Er saß im Zug und die Landschaft zog an ihm eintönig vorüber. Viele Menschen sagen, Zugfahren erholt, Zugfahren beruhigt, Zugfahren gegen Hektik und für die Umwelt. Die Bäume schossen an ihm vorbei, die Ortschaften, die Menschen die ihren Alltagsbeschäftigungen und ihren Arbeiten nachgingen. Genauso flüchtig wie die Landschaftsfetzen vor seinem Fenster, genauso flüchtig war die Zeit, das Leben, überhaupt alles was ihm da begegnete. Es war die eine große Enttäuschung.
Und im übrigen, das Zugfahren war alles andere als erholsam, es war für ihn purer Stress. Einen Tag lang durfte er sich wieder auf Hochtouren langweilen, einen lieben langen Tag. Das machte ihn fertig, und zwar nicht nur ein bisschen. Zugfahren erholsam, es war wie Spott in seinen Ohren. Zugfahren war nicht bequem, nicht nur weil man einen ganzen Tag wieder an einen Sitz gefesselt war, anderen Menschen bei ihren öden Beschäftigungen zuschauen musste, sondern weil man vor allem mit sich selbst beschäftigt war.
Er fühlte die Müdigkeit der vergangenen Wochen, Monate, Jahre. Er musste es jetzt einen Tag lang er-fahren. Selbst-erfahrung hatte er eigentlich genug und es lag ihm mehr daran sich selbst zu entkommen. Und jetzt sitzt er eben im Zug.
Er hatte sich verabschiedet von der Frau die er wirklich liebte, schon lange irgendwie im Herzen, aber sichtbar, deutlich, wirklich, real , wach und wahr seit kurzem, seit gestern. Sie verabschiedeten sich voneinander durch eine lange innige Umarmung und keiner konnte es erahnen wie notwendig er dieser bedurfte. Es musste wohl etwa 32 Jahre her sein, dass ihn jemand derart in den Händen gehalten hatte. Das musste also zu der Zeit gewesen sein, da ihn seine Mutter und sein Vater zum ersten Mal nach der Entbindung als den ihren in die Hände schlossen, umarmten und dieses kleine Wunder der Natur, an dem sie direkt mitwirken durften, liebkosten. Dann kam es jedoch anders. Den ursprünglich liebenden Händen bald entrissen, wurde er von anderen liebkost. Die ursprünglichen Hände eroberten das Ihre nicht zurück, obwohl sie ihm im Herzen zugetan blieben. Aber was sind die Herzen, ja sicherlich das fundamentalste, aber der Mensch braucht auch die Hände, er braucht einen Körper, dessen Wärme, dessen Herzschlag und die frohe Erschütterung desselben den er spüren konnte. Was nützte das Herz ohne den Rest und man verachtet mit der Zeit dasselbe, weil der Rest abhanden gekommen zu sein schien und damit war alles nur lau und schal.
So lebte er also dahin, nein besser er vegetierte dahin. Natürlich fand er Hände die sich ihm entgegenstreckten, aber dort waren keine Herzen, er fand Hände mit Herz, aber diese hatten oft keinen Geist, kein Charisma. Sie waren eben nur lieb und brav, wie Schoßhündchen, die vor ihrem Herrchen hecheln und wedeln, die sich vor seine Füße hinkuschen und die Schuhe lecken. Hie und da wollen sie dann, dass das Herrchen mit ihnen spiele, dass es sich mit ihnen beschäftige, aber dann genügt es schon wieder, dann sind sie erschöpft und brauchen wieder ihre langen, ewig dauernden Regenerationsphasen.
