Hada und Chadeloch hatten bald den kleinen Zug von Menschen und Tieren eingeholt an dessen Spitze Hadu ritt. Von fernem sah man bereits die Insel Tiberia und dann am Ende des Sees schimmerten schon die mit weißem Marmor bedeckten Gebäude von Brigantium. Die beiden Freunde ritten, sich von Hadu verabschiedend, im Galopp auf Brigantium zu. Sie beeilten sich einerseits um gute Marktplätze zu ergattern, andererseits um ungestört die Stadt zu durchstreifen.
Die Sonne hatte den Mittag erklommen als die beiden Freunde die Cluse, die Enge zwischen See und dem Pennodurum erreichten. Dort staute sich, wie gewohnt zu diesem Fest, der Verkehr von Händlern, Pilgern und Bauern. Von der Tiberia gleiteten Schiffe sanft durch das Gewässer des Sees und auch von Constantia und Felix Arbor kamen Schiffe mit Waren für den großen Eponamarkt. Auf den Wagen saßen johlend die Kinder, die sich auf den lauten Rummel freuten und Männer und Frauen hörte man den Hymnus der Göttin singen:
Nun sing, o Stadt Brigantium...
... Heil und Sieg, Heil Göttin Epona.
Hada und sein Freund versuchten, mit ihren Pferden so schnell als möglich sich an dieser Traube von Wagen und Vieh vorbeizudrängen. Was aber nicht von allen mit Wohlwollen registriert wurde.
“Seht diese erbärmlichen und räuberischen Alemannen!”, schrie einer der Marketänder. “Es hat kein Genügen, daß ihr unsere Höfe und Felder brandschatzt, nein, auch noch die Marktplätze werden uns weggeraubt! Kriegsgesindel, Räuberpack!”
“Laß ihn reden, laß ihn gewähren!” rief Hadamar Chadeloch zu, der bereits Anstalten zur Umkehr und zu Vergeltung machte.
“Aber dieser Schlangenzunge muß man das züngeln verbieten! Er weiß nicht zu wem er die Schmähung gesprochen hat, gegen wen er sein Gift gespuckt hat!”
“Und gerade deshalb, sollten wir Nachsicht üben und keinen unnötigen Streit und keine Auseinandersetzung vom Zaum brechen!” entgegnete Hadamar dem immer noch grimmigen Freund. Dieser hielt die Luft an und folgte Hadamar. So ritten sie auf der Römerstraße die von Campadunum herkam in Brigantium ein.
Brigantium war eine große Stadt. Obwohl sie durch die Verwüstungen von tausendundzwölf an Bedeutung verloren hatte, versuchte man doch in den fast hundert Friedensjahren der damals gänzlich verwüsteten Stadt ihr altes Gepräge wiederzugeben. Was zur alten Stadt an Neuem hinzugefügt wurde war die Fluchtburg, die Ummauerung des Hafenbereichs und des Hügels, der ehemals außerhalb der Stadt lag, die Errichtung eines Kastells für Legionäre, als auch die Errichtung des großen Wachturm, der Specula, auf der Drususeck, mittels welcher man den gesamten Raum des Brigantersees, als auch einen großen Teils des Rhenustals bis zum Berg Kamor, gut zu überblicken vermochte.
Brigantium war eine alte Siedlung der keltischen Briganter. Während die Kelten sich insgesamt als ‘die Erhabenen’ bezeichneten, die mutigen Belgier, als ‘die Stolzen’, pflegten sich die Briganter als ‘die Hohen’ unter den Erhabenen zu bezeichnen. In dieser Bezeichnung schwingt die keltische Freude an mehrdeutigen Aussagen mit. Die Briganter verstanden sich als die Hohen, weil Brigantium am Fuß der sich hochtürmenden Alpenberge lag. Dann waren sie von großem Körperwuchs, den Alemannen gleich, und zudem waren sie durch ihr Geschick in Handel und Redekunst den meisten ihrer Stammesgenossen ‘hoch’ überlegen. Schließlich zeigten sie im Schmuck und in der Freude an guten und modischen Kleidern, daß sie im Reichtum den Hohen Roms gleichzukommen verstanden.
Auch die Stadt selbst sollte etwas von dieser Hoheit der Briganter, die doch den Haupt- und Führungsteil der Stadt bildeten, wiederspiegeln. So waren sie bemüht nach den Verwüstungen des großen Alemannenkrieges die Stadt wieder aufzubauen. Die alten Göttertempel, das Forum, die Straßen, die Handwerks- und Wohnbezirke erstanden erneut aus ihren Trümmern und doch, Brigantium war kleiner geworden. Die Municipialverwaltung war nicht mehr in der Stadt am Lacus Venetus, ein anderer Name für den Brigantersee, und damit war sie nicht mehr die Metropole von Raetia prima.
