Es war wie ein Erwachen für ihn. Er war immer der fröhliche, immer der beschwingte, immer der aktive, immer der Welteroberertyp. Unglaubliche Selbsticherheit, das war seine Aura, wie sie die anderen wahrnahmen. Ein Führercharisma, ein kaum mit anderen zu vergleichendes. Und doch, er war innerlich leer- und ausgepufft. Er zappelte innerlich. Nein, es war mehr als zappeln, er war im freien Fall. Haltlosigkeit und Ziellosigkeit, die letztlich die Sinnlosigkeit mit sich im Gespann führten.
Was für seine Umgebung als groß, als erstrebenswert erschien, das war für ihn nichts anderes als Sandkastengeplärr, der Streit um den Knochen. Die großen Gespräche kamen ihn vor wie das Röhren heiserer Hirsche, die keinen mehr aus dem Unterholz lockten. Die Taten, also die Heldentaten von denen man die feuchten Lieder sang oder von denen man mit Bewunderung sprach, waren Mutproben von Kindern, die zum ersten Mal sich gegenseitig ihre Kraft und ihren Mut zu beweisen suchten. Es war ein lächerlicher, fürchterlicher, erschreckender und ekelerregender Kindergarten, den man ihm als die erstrebenswerteste aller Welten darzustellen versuchte.
Irgendwo hatte er einmal die Geschichte von Adam und Eva aufgeschnappt, naja ein Mythos – vielleicht – aber überall ist ja eine Wahrheit im Kern zu entdecken. Und er fühlte sich in dieser Welt wie dieser erste Mensch, der sich seiner selbst bewußt geworden ist; dem das Spielen mit den Affen nicht mehr befriedigen konnte, dem das Gegacker der Hühner keine Befriedigung bedeutete, der einfach inmitten dieses großen Welttheaters einsam und verlassen vorkam, obwohl ihm alle Schafe Bewunderung zublöckten.
Was nun, wenn es diesen Gott da oben geben würde? Würde dieser ihm die Eva der Geschichte zuführen? Er stellte sich diese Frage nicht spöttisch, keineswegs, warum sollte er den großen Unbekannten auch beleidigen. Was wäre nun wenn der-da-Oben ihm tatsächlich eine Frau aus seinen Rippen formte? Wie würde er nun mit dieser Frau umgehen? Einer Frau, also keinem Huhn, keiner Gans, keiner Kuh und welche vortrefflichen Tiere aller Art auch als Bilder dienen mögen, wie sollte er plötzlich mit einer echten Frau umgehen? Eine Frage, für die es keine wirkliche Antwort gab, da beinahe jegliche Erfahrung diesbezüglich abhanden gekommen zu sein schien, zumindest für die Männer. Er wußte, dass die Frauen dasselbe über die Männer sagen würden, und gerade deswegen versuchte er ehrlich mit sich und der Welt zu sein.
Natürlich würde er sie lieben. Aber was soll man unter Liebe auch verstehen. One night stand auf den ersten Blick. Die hey-Baby-du-bist-scharf-Tour würde da auch nichts zum besseren Verständnis beitragen. Und natürlich war er auch keiner der leib- und liebeverachtenden Schwarzröcke, die ihre kranke mönchische Selbstgeißlung am liebsten der ganzen Welt aufdrücken wollten. Der Gedanke an die Liebe war einfach zu allgemein. Er konzentrierte sich also wieder auf die Geliebte? Wie würde sie sein, wenn dieser Gott also seine bessere Hälfte fabrizieren würde?
