Wie benommen sitzt ER vor der Glotze und starrt hinein. ER zappt wie ein Verrückter herum. Die Mattscheibe bringt aber nichts als Stuss. Da ein packend simpler Krimi, dort seichter Hausfrauenklatsch. Im anderen Sender wird billiger Schmuck für die Eitelkeit der Mittelschicht feilgeboten. Wieder ein anderer, eine Talkshow mit einem volksverblödenden Thema. Ein Sender bringt jedoch endlich Kultur und Bildung ins Haus. Das Staatsfernsehen überträgt die Sondersitzung des Nationalrates. Es geht um die Bildungspolitik.
„Das ist es!“, denkt ER sich und legt die heiß gedrückte Fernbedienung neben sich aufs Sofa. Ein genial insziniertes Affentheater. Spricht die Regierung lohnt sie ihre eigene Rede mit Beifall. Kritisiert die Opposition klatscht sie sich selbst genugtuend zu. Einige schlafen. Man trifft sich und plauscht. Geschäftige Beamte kommen mit Büscheln von Akten und Papier, welche die Räte der Nation so nebenbei unterzeichnen.
„Verdammter Sch...!“, brodelt es in seinem Hirn. Beides Wörter die man nicht im Munde führen sollte. Es geht um Bildung. Beide Kraftausdrücke wirken aber - und das steht nicht im Knigge - befreiend, beide sind energetisch durch und durch geladen. Es geht um Kultur, um Kulturbewahrung. Soeben verlässt der Führer der Oppositionspartei, nach seiner äußerst wenig subtilen Argumentation, den Sitzungsraum. Gab es aber während seiner Rede nichts wichtigeres als Bildung und Kultur?
ER kann nicht mehr zuschauen. Wütend hämmert ER auf der Fernbedienung herum. Ein Bild jagt das andere, ein Kanal nach dem anderen wird durch die Röhre auf die Mattscheibe geschossen. Mit seinem Daumen kontrolliert ER neun Fernsehstationen. Das ist wahre Macht. ER hat die Medien fest im Griff. Keiner kann ihn für dumm verkaufen. ER weiß was sich tut. ER kennt den Zustand der Welt. ER ist über alles informiert, - am liebsten live.
Warum aber läßt ER mich über sich schreiben? ER hat großes Vertrauen in mich. ER weiß, daß ich mich bemühen werde ihm gerecht zu werden. ER könnte natürlich zu jeder Zeit über sich selbst einen Bericht abgeben. ER könnte ohne Mühe alles über sich selbst schriftlich niedersetzen. Aber wenn ER selbst schreiben würde, dann würde ihm vielleicht etwas wichtiges durch die Lappen gehn. Das wäre Sch...e, meinte ER. ER war weise, er war über alles im Bilde.
ER war wie Sokrates: ER weiß, daß er nichts weiß. Aber nur selten spricht ER, in seiner Bescheidenheit, über sich selbst.
ER lacht heftig auf. Soeben zeigen die Nachrichten wie das Hochwasser die Villa eines Millionärs zerstört. „Geschieht ihm recht dem großen Schw..., äh, dem hohen Herrn! Jetzt soll er groß tun! Der Himmel ist gerecht!“, triumphierte er mit dem Bier in der Hand. ER wußte, daß alle Menschen gleich waren. ER kannte den Menschen und wollte, daß alle Großen klein würden, denn die Kleinen waren ja die eigentlich Großen.
ER ließ mir alle Freiheit beim Schreiben. ER wollte mich nicht stören. ER sagte, daß es ihm ebenfalls oft schwer falle das passende Wort zu finden. Ich glaube ER war froh, daß ich sprach und schrieb. ER selbst sprach relativ selten, wenn ER angespannt vor dem Fernseher saß und gottähnlich sein richtendes Auge auf das Treiben der Welt richtete. Heiliger Zorn konnte ihn bei den Ungerechtigkeiten der Menschheit überfallen. Ja, ER beurteilte als sachlicher und strenger Richter der Welt alles, keiner jedoch vermochte über ihn zu urteilen. Der Richtspruch traf, wenn vielleicht auch derb, immer den Nagel auf den Kopf und schließlich muß die Wahrheit früher oder später ohnehin heraus.
Ich hatte also den Bericht über ihn fertiggestellt und reichte ihn ihm zum Lesen. ER schaute mich leicht erschrocken an. ER der Richter der Welt, ER der Herr der Medien sollte jetzt lesen? Etwa noch laut? Nein! Ein solch großer Mensch wie ER mußte nicht mehr lesen. ER hatte sich in den vielen Jahren die Kunst des Hörens angeeignet, eine Kunst, die in unserer gehetzten Gesellschaft ohnehin immer mehr in Vergessenheit gerät. Trotz allem zeigte ER Interesse an meinem Bericht und gewährt mir die Gunst ihm meinen Artikel vorlesen zu dürfen.
Die Welt ist doch so schön. Immer mehr Menschen werden so wie ER .
Montag, 22. September 2008
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2 Kommentare:
Mah, ER ist so witzig! Ein Lesespaß, sondergleichen...ER trifft tatsächlich den Nagel auf den Kopf (macht weitaus mehr Spaß als sich die Erste Analytik für die Prüfung anzuschauen ;) )
Ich erröte vor diesen huldigenden Loben!
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