Doch die Veteranen kehrten wieder zurück an den See, der sie an ihre italienischen Seen erinnerte und an dem sie, den ihnen geschenkten Boden, durch Sklaven und freies Gesinde bearbeiten ließen. Die Bevölkerung in Brigantium war dementsprechend gemischt. Neben den keltischen Brigantern wohnten vereinzelt Räter aus dem Süden des Landes hier, jedoch nur wenige, dann waren da Römer und dann die Soldaten aus sämtlichen Provinzen des großen römischen Imperiums.
Die Verschiedenheit der Völker brachte auch die Verschiedenheit der religiösen Kulte mit sich. Da war der Haupttempel, der dem römischen Jupiter geweiht war, daneben stand der Tempel der Teutates und Epona zugeeignet war, dann gab es ein kleines Pantheon in dem die Gottheiten der verschiedenen anderen großen Kulte zu finden waren. Ein wenig außerhalb der Stadt unter der Felsnase der Drususeck war auch eine kleine Versammlungsstätte der seit nun vierzig Jahren zugelassenen christlichen Religion, zu der sich auch einige der jüngeren Kaiser bekannten, die aber zuletzt unter Kaiser Diokletian noch einmal grausam, bis aufs Blut, verfolgt wurde.
Als Ganzes macht Brigantium einen wunderbaren Eindruck, der weiße italienische Marmor des Forums und des Tempels leuchtete strahlend weiß über den See hinweg und machte diese Gebäude schon von Weitem erkennbar und zu ihnen gesellten sich noch die großen Bürgerhäuser, die Villen der römischen Veteranen und Reichen, die zum See hin gelegen waren.
Das alljährliche Eponafest, das am achtzehnten Mai stattfand, bildete den Höhepunkt des städtischen Lebens, denn mit dem Fest, zu Ehren der keltischen Pferdegöttin, war immer der größte Markt der gesamten Region - der Eponamarkt - verbunden. Aus allen großen Städten der Umgebung kamen die Menschen zusammen um die neuesten Waren, die aus allen Ländern des Reiches hier eintrafen, zu sehen und um dieselben zu erwerben. Zudem war der Eponamarkt der größte Pferdemarkt der Provinz und dieser Teil des Marktes war jener an dem am meisten gefeilscht, geschrien und gezankt wurde, so daß manchmal allein durch das Eingreifen der Legionäre der Friede wieder hergestellt werden konnte.
Hadamar und Chadeloch ritten in die Stadt hinein. Was ihnen beiden auffiel, war die geringe Anzahl an römischen Legionären. Nach dem Angriff ihres Stammes verlegte Rom eine Unzahl ihrer Soldaten zum Schutz hierher, doch in den letzten Jahrzehnten ist die Furcht vor einem weiteren Angriff von Seiten der Lenzer und ihrer Verbündeten immer kleiner und die Nöte an anderen Grenzen des Imperiums größer geworden, so daß man nur mehr eine kleine Anzahl von Soldaten in Brigantium zurückgelassen hatte. Die Freunde ritten den kurzen Anstieg hoch auf die Ebene der städtischen Siedlung. Ihr Weg führte sie an der Nekropole, dann am Epona- und Jupitertempel und schließlich am Forum vorbei, bis sie die Höhe des Pferdemarktes erreichten.
