Gott des Krieges, als welchen ihn auch die anderen germanischen Völker verehren. Nein, er ist und war vor Wotan, Donar, Frigg und Freya. Während die anderen Völkerschaften dem erhabenen Thiu untreu wurden, hielten unsere Väter, unser suebisches Volk, alleine an ihm fest und ehrten und ehren ihn weiterhin als unseren Gott, dem die anderen Götter untergeordnet sind.”
“Hadamar, weißt du auch was der Name des Gottes Thiu bedeutet?” fragte Lucia ehrlich interessiert.
“Mein Großvater Lenz, der mich auch den Spruch ‘nomen est omen’ gelehrt hat, sagte mir er bedeute: lichter Vater. Da du ‘die Lichte’ heißt müßtest du seine Tochter sein, - des lichten Vaters, lichte Tochter.”, und Hadamar freute sich am gelungenen Wortspiel.
“Ich kenne zwar eure Religion überhaupt nicht, aber auch wir Christen verehren Gott als das Licht der Welt, das Licht, das in die Welt kam. Wir verehren ihn als das Licht, das von der Finsternis nicht angenommen wurde und letztlich doch die Finsternis besiegt hat und am letzten Tag, ihr nennt ihn die Götterdämmerung - wir, das jüngste Gericht -, vollständig vertreiben wird. Ich bitte dich, erzähle mir noch mehr von der Religion deiner Väter.”
Leicht beschämt erwiderte Hadamar: “Leider muß ich dir und mir selbst eingestehen, noch sehr wenig von ihr zu kennen. Die meisten von uns versuchen noch gemäß altüberlieferter Bräuche zu leben, aber sie sind schon sehr vermischt mit den Kulten anderer germanischer Stämme, aber auch mit römischen, griechischen und keltischen Gebräuchen. Mein Großvater übergab mir die ehrenvolle Aufgabe nach Thiu zu suchen, den einzigen und eigentlichen Gott wiederzufinden. Er will, daß ich es für ihn und meine Väter, die im Heer Wotans die Erde umkreisen, tue.”
“Hast du schon damit begonnen?” fragte die junge Frau neugierig.
“Nein, denn der Auftrag ist gerade erst vor zwei Tagen an mich ergangen,” entgegnete ihr Hadamar wahrheitsgetreu.
“Wo wirst du nach Thiu suchen? Denn ich glaube nicht, daß eure Väter große Bibliotheken, wie etwa die Ägypter, angelegt haben.”
“Das haben sie wirklich nicht. Die meisten müssen froh sein, wenn sie ihren Namen schreiben können. Die Frage ist interessant. Ich habe noch nicht wirklich darüber nachgedacht. Wo würdest du suchen?”
“Hm, wenn ich dich wäre und ich nicht mehr wüßte was der Glaube meiner Väter war, so würde ich jenen Ort ausfindig zu machen suchen, an welchem sie noch in Treue ihren Gott verehrten und liebten.”
Hadamar freute sich und sagte: “Es ist ungeheuerlich, aber du sprichst denselben Gedanken aus, der mir durch den Kopf gegangen ist. Dies ist der lichte Rat der lichten Tochter des lichten Vaters. Ich werde deinem Rat folgen, Lucia.”
“Weist du, wohin du zu gehen hast?”
“Ja, das weiß ich.”
“Ist es ein weiter Weg?”
“Ja, nicht nur ein weiter, sondern sehr weiter und auch nicht ganz ungefährlicher Weg.”
“Dann bleibe!” rief Lucia erschrocken und sogleich errötete sie. Hadamar war verwirrt. War sie etwa wirklich besorgt um ihn? Er versuchte in ihren Augen zu lesen, doch hatte sie ihr Gesicht leicht abgewendet und blickte in das Becken, in welches sich die kleine Fontäne des Springbrunnens ergoss. Es blieb für einige Momente still. Es war so still, das man den Atem des anderen vernehmen konnte und natürlich auch die Insekten die durch das Dunkel der Nacht surrten.
“Ich kann das Versprechen, das ich meinen Großvater gegeben habe, nicht einfach so lösen,” unterbrach Hadamar die Stille. “Zudem,“ fuhr er fort, “ist mein Name Verheißung, noch nicht Erfüllung, - wie bei dir Lucia. Mein Name ist Kampf. Man wird nur in der Bewährung berühmt, nur wenn man den Kampf annimmt. Auch mit der Konsequenz, daß es kein Zurück mehr geben könnte. Kannst du das verstehen, Lucia?”
Wortlos erhob sie ihre Augen und blickte in die seinen. Hadamar bemerkte sich bildende Tränen in ihren Augen. Etwas schüchtern und zögernd nahm Hadamar ihre zarten Hände in die seinen und hielt sie fest. Ohne den Blick von ihren Augen zu wenden fragte er sie, einfühlsam aber auch mit ungläubiger Verwunderung:
“Bist du etwa um mich besorgt?”
Sie antwortete nicht und wich seinem fragenden Blick verlegen aus. Es herrschte wieder ein beklommenes Schweigen, doch Hadamar hielt noch immer ihre Hände.
“Lucia,” Hadamar setzte ab, sein Herz pochte heftig und er wußte nicht ob es klug und angebracht sei, was er sagen wollte, er spürte nur, daß es jetzt das Richtige wäre, wenn er ihr offen gestehen würde, was seines Herzens heimliche Gedanken waren. “Lucia, gestern hatte ich dich zum ersten Mal gesehen. Dein Anblick hat mich, meine Welt, meine Gedanken, meine Gefühle verändert. Ich kannte nie zuvor solche Gefühle, auch wenn ich oft von ihnen sprechen hörte. Im kurzen Augenblick, als sich gestern unsere Blicke begegneten hatte sich dein Bild in meine Seele eingeprägt. Du bist irgendwie zu einem unauslöschlichen Teil meiner Selbst geworden. Das letzte Stück Ich in meine Herzen ist dem Zauber deiner Person verfallen - ist dir hingegeben. Seit gestern lebe ich nur mehr meiner Familie, meinem Volk, meinem Gott und dir. Ich wollte dir dies nicht sagen, da ich glaubte du wirst mich verlachen, mich abweisen und um diese Niederlage zu überstehen bin ich zu schwach. Deine Tränen, dein Schrecken gaben mir Hoffnung, nur deswegen spreche ich so offenherzig. So frage ich dich denn, was wirst du mit meinem, Hadamars, letzten Stück Ich tun? Was wirst du damit anfangen?”
“Es ist seit gestern auch ein Teil meines Lebens und meines Ichs geworden, so wie mein Herz, wie du sagtest, zu deinem geworden ist, ist dein Herz zu meinem geworden.”
Sie umarmten sich. Jeder spürte den Pulsschlag des anderen, die Sorge des anderen, die Tränen.
“Lucia, du bist die schönste aller Rosen des Erdenreichs, keine kommt dir an Schönheit, Feinheit und Zartheit gleich.” Hadamar flüsterte ihr diese Worte ins Ohr, dann küßte er sie sanft auf die Stirn und gelobte ihr: “Ich komme zurück, aber ich habe mich zuerst noch im Kampf zu bewähren, bevor ich um die Hand der Schönsten unter Thius Töchtern anhalte.”
“Thiuhada.” begann Lucia. Sie löste sich aus der Umarmung, nahm einen goldenen Ring von ihren Fingern, ergriff die linke Hand Hadamars und streifte ihn über seinen kleinen Finger, dem einzigen, dem er wie angemessen paßte. “Nimm diesen Ring als Erinnerung an mich und als Schutz vor den Nachstellungen des Bösen. Der eingearbeitete Stein kommt von jenem Ort, an welchem Jesus Christus sein Leben, dem Vater aller Menschen, hingab.” Erneut glitten einige Tränen über die edlen Züge ihres Antlitzes und mit den Worten: “Möge Gott dich schützen. Ich liebe dich!”, stand sie plötzlich auf, entfernte sich und zog sich ins Haus zurück.
Hadamar saß nun alleine da. Er konnte seinen Gefühlen keinen passenden Ausdruck verleihen, doch er fühlte eine große Wärme in sich und doch auch eine gewisse Trauer, vielleicht war sogar ein wenig Angst vor dem Kommenden dabei. Schweigend blickte er auf zu den Sternen und betrachtete wie manche von ihnen schnell ihre Bahnen zogen. Sie erinnerten ihn wieder, daß er Lucia erst dann wiedersehen würde, wenn auch er seinen Weg beschritten, den Auftrag erfüllt und die Bewährung bestanden habe.
Er saß noch eine längere Zeit am kleinen Springbrunnen. Die Nacht war bereits weit vorgerückt, als auch Hadu und Maximus ihr Gespräch für diesen Tag beendet hatten. Hadamar verabschiedete sich vom Gastgeber und verließ mit seinem Vater das Haus.