Mein Gott! Wie lange lechzte er nach diesen Händen, nach diesem Herzen, nach diesem Geist und in Wirklichkeit hatte er alle Suche bereits aufgegeben. Er ergab sich seinem Schicksal und bemühte sich auch nicht mehr diesem wirklich zu entkommen. Es war einfach zu mühsam sich selbst immer an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. Dieser Sumpf der ihn immer wieder umschloss, zu sich hinabzog in die Tiefe, ihn aber ganz und gar umarmte und in der Umarmung hineinholen würde in ein ewiges Etwas, von dem keiner eine Ahnung hat, weil noch keiner zurückkam um von dort zu erzählen. Die Hauptbeschäftigung der vergangenen Jahre lag nun eben in der Flucht vor diesen unerträglichen Gedanken die ihn bestürmten, vor den Gedanken, die ihn immer wieder schmerzlich ins Herz trafen und ihn zu vernichten drohten. Er versuchte sich in die Arbeit hineinzutreiben, in den Abgrund der Überanstrengung, des energetischen Verblutens. Er versuchte die Betäubung bis zum geht nicht mehr, in dem er sich allabendlich einen Film nach dem anderen sinnlos hineinzog um damit den Gedanken, die sein Gehirn wie Bleigewichte beschwerten, zu entkommen. Es half aber alles nichts. Er war ein schlechter sich-selbst-Anlüger. Er war sich selbst zu sehr bewusst und genau das war seine Schwierigkeit, auch bei den Frauen. Sie liebten ihn, zumindest manche, aber sie liebten in ihm einen Schatten, sie liebten etwas an ihn, aber sie waren niemals imstande, das Ganze zu erfassen, es zu verstehen. Wie sollten sie auch?
Wollten sie ihn verstehen und das wäre ja eigentlich das wertvollste und das erstrebenswerteste was man sich so vorstellen kann, würden sie ihn also verstehen, dann wären sie ja gleich wie er. Wären sie gleich wie er, wie sollten sie ihm helfen können, es sei denn, dass sie durch irgend einer Gottheit Hand bewahrt wurden vor dem Missbrauch ihrer Fähigkeiten und gerade dadurch das in Reinheit verkörperten, worüber er nur mehr nebelnde Gedanken hatte. Denn er hatte die Dinge missbraucht. Nicht so, dass er abgrundtief Schlechtes getan hätte, nein, sicherlich nicht. Aber er war bereit alle Mittel zur Erreichung eines ihm erstrebenswerten Zieles einzusetzen. In solchen Situationen war er unglaublich schnell und präzise. Die Hiebe saßen mit dem ersten Schlag, die Schüsse die er dann abfeuerte waren die eines Scharfschützen. Ehe die anderen überhaupt begriffen was vor sich ging, hatte er das was er wollte bereits für sich eingenommen. Um zu überleben in einer Welt, die sicherlich nicht die seine war, versuchte er im allgemeinen Wandel unterzutauchen. Aber es gelang ihm dann doch nicht. Je mehr er sich anstrengte zu sein wie die anderen, je mehr er sich anstrengte, das zu tun was alle anderen tun, desto mehr wurde er wieder zum Außenseiter oder schlimmer zum Anführer einer Rotte die irgendwie eines Führer bedurfte, der Herz und Hirn hatte.
Im ewigen Dazwischen, im ewigen nicht-umschlungen-Sein erkaltet, war ihm dies eigentlich nicht nur gleichgültig, es war ihm hie und da auch recht, weil er dadurch irgendwie seinen Frust abbauen konnte. Und wenn er so über diese Zeit nachdachte, dann glaubte er wieder die Gesichter all jener vor sich zu sehen, die seines Einflusses oder seiner Langweile Opfer wurden. Was war wohl aus ihnen geworden, konnten sie ihren eigenen Weg finden, konnten sie sich vor dem erretten, was er zum Teil in ihnen geweckt und angezündet hatte. Er wusste, dass alles nur lächerlich war, er wusste, dass es für ihn selbst nur ein Spiel der Möglichkeiten war, aber eben doch nur ein Spiel. Die anderen identifizierten sich mit diesen Dingen, sie glaubten, es wäre die erstrebenswerte wirkliche Wirklichkeit. Und er, er ließ sie einfach ziehen. Er verlor nie ein Wort vom Spiel, von der Illusion, denn dann hätte er ja beendet, was ja vielleicht in Zukunft noch in einem gesteigerten Maße der persönlichen Ergötzung dienen konnte. Natürlich wollt er die anderen nicht in einem Abgrund sehen, sie dort nicht hineinstoßen, aber er brauchte doch zumindest irgendeine Beschäftigung in der Löwengrube in der er saß und sich selbst, sein einziger Spielgefährte und seine einzige Beute war.