Sie müsste stark sein, innerlich, mehr vom Herzen als vom Kopf, denn dieser funktionierte bei ihm verwegen gut, obwohl er auch da eine Ergänzung sehr gut brauchen könnte. Sie müsste die Gedanken seines Herzens verstehen, die er nicht zum Ausdruck bringen konnte, weil das um ihn gescharte Rudel, das sich durch ihn stark fühlte, obwohl es irgendwie doch immer eifersüchtig und kritisch distanziert blieb, dieselben niemals verstehen würde. Wenn sie ähnliche Vorlieben hätten, Interessen, die der Durchschnitt nicht hat oder durchschnittliche Interessen, die er überdurchschnittlich betrieb, das wäre schön, aber dann doch nicht wirklich zentral. Aber was sie sicherlich sein müsste, sie müsste Partnerin sein, also nicht das liebe Mädchen von Nebenan, nicht das in der Pubertät steckengebliebene Girl von nebenan, nicht seine Mama, nicht die Madrona oder das Mannsweib, sondern einfach nur durch und durch Frau und gerade dadurch alles was er irgendwie benötigte, weil es ihm fehlte. Wenn sie dann noch hübsch ware, wirklich schön und nicht nur eine aufpolierte Fassade, dann wäre dies wirklich die Erfüllung all dessen, wonach er sich – so glaubte er – im Herzen sehnte.
Und als er so Steinchen um Steinchen zusammenfügte, da schoß ihm wie aus dem Nichts das Bild jener Frau vor Augen die er kannte und die er meinte. Fügung und Schicksal zugleich! Er kannte sie nicht wirklich und doch, ja bei ihr spürte er dieses Etwas, das zustande kommt, wenn sich die Seelen treffen, die zusammengehören und nicht nur die Körper. Sie war all das, was er sich gerade vor Augen geführt hatte. Sie war schön, wirklich schön. Außen und innen, vor allem innen, also im Herzen. Sie hatte diesen Blick, der etwas von der Tiefe desselben frei gab, von der Wärme, nach der er sich sehnte. Er hat sie nur selten näher zu Gesicht bekommen, aber in diesen wenigen Momenten hat er ihren lieblichen Geruch wahrgenommen, ihren Gang, ihre Art Dinge anzufassen, er sah ihre feinen Hände, ihren zarten Hals, ihre weiche Haut, er sah alles an ihr und jetzt, jetzt erinnerte er sich wieder an alles. Er folgte ihren Händen als sie auf dem Piano spielte und er sah sich hinter ihr stehen. Er wollte zur Melodie singen, hätte er es gekonnt. Er hätte sich am liebsten an sie angeschmiegt um den Rhythmus der Melodie durch ihre Körperbewegung beim Klavierspiel nachzuvollziehen und ganz in sich einzuverleiben. Ja, sie war es. Aber sie war gebunden, sie war gebunden wie er selbst.
Ein einziges mal hatte er mit ihr ein Gespräch und es ließ keine Oberflächlichkeiten zu. Man verstand sich von innen her, wie dies sonst nie zustande kommt, außer vielleicht bei Müttern, die aber zum Überreagieren neigen. Gebunden, beide, bis der Tod ... Man müsste sich trennen um zusammensein zu können. Aber sollte er dem gegebenen Versprechen untreu werden um dann Treu zu sein. Sollte er es ihr, die er zu sich gehörend fühlte, antun, dass sie für ihn untreu werde um der Treue willen.
Er war zu ehrlich aufgewachsen. Nein, so etwas wollte er weder ihr noch sich antun. Aber es war doch auch wieder Blödsinn, andere würden sagen Feigheit. Nein, er fühlte es wirklich ganz anders. Es war richtig wie es war, nicht weil das andere vielleicht erstrebenswert gewesen wäre, nein. Aber er wusste, dass es so richtig war. Er wusste jetzt wer für ihn bestimmt war und für wen er bestimmt ist. Er wusste, dass er diese Frau nie verletzen und nie verlassen würde, dann sie war nicht in seiner Nähe, obwohl sie in seinem Herzen war. Er glaubte, dass sie ähnlich fühlte, war sich aber nicht sicher, denn direktes herumfragen, das gehört sich bei solch edlen Menschen, wie sie einer war nicht. All das hatte aber nichts mit einer platonischen Liebe gemein. Denn beim Gedanken an Sie war das keine bloße Poesie, kein bloß lieblicher Gedanke. Alles kam in Schwingung Geist, Leib und Seele. Er gehörte ihr, obwohl er an eine andere gebunden war. Er gehörte ihr vollständig und er schämte sich nicht, vor keinem. Denn keiner konnte wissen, wieviel Kraft, wieviel Energie sie ihm gab, sie der er gehörte ohne dass sie bei ihm war, der er gehörte ohne bei ihr sein zu können. Er war bereit für die Liebe zu opfern, da er selbst der Liebe Opfer wurde.
