Sonntag, 21. September 2008

ER - Der Kulturglobetrott(l)er

Kultur steht heute ganz groß im Kurs. Auch ER geht auf Kultursafari. Die Eifersucht seiner KollegInnen, bei welchen Kultur allein mit Konzerten der „Zillertaler Sülzenjäger“ in Verbindung gebracht wird, erfüllte ihn mit stiller innerer Freude.
Kultur läßt ER sich auch mal was kosten. Jedes Jahr irgendwo anders: Wörthersee, Mondsee, Chiemsee, Neusiedlersee, aber auch auf Mallorca und Ibiza war ER schon. Früher, als noch der Eiserne Vorhang Ost und West trennten, reiste ER auch in die ehemaligen Ostblockländer. ER war dort großzügig mit dem Trinkgeld, brachte für die Kinder sogar die kostbaren, begehrten Bananen mit. Jetzt aber ist ihnen das Geld, der westliche Fortschritt und der Materialismus in den Kopf gestiegen und ER geht nicht mehr dorthin. [Heiliger Zorn.]
Vergangenes Jahr kulturpilgerte ER nach Italien. Zuerst campierte und schnorchelte ER an der Adria, in Rimini. Von dort düste ER für zwei Tage nach Rom und schaute sich alles an. Ausgiebig bereitete ER sich auf diesen Besuch vor. ER kaufte sich ein Buch, daß einzig und allein Rom zum Inhalt hatte. Früher hatte ER Reiseführer gekauft in denen ein ganzes Land, mit allem was es zu bieten hatte, beschrieben war. Im neuen Buch, daß ihm sage und schreibe 12,50 € gekostet hatte, ist alles, aber auch wirklich alles über Rom enthalten: die ganze Geschichte, alle Sehenswürdigkeiten, die kulinarischen Spezialitäten, das gesamte Kulturangebot, die wichtigsten Einkaufsstraßen mit ihren Geschäften, die besten Hotels für jede Einkommensschicht. Dazu bot das Buch noch für den Lernwilligen, wie ER einer war, den Triumph, bei den KumpanInnen mit einigen Jahreszahlen und interessanten Details prahlen zu können.
Natürlich hatte er während der zwei Tage in Rom alles gesehen. Nichts konnte seinem auf das Schöne, das Erhabene, das Wertvolle geschulten Augen entkommen. Am besten hat ihm aber das Shoppen in der Via Cavour und das Auslagenschauen auf der Piazza di Spagna gefallen. Wer das einmal erlebt hat weiß, daß ER aus der Provinz kam. ER hatte sich in der ewigen Stadt auch etwas geleistet. Bei der Piazza di Risorgimento hat ER-Herzog von Durchschnitt einem buchstäblichen Schwarzhändler nach zähem Preisringen eine original Gucci-Kopie-Sonnenbrille abgekauft.
Was ihn auf seinen ausländischen Kulturreisen störte war, daß in sämtlichen Ländern, welche er besuchte, keiner Deutsch spricht. Die Südländer sind, was das anbelangt, äußerst Rückständig. Wenn sie aber dennoch eine Brocken Deutsch zum Besten geben, dann mit schlechter Aussprache und einem komischen Akzent. So wird es nie zu einer Verständigung unter den Völkern kommen! Wie kann da die EU glücken?
Weder auf Mallorca, Ibiza, noch in Italien gab es ein richtiges Bier, kein Sauerkraut, keinen Schweinshaxen mit Spätzle. An den Kiosken bekam man nicht einmal die gewohnte Zeitung – an keinem – und weder Zillertaler Sülzenjäger noch Musikantentadel waren hier bekannt. Damit aber wechseln sich eindeutig die Rollen: Der Kultursucher wird zum Kulturbringer, der Kulturreisende wird zum Kulturmissionar, zum Erzieher von noch rückstehenden und zurückgebliebenen Völkern. Hieraus wird erst wirklich ersichtlich, wie wichtig Kulturreisen und der Umgang mit fremden Völkern sind.

1 Kommentar:

klythaimnestra hat gesagt…

hahaa- ich mag ER so gerne!