Hada kümmerte sich, beim zuständigen Beamten um einen guten Marktplatz für den Verkauf ihrer Pferde. Er war hier ein bekanntes Gesicht und die Pferde seines Vaters ein begehrtes Gut, da sie keinen Makel hatten und als ausgezeichnete Reittiere, die auch im Kampf nicht scheuten, galten. Bald war der Platz reserviert und die beiden Freunde ritten durch die Straßen und betrachteten dabei die Waren die hier feilgeboten wurden. Da die Marktplätze im Forum bereits vergeben waren, errichteten die Händler auf den Straßen ihre Stände und priesen dort mit heftigem Geschrei und Gebrüll ihre Waren an. Die Bauern verkauften die Erzeugnisse ihres Bodens, Butter, Käse und Wildpret. Besonders der Käse, von dem an manchem Stand bis zu zwanzig verschiedene Sorten angeboten wurden, fand bei den Römern und Händlern, die aus verschiedenen Provinzen zum Markt angereist waren, große Beliebtheit. Die Fischer boten die rund dreißig Arten von wundervollen Veneterseefischen an, die sie mit Netz und Angel fingen. Gegenüber den Fischern waren die Stände der Räter. Sie verkauften ihren Honig, Wachs, Pech und Kinholz, als auch das Lieblingsgetränk von Kaiser Augustus, nämlich den etwas herben rätischen Wein. Dann sah man die Holzhändler, die mit Händlern aus der italischen Halbinsel um die Preise handelten. Vor allem das Lärchenholz aus der Gegend war das begehrte Rohmaterial für den Schiffsbau. Neben den einheimischen Produkten verkauften auch italische Händler levantische Austern, die in gefrorenem Schnee über die Alpen transportiert wurden, aber auch südliche Weine, in Schläuchen und zerbrechlichen Amphoren. Sie brachten auch Öl, Südfrüchte, buntfarbige Stoffe, Waffen, Schmuck und Sklaven über die hohen Alpenpässe nach Brigantium. Die Briganter selbst verkauften ihre weithin bekannten Töpferwaren. Die wohlhabenden Kaufleute Brigantiums hatten in der Nähe des Forums ihren Sitz. In ihren Kaufhäusern lagerten die Waren aus den entlegensten Provinzen des Reiches, mit denen die Kaufmannschaft in lebhaften Handelsbeziehungen stand. Diese Waren wurden von ihnen auf dem Eponamarkt sowohl angepriesen als auch eingekauft.
Hadamar und Chadeloch betrachteten also das rege Treiben. Während Chadeloch sich vor allem auf die Produkte konzentrierte musterte Hadamar die fremdländischen Gesichter, die gierigen Blicke der Händler und die staunenden Augen der Käufer oder derjenigen denen es an Geld mangelte, um die begehrten Produkte erstehen zu können. Im Taumel der Eindrücke merkten die beiden Lenzer gar nicht, daß auch sie angeblickt wurden. Vor allem die junge Generation blickte zu ihnen empor. Der weibliche Teil mit Bewunderung, der männliche mit einem leichten Anflug von Eifersucht. Keiner der beiden bemerkte dies, denn sie waren und fühlten sich als die Jungen vom Land, als solche, die keine Ahnung von der Weite der Welt als auch vom Leben hatten.
Beim Haus seines Großvaters Saro, das ganz in der Nähe des Forums lag, ließ Hadamar sein Pferd anhalten.
“Deine Eltern, Geschwister und euer Gesinde sind noch nicht da.”
“Tja,” erwiderte Hadamar, “ich will aber nicht vor ihnen das Haus betreten. Wie wärs wenn wir uns das Treiben von oben, von der Drususeck aus, betrachten?”
“Einverstanden!”, entgegnete Chadeloch.
Die beiden machten also kehrt und ritten an den bereits gesehenen Ständen vorbei. Bei der Pferdetränke und Raststation schlugen sie den Weg Richtung Drususeck ein. Am Fuß derselben, dort wo der dichte Wald des Pennodurum seinen Anfang nahm, lag das Aureliaheiligtum, bei dem sie ihre Pferde stehen ließen. Der kleine Aureliatempel war der Versammlungsort der sogenannten Christen. Hadamar zeigte mit dem Finger zum Heiligtum:
“Dort beten die Christen ihren Gott an. Eine rätselhafte Religion die eine gekreuzigte Gottheit anbetet.”
“Es ist der Beweis, daß man Menschen für alles gewinnen kann. Vermutlich finden sich unter den Gläubigen” Chadeloch legte in dieses Wort seine ganze Abneigung und Geringschätzung hinein, “nur ein paar alte Weibsbilder und Narren.”
“Dem Singen nach sind sie gerade zum Gottesdienst versammelt. Immerhin, es klingt nicht übel.”
“Ein wenig zu sanft für meine Natur.”
“Auch für die meinige. Kennst du die Geschichte von dieser Aurelia, nach welcher dieses Tempelchen benannt ist?”
“Nein, erzähl sie, wenn du sie kennst.”
“Vor einigen Jahren als Diokletian die Christen verfolgen ließ wurde Aurelia von den Römern im Birkenfeld gefangen genommen und dann zum kleinen Kastell Hinterburcus gebracht, wo sie getötet werden sollte. In ihrer Bedrängnis rief sie die drei Götter der Christen an und rettete sich durch ein Wunder mit einem einzigen Schritt von Hinterburcus nach der Insel Tiberia. Das ist alles was ich von der Geschichte kenne.”
