ER ist ein äußerst aufgeschlossener und tolleranter Mensch. ER kann den Fundamentalismus und den Ausschließlichkeitsanspruch der einzelnen Religionen nicht verstehen. ER wünscht sich von ganzem Herzen, dass alle Religionen am Weltfrieden mitarbeiten. Alle Religionen, das weiß ER, glauben doch ohnehin an denselben Gott.
ER führt nur selten den großen Manitu im Mund. Natürlich ist ER ein gläubiger Mensch. Die Frage ob er auch beten würde, entlockt ihm nur ein müdes, leicht verlegenes Lächeln. Nein, ER brauche keine Kirche, keinen Dalei Lama, keinen Medizinmann, keinen Mufti und keinen Guru um mit Dem-da-oben in Kontakt treten zu können. ER regelt das alles mit IHM ganz persönlich und direkt (jetzt lacht ER). Der große Geist begegne ihm in der Natur, - dem schönsten Gottestempel.
„Was brachten uns die Religionen?“, fragte ER mich. Doch überhaupt nichts anderes als Krieg, Mord und Totschlag, Inquisition, Kreuzzüge, Hexenverbrennung, Intrigen, Falschheit und Scheinheiligkeit. Nein, jeder solle seinem Glauben nachgehen, fügte er seinen Überlegenen hinzu. Jeder solle an seinen Gott glauben wie er will, solange er nur die anderen in Ruhe ließe. Glauben ist gut, für den der ihn braucht. ER fühlte sich schon eine Stufe höher in der Evolution. ER glaubte um der anderen willen. ER glaubte, damit sich die anderen nicht vor ihm als klein und zurückgestuft vorkamen.
Die größte Gefahr, sagte ER mir im Vertrauen, seien jene Religionen oder Glaubensgemeinschaften, die nicht verstehen wollten, daß sich die Welt verändert habe. Wir sind doch nicht mehr im Mittelalter! [Empörung.] Der Papst fährt ein so dickes Auto und predigt die Armut. So viele Kinder sterben an Aids und Hunger und man verbietet die Abtreibung und Verhütung. Alte Menschen siechen dahin und kein rettender Engel befreit sie mittels einer tröstenden Spritze von ihrem Siechtum. Priester dürfen nicht heiraten und Frauen würden noch immer unterdrückt, indem man ihnen die Priesterweihe verweigere.
ER war ehrlich erregt. Die Kirche lag ihm am Herzen, sagte ER. Es müsse sich endlich was ändern, wenn die Jugendlichen sich wieder für die Kirche begeistern sollten. Diese alte Musik für die wenigen, alten und schwerhörigen Frauen. Diese barocken Gebete für die Betbrüder und -schwestern. Diese starren, unzähligen Dogmen für schwache Seelen. „Reißt die Fenster auf für den Heiligen Geist!“, so in etwa zitierte ER die Worte von Papst Johannes XXIII. bei der Ankündigung des Konzils. Der wohl letzte große Papst der Kirchengeschichte, urteilte ER überlegen.
ER hatte auch schon mit Theologen und Priestern diskutiert. Alle kamen sie ins Stocken, alle nahmen sie den Reißaus vor ihm. Ziemlich blöde waren sie schon, diese studierten Schwarzprediger. ER hat sie alle mit seinen Argumenten nackt dastehen lassen. ER hatte es ihnen im Namen aller kleinen, gläubigen Menschen einmal richtig gesagt. ER wollte ihnen die Augen öffnen für die wahre Geschichte der Kirche. So viel wird noch immer vom Vatikan vertuscht und verschwiegen, in Geheimarchiven archiviert, dessen war ER sichvollkommen sicher. ER war ein ehrlicher und aufgeschlossener Christ, der sich aber eine gesunde, kritische Distanz zur Kirche bewahren konnte.
ER dankte Gott jeden Tag, daß er ihm einen so gesunden Menschenverstand mitgab, der nicht von diesen Schwarzröcken zum Einlullen gebracht worden ist. Zudem war ER der Meinung, daß die Christen demütig bleiben sollten, denn auch die anderen Religionen kannten ihre großen Propheten, Christusse und weiß Gott was es noch alles gab. Jesus von Nazareth war für ihn eines unter vielen religiösen Genies und ER, schlummerte nicht auch in ihm ein solches?
Dienstag, 23. September 2008
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