Zugfahren ist anstrengend dachte er sich. Als er von seinem Mac Book Pro aufblickte und den Schaffner sah, der sein beseligendes Tagwerk erledigte: Karten abknipsen. Tja, er liebt es einfach ein wenig stylisch, nicht so wie die Menschen rund um ihn die sich in abgetragenen Stangenklamotten und e-Bay Computern wohlfühlten. Er war extravagant und alles in seinem kleinen Königreich, in seiner Löwengrube, sollte diese seine Persönlichkeit zum Ausdruck bringen. Da gerade flog eine Recycling-Anlage an ihm vorüber, eine herrliche Aussicht! Wirklich aufbauend und eben wie alles am Zugfahren, einfach durch und durch schön und wunderherrlich. Die Frau ihm gegenüber gestikulierte gerade wild mit ihrer Karte dem Schaffner zu, und zum Glück hatte sie ihre Pranken, gerade vorher noch geschnitten, also mitten vor meiner Augen Blicke, aber sie tat es nachdem sie ein dickes Brot hinunterschlang, das ein Spiegelbild ihrer Körperästhetik war. Innerlich bat er diese Dame um Verzeihung, aber er war nun eben einmal ein Indianer, ein Krieger, ein Beobachter, ein Herrscher, der seine Untertanen alle auf Nützlichkeit und Gebrauch zu untersuchen pflegte.
Auf jeden Fall kam dann plötzlich Sie in sein Leben, Sie. Er hat sie nicht auf dem Catwalk kennengelernt, wie ihm dies die meisten Menschen seiner Umgebung wünschten. Er hat sie einfach so kennengelernt, einfach so und doch so einfach nicht. Es war gerade kurz vor seiner endgültigen Abfahrt zu neuen Zielen, genau so wie bei ihr. Es war alles schon geregelt, fixiert, die Tickets in der Hand, alles abgegeben und verkauft. Sie kannten sich eigentlich schon längere Zeit, hatten öfters schon miteinander gesprochen und sich wirklich gut verstanden. Sie ließ ihn eine Art Abschiedsbrief lesen. Indem er ihn las erkannte er in ihren Zeilen sich selbst wieder, nur eben anders. Es waren seine eigenen Gedankengänge, seine eigenen Gefühle, seine eigenen Formulierungen, tja manchmal stimmte sogar die Wortwahl bis ins feinste mit der seinen überein. Er konnte dies gar nicht begreifen wie ihm plötzlich geschah. Er hatte jemanden vor sich, der er selbst war, nur eben anders, eben Frau und damit wirklich auch anders. Sie kamen ins Gespräch, wirklich ins Gespräch, also keine oberflächliche Komödie, kein Kabarett, keine Romanze, aber wirklich von Herz zu Herz, Mensch zu Mensch, Mann zu Frau. Sie erkannten, dass sie die zerbrochenen Hälften des einen Spiegels seien, den sie gemeinsam bilden würden. Sie waren sich so ähnlich in ihrem Wesen, in ihrer Art, dass es geradezu unheimlich war. Der eine würde den anderen verstehen, es würde kaum eine Tücke geben mit der man den anderen einfach so hinters Licht führen könnte, denn beide war sich sogar in diesen Dingen gleich. Aber es war doch eben mehr da als Bruder und Schwester, als Freund und Freundin, sie waren eben Mann und Frau.