“Hadamar” sagte Chadeloch mit drängendem Ton “ich muß Christ werden.”
“Warum denn?”
“Falls ich einmal im Krieg von Feinden verfolgt werden sollte, muß ich nur die drei Götter der Christen anrufen und schwupp, mach ich einen Schritt und bin gerettet. Ist doch toll, nicht wahr?”
Hadamar klopfte lachend seinem Freund auf die Schultern und lachend machten sie sich zu Fuß auf den leicht ansteigenden Weg zur Specula. Zwei römische Soldaten begegneten ihnen. Die beiden Paare musterten sich gegenseitig, gingen aber ohne Bemerkung aneinander vorüber.
“Kleine Kerlchen diese Römer. Da versteht man erst, warum Männer wie dein Vater gleich den ruhmreichen Speculatores zugerechnet werden. Einer von uns gilt wie mindestens drei von ihnen. Missratene Kümmerlinge!”
“Immerhin mußt auch du ihnen zugestehen, daß sie die ganze Welt erobert haben. Sicherlich vielleicht weniger durch Mut, Kraft und Stärke, aber doch durch ihre Technik, ihre Disziplin und Organisation.”
“Hada, ich sage dir, der Mut und die Kraft des Mannes überwiegt jede Maschinerie, jede Technik. Brigantium selbst ist der Beweis. Die glänzende Stadt ist gefallen. Sie ist gefallen trotz all ihrer Technik, trotz all ihres Ruhmes. Sie hat sich wieder erhoben, die zertrümmerten Denkmäler sind wieder errichtet. Doch wie lange werden sie stehen? Fürchten muß und fürchten tut sich Brigantium vor dem Volk, dessen - in aller Bescheidenheit gesagt - edelsten Triebe wir sind.”
Hadamar konnte Chadeloch nichts entgegnen und so gingen sie schweigend die letzten Schritte hoch zur Drususeck. Furchterregend erhob sich das mächtige Mauerwerk der Specula. Weit über den Brigantersee konnte man das nächtliche Wachfeuer sehen und am Tag erblickte man die dunkle, säulenartige Erhebung von Weitem. Von hier aus kontrollierte das römische Heer Brigantium, das Rhenustal, Teile der helvetischen als auch der rätischen Alpen sowie den ganzen Brigantersee. Ein leichtes Frösteln empfanden die beiden jungen Männer, als sie von hier ihre Heimat erblickten. Sie lag nicht mehr auf römischem Gebiet und dennoch wurde dieses Zwerglein von Land von einem verängstigten Riesen kontrolliert. Hadamar dachte an die letzten Worte seines Freundes:
“Ja, der Riese fürchtet sich vor dem kleinen Zwerglein. Warum? Der kleine Zwerg ist erfüllt von unbändigem Leben, der Riese hingegen ist aufgrund seiner Größe und Stärke der Selbstsicherheit verfallen und glaubt ausruhen zu können. Eine womöglich tödliche Rast!”
“Weist du was mich immer wieder fasziniert, Hada, wenn ich den See so betrachte?”
“Was denn Chadeloch?”
“Nämlich das, daß der Brigantersee so grundlos tief ist, daß unter allen germanischen Ländern und dem suebischen Meer ein Wasserarm bis nach Schweden reicht hinein in einen kleinen, ebenso tiefen See. Wenn nun in den schwedischen See Fische gesetzt werden, die sonst in keinem der beiden Gewässer vorkamen, so waren sie im Brigantersee bald auch, und tat man in den Brigantersee eine neue Art, so waren sie durch den unterirdischen Wassergang gleich im schwedischen. Das fantastische ist das keiner der Versuche die man machte fehlgeschlagen ist. Ist das denn nicht großartig? Wenn man sich das nur vorstellt. Könnten wir so lange unter Wasser bleiben wie ein Fisch, man könnte von hier bis nach Schweden tauchen. Weist du, daß manche sagen, daß die Felchen so in den Brigantersee gekommen seien.”
“Chadeloch, das sind doch nur Geschichten.” versuchte Hadamar zu beschwichtigen.
“Ich aber glaube, daß es sich so verhält. Das Wissen darüber ist zu alt, zu erhaben, daß es nur eine Geschichte sein könnte. Nein, ich - Chadeloch - glaube, daß es sich genau so verhält, wie es die Väter uns lehrten.”
