Er war nun an seinem Ziel, an seiner momentanen Bestimmung angekommen. Alles passte, die Menschen waren gut zu ihm, interessierten sich für ihn und er musste zugeben, dass er auch offener und bereiter war ihnen zuzuhören. Was die Liebe doch aus einem Menschen zu machen versteht. Sie macht ihn, wenn sie wirklich echt ist, nicht nur offener für die geliebte Person, sondern die Liebe zersprengt die Fesseln eines in sich erkaltenden Herzens und öffnet dieses für die anderen. Das hat sich tatsächlich an ihm vollzogen, er fühlte sich jetzt einfach offenener als je zuvor, damit verletzlicher aber eben gerade durch die Liebe auch tausendmal stärker als je zuvor.
Doch sie fehlte ihm wirklich, echt. Sie fehlte ihm obwohl sie so nahe war in seinem Herzen, dass er ihre Nähe spürte und fühlte. Er wünschte sich niemals einen Mutterersatz zur Frau, niemals das willige Mädchen oder die eitle Schönheit, er wollte eine echte Partnerin, eine durchunddurch-Frau, die ihn dort ergänzen konnte wo er von niemand anderem ergänzt werden konnte und die er ergänzen konnte, was auch immer das bei ihm zu bedeuten hatte, wie kein anderer es könnte. Nun hatte er sie gefunden, er hatte sie umfasst gehalten, aber er ließ sie in Freiheit ziehen, so wie sie ihn ziehen ließ. Ferne war sie nun. Ferne waren die rettenden Lippen die das rettende und seelenheilende Wort sprachen, ferne war das Herz das mit dem seinen schlug, ferne der zarte Leib der ihm solche Stärke verlieh, ferne die Augen die in den seinen lasen und in denen er selbst so vieles lesen konnte.
Er wollte ihr schreiben, er wollte ihr sagen, wie sehr er sie liebte, wie sehr er ihr, wie sehr sie ihm nahe ist. In all seinem Tun sah er sie nun vor sich und er wünschte sich, dass dies für alle Ewigkeiten so bleiben würde, denn dann hatte alles einen tieferen Sinn und alles würde durch die Liebe zu ihr veredelt werden. Ihr Bild hatte sich auf dem Banner seines Herzens eingebrannt und jeden Kampf den er kämpfte, jeden Sieg den er errang würde ihr gewidmet sein, das wollte er ihr sagen, ihr schreiben.
Er war ein Krieger, vielleicht eine Art Kriegerkönig, geschaffen für den Kampf, indem er Zeit seines Lebens stand, - immer zwischen den Fronten. Wie konnte sie ihn überhaupt lieben, sie die so ein zartfühlendes und liebendes Herz hatte. Alles was er hatte, was er war, war von den Göttern zum Kriegsdienst gemacht, er war gefährlich, was er eigentlich gar nicht sein wollte, - sicherlich nicht für sie. Er würde ein miserabler Friedensfürst sein, eine Katastrophe, denn er würde sein Volk mit seinen Ideen, mit seinen Ansprüchen, mit seiner Weltverbesserung jagen, dass es selbst im Frieden keinen Frieden fände. „Dein Kampf wird kommen!“, das flüsterte sie ihm ins Ohr. Sie würde in der Schlacht ihm zur Seite stehen, das fühlte er, sie würde ihm den Rücken decken, nicht mit dem Schwert, sondern mit ihren Gebeten, mit ihren Gedanken, vielleicht auch mit ihren Tränen, aber vor allem mit ihrer Liebe.
Die Schlacht seines Lebens, die mit dem Ziel und Ende seiner Bestimmung verbunden sein wird – das ahnte sein Herz – sie musste schrecklich werden. Niemand den er kannte, von dem er hörte, wurde jemals so hart auf seine Zukunft vorbereitet, niemand so hart trainiert, mit soviel Entbehrung. Alles war Prüfung, alles Probe, alles Untersuchung ob er wohl den äußersten Entbehrungen standhalten würde. Es war eine Suche nach dem auserwählten Streiter und ja, dieser wollte er sein, so fühlte er sich von Kindesbeinen an. Aber er wusste nicht ob er durchhalten würde, sicherlich nicht aus eigener Kraft. Es schien als ob die Götter sich selbst prüfen würden, ob sie da einen Menschensohn gezeugt hätten, der alles erträgt, was sie ihm aufbürdeten und das noch gegen seinen eigentlichen Willen. Er wusste nur, dass dieser Gehorsam gegenüber der Götterbestimmung das Richtige war, dass der Ungehorsam ihn erst recht ins eigentliche Unglück stürtzen würde, nicht nur ihn sondern all die Menschen die zu ihm aufblickten, die in ihm einen Anführer, einen Kriegsherrn sahen, einen der das Horn der Hoffnung blies, wo er selbst am Rande des Abgrunds und des Verzagens stand.
Aber wenn schon ihm diese Auserwählung schwer viel, sollte es ihr dann anders gehen, sie, die aus dem gleichen Holze geschnitzt wurde, die vom selben Lehm scheinbar geformt wurde? Nein, sie wird von den Göttern im selben Feuer gebrannt wie er, sie musste dasselbe erdulden, dasselbe ertragen und erleiden wie er, nur eben anders, so wie es einer Frau zukommt. Es war das Ganze was sie einte, eben nicht nur ein Teil, Herkunft und Bestimmung, Auserwählung und Prüfung. Es war aber auch alles was auf dem Spiel stand dasselbe, Sieg oder Fall, die höchsten Throne in den ewigen Hallen oder die finstersten Abgründe im Reich der Unterwelt. Sie hatten also gemeinsam die Wahl Ja zu sagen zu ihrer Bestimmung, sie hatten aber keine Wahl diese Bestimmung zu haben. Sie wollten beide dasselbe und so mussten sie beide dasselbe erdulden, jeder auf die ihm eigene Art.
Mancheiner würde ihm nun sagen, dass all das nur ein wunderbarer Traum, eine schöne Sage wäre, eine Mähr aus alten Zeiten die man erzählt um die Jungen zu tüchtigen Kriegern, die Frauen zu guten Müttern zu machen. Aber nein, sie war Wirklichkeit diese Geschichte, sie war Wirklichkeit in ihm - in ihr - die sie auf diese Vater- und Mutterschaft für die eigenen verzichteten, denn es war ja Krieg, und gerade trotzdem so lehrten sie was dies wirklich bedeutete. Sie war Wirklichkeit diese Geschichte und von ferne hörte er bereits die Trommeln der nahenden Schlacht, auf die er und sie sich vorzubereiten hatten und in der sie beide eine hervorragende Rolle spielen würden. Gemeinsam würden sie am Siege mitwirken in je unterschiedlicher Weise und für die anderen, die sie jetzt noch beneiden und nicht verstehen, Orientierung, Halt, Quelle der Kraft und der Hoffnung sein.
Er wollte ihr das alles persönlich sagen, ihr zart in die Ohren flüstern. Aber dazu blieb keine Zeit, da er sich vor allem im Nachhinein all dieser Dinge mehr und mehr bewusst wurde. Sie arbeitete eben in ihm, gleich wie die Götter an ihm. Nun war sie fern und was blieb war die Hoffnung auf ein Wiedersehen, was blieb war ihre Herzensgegenwart und sie war mehr, als sich die Menschen seiner Tage bewusst waren.
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1 Kommentar:
sehr schön, sehr gut - hoffentlich halten die beiden durch und folgen ihrer "Berufung" - ist ja, was man so hört, nicht immer so ganz einfach...
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