Donnerstag, 25. September 2008
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5 Kommentare:
Sie wird oder würde es nicht leicht haben mit ihm! und sie müsste wirklich großartig sein und sehr viel Gutes und Verschiedenes in sich vereinen und verbergen, um ihm bzw. seinen Ansprüchen gerecht zu werden, schätze ich...und doch müsste sie im Endeffekt einfach nur Frau sein...und im Herz mit ihm übereinstimmen.. schöne Vorstellung
(vermutlich und vielleicht ist Sie aber doch nur ein Ideal, das er sich wünscht...und gerade diese ihre Gebundenheit gut - so kann er sich den Illusionen hingeben und über sie dichten und schreiben und von ihr träumen und sie über alles lieben und verehren, aus dieser Liebe Kraft und Motivation schöpfen, wie man es nämlich aus der Liebe (nicht ausschließlich die Liebe zwischen Mann und Frau- von der Liebe als solcher, allgemein, ist eigentlich die Rede), wie aus nichts anderem auf vergleichbare Art und Weise, tun kann, wie ich glaube...)
Du bist sehr sehr schlau! Und doch glaube ich, dass es auch vorkommen kann, dass es ein derartiges Ideal in Wirklichkeit geben kann. Liebe muss nicht immer blind machen!
na, Liebe muss nicht blind machen, aber ich weiß einfach wirklich nicht, ob es dieses Ideal gibt ... weil dieses Ideal oftmals fast unmenschlich sein kann =)
und es ist so widersprüchlich, einerseits möchte man hier beispielsweise einfach nur eine "richtige Frau", andererseits eine perfekte...aber doch menschliche, herzliche...nicht so einfach, das alles unter einen Hut zu bringen...
etwas ungeschickt ausgedrückt...perfekt beinhaltet natürlich wieder menschlich, herzlich, aber menschlich heißt wiederum vielleicht nicht-perfekt, das heißt wiederum vielleicht nicht ideal...andererseits geht es darum, dass sie wenigstens nach den Idealen strebt, aber bodenständig muss sie natürlich auch sein, und die Ideale, wenn´s geht, trotz allem irgendwann erreichen, bzw ihnen nahe kommen, blöd nur, wenn ich schon längst ideal bin... usw. usw. ;))
was ist das "Perfekte"? Was das Ideal? ...ti estin, lieber Sokrates? ;)
Sokrates: oida ouk eidos...oder so ähnlich - scio, nihil scire
Ich spreche leider kein indianisch. Huk! Hau! Manitou! Aber man muss ja nicht gleich die großen Ideen Platons aus der Welt der Ideen herunterreißen in die Realität (was auch immer dies dann bedeuten sollte). Es meint einfach dieses gemeinsame Pulsieren. Ob es für diese Welt ideal wäre, dass sich zwei begegnen die sich wirklich in fast allem vollkommen verstehen und beinahe alles miteinander teilen, das ist die Frage. Vielleicht ist es besser wenn dies nicht geschieht. Platon sagt in seinen Gesetzen, dass der ideale Staat nicht derjenige ist der alles hat, wonach sich des Menschenherz sehnt. Der ideale Staat ist jener, in welchem der Mensch zwar alles nötige hat, aber er dafür arbeiten muss. Denn nur in der Anstrengung, nur in der Überwindung wird er in der Tugend wachsen. Ich glaube ich sollte meinen Blog umnennen auf "Plato the young".
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