Da man nichts gegen eine solch feste Überzeugung auszurichten vermag und vielleicht ja doch etwas Wahres an dieser Erzählung sein mochte, verzichtete Hadamar auf eine Ergänzung. Die Sonne näherte sich immer mehr dem Horizont, so daß die beiden Lenzer sich aufmachten und den Felsvorsprung hinunterstiegen. Sie erreichten ihre geduldig wartenden Pferde, banden sie los und schickten sich an in die Sättel zu springen.
Im Sattel sitzend sahen Chadeloch und Hadamar wie sich das Portal des Aureliatempels öffnete und eine Schar von Menschen aus ihm herausströmte.
“Hada, laß uns noch warten. Wir wollen uns doch nicht den Anblick des Völkchens der Christen entgehen lassen. Ist bestimmt drollig.”
“Einverstanden!”, antwortete Hadamar und so blieben sie auf ihren Pferden sitzen und betrachteten was an ihnen vorüberging. Es waren Männer und Frauen, Burschen und Mädchen, aus allen Ständen waren sie bunt zusammengemischt Reiche und Arme, Hohe und Niedrige.
“Es ist doch ein wenig anders als ich es mir vorgestellt habe. Bei Mjölnir, schau mal was für schöne Mädchen! Hada schau, schau sie blicken uns an! Ich glaube wir gefallen ihnen.”
“Hast du jemals daran gezweifelt?” fragte Hadamar mit einem schrägen Blick.
“Ah..., natürlich nicht. Ich suchte nur noch Beweise für die Richtigkeit meiner festen Überzeugung.”
“Aber Chadeloch, es sind Christinnen die dich anblicken, - Narren- wie du selbst sie nanntest.”
Hadamar genoß es, seinen Freund in Verlegenheit zu bringen. Er genoß es, zuzusehen wie er sich jetzt wohl aus der Schlinge, die er sich selbst gelegt hatte, befreien werde. Chadeloch versuchte der Falle zu entkommen und sagte geschickt:
“Jeder Mensch hat ein natürliches Empfinden für Schönheit - auch Christinnen. Damit Schluß!”
Hadamar konnte sich das Schmunzeln nicht verkneifen. Gerade wollte er dem Pferd in die Seite treten um davonzureiten, als er noch zwei weitere Gestalten vom Heiligtum her kommen sah. Auch Chadeloch wurde auf die Beiden aufmerksam. Der Mann der mit einer jungen Frau an seiner Seite auf die beiden Neugierigen zuschritt schien einmal ein gewaltiger Krieger gewesen zu sein. Mächtig waren seine Schultern, seine Brust, seine Arme und Beine. Er trug ein römisches Schwert an seiner Seite. Neben ihm stand die zierliche junge Frau, die gerade dem Mädchenalter entwachsen zu sein schien. Sie mußte die Zierde aller römischen Frauen hier in Brigantium sein, denn weder Hadamar noch Chadeloch hatten jemals eine solche Schönheit gesehen. Chadeloch der mit seinem Pferd dicht neben Hadamar stand stupfte ihn leicht mit seinem Ellbogen und flüsterte ihm ins Ohr:
“Bei Thor, hast du jemals ein solch zierliches Geschöpf gesehen? Sie ist bestimmt eine Römerin und der neben ihr ist mit Sicherheit ein Veteran!”
Eine leichte Brise zog vom See her auf und spielte mit dem langen blonden Haar Hadamars, als die beiden Christen zu den beiden jungen Sueben aufschauten. Die Blicke beider überflogen Chadeloch blieben dann aber bei Hadamar stehen. Auch Hadamar beobachtete die beiden seinerseits. Als sich die Blicke der jungen Frau und seine eigenen trafen wich er gleich ihr errötend aus und blickte verlegen zur Seite. Der Mann, der so alt wie Hadamars Vater zu sein schien, betrachtete das Gesicht und die Augen Hadamars mit scharfem Blick und sprach:
“Bin ich richtig in der Annahme, daß vor mir zwei Alemannen aus dem Stamm der Lenzer stehen?”
Die beiden zu Pferde Sitzenden waren leicht verstört über die prompte und treffsichere Frage des mit einer tiefen, festen und zugleich warmen Stimme sprechenden Mannes.
“Warum fragen sie uns?” entgegnete Chadeloch.
“Ich frage, da ich einen Mann kannte, der diesem jungen Herrn bis auf das Haar ähnlich sah. Dieser Mann, den kennenzulernen ich geehrt wurde, war ein Lenzer-Alemanne, er war ein Held, einer der größten Helden, dem ich während meiner Militärlaufbahn begegnet bin.”