Beide hatten aber, wie bereits erwähnt, ihre Pferde gesattelt und der morgige Tag würde die pure Öde einer Zugfahrt mit sich bringen, die kein Ende nehmen wollte, 12 ganze, 12 volle Stunden. Beide wussten, dass man in solchen Situationen, die man nicht suchen hätte können, die man nicht heraufbeschwören hätte können, nicht den Kopf vollkommen verlieren durfte, sie waren sich eben gleich. Sie wussten auch, dass sie beide noch Zeit brauchen würden, Zeit um zu reifen, Zeit um das zu werden was sie sein sollten, wofür sie bestimmt waren, Zeit um Mann oder Frau genug zu sein um dem anderen wirklich gerecht zu werden und ihm helfen zu können.
Es kam dann der Abschied und ungeschickt wie er nur sein konnte, drückte er sie an sich, die dummen Brillen waren im Weg und so weiter und so weiter. Es, also er, war ehrlich aber ungeschickt. Sie lösten sich voneinander und dann zeigte sie ihm wie das in Wirklichkeit geht, einander zu umarmen ohne einander zu bedrängen. Ganz umschlungen zu sein ohne dem anderen die Freiheit zu nehmen. Sie zeigte ihm wie stark sie war und bewies ihm dadurch, dass auch in ihm etwas von dieser inneren Stärke vorhanden war. Die Umarmung war lange, wirklich sehr lange für die normale Begrifflichkeit, aber in dieser Zeit wurden 32 Jahre nachgeholt, zumindest für ihn und er hoffte auch für sie, und der Verlust eingeholt, der nur dort wettgemacht werden kann, wo sich zwei nicht aus eigenem Willen, sondern durch den Willen von irgendeiner Gottheit gefunden haben. Er fühlte ihren schöngestalteten Körper dicht an den seinen angeschmiegt, er roch ihren süßen Geruch der ihn hypnotisierte. Er fühlte auch ihr feines Haar und vor allem ihre so zarte Haut, die unendlich viel wahrnehmen musste, die von der Feinheit ihres Geistes, von der Sensibilität ihres Herzens Zeugnis gaben. Er roch ihren Atem. Er spürte ihre Lippen. Er saugte ihre zarten Worte, ihre Fragen auf wie ein trockener Schwamm das ihm gereichte Nass. Er fühlte sich seinen Lebtag noch nie so bewusst angenommen und verstanden, aber wie nun Männer einmal sind, sie können es doch nie wirklich in Worte fassen. Nicht dass dem Mann die Gefühle, das Herz etc. fern wären, nein sicherlich nicht, aber es so zum Ausdruck zu bringen wie man es sich in diesen Augenblicken wünschen würde, dafür werden sie einfach nicht erzogen, vielleicht sind sie dafür auch nicht wirklich auserkoren. Er wusste, und dieser Gedanke gerade in diesem Augenblick kommend war ihm unangenehm und angenehm zugleich, dass er noch nie in seinem Leben so keusch, so rein, so ehrlich war wie während dieser langen und doch ewig zu kurzen Zeit der Umarmung. Er war zwar kein großer Dichter und Literat aber einmal hatte er von einem Dichter gelesen: „Die wahre Liebe erhebt über die Kleinlichkeiten des Lebens. Sie überwindet die Selbstsucht und alle anderen Süchte.“ Genau das erfüllte sich in dieser Umarmung.
Sie lösten sich langsam aus der Umarmung und er wollte er hätte sie für immer so festhalten können. Doch dieselben Gottheiten die sie zusammenführten hatten noch anderes vorgesehen. Sie schieden voneinander, aber reich und mutig, rein wie nie zuvor. Sie schieden voneinander, nicht für ewig, sondern für eine Zeit und noch eine Zeit und vielleicht auch noch eine halbe Zeit.
Er saß im Zug und irgendwie versöhnte er sich doch mit diesem stählernen Ungetüm, der langweiligen Landschaft, den gelangweilten Menschen, dem schlafenden Mädchen neben ihm, denn er hatte Zeit an sie zu denken und die Umarmung die ihn für immer verwandelte noch einmal zu durchleben und zu verkosten. Er hatte die Arznei für seine Lebenskrankheit gefunden, eine lebendige Person, eine Frau von den Gottheiten gesandt.
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