Draußen sah er nun das weite Sternenzelt und es überkam ihn das Gefühl von gewaltiger Stärke, so wie noch nie zuvor. Noch nie hatte sein Herz so mächtig geschlagen wie heute, da er so tief wie noch nie in die Seele eines anderen Menschen geschaut hatte, wie in die Lucias. Sie erreichten Saros Haus. Er ging auf leisen Sohlen in seine Kammer und legte sich still auf sein Bett. Neben ihm schnarchte Chadeloch in vollen Zügen. Heute störte es ihn keinen Augenblick, den sein Geist war voll mit den Erlebnissen des zurückliegenden Abends. Er blickte auf den Ring an seinem kleinen Finger und sang still ein Lied, daß aus seinem tiefsten Seelengrund entsprang:

Lucia, lichter Strahl der drang in mein Leben
Lucia, dir allein mein Herz will ich geben.
Schwarz deine Augen, schwarz auch dein Haar,
Dir hingegeben bin ich Hadamar.


Hadamar schmunzelte, denn der abschließende Reim klang ziemlich banal, geradezu kindisch. Doch es hielt ihn nicht ab weiterzusingen:

Zügle, oh Herz, den Sturm und die Glut
Heute erwarb’st dir das höchste Gut.
Mag kommen die Nacht, mag kommen der Tag
Durch die Lieb’ im Herzen, ich alles ertrag.

Kein Held kann mich bezwingen,
Aller Gefahr ich kann entrinnen,
Jeden Zauber kann ich bannen
Solang von Lieb mein Herz bleibt umfangen.

Oh lichter Strahl, du drangst in mein Leben
Dir allein bin ich ganz hingegeben
Für dich will ich leben, für dich auch sterben
Wenn ich nur kann deine Lieb’ erwerben.

Dein Name für mich ist gleich süßem Wein
Ihm mein ganzes Leben geweiht soll sein.
Dein Name ist Stern mir in finstrer Nacht
Im Herzen allzeit nur dein Bild ich betracht.

Jetzt wart’ meine Schöne bald kehr’ ich zurück
Dann gemeinsam wir teilen der Liebe Glück.
Lucia, dir ist gelungen mein Herz zu betören
Dir allein will für immer ich Treue schwören.

Er küßte den Ring und drückte ihn seufzend an sein Herz und schlief bald darauf ein.

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