“Tja, sie haben absolut richtig gesehen, vor ihnen stehen zwei echte Lenzer. Und sie? Sind sie ein römischer Veteran?” fragte Chadeloch keck.
“Ja, das bin ich.”, war die knappe Antwort.
Dann nahm der Veteran die junge Frau an der Hand wendete sich von den beiden ab und ging schweigend davon. Chadeloch und Hadamar blickten ihnen nach. Da schaute die römische Schönheit noch einmal kurz zurück, drehte sich dann aber gleich wieder um.
“Was für eine Schönheit der Süden doch hervorzubringen vermag. Das einzige was für mich diese Schönheit trübt, den einzigen Makel den ich an ihr finden konnte war, daß sie ständig dich verstohlen angeblickt hat”, sagte Chadeloch.
Hadamar war dies ein wenig peinlich, er wollte sich männlich verhalten, doch alle Stärke schmolz bei dem lieblichen Anblick. Ein bis dahin nie dagewesenes Gefühl.
“Laß uns jetzt endlich zu meinem Großvater reiten!” Chadeloch überhörte die leichte Nervosität in Hadamars Stimme nicht und nutzte die Möglichkeit um Vergeltung, für die Schmach mit den Christinnen, zu üben. Er fragte mit gespielter Ruhe:
“Geh ich richtig in der Annahme, daß sie auch dir gefallen hat? Gefiel dir etwa ihr dunkles Haar, ihre schwarzen Augen, ihre roten Lippen?” Chadeloch blickte ihm forschend in die Augen.
“Chadeloch bitte! Laß das!” rief Hadamar, zeigte ihm die Faust und trieb sein Pferd zum Galopp.
Saros Haus gehörte zu den reichsten und größten unter den Brigantern. Wohlstand und Reichtum prägten das Leben. Skalven und Gesinde besorgten den Haushalt, während dem Familienoberhaupt die Verwaltung des Ganzen oblag. Saro hatte nur einen Sohn, dafür aber noch eine Hand voll Töchter, von denen Gaela, Hadamars Mutter, eine war. Das Haus war nach römischem Baustil erbaut worden, doch der Geist der es erfüllte war bewußt keltisch.
Saro hatte Handelsbeziehungen mit der ganzen Welt und dieses weltmännische und politische spiegelte auch sein Charakter wieder. Hadamar liebte seinen Großvater Lenz, Saro hingegen bewunderte er ob seiner Schlauheit, seiner Geschäftigkeit, seiner Listen, mit denen er seine Handelspartner von seiner eigenen Idee zu überzeugen vermochte. Er bewunderte seine Freude an Festen und am Lärm des Marktes. Er bewunderte seine Eleganz, seine Bildung, seine Würde, die etwas Königliches an sich hatten. Kurz er bewunderte ihn wegen all der Eigenschaften die ihm selbst fremd zu sein schienen und durch deren scheinbaren Mangel er sich wohl nie in dieser Art von Gesellschaft zurechtfinden können würde. Was er aber sicherlich mit Saro, seinem Großvater teilte, war die Freude am Witz, an der Mehrdeutigkeit der Worte und die Liebe zu alten Geschichten und Legenden, als auch die große Wissbegierde und der Drang nach wahrem Wissen, das zur Weisheit führte.
Als Hadamar und Chadeloch das Haus Saros erreichten, setzte gerade die Dämmerung ein. Die ersten Öllämpchen wurden entzündet und erhellten bereits Teile des Hauses. Die beiden glitten gekonnt aus den Sätteln und übergaben die Pferde der Obhut eines phönizischen Sklaven. Dieser führte sie in den Stall und nahm sich der Reittiere an. Kaum war der eine Skalve im Stall verschwunden kam schon ein anderer Diener und brachte Wasser damit sich die Beiden die Hände waschen konnten.
“Was soll den das?” fragte Chadeloch.
“Mein Großvater hat diesen Brauch der südlichen Länder für sein Haus übernommen. Er empfindet es als seine Pflicht unter den Brigantern die Kultur, vor allem die der gehobenen römischen Kreise, zu fördern. Übrigens noch ein kleiner Hinweis für dich, mein Liebster: Wasser schadet nicht.”
“Ich danke dir für deine so überaus liebenswürdige Auskunft.” Der Diener stellte Krug, Schüssel und Handtuch nahe an der Eingangstüre an den dafür vorgesehenen Ort nieder. Darauf kam ein anderes Mitglied des Hausgesindes, begrüßte die beiden Gäste mit einer Verneigung und hieß sie ihm zu folgen.
“Bei Wotan, soviel Sklaven und Angestellte kann sich ja nicht einmal der Vater der Windesheere leisten. Schau dir mal dieses Haus an, Hada. Unsere Häuser wirken wie Erdlöcher im Gegensatz zu diesem. Was für ein prächtiger Mosaikboden. Alles, ja wirklich gar alles vom Feinsten. Uu,...” Chadeloch zeigte mit den Fingern auf die Wände, auf die Sockel auf denen schöne griechische und römische Statuen standen und auf die Truhen, deren Inhalt durch die Deckel mit kleinen Fensterchen sichtbar war: “...was für Statuen, wieviel Gold und dann erst die Felle. Schau dort die Waffen!”
“Chadeloch, die Finger! Laß die Finger davon, benimm dich doch nicht wie ein kleines Kind!”
“Verzeih mir meine Begeisterung, aber all das sind Dinge nach denen sich meine Phantasie sehnt, die mir aber in Wirklichkeit nie zuteil werden.”
“Ich sage dir mein Freund, sobald du die Nichten und Neffen meiner Mutter siehst, wirst du allen Göttern gemeinsam danken, für alles was du hast und für alles was du nicht hast. Denn, glaube mir, nur sehr sehr wenige behalten im Reichtum die Würde, den Sinn für Gerechtigkeit und den regen und ehrlich suchenden Geist wie mein Großvater. Es ist die Huld der Götter die ihm wiederfahren ist, denn die meisten verblöden an all ihren Dingen.”
Hadamars Mutter erschien an der Tür.
“Hadamar, wir warten schon lange auf euch. Wo wart ihr denn so lange? Nun rasch, komm dein Großvater wartet schon auf dich. Ich habe ihm schon alles erzählt. Glaube mir, er ist sehr stolz auf dich.”
Damit nahm sie ihn an der Hand und zog ihn, einer Jagdtrophäe gleich, vor Saro. Dieser stand von seinem Stuhl auf, ging mit würdigem Schritt auf ihn zu und schloß ihn in seine Arme. Hadamar konnte seine Mutter nicht sehen, doch er wußte, daß sie vor Glück den Tränen nahe sein würde. Saro erhob seine Stimme:
“Ich feiere nicht mit meiner Tochter - deiner Mutter - deine Kraft, Stärke und Schönheit. Denn diese Freude würde auf Kosten deines besten Freundes gehen. Ich feiere mit dir und bin stolz auf dich, daß Lenz, dein weiser suebischer Großvater, dich mit Hinageban auszeichnete. Das Äußere ist nur soviel wert, wie das Innere. Wird das Äußerliche nicht von innen her getragen und gehalten so hat es keinen Wert und keinen Bestand. Beides wurde dir geschenkt du bist sowohl von schönem und starken Wuchs und hast einen wachen, regen und reichen Geist, versuche beides zu halten, dann wirst du allezeit vom Glück erfüllt sein. Jetzt aber wollen wir nicht mehr länger von solchen ernsten Dingen sprechen. Komm Hadamar und auch du Chadeloch, laßt uns gemeinsam etwas Essen und Trinken, wir wollen die alten Weisen der Väter singen und feiern.”
Saro legte den beiden jungen Männer seine Arme auf die Schultern und führte sie durch den Säulengang des Innenhofs hinaus in den Garten, wo um ein Feuer herum Betten gerichtet waren, an denen legte man sich jetzt zu Tische, tauschte Geschichten aus und sprach über Politik und Handel.
Chadeloch amüsierte sich aufs Köstlichste. Hadamar hingegen war erschöpft. Er nahm Anteil am Geschehen um ihn herum und dennoch fühlte er sich außerhalb desselben. Er versuchte sich beinahe krampfhaft für seine Basen und den Sohn seines Onkels und deren Gespräche über Weine, Gewänder, Schmuck und die Affären in der Stadt und Provinz zu interessieren, doch sein Herz war weit von alledem entfernt. Die Gedanken seines Herzens versuchten die Geschichte Hinagebans zu erahnen, hingen seinem Auftrag und dessen zukünftiger Verwirklichung nach und nicht zuletzt dachte er an die schöne Römerin, die in ihm eine Seite berührt hatte, deren er sich bisher nicht so bewußt war. Dies war eine sehr zarte aber sein ganzes Wesen in Bann schlagende Seite. Sie machte schwach und zugleich war sie stärker als der Tod, denn würde die Welt auch untergehen und alles vernichtet werden, die Musik die diese Seite in ihm angestimmt hatte würde niemals verklingen.
Chadeloch blickte immer wieder zu Hadamar. Er sah, daß sein Freund in Gedanken versunken war. Er zerstrubelte ihm das Haar und flüsterte ihm ins Ohr:
“Sie hat dir den Kopf verdreht! Aber du ihr auch. Das weiß ich. Verlaß dich auf mich, denn in diesen Angelegenheiten bin ich ein Fachmann, ein wahrer Experte.”
“Laß diesen Blödsinn!” Hadamar versuchte das Haar wieder in Ordnung zu bringen und wollte Chadeloch mit Worten Parade bieten, dieser aber wendete sich lachend den Basen Hadamars zu indem er seinen großen Kennerblick an den Tag legte und zu Evalia, die ein wenig üppiger geformt war, sagte:
“Hm, nein, ägyptisch würde ich lieber nicht tragen. Ich denke griechisch, ja sicherlich, griechisch würde ihre Schönheit in vollem Glanze erstrahlen lassen. Wobei ich das Haar, hätte ich solch lichtes und langes Haar und die dazu passende Figur, nach der Art der Damen Roms tragen würde. Weder ich noch ein anderer Mann könnte solchem Liebreiz widerstehen. Sie sähen einer Göttin gleich!”
Unter so viel Charme errötete Evalia leicht, zog sich mit vielen Höflichkeiten zu ihren Schwestern zurück, um mit ihnen die Vorschläge, des so weltkundigen und sich durch hohen Geschmack auszeichnenden Alemannensohn, zu besprechen.
“Wie schmeckt dir der italische Wein, Chadeloch?” fragte der rothaarige Drusio, der erstgeborene Sohn von Hadamars Onkel, Evalias Bruder.
“Ooh, das nächste Opfer Chadelochs kommt von selbst. Ich kann es nicht fassen!” dachte Hadamar still bei sich.
Tatsächlich machte sich Chadeloch dran auf die Frage eine Antwort zu geben. Die Freude über das nächste Opfer stand ihm ins Gesicht geschrieben.
“Tja” er nahm einen kleinen Schluck, ließ seine Zunge, einem Kenner gleich, vom feuchten rot des Weines umspülen, schloß die Augen, ließ einen genau kalkulierten Augenblick Stille. Dann öffnete er die Augen und sprach: “Bekömmlich.”
“Also er schmeckt dir?” fragte Drusio mit freudiger Erregung.
“Na na, nur nicht so rasch, mein Freund. Ich sagte nur, daß er bekömmlich sei. Aber was an Geschmack haften bleibt ist italische, oder laß uns sagen, römische Steifheit. Dieser Wein schmeckt zu sehr nach Ordnung, nach Disziplin, ja er schmeckt nach Technik. Er ist zu herb und ich möchte sagen, es fehlt ihm an Leben. Ja, es ist zu wenig Leben in ihm. Der gallische Wein hingegen hat sich, trotz der Romanisierung, etwas vom süßen und sprudelnden des Lebens erhalten. Würde aber unser Volk Weinbau in großem Umfang betreiben, dieser Wein - glaube mir mein lieber Drusio - würde vor Leben überschäumen, genau so wie unser Bier. Koste also selbst noch einmal und du wirst, wenn du wirklich ein Kenner bist - woran ich keinen Augenblick zweifle - dich selbst überzeugen können, daß das was ich sagte wahr ist.”
Drusio kostete also nochmals und nochmals. Chadelochs Kennerblick war kritisch auf ihn gerichtet und Drusio stimmte ihm in allem zu. Chadeloch lobte Drusios Geschmack über alle Maße und riet ihm, von nun an nur mehr gallische Weine zu kaufen.
Hadamar glaubte seinen Augen und Ohren nicht zu trauen. Er nahm seinen Freund zur Seite:
“Du kennst doch weder Ägypten, noch Griechenland, weder den italischen noch den gallischen Wein.”
“Aber ich verstehe mich auszudrücken und darauf, Menschen eine Freude zu machen. Gerne erkläre ich mich bereit, dir darin Nachhilfe zu geben. Und übrigens frag deinen Vetter wie er den Wein empfindet, er selbst hat soeben gesagt, daß er nicht wirklich gut ist.” und Chadeloch lachte laut vor Freude auf.
“Pah” winkte Hadamar ab.
Das Feuer begann zu einem kleinen Gluthaufen zu werden, als die beiden Freunde sich anschickten sich zur Ruhe zu begeben.
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